Anlässlich des Zurich Art Weekends 2026 präsentiert die New Yorker Künstlerin Avery Singer neue Gemälde, begleitet von einer ortsspezifischen Installation, die das Obergeschoss der Galerie in eine kasinogleiche Umgebung verwandelt – einen von Überwachung geprägten Raum. Die Ausstellung War_overlays untersucht, wie Medien und sich beschleunigende Technologien unser Bewusstsein formen und die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Realität destabilisieren. Erstmals integriert Singer KI-basierte Werkzeuge in ihren Arbeitsprozess. In Fortführung von Werken, die sich mit ihren persönlichen Erinnerungen an 9/11 auseinandersetzt, reflektieren die neuen Gemälde die Erfahrung der Künstlerin als Heranwachsende in den frühen 2000er-Jahren im Kontext medial vermittelter Konflikte. Singers verzerrte, von KI beeinflusste Bildwelten dienen dabei dazu, die medial vermittelte Gewalt jener Zeit erfahrbar zu machen.
Inspiriert von Jean Baudrillards Schriften zum Golfkrieg untersucht die Ausstellung, inwiefern Konflikte in der westlichen Welt als mediales Spektakel erfahren werden – konstruiert und vermittelt durch Bilder statt durch direkte Erfahrung. Diese Dissonanz wird durch die widersprüchliche Beschaffenheit der Casino-Inszenierung verstärkt: mit langen roten Vorhängen, Teppichbodenfliesen und Überwachungskameras, die im Kontrast zu den beunruhigenden Bildinhalten von Singers Gemälden stehen. In den Arbeiten kehrt Singers Motiv des Poker players als zentrale Figur wieder: ein Stellvertreter der Künstlerin, der Gefahren begegnet, indem er Muster liest, Entwicklungen antizipiert und wahrnimmt, was andere übersehen, Diese Figur ist mit einem Mosaik aus KI-beeinflussten Bildfragmenten überlagert, die aus aktuellen Kriegsbildern stammen und die harten Realitäten sichtbar machen, die jenseits des Ateliers – oder des Casinos – fortbestehen, im Alltag jedoch leicht ausgeblendet werden.
Singers Einsatz von KI zur Entwicklung von Prompts und Schlüsselbegriffen für die Erstellung der Bildinhalte, vertieft die Auseinandersetzung mit Themen wie Erinnerung, Wahrheit und Wissen und unterstreicht die Paradoxien des digitalen Zeitalters. Die daraus generierten Bilder sind von dem geprägt, was Singer als KITrash-Ästhetik bezeichnet: Sie offenbaren seltsame Verzerrungen, die die Grenzen algorithmischer Systeme sichtbar machen – so wird etwa in der Arbeit Solver (2026) ein US-Marine mit einer Keffiyeh dargestellt.
Die Künstlerin entwickelt zunächst in ComfyUI, einer Open-Source-Software, mittels benutzerdefinierter, von ihr trainierter LoRAs (Low-Rank-Adaptation-Modelle) einen Grundcharakter. Dieser wird im weiteren Verlauf verfeinert, bevor er zur zentralen Figur des Gemäldes wird. Das auf dessen Oberfläche angeordnete Bildmosaik entsteht durch das Training von KI-Modellen, die Collagen („Mashups“) aus bestimmten Bildern mit einer KI-Trash-Ästhetik verschränken: die Fetischisierung von Krieg, LAN-Partys sowie weitere Szenen realer und digitaler Kultur, verbunden mit semi-autobiografischen Inhalten. Zum Endergebnis bemerkt Singer: „Ich fand es interessant, wenn die BetrachterInnen in meinen Gemälden ein fehlfunktionierendes KI-System erkennen können. Vielleicht lässt sich in der Störung dieser hochentwickelten Technologie sogar etwas Poetisches entdecken.“
















