The shadow of lustre ist die erste Einzelausstellung des international etablierten Künstlers Amol K. Patil in der Schweiz. Gezeigt werden Bronzeskulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Videoarbeiten, eingebettet in die pulsierenden Lichtsetzungen seiner poetischen Installationen. Patils künstlerische Praxis setzt sich mit Fragen des indischen Kasten- und Klassensystems sowie mit der Unsichtbarkeit der arbeitenden Klasse in gesellschaftlichen Narrativen auseinander. Die Ausstellung entstand 2025 in Zusammenarbeit mit der Röda Sten Konsthall in Göteborg, Schweden, und wurde von Amila Puzić kuratiert.
Diese Solopräsentation bedeutet ein neues Kapitel für die Ausstellung und widmet sich den Erfahrungen von Dalits, Angehörigen der niedrigsten Kaste in Indien, die aus ländlichen Regionen in die Städte migrierten und sich in den Arbeiter*innenvierteln der Heimatstadt des Künstlers, Mumbai, niederliessen.
Die Ausstellung lädt dazu ein, die Spuren menschlicher Geschichte sowie das Leben und die Gespräche verschiedener Generationen zu entdecken – sichtbar in Rissen der Wände, durch Farbschichten hindurch, auf der Haut und im unmittelbaren Erleben von Berührung.
(Amol K Patil)
Der erste Ausstellungsraum ist der Serie The shadow of lustre (2025) gewidmet, die sich über bühnenartige Konstruktionen entfaltet: acht Gemälde, ausgeführt in Tusche auf wasserbasierter Farbe auf MDF, achtzehn Bronzeskulpturen, eine Videoprojektion und eine Videoinstallation, die Körperteile — Hände, Füsse, Arme, Rumpf — und Spuren ihrer Arbeit zeigt. Dieses Werkensemble basiert auf den sogenannten “Chawls“, den Massenwohnkomplexen in Mumbai, und auf den Geschichten verschiedener Personen aus dem Buch One hundred years and one hundred voices. Dichte Wohnstrukturen mit langen Korridoren, gesäumt von kleinen Zimmern, die vorwiegend von Textilarbeiter*innen und Familien der Arbeiterklasse bewohnt werden, die in die Stadt zogen, um ein stabiles Einkommen und eine Zukunft für die nächste Generation zu sichern. Diese Räume sind nicht nur Wohnorte, sondern soziale Umgebungen, in denen das Leben kollektiv verläuft. Bei geringer Privatsphäre dringt das häusliche Leben in die gemeinschaftlichen Korridore; Körper, Stimmen und Gesten vermischen sich. Die Wände tragen Farbschichten verschiedener Generationen, in den Ecken verbergen sich Geheimnisse, und die Küche trägt noch den Duft frisch gemahlener Gewürze.
Who is invited to the city? (2025), eine Serie von zwölf Gemälden (Acryl auf Leinwand) begleitet von einer Videoarbeit gleichen Titels, ist im zweiten Ausstellungsraum zu sehen. Die Videoarbeit wurde erstmals auf der Gwangju-Biennale gezeigt und entfaltet sich in nächtlicher Dunkelheit, lediglich erleuchtet von tragbaren Fackeln, die von jungen Gestalten gemeinsam durch die Nacht getragen werden. Die Fackeln werfen Licht auf nackte Füsse, Jeans, Hände und Körperfragmente – Gesichter bleiben jedoch stets verborgen. Grillenzirpen prägt die Klanglandschaft, begleitet von einem Voice-over, das über Licht, Sehen, Distanz, Hunger und die Sehnsucht nach einer Stadt reflektiert, die scheinbar anderen gehört. Auf der Suche nach Licht ist die Arbeiterklasse weite Strecken in die Städte gereist; doch je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr sehen sie sich ständiger Anstrengung und der Dunkelheit endloser Strassen gegenüber. Geräusche begleiteten sie auf ihren langen Reisen, und in dieser Arbeit dienen sie als Metapher für ihre lebhaften Gespräche über das Leben in den Städten.
Im dritten und letzten Raum der Ausstellung wird die Skulptur The shadow of lustre I präsentiert, die von einer einzelnen, über ihr hängenden Glühbirne beleuchtet wird. Die Skulptur bewahrt bewusst eine raue Oberflächenstruktur, die an menschliche Haut erinnert, welche durch intensive körperliche Arbeit gezeichnet ist. Die zahlreichen Fussabdrücke im unteren Bereich der Skulptur verweisen auf die unzähligen Wege, die Menschen von ländlichen Regionen in die grossen Städte zurückgelegt haben. Diese Wege stehen sinnbildlich für Formen des Protests, die sich in Musik, Theater, Poesie und gesprochener Sprache artikulierten, mit dem Ziel, gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen, Anerkennung einzufordern und bestehende Kastenhierarchien zu hinterfragen.
Im Verlauf der Ausstellung spielt Licht eine zentrale Rolle und verknüpft die Werke auf subtile und sinnstiftende Weise. Schlichte Glühbirnen, theatralische Dunkelheit und sanfte Beleuchtung erzeugen eine Atmosphäre, in der Figuren erscheinen und wieder verschwinden, schwebend zwischen Sichtbarkeit und Verborgenheit. Der Titel The shadow of lustre verweist auf diese Spannung: “Lustre“ als Schimmer, Verheissung oder Helligkeit, “Shadow“ als deren notwendiges Gegenstück.
















