Die Galerie Peter Kilchmann freut sich, mit Side by side eine neue Einzelausstellung des Schweizer Künstlers Marc Bauer (g. 1975 in Genf; lebt und arbeitet in Berlin und Zürich) vorzustellen. Die Solopräsentation in den Räumen an der Zahnradstrasse erzählt aus Bauers eigener, queeren Perspektive von Freundschaft, Leidenschaft und Intimität. Im Zentrum steht dabei nicht nur das gemeinsame Erleben von Nähe, Freiheit und einer unbeschwerten Zeit, sondern auch die Frage nach der gesellschaftlichen und persönlichen Bedeutung solcher Momente des Zusammenseins. Neue Papierarbeiten, eine Arbeit auf Leinwand und Wandmalereien werden die Galerieräume bespielen. Die Wandmalereien wurden von Marc Bauer in Zusammenarbeit mit Samuel Obst geschaffen. Speziell für die Ausstellung entwickelten die Berliner Künstler Sin Maldita (Tim Roth) und Philipp Hülsenbeck einen Soundtrack: einen Remix aus Hymnen der gegenwärtigen Schwulenszene. Side by side steht in enger Verbindung mit Bauers aktueller Einzelausstellung Marc Bauer. Fear rage desire, still standing im Kunstmuseum Basel und beschäftigt sich ebenfalls mit dem Konstrukt der Männlichkeit, jedoch in einer bewusst leichteren, verspielteren Art und Weise.

Beim Eintreten erblickt das Publikum an der frontalen Wand eine schwarz-weisse Wandmalerei einer Figur mit überdimensionalem Federschmuck auf dem Kopf, gekleidet in ein Bühnenkostüm - ein Varieté-Tänzer-, der den Besucherinnen selbstbewusst entgegen lächelt. Ihr diente ein Archivfoto von den *Der kreis-Bällen der 1950er Jahre als Vorlage. Im Rahmen des Der kreis Magazins ist der Der kreis-Club in Zürich entstanden, in dem jährlich internationale Bälle stattfanden, die hunderte von schwulen Männern aus ganz Europa besuchten. Das Schweizer Magazin Der kreis, das sich an eine homosexuelle Leserschaft richtete, wurde im Lauf der Zeit zu einer prägenden kulturellen und sozialen Organisation. Die zwischen 1943 und 1967 in Zürich auf Deutsch, Englisch und Französisch publizierte Zeitschrift war über mehrere Jahre hinweg die einzige ihrer Art und entwickelte sich zu einer bedeutenden Stimme der homosexuellen Emanzipationsbewegung mit internationaler Ausstrahlung. In der Mitte des Raumes in einer Vitrine sind vom Künstler abgezeichnete Covers und Seiten des Magazins zu sehen, die somit stückweise die Geschichte der Zeitschrift wiedergeben.

Auf einem roten Hintergrund in Pastellkreide wachsen die drei Papierarbeiten solace and joy, (Pink and blue), Solace and joy, (Together) und Solace and joy, (Yellow) (alle 2026, 70 x 50 cm), Bleistift oder Bleistift und Aquarell auf Papier) hervor, die sich auf die zarten, innigen Berührungen von Händen fokussieren. Beispielsweise zeichnete Marc Bauer auf einer der Papierarbeiten eine Komposition aus vier Händen, die eine viereckige Form bilden. Ein Daumen drückt sanft die Haut beim kleinen Finger zur Seite. In einer unglaublichen Präzision und Sinnlichkeit versteht es der Künstler Venen, Fingernägel, Hautfalten, Farbnuancen und Fingerringe mit Bleistift zu zeichnen. Er spielt mit Licht und Schatten und setzt mit einem Hemdärmel gefärbt in Aquarellfarbe in frischem Gelb und Orange einen Akzent. Die Rahmen der Papierarbeiten sind aus Messing gefertigt – beim Berühren ohne Handschuhe entsteht mit der Zeit durch Oxidation ein dunkler Abdruck. Sie stehen für die Fragilität von Freundschaft – wird sie nicht achtsam gepflegt, können Eindrücke zurückbleiben, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen.

Eine weitere Arbeit der neuen Werkgruppe Solace and joy in diesem Raum ist bspw. Solace and joy, your hand on my neck (100 x 70 cm), auf der ein angeschnittenes Seitenporträt auf einem Hintergrund in gelben, grünen und blauen Farbnuancen zu sehen ist. Die abgebildete Figur hat ihre Augen geschlossen; eine Hand liegt sanft an ihrer Wange, während die ihre eigene Hand sie fest umklammert. Ihre Haut erscheint weich und prall zugleich und der Faltenwurf des T-Shirts verweist auf das darin gelebte Leben.

Im zweiten Raum ist vor einer Wand in Violett die Papierarbeit Je sors ce soir (2026, 119.5 x 115 cm) gehängt, die zwei schwarzen Schwäne zeigt – eine Bildsprache, die zwischen Intimität, Fremdheit und symbolischer Aufladung oszilliert. Das Motiv greift Bauer aus einer historischen Darstellung aus der Ausstellung The first homosexuals. Die entstehung neuer identitäten 1869 - 1939 auf, die gleichzeitig im Kunstmuseum Basel zu sehen ist. Die zwei Schwäne neigen sich zueinander und der Himmel glüht in sanften Rot-, Orange- und Magentatönen. Ein gezeichnetes Exemplar des Buchs ‘’Je sors ce soir’’ von Guillaume Dustan hat Bauer an den unteren Bildrand gezeichnet. Es handelt sich dabei um einen autobiografischen, queeren Roman und beschreibt eine Nacht in der Schwulenszene der 1990er Jahre in Paris: Techno, Vergnügen, Exzess, Sex. Mit der grossformatigen Papierarbeit Self portrait, fou de Vincent, Hervé Guibert, 1989 (2026, 210 x 150 cm) hat Bauer einen Hund gezeichnet, der mit treuen Augen zu einem Exemplar der Publikation ‘’Fou de Vincent’’ von Hervé Guibert von 1989 blickt. Das Buch erzählt von einer leidenschaftlichen, obsessiven Liebesbeziehung zwischen zwei Männern. Die Wand dahinter ist in einem Farbverlauf von Türkisblau und Mintgrün gestrichen.

In den Zeichnungen werden die Bücher zu stillen Begleitern der Figuren und öffnen Assoziationsräume zwischen Begehren, Verletzlichkeit und Erinnerung, während sie zugleich auf Marc Bauers recherchierende und archivbasierte Arbeitsweise verweisen. Marc Bauer ist für seine detailreiche, hyperrealistische Zeichentechnik mit Bleistift und Grafit bekannt. In einem langwierigen Prozess aus Zeichnen, Radieren, Verwischen und erneutem Verdichten, verleiht er etwa dem Hundefell eine haptische Präsenz, die die Illusion echter Hundehaare erzeugt und den Wunsch weckt, die Oberfläche zu berühren. Arbeiten mit Figurengruppen in sitzenden Positionen, die nahe beieinander sind und miteinander sprechen, ergänzen den Raum. Sie basieren auf fotografischen Studien, die der Künstler in seinem Atelier aufgenommen hat – wie die Porträts und Hand-Kompositionen im ersten Raum. Weitere Arbeiten in diesem Raum sind u.a. die Papierarbeiten The friends (Long talks) (82.5 x 115 cm), die Werkgruppe Side by side (alle 36 x 51 cm) oder das Werk Less than zero (2026, 121 x 115 cm). Bei Letzterem liegen drei Personen auf einer Wiese, lehnen aneinander, und die Kommunikation tritt in den Hintergrund. Mit ‘’Less than zero’’ von Brett Easton Ellis integriert Bauer erneut ein literarisches Werk in die Zeichnung – einen Roman über Entfremdung, Exzess und emotionale Leere innerhalb einer privilegierten Jugend.

Der dritte Raum ist eine Ode an die queere Clubkultur der 1990er Jahre. Auf einer grossformatigen Arbeit auf Leinwand hat Bauer einen Kellner, der im Zürcher Club Labyrinth Trauben serviert. Bauer hat sich von einer Sequenz eines Videos der Labyrinth-Schutzraumparty vom 22.10 – 23.10.1994 inspirieren lassen. Von diesem Abschnitt angeregt, malte Bauer weitere Papierarbeiten in Aquarell, Kohle und Bleistift, die an der gegenüberliegenden Wand mit Magneten befestigt sind. Entsprechend des alten Videomaterials sind sie in einer verwischten, unscharf wirkenden Manier gemalt. Mit Side by side entwirft Marc Bauer ein vielschichtiges Gefüge aus Erinnerungen, Archiv und gegenwärtiger Bildproduktion über Intimität, Begehren und Feierkultur zu einer Zeit als Queer-Sein nicht offen ausgelebt werden konnte, gegenüber seiner zeitgenössischen Perspektive und lädt uns zum gemeinsamen Reflektieren ein.