Die Galerie Eva Presenhuber freut sich, mit The slope (Works 2005–2026) ihre zehnte Ausstellung des Schweizer Künstlers Valentin Carron zu präsentieren. Sie ist von Samuel Gross kuratiert und als Retrospektive von Carrons zwanzigjähriger Zusammenarbeit mit der Galerie konzipiert.

Seit über zwei Jahrzehnten legt Valentin Carron mit einer Mischung aus Nüchternheit und Ironie die starren Fragmente des modernen Traums frei. In dieser Retrospektive präsentiert er die Vielfalt seines Werks gänzlich ohne Künstlichkeit. Die Ausstellung ist entlang zweier imaginärer Linien strukturiert, an denen Skulpturen und Wandarbeiten nach Grösse und Format angeordnet sind. Diese abstrakte Positionierung lässt die Werke zu einer kühlen, aber intensiven Abfolge von Motiven werden.

Während Carrons Werk stets darauf abgezielt hat, die Widersprüche unserer Beziehung zum modernen Traum offenzulegen, richtet der Künstler seine Ironie auch gegen sich selbst. Er klassifiziert, ordnet und analysiert. Damit erinnert er uns an unsere eigenen Illusionen von Kreativität und Veränderung. In dieser Ausstellung blickt er zurück und stellt sich vor, dass alles von ihm Erschaffene lebendige Materie geblieben ist. Die Besucher:innen nehmen die Rückbezüge wahr, die durch die antichronologische Ordnung betont werden.

Der Künstler bleibt seiner enttäuschten Wahrnehmung der Welt treu. Doch gerade seine Sensibilität erlaubt es ihm, diese Enttäuschung in einen Spiegel zu verwandeln, in dem wir uns selbst erkennen. Carrons Blick dringt dabei gleichermassen hinter unsere persönlichen Schwächen wie hinter die Kleinlichkeit gesellschaftlicher Konventionen. Er weiss, dass er dieses Schicksal mit uns teilt und macht es sich zur Aufgabe, genau das zu beleben, was wir eigentlich lieber vergessen würden.

Wie der Titel The slope andeutet, bedeutet das moderne Leben, die Abfahrt vom steilen Hang ebenso zu akzeptieren wie die dabei nötige Anstrengung, dabei auf den Beinen zu bleiben. Künstlersein heisst für Carron, sich fest in der Realität zu verankern, so dass man ihre Mängel und Risse wahrnimmt. Er steht am Hang, wie wir alle.

Der grosse Adler (1967 (after Fornage), 2004) aus Harz ist eine exakte Kopie einer Skulptur, die auf dem Parkplatz eines ehemaligen Möbelhauses in einem Vorort zurückgelassen wurde. Die monumentale Uhr (Orologio IV, 2008), die wie aus Beton gefertigt erscheint, erinnert an jene, die seit dem Aufkommen von Mobiltelefonen mit Zeitanzeige in Vergessenheit geraten sind. Die Farbe verfestigt sich in blinden Buntglasfenstern (Die unglaubwürdige Wissenschaft der anmutig zusammenhängenden Lobeshymnen, 2013). Sie verflüssigt sich im Entwurf vergrösserter Buchumschläge, die über Rohrrahmen gespannt sind (La grande rechute, 2013), oder nimmt ihr volkstümliches und popkulturelles Schicksal an (L’inquiéte silhouette, 2017). In der Skulptur wird die menschliche Figur allgegenwärtig und beinahe zum Stereotyp mit verzehnfachter Wirkung (L’amitié, 2026).

Die Ausstellung fungiert als Fenster zu unserer Fähigkeit, das Entgleiten unserer Träume zu überleben. Im letzten Raum, der wie Carrons Atelier oder Archiv wirkt, erhalten die Besucher einen Eindruck jener besonderen Energie, die es ihm ermöglicht hat, so lange am Rand der Welt zu verbleiben. Carron ist jener aussergewöhnliche Freund, der keine Zugeständnisse an den „guten Geschmack“ macht, uns jedoch dazu zwingt, der Radikalität seiner Wahrnehmung zu vertrauen.

Diese Ausstellung ist zugleich ein Porträt des rebellischen, aber fantastisch sensiblen Teenagers, den Carron uns gern zeigt. Und allein aus diesem Grund würden wir nur allzu gern daran glauben, dass zwanzig Jahre nichts sind.

(Text von Samuel Gross)