Die Galerie Eva Presenhuber freut sich Hamlet’s mill, die siebte Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers Verne Dawson zu präsentieren.

Das Universum ist ein seltsamer und geheimnisvoller Ort. Es wird von unsichtbaren Taktgebern gesteuert und macht Pläne für seine Bewohner, die sie nie hätten vorhersagen können.

Manchmal erzählt sich eine Geschichte daher wie von selbst.

Im Jahr 2005 sass ich im Büro einer Galerie in Toronto, als der Besitzer auf einmal sagte, ich müsse mir etwas anschauen. Er schob einen dünnen Band über den Schreibtisch: ein Künstlerbuch von Verne Dawson zu seiner Ausstellung in der Douglas Hyde Gallery in Dublin. Die darin gezeigten Bilder waren auf eine Weise faszinierend, die sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Wir sprachen leise über das Besondere dieser Gemälde und fühlten uns tief mit einem Künstler verbunden, den wir noch nie getroffen hatten. Jetzt, zwanzig Jahre später, schreibe ich diese Pressemitteilung für Vernes Ausstellung bei Eva Presenhuber, in der auch Gemälde von Crystal Springs in Saluda, North Carolina, zu sehen sind, wo er manchmal lebt und wo ich auf seine Einladung hin einige Zeit verbracht habe.

Etwas an diesem Erlebnis im Jahr 2005 fühlte sich vorbestimmt an, als wäre ich auserwählt worden, auf Vernes Buch zu stossen und dadurch einem mysteriösen Klub beizutreten. Er arbeitete in einer Sprache, die ich verstand, und seine Gemälde halfen mir, meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Heute sind Verne und ich Freunde. Er hat sogar einmal mein Porträt gemalt.

Das Universum ist ein seltsamer und geheimnisvoller Ort.

Hamlet’s mill bezieht sich auf das gleichnamige, 1969 erschienene Buch von Giorgio de Santillana, in dem er darlegt, die universellen Mythen seien eigentlich verklausulierte Beschreibungen der Himmelsmechanik, insbesondere die Richtungsänderung der Äquinoktien; die eiszeitlich bedingte langsame Rotation der Erdachse, deren vollständiger Zyklus im Weltall fast 26.000 Jahre lang dauert. Im Mittelpunkt von de Santillanas Thesen steht der Gedanke, dass wir die Intelligenz unserer Vorfahren unterschätzen und dass das, was von ihrem kulturellen Erbe tradiert wurde, kein Aberglaube, sondern verschlüsseltes Wissen ist. Auch Dawson ist ein Anhänger von dieser Idee der verlorengegangenen Kenntnisse. Seine Gemälde stellen eine Zeit dar, in der überlieferte Methoden und die Wissenschaft noch keine getrennten Disziplinen und Erzählungen Speicherorte für komplexe kosmische Betrachtungen waren. Während die Arbeiten wie View from milk glass cottage (2025) und Saluda crystal springs (2025) quasi ausserhalb von Zeit zu existieren scheinen, ist Dawson in Wirklichkeit von Zeit besessen. Seine Bilder sind sowohl Karten von Raum, Zeit und Kosmos als auch Akte eines kulturellen Bewahrens und vereinen Mythos, Anthropologie und ländliche Idylle zu einer visuellen Sprache, die ein prämodernes Verständnis vom Universum und unseres Platzes darin aufgreift.

Das unermüdliche Streben der Menschheit nach technologischem Fortschritt – und ihr bedingungsloser Glaube an den Nutzen von Technik – haben uns in unsere heutige Lage mit massenweise auftretenden gesundheitlichen Problemen und Angstzuständen sowie Unzufriedenheit und Einsamkeit gebracht. Während wir alle eine App auf unserem Smartphone antippen und uns blitzschnell Essen – oder Schuhe, eine Matratze oder ein neues Auto – nach Hause liefern lassen können, haben wir uns von der Welt und der Natur entfremdet, was dazu geführt hat, dass die ganze Bevölkerung nun verzweifelt nach Sinn sucht. Paranoide Politik und wirre Verschwörungstheorien haben zum Schaden der Allgemeinheit diese Lücke gefüllt. Dawson teilt die Meinung von de Santillana und rät dazu, zurückzublicken anstatt blindlings vorwärts zu stürmen. Wir würden Linderung für unsere heutigen Leiden und wieder eine Bestimmung finden, indem wir uns auf Traditionen besönnen, von denen wir lange glaubten, sie hinter uns gelassen zu haben.

Eine wirkliche Meisterleistung von Dawson ist, dass seine Gemälde niemals wehmütig oder pessimistisch wirken. Sie sind voller Wunder, echter Schönheit und Ehrfurcht. Qualitäten des menschlichen Miteinanders, die allzu oft in den Sorgen des täglichen Lebens, im Kapitalismus und im Lärm dieses Jahrhunderts untergehen. Stattdessen gebieten sie uns Hoffnung. Als ich in Saluda ankam – um in dem Haus mit Blick auf Crystal Springs zu übernachten –, ermutigte mich Dawson, die Landschaft zu geniessen und in der Zeit zu schwelgen, die hier in einem langsameren und ursprünglicheren Tempo vergeht. Ich wurde dazu angehalten, eine andere Erfahrung zu machen, kurz gesagt eine bessere als die, die ich in Manhattan gemacht hätte: weniger hektisch, mehr im Einklang mit der Natur und auf ihre Art lehrreich. Wir wanderten und fuhren durch die Hügel. Ich lernte die Namen von Bäumen und Pflanzen kennen und hörte von Familien, die über Generationen im Clinch miteinander lagen. In seinen Gemälden von Saluda gibt Dawson das Mikroskopische makroskopisch wieder, sodass eine kleine Stadt in den Blue Ridge Mountains die gesamte Menschheitsgeschichte – und ihre Vorgeschichte – zu enthalten scheint. Seine Bilder lassen die Zeit in sich zusammenfallen und zeigen, wie das Einfache ein Gefäss für das Ewige sein kann. Mit seinem virtuosen Talent für Farben und Linien fordert er die Betrachtenden auf, nicht auf das Telefon in ihrer Hand zu schauen, sondern auf die Welt unter ihren Füssen – genau hinzusehen –, denn die Natur versetzt uns immer noch in Staunen, sie blüht und gedeiht unaufhörlich, wenn wir uns nur erlauben, langsamer zu werden, so wie ich es in Saluda getan habe. Dawson trägt die Leidenschaft eines Umweltaktivisten und den Glauben eines mystischen Malers in sich, das macht seine Liebe zu seinen Anliegen so ansteckend.

(Text von Brad Philips)