Die Galerie Peter Kilchmann freut sich Quel che rimane del cielo (Was vom himmel bleibt) zu präsentieren, eine Einzelausstellung mit neuen Arbeiten von Marion Baruch (g. 1929 in Timișoara, Rumänien) – entstanden in Zusammenarbeit mit Irit Sommer (Sommer Contemporary Art). Marion Baruch ist eine Künstlerin, deren Leben und Werk sich über Grenzen, Sprachen und künstlerische Disziplinen hinweg entfalten. Über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten lebte und arbeitete Baruch zwischen Bukarest, Jerusalem, Rom, Paris und Gallarate (Italien) und setzte sich dabei in einer Vielzahl künstlerischer Ausdrucksformen mit sozialen und politischen Fragestellungen auseinander. Das Textile bleibt im gesamten Verlauf als verbindendes, konstantes Element ihres Schaffens erhalten. Häufig als Pionierin partizipativer Kunst, als zentrale Figur der Faserkunst sowie als frühe Vertreterin performativer Praktiken beschrieben, hat die Künstlerin ihre Beziehung zum Stoff kontinuierlich neu definiert, indem sie ihn erforschte, trug, produzierte, sammelte, rekonfigurierte und schliesslich in den Raum überführte.

Für mich ist Stoff ein lebendiges, pulsierendes Material, ich spüre die Unbeschreiblichkeit seines Atems oder Flusses, einen kontinuierlichen Fluss, der zugleich der Fluss einer ganzen Gesellschaft ist. Stoff spiegelt die Geschichte der Menschheit wider und zugleich die soziale Dimension der Arbeit.

Die in dieser Ausstellung zusammengeführten Werke veranschaulichen die jüngste Phase von Baruchs Schaffen, die seit 2012 entwickelt wurde, als sie begann, ausrangierte Textilreste aus Bekleidungsproduktionsbetrieben in Gallarate (Italien) und Umgebung zu sammeln. Die Künstlerin verändert das Material nicht dauerhaft, sondern formt die durch den industriellen Prozess entstandenen Stoffreste allein durch ihre Gestik und die Schwerkraft, wobei sie deren Leerstellen und Silhouetten – an Wand oder im Raum – zu unerwarteten Konfigurationen gestaltet. Aus einem ursprünglich für die Entsorgung bestimmten Textilrest entwickelt sich in den Händen der Künstlerin eine Sprache zwischen Skulptur und Malerei, welche das poetische Potenzial des Übriggebliebenen offenlegt.

Die Maschinen, die diese wunderbaren Readymades herstellen, folgen einem präzisen Programm, das darauf ausgelegt ist, den Körper zu bekleiden, nicht ein Kunstwerk zu schaffen. Die künstlerische Komposition, die plastische Poesie, offenbart sich durch meinen Akt, diese unsichtbaren Reste zu bergen und sie vor dem Müll zu retten.

Die Arbeit Quel che rimane del cielo (2024, Nylon, 165 × 177 cm), erstmals im vergangenen Herbst im Palazzo della Loggia in Brescia anlässlich des Festivals „Meccaniche della Meraviglia“ gezeigt, gibt der Ausstellung ihren Titel. Im Raum schwebend entfaltet sich das Werk an der Schwelle zwischen Objekt und Leerraum. Die Textilfragmente schliessen den Raum weder ab noch füllen sie ihn; vielmehr erzeugen sie Durchgänge, Unterbrechungen und verschobene Perspektiven, die die Betrachter*innen einladen, sich durch das Werk zu bewegen. Die Aussparungen im Stoff erscheinen wie Himmelsfragmente, die in der Galerie zu schweben scheinen. In diesem Grenzbereich aus Fragmenten und Lücken verwandelt Baruch die Galerie in einen Raum, in dem Abwesenheit, Material und Sprache aufeinandertreffen und das Zurückgebliebene zur eigentlichen Substanz des Werkes wird.

Weitere in der Ausstellung gezeigte Arbeiten umfassen zwei Piccolo teatro-Arbeiten (2013, Wolle, 39 × 60 cm; Baumwolle, 40 × 69 cm) – zu einer früheren Serie gehörend, in der die Künstlerin rechteckige Textilreste verwendet, um kleine, bühnenartige Kompositionen zu schaffen, in denen der leere Raum zum Ort potenzieller Handlungen wird. Eingang (2014, Polyester, 195 × 70 cm) evoziert auf der Wand eine architektonische Öffnung und visuelle Bahnen und formuliert dabei Konzepte des Durchgangs: eine unsichtbare Tür, die die Grenze zwischen Innen- und Aussen verschiebt. Déchiqueté – Squarciato (2015, Seidenbaumwolle, 190 × 169 cm) hebt unregelmässige Ränder und zerrissene Silhouetten hervor, die durch den industriellen Zuschnitt entstanden sind.

In ihrer Forschung bewegt sich Baruch frei zwischen kulturellen Bezügen, Erinnerung und Sprachen, von denen sie insgesamt sieben beherrscht. So spiegeln die Titel der Arbeiten – sei es auf Deutsch, Italienisch, Englisch oder Französisch – die Beschaffenheit der Kompositionen wider. Diese, häufig als Wortspiele oder Neologismen gestalteten Ausdrücke, sind schwer zu übersetzen; beim Übergang von einer Sprache in eine andere geht stets etwas verloren. Indem sie Fragmente aus Textil und Sprache zusammenführt, schafft Baruch neue semantische Konstellationen, in denen Bedeutung im leeren Raum entsteht, in dem, was zwischen Worten, Materialien und Formen verbleibt.