Eine Ausstellung über schwedische Wälder, bedrohte Arten und einen besonderen Ort im Himmel, an den ausge storbene Tiere kommen.
In ihrer künstlerischen Arbeit reflektiert Emilia Bergmark die rasanten Veränderungen der Natur ihrer nordischen Heimat. Zwei grossformatige textile Wandarbeiten erzählen vom postindustriel len Wandel in den Wäldern Schwedens, während weitere Textil- und Keramikarbei ten ausgestorbenen und gefährdeten Arten gewidmet sind. Für diese Tiere hat die Künstlerin im Deckenfenster der Galerie von Bartha in Basel auf eindrucksvolle Weise einen himmlischen Zufluchtsort geschaffen.affen.
Die textile Wandarbeit ist vom Kerrosmäki-Wald inspiriert, einem borealen (nördlichen) Naturwald in Dalarna, Schweden. Entlang der unteren, schwarz-weissen Bordüre des Wandteppichs erzählt eine uralte Kiefer, die seit 350 Jahren in diesem Wald lebt, ihre Gedanken über die Veränderungen, die sie in den Wäldern Schwedens miterlebt hat. Ihre Überlegungen verlaufen durch das unterirdi sche Wurzel-Kommunikationssystem des Waldes, das umgangssprachlich als Wood wide web bekannt ist.
Ein Naturwald ist ein Wald, der niemals kahlgeschlagen wurde. Er ist ein komplexes Ökosystem, das sich über Jahrtausende entwickelt hat und Lebens raum für eine Vielzahl von Arten bietet. Viele der Naturwälder, die einst die Landschaft Schwedens prägten, wurden jedoch abgeholzt, und zahlreiche Arten, die dort früher heimisch waren, gelten heute als bedroht. Gehen auch die verbliebenen Naturwälder verloren, geht die biologische Vielfalt verloren und mit ihr Ökosysteme, die möglicherweise niemals wiederhergestellt werden können.
Das Motiv der Wandarbeit basiert auf einer Arteninventur des Kerrosmäki Waldes, die Bergmark gemeinsam mit dem Forstbiologen Sebastian Kirppu im Sommer 2024 durchgeführt hat. Das gewobene Bild zeigt die im Wald vorkommenden Arten, darunter zentrale Indikatoren der Biodiversität wie Kiefern in allen Phasen ihres Lebenszyklus: uralte Bäume, verwitterte Stämme und verkohlte Baumstümpfe.
Die textile Wandarbeit ist von einer borealen Baumplantage in der Nähe des Kerrosmäki-Waldes in Dalarna inspiriert. In der comicartigen Darstellung der unteren, schwarz-weissen Bordüre erzählt ein weisser Elch aus seiner eigenen Perspektive, wie sich Schweden von einem waldreichen Land zu einem Land gewandelt hat, das von den Baumplantagen der Forstwirtschaft dominiert wird. Der Elch fungiert dabei als unmittelbarer Zeuge der Veränderungen, die die Wälder erfahren haben, sowie der sehr realen Folgen für ihn und seine Artgenossen.
Eine Baumplantage ist ein industriell bewirtschafteter Wald, der für die Ernte innerhalb von 60 bis 100 Jahren angelegt wird. Fast alle Bäume gehören derselben Art an und sind gleich alt. Viele Waldbewohner können in solchen Plantagen nicht überleben, da es ihnen an ökologischer Vielfalt, Fortbestand und uralten oder toten Bäumen mangelt, die ihnen Schutz und Nahrung bieten können.
Das Motiv des Wandteppichs basiert auf einer Arteninventur des Waldes, die Bergmark gemeinsam mit Kirppu im Sommer 2024 durchgeführt hat. Das Bild zeigt die Arten, die sie dort vorgefunden haben. Die reiche Biodiversität natürlicher Wälder fehlt hier: ein Mangel, der im Kontrast zwischen den beiden grossen Wandarbeiten deutlich wird.
Die vier textilen Arbeiten stellen bedrohte Arten dar, die in den schwedischen Wäldern leben. Solche Arten
sind für das menschliche Auge oft schwer wahrzunehmen: Sie können klein oder scheu sein, sich im Totholz verbergen oder äusserst selten vorkommen. Durch die Neuinterpretation traditioneller schwedischer
Textiltechniken und lokaler Muster hat Bergmark lebendige Porträts einzelner Arten geschaffen, ihre Darstellung vergrössert und ihnen eine visuelle Präsenz verliehen, die sich nicht übersehen lässt.
Die Bezeichnungen NT (near threatened/potenziell gefährdet) und VU (vulnerable/gefährdet) verweisen auf den Status einer Art auf der sogenannten Roten Liste, einem internationalen System, das den Erhaltungszustand und das Aussterberisiko von Arten bewertet. In Schweden sind Artenerhebungen eines der wenigen Instrumente, die Aktivist:innen zur Verfügung stehen, um die Abholzung biologisch vielfältiger Wälder zu verhindern. Wenn in einem Wald, der für eine Kahlschlagab-holzung vorgesehen ist, mehrere bedrohte Arten nachgewiesen werden, können die Genehmigungen ausgesetzt oder angefochten werden. Daher werden die in NT und VU gelisteten Arten, insbesondere die kleine Knärot Orchidee, von Aktivist:innen und Biolog:innen geliebt und von der Forstwirtschaft gehasst.
Die Installation zeigt einen Schwarm von Wandertauben, die auf das Dachfenster des Ausstellungsraumes zufliegen. Wandertauben waren einst die verbreitetste Vogelart Nordamerikas und bildeten riesige Schwärme, die bei ihrem Vorbeiflug die Sonne stunden- oder sogar tagelang verdecken konnten. Aufgrund intensiver Bejagung und Abholzung wurde die Art inzwischen ausgerottet. EX (extinct/ausgestorben) ist ein Verweis auf die Einstufung der Art in der Roten Liste.
Durch die Verwendung bestimmter Materialien (Tontauben und fluoreszierende rote Augen, die beim Fliegenfischen verwendet werden, um die charakteristischen karminroten Augen der Wandertaube
darzustellen) verweist die Installation auf die Jagd und den Fischfang. Beide Praktiken haben im Laufe der Menschheitsge-schichte zum Aussterben von Arten geführt, da sich der Mensch über den gesamten
Globus ausgebreitet und das natürliche Gleichgewicht verschiedener Ökosysteme gestört hat, wodurch der Mensch letztlich zur invasivsten und zerstörerischsten Spezies geworden ist.
YOLO dodo ist ein grossformatiges Werk, das speziell für das Dachfenster bei von Bartha geschaffen wurde. Auf die Besuchenden blickt ein Dodo herab, begleitet von fünf Wandertauben, einem Blaubock, einer Schar von Riesenalken, einem Moa, einem Schwarm Roberts-Steinfliegen, einem Huia, einem südlichen Schweinsfuss Nasenbeutler, einer Pecatonica River Eintagsfliege, einer Goldkröte, einer robusten Grabfliege, einem Falklandinseln-Wolf, einem Smilodon, einem Magenbrüterfrosch, einem Stephenschlüpfer, einem Dünnschnabel-Brachvogel, einer Bramble Cay-Mosaikschwanzratte, einem Spix-Ara, einem Auerochsen und einer Karibischen Mönchsrobbe.
Alle diese Arten wurden durch menschliche Aktivitäten wie die Jagd, den Klimawandel oder wegen Krankheiten, die von Menschen auf neue Kontinente eingeschleppt wurden, ausgerottet. Die Geschichte des Aussterbens jeder einzelnen Art gleicht einer Saga oder einem modernen Mythos. YOLO dodo zeigt die Tiere, wie sie auf die Besuchenden herabschauen. Denen wiederum wird ein Blick auf einen besonderen Ort im Himmel gewährt, an dem ausgestorbene Tiere ihr Leben nach dem Tod verbringen, in Sicherheit vor den Menschen. Gemalt auf wiederverwendeten Krankenhauslaken, schafft die Wahl des Materials eine Verbindung zwischen zerbrechlichen, kranken und möglicherweise sterbenden Menschen und ihren ausgestorbenen tierischen Gegenüber.
















