Die Galerie Peter Kilchmann freut sich mit Handspiele die fünfte Einzelausstellung von Francis Alÿs (g. 1959 in Antwerpen, Belgien, lebt und arbeitet in Mexico City) in der Galerie anzukündigen. Es ist zudem die Erste, die sich auf Animationen fokussiert. Eine neue Werkgruppe von sieben Animationen mit 303 Zeichnungen der Animation Bolita manos (2025), mehrere kleinformatige Gemälde, sowie eine Installation werden die Räume an der Rämistrasse bespielen. Die Präsentation dieser Animationen mit dem Schwerpunkt auf Handspiele, also Bewegungsabläufe von Händen-, knüpft an Alÿs bekannte, fortlaufende Werkserie Children’s games (1999 – heute) an – Videoarbeiten von Kindern, die in den verschiedensten Regionen der Welt in öffentlichen Räumen spielen und womit Alÿs veranschaulicht, wie u.a.’’Kreativität das Trauma und Chaos der Welt in bewältigbare Systeme verwandeln kann’’1. An der 59. Biennale in Venedig im Jahr 2022 konnte Alÿs im belgischen Pavillon unter dem Titel The nature of the game children’s games zeigen. In dieser Ausstellung geht der Künstler noch näher ran und legt den Fokus auf eine der elementarsten Spiel- und Ausdrucksformen: das Spiel mit Händen.

Die neuen Animationsserie des Künstlers widerspiegelt die zentrale Bedeutung der Hand in der Welt des Spiels. In dieser Serie wurde die Hand in die einzigartige, monochrome Form von Handspielen übertragen. Jedes Werk besteht aus Hunderten einzelner Bleistiftzeichnungen auf Mylar-Papier, die durch die akribische, arbeitsintensive und handwerkliche Tradition der Animation zum Leben erweckt wurden und somit im Gegensatz zu den digital bearbeiteten Children’s games stehen. Die Hand ist vom Körper losgelöst und das vor den Betrachter:innen projizierte Spiel ist aus seinem Kontext herausgelöst und auf seine elementarste Geste reduziert. Diese Animationen unterstreichen die Tatsache, dass Hände, die üblicherweise paarweise auftreten, stets in Beziehung zueinander erlebt werden: in erster Linie zueinander, aber auch zu dem Körper, mit dem sie verbunden sind, und zu der Welt, die sie berühren2.

Im Erdgeschoss erwarten die Besucher:innen die Zeichnungen, welche für die Produktion der Animation Bolita manos (2025) verwendet wurden. Sie beziehen sich auf die im Obergeschoss gezeigten Videoarbeiten und verdeutlichen die Intensität des Arbeitsprozesses hinter jeder Animation. Die eng mit den Children’s games verknüpfte Malerei Mexico (2025, 15 × 19,2) ist daneben an einer einzelnen Wand platziert: Auf dem blassen, pistazien-grünen Grund sitzen sich zwei Knaben gegenüber und spielen mit zwei klassischen schwarz-weissen Würfeln. Beide sind auf ihr Spiel fokussiert und nehmen ihre Umgebung nicht war.

Im Obergeschoss verdichtet sich die Ausstellung zu einem räumlichen Ensemble: In abgedunkelten Räumen erscheinen die sieben Animationen als einzelne Lichtpunkte. Bolita manos (kleine Kugel in der Hand) (2025) – zum ersten Mal im Rahmen dieser Ausstellung gezeigt – reduziert das Spiel auf eine elementare Geste des Verbergens und Enthüllens. Ein kleiner Ball wandert zwischen zwei Händen hin und her, verschwindet in der geschlossenen Handfläche und erscheint erneut. Die Einfachheit der Handlung verweist auf Formen der Kommunikation, in denen Bedeutung nicht sprachlich formuliert, sondern gestisch vermittelt wird. Ein leises, unaufhörliches Klacken kündigt die Animation Hand stack (Hände übereinanderlegen) (2019-2024) an, welche in direkter Beziehung zu Children’s game #21: hand stack, Iraq (2019) steht: Vier irakische Kinder stapeln ihre Hände zunehmend schneller übereinander. Die animierte Version reduziert diese Handlung auf die isolierte Bewegung der Hände: Ein wachsender und wieder zerfallender Stapel entsteht, während die unterste Hand sich immer wieder löst und an die Spitze zurückkehrt. Die Wiederholung verwandelt das Spiel in eine zyklische Struktur aus Ordnung, Auflösung und Neubeginn.

In Thumb war (Daumenkampf) (2023 – 2024) ist zu sehen, wie zwei Hände ineinander verschränkt sind, während ihre jeweiligen Daumen einander angreifen, ausweichen, umeinander kreisen und versuchen, den anderen niederzudrücken und festzuhalten, um das Spiel zu gewinnen. Bei Finger walk (Fingerlauf) (2024) drehen sich Daumen und Zeigefinger der einen Hand, um Zeigefinger und Daumen der anderen, sodass sich in der Luft eine feine Raute bildet, während die Finger immer wieder miteinander in Kontakt kommen. In diesen Werken gibt es weder Anfang noch Ende; die Geste ist immer schon im Gange3. Die Hände in den Animationen sind somit stärker an der Geste selbst interessiert als daran, symbolische Bedeutung anzuhäufen. Sie sind vor allem das, was Jacques Derrida als ‘’berührende Finger’’ beschreibt4. Weitere Animationen im Obergeschoss sind Incy wincy (Spinnchen läuft) (2023), Lullaby (Schlaflied beinspiel) (2024), und Se tourner les pouces (Däumchen drehen) (2025).

Im Untergeschoss treten die Besucher:innen in einen intimen Raum, der an ein Wohnzimmer oder Atelier erinnert. Sessel und ein Salontisch laden mit ausgelegten Katalogen des Künstlers zum Verweilen ein. An den Wänden und im Raum stehen, hängen und liegen verschiedene Werke des Künstlers, wie z.B. die Installation Guerrero, MX (2014), die aus einer kleinformatigen Malerei und 26 Arbeiten auf Papier, welche auf einem Tisch ausgelegt sind, besteht. Auf der Malerei ist der leere, weite Blick von einem Strand auf das Meer zu sehen. Die Papierarbeiten fungieren als Studien für die Malerei und zeigen zudem noch einen Jungen mit einem Gewehr in verschiedenen Positionen. Keine der Skizzen des Jungen mit dem Gewehr schaffte es jedoch auf das Gemälde – der Grund dafür bleibt unbeantwortet. Weitere kleinformatige Malereien in diesem Raum zeigen Hände von Erwachsenen, die an die spielerischen Bewegungen der Animationen erinnern. Einige Motive sind präzise ausgearbeitet, andere bleiben als zarte skizzenhafte Umrisse sichtbar, wodurch die Werke selbst den Charakter einer Studie oder eines tastenden Versuchs annehmen.

Francis Alÿs hat über die Jahre hinweg immer wieder Animationen produziert, wobei Song for Lupita (1998) seine erste war. Mit der Ausstellung Handspiele stellt der Künstler eine haptische Sprache in den Vordergrund, wobei die Produktivität in den Hintergrund tritt. Alÿs stellt damit die Marginalisierung bestimmter Formen des Tuns und Ausdrucks infrage– denn beiläufige Gesten oder Spiele mit Händen gelten historisch im Alltag als unproduktiv. Doch genau mit diesen zweckfreien Handspielen schaffen es Kinder mit der Welt in Beziehung zu treten und sie durch das Spiel zu gestalten und damit schwingt die fordistische Kritik stehts subtil in den Arbeiten mit5.

Notizen

1 Ben Eastham ‘’Art agenda reviews’’, 59th Venice Biennale, The national Pavilions, 2022.
2 Vgl. Florence Ostende (ed.). Francis Alÿs: Ricochets, Prestel, 2024, p. 201.
3 Vgl. Florence Ostende (ed.). Francis Alÿs: Ricochets, Prestel, 2024, p.201 -203.
4 Vgl. Florence Ostende (ed.). Francis Alÿs: Ricochets, Prestel, 2024, p. 204; Jacques Derrida, On touching – Jean-Luc Nancy, trans. Christine Irizzary (Standford, CA, 2005), p. 162.
5 Vgl. Florence Ostende (ed.). Francis Alÿs: Ricochets, Prestel, 2024, p. 198.