Die Galerie Eva Presenhuber widmet Dieter Roth (1930–1998), einem der bedeutendsten und einflussreichsten Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts, erstmals seit Dieter Roth. Drawings (2007) wieder eine Ausstellung. Sie vereint Werke aus den späten 1960er- bis in die 1980er-Jahre und führt exemplarisch vor Augen, wie Roth mit seinem offenen Werkbegriff die Grenzen zwischen Werk, Material und Arbeitsprozess neu definierte. Parallel dazu zeigt die Galerie die achte Zürcher Einzelausstellung von Josh Smith, für den Dieter Roth bis heute eine wichtige künstlerische Referenz darstellt.

Für Dieter Roth (1930–1998) war das Atelier nie bloss der Ort, an dem Kunst entstand. Es wurde in vielen Werken selbst zum Gegenstand seiner künstlerischen Praxis. Über mehr als vier Jahrzehnte entwickelte Roth ein Werk, das die Grenzen zwischen Produktion und Resultat, zwischen Alltag und Kunst, zwischen Werk, Werkzeug und Material konsequent befragte. Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts hat die Vorstellung des autonomen Kunstwerks derart grundlegend infrage gestellt wie Dieter Roth. Seine Arbeiten entstehen nicht aus der Distanz zum Leben, sondern aus dessen unmittelbarer Nähe. Werkzeuge, Farbreste, Polaroids, Verpackungen oder Alltagsgegenstände erscheinen nicht als zufällige Relikte eines Arbeitsprozesses, sondern besitzen denselben Status wie Zeichnungen, Druckgrafiken oder Gemälde. Das Atelier wird zu einem offenen System, in dem Spuren, Handlungen und unterschiedlichste Materialen Teil eines künstlerischen Zusammenhangs werden kann. Diese Haltung zeigt sich exemplarisch in den hier präsentierten Arbeiten. Bemalte Ablagen, Objektassemblagen, Druckgrafiken, Selbstzeichnungen oder Werke aus ungewöhnlichen Materialien wie Schokolade oder Glühbirnen verweisen weniger auf unterschiedliche Werkgruppen als auf ein Denken, das den Arbeitsprozess selbst zum eigentlichen Gegenstand der Kunst macht.

Diese aussergewöhnliche Experimentierfreude verband er immer wieder mit einer radikalen Selbstbefragung: Das eigene Leben wird zum Material der Kunst, ohne jemals zu einer autobiografischen Erzählung im klassischen Sinn zu werden. Insbesondere die zahlreichen Selbstzeichnungen und Selbstbildnisse bilden keine kontinuierliche Selbstdarstellung, sondern eine permanente Überprüfung der eigenen Existenz. Identität erscheint dabei nicht als feste Grösse, sondern als etwas Prozesshaftes, Fragiles. Bereits früh entwickelte Roth für sein Werk den Begriff der «Selbste» – ein Begriff, der weniger ein abgeschlossenes Selbstbild als einen fortlaufenden Prozess der Selbstbeobachtung beschreibt.

Roths Interesse gilt dabei weniger abgeschlossenen Formen als einem Werkbegriff, der Veränderung und Prozess mitdenkt. Viele seiner Arbeiten entwickeln sich über die Zeit weiter, reagieren auf die Eigenheiten ihrer Materialien oder thematisieren Vergänglichkeit als grundlegende Dimension künstlerischer Erfahrung. Gerade darin liegt die anhaltende Aktualität von Dieter Roth. Seine Auffassung von Kunst als offenem Prozess, in dem Werk, Material und Leben untrennbar miteinander verbunden sind, hat bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren.

Die Parallelität der Ausstellung mit Josh Smith verweist deshalb weniger auf formale Verwandtschaften als auf eine gemeinsame Haltung gegenüber dem künstlerischen Arbeiten. Beide Künstler verstehen das Atelier als einen Raum permanenter Auseinandersetzung, in dem Werk, Material, Denken und Leben untrennbar ineinandergreifen.

(Text von Dr. Raphael Gygax)