Die Galerie Peter Kilchmann freut sich, mit Erledigt die zweite Einzelausstellung des Schweizer Künstlers Christoph Hänsli (g. 1963 in Zürich, wo er lebt und arbeitet) in ihren Räumlichkeiten präsentieren zu dürfen. Hänsli ist bekannt dafür, gefundene oder gesammelte, alltägliche und leicht zu übersehene Dinge in seiner figurativen Malerei im Massstab von 1:1 wiederzugegeben. Dazu fügt er eine leise, unterschwellige Spur von Humor hinzu und verleiht damit seinem Werk seinen unwiderstehlichen, ungezwungenen Charme. In Erledigt bespielen neue Malereien in Klein- und Mittelformat in Acryl auf Leinwand oder MDF und Acryl auf Leinwand montiert auf MDF, aus den Jahren 2024 und 2025 die Galerieräume an der Rämistrasse. Im Mittelpunkt steht eine neue Werkserie: gemalte Listen in verschiedenen Formen, wie abgehakte oder durchgestrichene To-do-listen oder Bestellzettel. Vereinzelt durchbricht der Künstler dieses neue Bildrepertoire mit bekannten Motiven seines Oeuvres.
Listen sind ein vertrautes Hilfsmittel, das uns im Alltag begleitet. Wir verfassen sie oft täglich, und kaum sind die notierten Aufgaben erledigt, entstehen bereits neue. So entfaltet sich ein scheinbar endloser Kreislauf aus Notieren, Abarbeiten, Abhaken und erneutem Festhalten – ein Wechselspiel aus Erinnern und Vergessen. Hänsli zeigt uns diese Listen in dem Moment, in dem sie ihren praktischen Nutzen verloren haben. Der Künstler verwandelt sie durch Malerei in poetische, sinnliche Dinge und vollzieht damit einen Übergang vom Lesen zum Betrachten. Der Mensch ist in diesen Werken – wie so oft in Hänslis Werk – abwesend. Durch seine Spuren, die handgeschriebenen Pendenzen, ist er aber gleichzeitig anwesend. Auf der Arbeit Erledigt, diner (2024, 18 x 12 cm) ist zum Beispiel eine To-Do-Liste zu sehen, auf der Wörter und Satzfragmente mit gelbem und orangem Leuchtstift hervorgehoben worden sind. Danach wurden sie teilweise vehement durchgestrichen. Es lässt sich noch entziffern: ‘’Wandfolie, E-Karte machen, Rechnung, Diner/Preview’’. Ein grosser Krakel in der Mitte des Zettels weist darauf hin, dass er später zum Testen eines Stifts benutzt worden ist. Hänsli lässt seine Werke aus vielen verschiedenen Farbschichten entstehen, vom Hintergrund bis zum letzten Pinselstrich im Vordergrund. Bei Erledigt, diner kommt diese Praxis deutlich zum Vorschein und beschreibt eine Kette von Momenten, die alle bereits in der Vergangenheit liegen.
Ein Blatt Papier, dessen Leere durch ein schwungvolles Gekritzel am linken oberen Bildrand durchbrochen wird, ist auf der Arbeit Erledigt, test (2024, 18 x 12 cm) zu sehen. Bei genauerem Hinsehen wird der geschichtete, dynamische Duktus des Malprozesses sichtbar, aus dem sich das weisse Blatt Papier formt. Von dieser Werkserie werden einteilige, dreiteilige, vierteilige, sechs-, sieben-, zwölf- oder sogar vierundzwanzigteilige Arbeiten zu sehen sein. Durch die oft fest durchgestrichenen Aufgaben oder Stichworte, werden sie stückweise ins Abstrakte überführt, das Auge nimmt Formen und Muster wahr und die Betrachter:innen bleiben mit der Frage zurück, was ursprünglich geschrieben stand.
Eine weitere Arbeit ist Kein speck (2025, 14 x 18 cm), ein auf die Leinwand überführtes, himmelblaues Post-it auf dem geschrieben steht "Im Moment kein Speck!". Das Post-it signalisiert, was momentan nicht mehr erhältlich ist, was ausgegangen ist. Die Arbeit Alles entsorgen (2025, 14 x 18 cm) zeigt wiederum ein gemaltes Post-it. Der Künstler hat es auf der Strasse gefunden: Das zu Entsorgende war bereits weg, das Post-it ist geblieben. Das Interesse an Typografie, an Sprache begleitet den Künstler in seinem Schaffen seit vielen Jahren, wie auch in der Arbeit Heisses fleischkäseweckle (2025, 19 x 26 cm), die in hellgrauer und weisser Farbpalette gehalten ist. Auf ihr ist ein weisser Pappteller zu sehen, der in handgeschriebener, geschwungener ’’Schreibschrift’’ Werbung für ein ‘’heisses Fleischkäseweckle’’ für 2.90 Euro macht. Hänsli zeigt bei dieser Arbeit ein Objekt, ohne es effektiv zu zeigen.
Mit Wurstzipfel (2025, je 22 x 30 cm) malt der Künstler drei Wurstenden, unterschiedlich positioniert auf weissem, geschichtetem Hintergrund. Hänsli stellt sie dar wie kleine, braune und fleischfarbene Skulpturen, die selbstbewusst und voller Selbstverständlichkeit Hauptprotagonisten sind. Der Künstler verweist damit auf das, was oft übrig bleibt: Die Reste. Die Wurst in ihren vielseitigen Formen – wie bspw. die Wurstscheibe (Publikation vgl. Christoph Hänsli, Mortadella, 2008), die gefalteten Wurstscheiben (Dreifaltigkeit, 2024/25) – aber auch ihre Abwesenheit, ist ein wiederkehrendes Motiv in Hänslis Werk.
Abdeckung sicherungen (2025, 47 x 37 cm), Geschlossene lucke (2025, 31 x 40 cm) und Spind (2024, Triptychon, je 85.5 x 55.5 cm) greifen ein bekanntes Motiv in Hänslis Werk auf: geschlossene Abdeckungen, die den Betrachterinnen den Blick auf das Dahinter verwehren und sie zwingen, Pinselstrich für Pinselstrich die Oberfläche zu erfahren und nie zu wissen, was sich hinter der geschlossenen Tür verbirgt. Die dreiteilige Arbeit *Spind zeigt auf den ersten Blick drei identische, dunkelgrüne Spind-Türen. Durch die Zeit haben sie jedoch Patinas entwickelt, die an Nasse Schilfhalme oder Wälder bei Dämmerung erinnern. Die früheren Beschilderungen, die Hinweise auf den Inhalt der Spinde liefern konnten, fehlen bewusst; erhalten sind nur ihre Halterungen. Dadurch bleibt ungewiss, was sich hinter den Türen befindet.
Zum Schluss ist da noch der kleine schwarze Käfer auf der Arbeit Blattkäfer (2025, 20 x 29 cm). Der filigrane, fast kalligrafisch gemalte Käfer auf weissem Grund ist wortwörtlich erledigt. Er wurde von einer kleinen silbernen Stecknadel, die sich wie eine Perle, wie ein Schmuckstück von seinem Rücken erhebt, aufgespiesst. Sein Körper wird sanft von seinem hellgrauen Schatten umspielt. Christoph Hänsli lädt uns mit seiner Solopräsentation Erledigt in einen Kosmos ein, in dem er alltäglichen, menschlichen Spuren eine Bedeutung gibt, die uns in einer immer lauter werdenden und hektischeren Zeit wieder zur Ruhe kommen lassen und Zugehörigkeit geben.
















