Ich bin davon überzeugt, dass von allen Äusserungen des Vergänglichen der menschliche Körper am verwundbarsten ist, die einzige Quelle aller Freude, allen Leidens und aller Wahrheit.
(Alina Szapocznikow)
Im Rahmen des Zurich Art Weekend 2026 feiert Hauser & Wirth in seiner Galerie an der Bahnhofstrasse den hundertsten Geburtstag der polnischen Künstlerin Alina Szapocznikow mit einer Ausstellung über das Leben und Werk der Bildhauerin. Gefeiert wird in zwei Städten: Während in Zürich Alina Szapocznikow. Autobiography in fragments ein Schlaglicht auf das kurze, aber überaus innovative Schaffen der Künstlerin wirft, findet eine entsprechende Ausstellung der Galerie Loevenbruck in Paris statt. Beide Präsentationen ergänzen einander und stellen ein Werk aus jedem Jahr vor, in dem Szapocznikow als Bildhauerin arbeitete – von der Mitte der 1940er-Jahre bis in die frühen 1970er-Jahre. So vermitteln sie ein umfassendes Bild von der Ausdruckskraft des künstlerischen Schaffens, mit dem Szapocznikow die Skulptur als intimes Verzeichnis gelebter Erfahrung neu erfand.
Geboren 1926 als Kind jüdischer Eltern, überlebte Alina Szapocznikow als junges Mädchen den Holocaust in mehreren Konzentrationslagern. Direkt nach dem zweiten Weltkrieg begann sie, Bildhauerei zu studieren, zuerst in Prag (1945), dann an der Pariser École des Beaux Arts (1947). Zunächst arbeitete Szapocznikow klassisch-figurativ, indem sie Menschen in statischen und naturalistischen Posen darstellte. Ihre in Zürich gezeigten frühen Werke sind aufmerksame Studien der anatomischen Proportionen und Volumen menschlicher Körper, was auch auf ihre Gipsbüsten wie Autoportret (Selbstporträt) aus dem Jahr 1948 zutrifft. 1951 kehrte die Künstlerin zurück nach Polen. Nach Stalins Tod im Jahr 1953 und der anschliessenden Lockerung der Restriktionen, die für Kunstschaffende in der Sowjetunion galten, ging Szapocznikow künstlerisch vollkommen neue Wege. Sie gab die naturgetreue Darstellung auf und begann, mit abstrahierten Figuren zu experimentieren. Beispiele hierfür sind Skulpturen wie Kwiato-owoc (Blüte-frucht), (1957–1958) und Forma II (Form II) (1959).
Zu Beginn der 1960er-Jahre hatte Szapocznikow die Skulptur radikal neu erfunden: als Protokoll ihres persönlichen Erinnerns und Biographie ihres eigenen Körpers. Sie sah den menschlichen Körper nicht länger als intaktes Ganzes, sondern betonte seine Verletzlichkeit und Vergänglichkeit, indem sie ihn fragmentierte. Ab 1962 verwendete sie Abdrücke ihres eigenen Körpers und experimentierte mit unkonventionellen Materialien wie Polyesterharz und Polyurethanschaum. Ähnlich wie andere Künstler ihrer Zeit, etwa Louise Bourgeois, Tetsumi Kudo, Eva Hesse und Paul Thek, veränderte sie damit die visuelle Sprache der Nachkriegsbildhauerei. 1966 ergänzte Szapocznikow ihr Werk um ein neues typisches Element: Licht. Sie schuf zahlreiche funktionale Skulpturen aus Polyesterharz, darunter leuchtende weibliche Lippen, die aus einem blütenstielartigen Lampenfuss zu wachsen scheinen und wie eine Lampe eingeschaltet werden können. Die praktische Nutzbarkeit dieser Objekte widerspricht der Natürlichkeit ihrer Form und ihrer glühenden Körperlichkeit. Die im Spannungsfeld zwischen Haushaltsgegenstand und Körperskulptur oszillierenden Lampen Szapocznikows zeigen einen inneren Widerspruch, der, so scheint es, bewusst Unbehagen auslösen soll.
1969 wurde bei Szapocznikow Brustkrebs festgestellt – die Krankheit, an der sie schliesslich 1973 verstarb. Sie verarbeitete die Diagnose, indem sie Tumor-skulpturen (1969 – 1972) anfertigte: kleine Harzklumpen, die dem, was in ihrem Körper wucherte, eine sichtbare Form gaben, und in denen sie Fotografien, Zeitungsausschnitte und Gaze vergrub. Erstmals tauchten nun in ihren Werken auch Hinweise auf den Holocaust auf, etwa in ihrer Serie Souvenirs (1967 – 1971), für die sie Fotografien in transparente Harzschichten hüllte. In der Skulptur Pamiatka I (Souvenir I) (1971) verschmilzt Szapocznikow ein Urlaubsfoto, das sie selbst als junges Mädchen zeigt, mit dem Gesicht eines weiblichen KZ-Opfers und verweist somit gleichzeitig auf die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, indem sie persönliche Erinnerungen mit dem kollektiven Gedächtnis verbindet. Wie die Abgüsse einzelner Körperpartien hat auch die Fotografie für Szapocznikow eine indexikalische Beziehung zum Subjekt, indem sie gleichzeitig dessen Anwesenheit und Abwesenheit bezeugt.
In ihrer letzten Schaffensperiode nahm Szapocznikow immer wieder – fast schon obsessiv – Abgüsse von eignen Körperpartien und den Körpern ihrer Liebsten, etwa ihres Sohnes. Für die Herbier-Serie, hier durch das faszinierende Objekt Herbier bleu I (Blue herbarium I) (1972) vertreten, fertigte Szapocznikow aus solchen Abgüssen Flachreliefs aus Polyesterharz, die an menschliche Haut erinnern und wie medizinische Präparate oder Leichentücher wirken. Wie in den Human Landscapes, ihren traumbildhaften Zeichnungen aus den Jahren 1971 und 1972, zerfallen die früheren sinnlich-voluminösen Formen ihrer Skulpturen zu fragilen, flachen Gebilden, die auf die Vergänglichkeit des Körpers verweisen. In einem Text, den Szapocznikow 1972 im Rückblick auf ihre Arbeiten verfasste, bezeichnete sie diese als «unbehagliche Objekte»: «Ich versuche, die Flüchtigkeit des Lebens festzuhalten, seine Widersprüche und seine Absurdität.» Obwohl sie sich selbst vor allem als Bildhauerin sah, hat Szapocznikow auch mehr als 600 Grafiken und Monotypien hinterlassen, die Teil ihres bildhauerischen Schaffens sind. Die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten auf Papier sind eigenständige Kunstwerke, die durch ihre Komposition und Struktur das bildhauerische Oeuvre Szapocznikows ergänzen und widerspiegeln.
Als Hommage an die Künstlerin und deren unermüdliche Experimentierfreude ist Autobiography in fragments ein Beleg für die Fähigkeit Szapocznikows, den menschlichen Körper in seiner ganzen Verwundbarkeit, Fragilität und Resilienz zu erfassen. Neben dieser auf zwei Städte aufgeteilten Schau zeigt das Muzeum Narodowe w Krakowie in Krakau (Polen) vom 20. März bis zum 23. August 2026 die Ausstellung Szapocznikow. Personal.















