Furcht vor dem Untergang des Abendlandes und der westlichen Zivilisation hat Tradition. Oswald Spenglers Vorhersage von 1918 – die „Kultur“ des Abendlandes werde in einer urbanen, hochtechnischen „Zivilisation“ untergehen und der Untergang dieser Zivilisation um das Jahr 2000 mit dem Abstieg der Demokratie und dem Aufstieg des „Cäsarismus“ autoritärer Herrscher beginnen – scheint sich zu bewahrheiten. Technisierung, Urbanisierung, und Autoritarismus sind auf dem Vormarsch. Demokratie wird angefochten, ihre Vertreter müssen sie verteidigen, und die Phalanx ihrer Gegner gibt in den neuen Medien den Ton an.
Für Spengler war die Transformation von positiv bewerteten Kulturen zu negativ bewerteten Zivilisationen und deren allmählicher Niedergang ein zyklisches Geschehen. Seine Geschichtstheorie verlangte die regelmäßige Erstarrung der Schöpferkraft menschlicher Gesellschaften in einem „Winterzustand“ und ferner, dass auf jeden Untergang einer sterbenden Zivilisation das Aufbrechen einer jungen Kultur folgt. Die Nachfolgefrage im Hinblick auf den prophezeiten Niedergang der westlichen Zivilisation beantwortete Spengler vor gut hundert Jahren durch das das Überreichen der Kulturfackel an Russland. Gemäß Spengler ist jetzt mit dem Aufblühen der Kultur des Ostens zu rechnen – ein Geschenk für Putin, russlandfreundliche Verschwörungstheoretiker und rechtsradikale Blogger.
Es ist nicht erwiesen, dass Putin Spengler gelesen hat. Das muss aber auch nicht sein, denn Putins Geschichtsberater, allen voran Alexander Dugin, kennen die deutsche philosophische Ideenwelt des frühen vergangenen Jahrhunderts gut und haben deren konservative Kulturkritik in ihre Theorie des Eurasianismus eingearbeitet. Diese Theorie geht davon aus, dass Russland keine westliche Nation, sondern eine selbstständige eurasische Kultur ist, mit eigener Geschichte, eigenen Werten und einer eigenen geopolitischen Mission.
Wenn Putin vom Niedergang und der Dekadenz des Westens spricht, die historische Sonderrolle Russlands betont, gegen den „ideologischen Universalismus“ polemisiert, eine „andere Historie“ verlangt, und Anspruch auf Gleichrangigkeit mit dem Westen einschließlich der USA erhebt, dann bringt er Gedanken zum Ausdruck, die im Eurasianismus wurzeln und mit Spenglers Prognose korrespondieren. Der geschichtsnotwendige Untergang des Abendlandes wird in den Augen der Missionare Russlands, seinen Agenten, Desinformationsbrigaden, und westlichen Kollaborateuren, nicht durch russische Subversion erzeugt, sondern nur erleichtert. Wenn Putin erklärt, „Das globale Gleichgewicht wird ohne Russland nicht hergestellt, weder ökonomisch noch strategisch noch kulturell,“ dann stellt sich die Frage: Wie realistisch ist das?
Die Antwort hängt von Trump und den USA ab. Die Kritikpunkte des herrschenden Trumpismus an der Dekadenz und Schwäche des Westens, zügelloser Einwanderung und islamischer „Überfremdung“, insbesondere Westeuropas, harmonieren mit Putins Sicht des Westens. Der Eindruck der Kongruenz wird außerdem durch Trumps Bewunderung für Russlands Starkmann verstärkt. Dieser Anschein trügt jedoch. Putin tut alles, den Untergang des Westens zugunsten Russlands zu beschleunigen. Trump hingegen will den westlichen Untergang nicht nur aufhalten, sondern mit MAGA zugunsten seines Landes umkehren. Putin und Trump gehen also trotz ihrer weitgehend übereinstimmenden Rhetorik an ein- und denselben Untergang mit völlig entgegengesetzten Absichten heran. Es ist wichtig, das zu bedenken.
Die globale strategische und geopolitische Position der Vereinigten Staaten ist derzeit außerordentlich gut.1 Die Chance, dass Trump und der Trumpismus diese momentane Vorrangstellung verspielen werden, ist allerdings auch sehr hoch. Trump ist ein Starkmann und kein Staatsmann und von der „Staatskunst“ der Starkmänner ist nicht zu erwarten, dass sie schwierige innen- und außenpolitische Konflikte lösen wird. Im Gegenteil. Doch darauf weiter einzugehen, ist hier nicht die Aufgabe. Worauf es in diesem Beitrag ankommt, ist zu zeigen, dass Trump und der Trumpismus die prekäre Lage der weißen Amerikaner mit rassistischen Aufrufen und verbalen Attacken gegen nichtweiße Einwanderer ausbeutet.
Die Utopie einer Wiederherstellung der Vorherrschaft der weißen Wähler war ein erfolgreicher Hebel zur Ermöglichung von Trumps populistischer Machtergreifung. Das ist die These, die ich hier vertreten möchte. Rassistische Demagogie war zwar nicht der alleinige Grund seiner beiden Wahlerfolge, aber ein stimmengewinnendes Mittel im Wahlkampf.
Zur Notlage der weißen Nation
Weiße ohne Hochschulabschluss stimmten 2016 in den gesamten USA für Trump und gegen Hillary Clinton. Die Demokratische Partei hatte sich in der Vorstellung gesonnt, nach Barack Obama, Amerikas erstem schwarzen Präsidenten, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr zur Wahl stand, eine Frau ins höchste Amt der Nation zu wählen und damit abermals Geschichte zu machen. Trump dagegen hatte schon seit Jahren die progressiven demokratischen Entwicklungspläne für die USA bekämpft. Seine Verdächtigung Obamas als einen im Ausland geborenen Eindringling und möglicherweise Muslim artikulierte sowohl den latenten Rassismus als auch die steigende Existenzangst vieler Weißer (Protestanten und Katholiken). Sie votierten für Trump und beendeten das informelle Regime der kosmopolitischen liberalen Eliten und ihrer Basis, der urbanen Koalition ethnischer Minderheiten und junger Erwachsener, die zweimal für Obama gestimmt hatte. Weiße gaben Trump mehr Stimmen, als er in den wahlentscheidenden Bundesstaaten Iowa, Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin an ethnische Minderheiten verlor.
Weiße wissen, dass sie nur einen kleinen Teil der Weltbevölkerung ausmachen; sie können das nicht ändern und nehmen es hin. Das gilt aber nicht für ihren sinkenden Anteil in Amerika und Europa. Dort reagieren immer mehr Amerikaner, Engländer, Franzosen, Deutsche, Holländer, usw. nicht mit Resignation, sondern Empörung darauf, zur Minderheit im „eigenen“ Land zu werden. Trump hat diese mit Wut gepaarte Angst kultiviert und seinen weißen Wählern versichert: „Keine Sorge, wir werden unser Land zurückerobern.“
Wiederherstellung der weißen Vorherrschaft war und ist die Grundmelodie des Trumpismus. Wie Merkel zu den Deutschen sagte Trump zu den Amerikanern wir schaffen das, aber Trumps „das“ war das genaue Gegenteil von Merkels einladender Öffnung. Trump versprach Abschließung des Landes und Abschiebung von Immigranten sowie Wiederkehr der Jahre von 1920 bis 1970, in denen fast neun von zehn Amerikanern weiß waren. Das war Musik in den Ohren seiner Wähler; sie hofften, dass er sie vorwärts in ihre goldene Vergangenheit führen werde.
Für schwarze Amerikaner war die MAGA-Botschaft ebenfalls unmissverständlich. In den frühen Morgenstunden des 9. November 2016, als Amerika klar wurde, dass Trump gerade zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war, erklärte der schwarze CNN-Kommentator Van Jones Trumps Sieg nicht als Rückschlag (backlash), sondern als „white-lash“:
Wir haben heute Abend über alles gesprochen, außer über Rasse. Wir haben über Einkommen, Klassen und Regionen gesprochen. Wir haben nicht über Rasse gesprochen. Dies war ein white-lash gegen ein sich wandelndes Land, es war zum Teil ein white-lash gegen einen schwarzen Präsidenten, und das ist der Teil, der schmerzt.2
Seit Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich die ethnische Zusammensetzung der amerikanischen Wählerschaft grundlegend verändert. Der Anteil der nicht-hispanischen Weißen an der wahlberechtigten Bevölkerung ist kontinuierlich gesunken. Lag ihr Anteil im Jahr 2000 noch bei rund 77–78 Prozent, so betrug er 71 Prozent im Jahr 2012, 69 Prozent im Jahr 2016 und 67 Prozent im Jahr 2018. Auch unter den tatsächlichen Wählern setzte sich dieser Rückgang fort: nicht-hispanische Weiße stellten 73 Prozent der Wähler im Jahr 2020 und 71 Prozent im Jahr 2024.
Während der zweiten Amtszeit von Präsident Obama wuchs die Zahl der Wahlberechtigten zwischen 2012 und 2016 um etwa 10,7 Millionen Personen. Rund 7,5 Millionen dieses Nettozuwachses entfielen auf Schwarze, Hispanics, Asiaten und andere ethnische Minderheiten; nur etwa 3,2 Millionen auf nicht-hispanische Weiße. Damit stammten mehr als zwei Drittel des Wachstums der wahlberechtigten Bevölkerung in diesem Zeitraum aus Minderheiten.
Bereits Mitte der 2010er Jahre prognostizierte das amerikanische Amt für Statistik (US Census Bureau), weiße Kinder würden um das Jahr 2020 keine Mehrheit mehr unter den unter 18-Jährigen bilden. Diese Entwicklung ist inzwischen eingetreten: Nach Auswertungen der Volkszählung 2020 stellen nicht-hispanische Weiße weniger als die Hälfte der Kinder in den USA. Auch bei den unter Fünfjährigen lag ihr Anteil bereits deutlich unter 50 Prozent. Die Millennials – je nach Definition etwa zwischen 1981/82 und Mitte/Ende der 1990er Jahre geboren – waren bereits Mitte der 2010er Jahre deutlich vielfältiger als frühere Generationen; rund 44 Prozent von ihnen gehörten einer ethnischen Minderheit an. Die nachfolgenden Generationen (Generation Z und Generation Alpha) weisen nochmals höhere Diversitätsanteile auf, was die langfristige demografische Verschiebung weiter verstärkt.
Für den Anteil der nicht-hispanischen Weißen an der Gesamtbevölkerung sagen neuere Projektionen einen „Mehrheits-Minderheiten“ Status um das Jahr 2045 voraus. Sie werden Mitte der 2040er Jahre voraussichtlich erstmals weniger als 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Kurz: Die Vereinigten Staaten bewegen sich auf eine Gesellschaft zu, in der keine ethnische Gruppe mehr die absolute Mehrheit stellt.
Für den sozialwissenschaftlich geschulten Beobachter erscheint dieser demografische Trend eindeutig und unumkehrbar, nicht so für Trump und seine Anhänger. Für sie sind wissenschaftliche Behauptungen grundsätzlich suspekt. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel oder demografisch-statistische Prognosen machen da keinen Unterschied – alles Falschmeldungen. Politischer Voluntarismus ist ihr Credo und extreme Selbstverteidigung ihr Ausweg. Sie verstehen sich weniger als gefährdete Spezies und mehr als vom „Völkermord an den Weißen“ Betroffene.
Die morbide Lage der weißen Bevölkerung der USA wurde erstmals im Dezember 2015 von dem Sozialwissenschaftler-Ehepaar Anne Case und Angus Deaton dokumentiert, die „einen deutlichen Anstieg der Gesamtsterblichkeit von weißen, nicht-hispanischen Männern und Frauen mittleren Alters in den Vereinigten Staaten zwischen 1999 und 2013“ erkannten.3
Das war ein unerwartetes Ergebnis. Alle ethnischen Gruppen in Amerika und vergleichbaren Ländern wiesen für diese Altersgruppe sinkende Sterblichkeitsraten auf. Bei den weniger gebildeten amerikanischen Weißen war jedoch eine steigende Sterblichkeitsrate zu beobachten. Case und Deaton brachten diese Umkehrung mit Drogen- und Alkoholvergiftungen, chronischen Lebererkrankungen, Selbstmord, psychischen Problemen und Arbeitsunfähigkeit in Verbindung.
Ihre nachfolgenden Untersuchungen zeigten, dass die Notlage der weißen Amerikaner im Südwesten der USA um 2000 begann, auf die Appalachen, Florida und die Westküste übergriff und um 2015 das ganze Land erfasst hatte, wobei sowohl ländliche als auch städtische Gebiete betroffen waren. Zur Erklärung dieser „Todesfälle aus Verzweiflung“ (deaths of despair, definiert als Tod durch Drogen, Alkohol und Selbstmord) verwiesen Case und Deaton auf „den Zusammenbruch der weißen, hochschulgebildeten Arbeiterklasse nach ihrer Blütezeit in den frühen 1970er Jahren und die mit diesem Niedergang einhergehenden Pathologien.“
Während die Gesamtsterblichkeit in Ländern wie Frankreich, Deutschland, Schweden und Kanada seit 1990 kontinuierlich zurückging, stagnierte sie in den USA zunächst und stieg ab 2014 deutlich an. Besonders stark war der Anstieg bei Überdosierungstodesfällen im Zuge der Opioid- und Fentanyl-Krise. Zwischen 2019 und 2023 überschritten die drogenbedingten Todesfälle in den USA zeitweise die Marke von 100.000 pro Jahr – eine Zahl, die dem Verlust einer Großstadt entspricht.
Die COVID-19-Pandemie verschärfte diese Divergenz zusätzlich. Die USA verzeichneten 2020–2022 einen stärkeren Rückgang der Lebenserwartung als die meisten westeuropäischen Vergleichsländer. Erst ab 2023 zeigen sich leichte Verbesserungen, allerdings auf weiterhin hohem Mortalitätsniveau. Andere englischsprachige Länder wie Großbritannien, Kanada und Australien erlebten ebenfalls Anstiege bei Überdosierungen, Doch nirgendwo erreichte die Entwicklung die Wucht der Vereinigten Staaten. Diese transatlantische Divergenz, die bis 1990 zurückverfolgt werden kann, ist heute statistisch eindeutig.
Ungleichheit in den USA war und ist ein Killer sowie Steigbügelhalter für Trump.4 Die Opfer der Ungleichheit sind sozial isoliert, von mangelnder Bildung und schlechter Gesundheit, haben Eheprobleme und Schwierigkeiten bei der Kindererziehung. Doch weder die steigenden Bildungsanforderungen einer technologiegetriebenen Wirtschaft noch die Härten des weltweiten Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt sind Probleme, die nur die USA betreffen. Typisch amerikanisch ist aber der Widerstand gegen ein nationales Sicherheitsnetz mit allgemeiner Gesundheitsversorgung, robuster Sozialhilfe und Erwachsenenbildung. In den USA werden die Schocks des allgemeinen Wandels nicht gemildert, sondern von den Körpern der Armen direkt absorbiert.
Wie kommt es, dass Trump Menschen, die sich in dem von Case und Deaton beschriebenen, bedauerlichen Zustand befinden, „liebt“? Die Antwort ist einfach: Trump liebt die, die ihn lieben. Das hatte Hillary Clinton richtig gesehen, aber falsch zugespitzt, als sie im September 2016 Trumps Anhänger als „erbärmlich“ (deplorable) bezeichnete. Ihre Einschätzung – „er hat sie emporgehoben“ – war einwandfrei, unterschlug aber die objektiv unglückliche Lage der weißen Arbeiter zugunsten ihrer Kritik an deren Ansichten („rassistisch, sexistisch, homophobisch, xenophobisch, islamophobisch“).
Der gegenwärtige Vizepräsident der Vereinigten Staaten, J(ames) D(avid) Vance, erfuhr die Verheerung der weißen amerikanischen Arbeiterklasse hautnah als Heranwachsender. Vances Hillbilly-Elegie – seine autobiographische Beschreibung der von Globalisierung und Automatisierung überrollten, weißen, ländlichen Arbeiter in Ohio – erschien 2016 und wurde während Trumps erstem Wahlkampf zum Bestseller.5 Seinerzeit noch Trump Gegner („ungeeignet für das höchste Amt der USA“) konvertierte er rasch zum Trump Anhänger und Ideologen des Trumpismus. 2019 trat er überdies vom Protestantismus zum Katholizismus über.
Vance rechtfertigt die Verbreitung alternativer Fakten („Wenn ich Geschichten erfinden muss, damit die amerikanischen Medien endlich auf das Leiden der Amerikaner aufmerksam werden, dann mache ich das“), hat auf die Gräber seiner Vorfahren in Ost-Kentucky hingewiesen, um zwischen geborenen (heritage) und naturalisierten Amerikanern zu unterscheiden, und dürfte 2028 für das Amt des Präsidenten antreten.
Der Roman einer Immigrationsapokalypse
Steve King, ein Republikaner aus Iowa, twitterte 2017 im Namen des „niederländischen Trump“ (Geert Wilders): „Wilders versteht, dass Kultur und Demografie unser Schicksal sind. Wir können unsere Zivilisation nicht mit den Babys anderer wiederherstellen.“ King erklärte, er sei weder rassistisch noch grundsätzlich gegen Einwanderer, doch Diversität sei ein Problem, weil nicht nur „anständige“ Menschen in die USA kämen. Zur Veranschaulichung empfahl er Jean Raspails Roman Das Heerlager der Heiligen.6
Raspail nahm die heute vorherrschende Furcht der westlichen Populisten vor gut einem halben Jahrhundert vorweg. Er malte aus, dass Millionen dunkelhäutiger Menschen in die offenen Gesellschaften weißer, wohlhabender Nationen strömen könnten. Seine Vorstellung einer überwältigenden Flut von ökonomischen Flüchtlingen aus armen Ländern, die Raspail als „umgekehrte Kreuzzüge“ beschrieb, ist ein Schlüsseltext zum Verständnis der weißen Reaktion auf ihre demografischen Todesängste.
Das Heerlager der Heiligen schildert den ersten dieser gewaltfreien Kreuzzüge. Eine Flotte von einer Million Indern aus dem von Hungersnöten geplagten Kalkutta ist auf hundert heruntergekommenen Schiffen in Richtung auf die französische Riviera unterwegs. Sie ist die „Vorhut einer Antiwelt,“ die aufgebrochen ist, an die „Tore des Überflusses“ zu klopfen und mit hungrigen jungen Menschen zu überrennen. Raspail lässt den indischen Informationsminister zum belgischen Konsul in Kalkutta sagen:
Es gibt keine Dritte Welt mehr. Das ist nur ein Ausdruck, den ihr erfunden habt, um uns in unsere Schranken zu weisen. Es gibt nur noch eine einzige Welt. Mein Land ist ein reißender Fluss, ein Fluss aus Sperma, und plötzlich ändert dieser Fluss seinen Lauf und fließt nach Westen.7
In Raspails Roman sprechen die umgekehrten Kreuzritter nicht, „sie knurren nur.“ Sie kopulieren auf den Decks ihrer Schiffe „in einem Gewirr aus Dreck und Ausschweifungen“ und vertrauen im Übrigen darauf, mit ihrer „Last Chance Armada“ in das westliche „Paradies von Milch und Honig“ einzudringen. Sie sind guter Hoffnung, denn „für sie bedeutet weiße Hautfarbe schwache Überzeugungen.“
Gemäß Raspail ist ein „anonymes, allgegenwärtiges Monster“ – das „apokalyptische Biest“ – daran, „die westliche Welt zu zerstören“ und anstatt sich zu wehren, lenken die westlichen Eliten ein. Vom Papst und seinen Klerikern über die französischen Beamten bis hin zu den Presseleuten und ihren Experten sind sich alle einig, dass „eine angemessene Aufnahme im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit“ für die Armada der Armen gerechtfertigt sei. Nur ein Journalist einer jungen libertären Zeitung widerspricht. In einer Pressekonferenz im Elysée-Palast fragt er den Sprecher der französischen Regierung:
Nehmen wir an, die westlichen Nationen entschließen sich, die Flüchtlingsflotte mitten auf dem Ozean zu versorgen. Sehen Sie nicht, dass Sie damit einfach Ihren Feind ernähren und eine Million Eindringlinge mästen? Und wenn diese Flotte schließlich die Küste Frankreichs erreichen und diese Million Eindringlinge an den Strand werfen sollte – hätte die Regierung dann den Mut, sich gegen genau die Horden zu stellen, die sie durch ihre Güte gerettet hat?8
Der Roman beantwortete die Frage damit, dass der französische Präsident am Ende das Feld räumt. Anstatt dem Militär zu befehlen, Feuer zu eröffnen und die Landung der Flüchtlinge mit allen Mitteln zu verhindern, schlägt er den Truppen vor, „diese monströse Mission für sich selbst abzuwägen und sich frei zu fühlen, sie anzunehmen oder abzulehnen.“ Ihrem eigenen Gutdünken überlassen, geben die französischen Offiziere und Soldaten ihre Stellungen entlang der Mittelmeerküste auf. Die Flüchtlinge haben ihr Ziel erreicht und können mit der „Invasion“ des westlichen Paradieses unbehindert beginnen. Raspail sagte dazu später: „Ich habe dem weißen Abendland seine letzte Chance auf Erlösung verweigert.“
Die politische Stoßrichtung des Romans war nicht das problematische Gefälle zwischen armen und reichen Ländern, sondern die moralische Schwäche der herrschenden westlichen Eliten. Für rechte Politiker wie den Abgeordneten King war Raspails Kritik an der nachgiebigen Haltung des Westens eine Schlüsselgeschichte, aus der es zu lernen galt, hart und kompromisslos gegen farbige Immigranten „aus aller Welt“ vorzugehen und sich für „unsere [weiße] Zivilisation“ in die Schanze zu schlagen.
Raspails Fiktion, die anfangs nur wenigen bekannt war, beeindruckte die Populisten Europas und wurde in rechtsextremen Kreisen zusammen mit anderen schockierenden Schriften (zum Beispiel Renaud Camus’ Werk über den Großen Austausch, Le grand remplacement, 2011) verbreitet und emporgetragen. Trumps erster Wahlkampf machte den Roman auch auf der amerikanischen Seite des Atlantik zu einem Lehrstück. Dafür sorgten Steve Bannon, Sebastian Gorka, Jeff Sessions, und Stephen Miller. So kommentierte Bannon, nachdem Bundeskanzlerin Merkel im Herbst 2015 Hunderttausende syrischer Flüchtlinge in Deutschland willkommen geheißen hatte: „Das ist keine Migration. Das ist eine Invasion. Ich nenne es das Lager der Heiligen.“9
Die Unterscheidung zwischen „guten Menschen“ und kriminellen Immigranten war von Anfang an Trumps Markenzeichen. In seiner Ankündigungsrede kam er auf die unerwünschten Einwanderer zu sprechen:
Wenn Mexiko seine Leute schickt, schickt es nicht seine Besten. Es schickt nicht Sie. Es schickt nicht Sie. Es schickt Leute, die viele Probleme haben, und diese Probleme bringen sie zu uns. Sie bringen Drogen. Sie bringen Kriminalität. Sie sind Vergewaltiger. Und einige, nehme ich an, sind gute Menschen.10
Kurz darauf verstärkte Trump seine Position noch einmal: „Ich spreche nicht nur von Mexikanern, ich spreche von Menschen aus aller Welt, die Mörder und Vergewaltiger sind und in dieses Land kommen.“11 Trump präsentierte sich der Nation (und dem weltweiten Publikum, das den amerikanischen Wahlkampf aufmerksam verfolgte) als glaubhafter anti-Immigrations-Präsident, der zweifellos befehlen würde, das Feuer auf die indischen Eindringlinge zu eröffnen.
„Üble Typen“ – einst und jetzt
Demografie ist eine Sozialwissenschaft, die Bevölkerungen und deren Strukturen statistisch erfasst und theoretisch beschreibt. Ihre Daten – zur Geburtenzahl, Sterblichkeitsrate, Aus- und Einwanderung usw. – sind entweder ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ doch niemals ‚gut‘ oder ‚schlecht‘, ‚zu viel‘ oder ‚zu wenig‘. Die letzten vier Adjektive kommen nicht als wissenschaftliche, aber überaus gewichtige Bewertungen ins Spiel, etwa wenn sinkende Geburtenzahlen steigende Sozialabgaben erfordern oder Demografie als „unser Schicksal“ (King) angesehen wird (weil mehr braune Babys geboren werden).
Es ist offensichtlich: die auf beiden Seiten des Atlantik weit verbreitete Ablehnung nichtweißer (christlicher oder nicht-christlicher) Immigranten und ihrer Kinder ist vor allem rassistisch begründet. Fromme Beteuerungen, dass dem nicht so sei, sind Augenwischerei. Es ist aber auch nicht unerhört, demografischen Daten in subjektiv oder kollektiv bestimmte Wertskalen einzutragen, um ihre gesellschaftliche Bedeutung zu bestimmen. Diese Skalen haben wenig mit Bevölkerungswissenschaft als Wissenschaft zu tun, dafür umso mehr mit Bevölkerungspolitik als gesellschaftliche Herausforderung und Aufgabe. Weiße Vorherrschaft anzuzielen, fällt nicht aus dem Rahmen der politischen Nutzung gesicherter Daten. Ebenso wenig das gegenteilige Unternehmen, den Anteil der nichtweißen Bevölkerung zu erhöhen.
Die gesellschaftspolitische Anwendung demografischer Forschungsresultate hat Demografie von Anbeginn begleitet. Neu ist, wer als Bedroher und Bedrohter gilt. Wenn wir an den Ursprung des Industriezeitalters zurückgehen, stoßen wir auf arme und wohlhabende Engländer als bedrohliche und bedrohte Gruppen sowie den anglikanischen Geistlichen Thomas Robert Malthus und seinen Essay über das Bevölkerungsgesetz in seiner Bedeutung für die zukünftige Verbesserung der Gesellschaft (1798).12 Das Werk kombinierte den wissenschaftlichen Anspruch des Verfassers („Bevölkerungsgesetz“) mit seinem bevölkerungspolitischen Interesse („zukünftige Verbesserung der Gesellschaft“) und signalisierte so die enge Verknüpfung von Demografie mit Politik.
Das Buch hatte im Unterschied zur vorherrschenden Aufklärungsauffassung über die fortschreitende Verbesserung der Menschheit einen „melancholischen Unterton.“ Seine Leser erfuhren, dass die zivilisierte englische Gesellschaft ihr Aussterben riskiert, wenn sie Menschen unterstützt, die sich durch asoziale, kriminelle Aktivitäten und gewalttätigen oder ungeschützten Sex auszeichnen, der ihre Zahl ständig vergrößert. Wie das?
Malthus führte drei Argumente ins Feld:
dass die fortwährende Existenz des Menschen auf ausreichender Nahrung beruht,
dass „die Leidenschaft zwischen den Geschlechtern notwendig ist und nahezu in ihrem gegenwärtigen Zustand bleiben wird“13 und
dass die sexuelle Kraft der Bevölkerungsvermehrung „unendlich größer [ist] als die Kraft der Erde, den Menschen zu ernähren.“
Der Alarm der Malthusischen Theorie wurde durch den mathematischen Unterschied zwischen linearem (1,2,3,4, 5…) und exponentiellem (1,2,4,8,16…) Wachstum angewandt auf Nahrungsmittelvermehrung (linear) und Bevölkerungsanstieg (exponentiell) ausgelöst. Das sensationelle Memento Mori des Malthusianismus war damit gut begründet, hat sich aber in der Folgezeit als falsch erwiesen (dank grundlegender wissenschaftsbasierter Fortschritte in der Nahrungsmittelproduktion).
Problematisch war außerdem nicht nur die angebliche Divergenz zwischen unendlichen menschlichen Bedürfnissen und begrenzten Ressourcen, sondern auch die scheinbar wissenschaftlich begründete Formulierung soziopolitischer Verhaltensvorschriften – von Predigten über „moralische Zurückhaltung“ (sexuelle Enthaltsamkeit) in Malthus’ Zeiten bis hin zu staatlichen Ein-Kind-Verfügungen späteren Datums.
Mehr noch. Malthus war der festen Überzeugung, dass die Linderung der Armut nur das Problem verschärft, das sie zu lösen versucht. Er argumentierte, dass sich die englischen Pauper das Recht auf ihren Lebensunterhalt in Arbeitshäusern „verdienen“ sollten, und dass es besser sei, überhaupt nichts für einen Armen zu tun, sprich: ihn Hungers sterben zu lassen. Nach Malthus ist gnadenlose Härte als Problemlösung angesagt:
An der mächtigen Tafel der Natur gibt es keinen freien Platz für ihn. Sie fordert ihn auf zu gehen und wird ihren eigenen Befehl schnell ausführen, wenn er nicht das Mitgefühl einiger ihrer Gäste weckt.14
Dieselbe gnadenlose Härte wird heutzutage von anti-Immigrations-Politikern wie Trump verlangt und propagiert. In einem Telefonat mit seinem damaligen mexikanischen Präsidentenkollegen, Enrique Peña Nieto, sagte Trump im Februar 2017 laut Associated Press:
Ihr habt da unten eine Menge übler Typen (bad hombres). Ihr tut nicht genug, um sie zu stoppen. Ich glaube, euer Militär hat Angst. Unser Militär hat keine Angst, also schicke ich sie vielleicht einfach hin, um das Problem zu lösen.15
Was hat sich in den letzten zweihundert Jahren geändert? Vieles. Aber im Hinblick auf die entscheidenden Akteure hauptsächlich eines: zahlreiche weiße Amerikaner und Europäer verstehen sich heute als Bedrohte. Sie betrachten alle Nichtweißen als Bedroher und fürchten für ihre Lebensart.
Die neuen Bedrohten wollen keine armen, braunen Migranten, die aus „aller Welt“ in ihre Länder strömen. Sie sehen ihr wirtschaftliches Wohlergehen gefährdet, ihre Kultur überfremdet und ihre gesellschaftliche Vorrangstellung zunichtegemacht. Sie wollen, was Trump in den USA und seine rechtspopulistischen Brüder und Schwestern in ganz Europa anbieten: die Restauration der weißen Vorherrschaft.
Ich glaube zwar nicht, dass dieser Wunschtraum in Erfüllung gehen wird, denke aber, dass Trumps historische Wahlerfolge (und die seiner europäischen Alliierten16) nur unter Berücksichtigung dieser Utopie zu verstehen sind.
Anmerkungen
1 Siehe Beckley, Michael. There Is Only One Sphere of Influence. Foreign Affairs, 4. Februar 2026.
2 Jones, Van. This was a white lash. CNN, 9. November 2016.
3 Siehe Case, Anne und Deaton, Angus. Rising morbidity and mortality in midlife among white non-Hispanic Americans in the 21st Century. Proceedings of the National Academy of Sciences of the US, 8. Dezember 2015. Deaton ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (2015).
4 Siehe Schäfer, Wolf, Ungleichheit und Unzufriedenheit. Meer, 5. Februar 2026.
5 Siehe J. D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis. Erste Ausgabe. New York, NY: Harper, 2016 (dt. 2017).
6 Siehe Raspail, Jean: Das Heerlager der Heiligen. Übers. Martin Lichtmesz. Schnellroda: Antaios 2015 (ursprünglich Le Camp des Saints, Paris: Éditions Robert Laffont, 1973. Erste US Ausgabe, transl. by Norman Shapiro, New York: Charles Scribner’s Sons, 1975).
7 Das Heerlager der Heiligen, S. 56.
8 Ebd., S. 173.
9 Siehe LeTourneau, Nancy. How Steve Bannon Was Radicalized. Washington Monthly, 6. März 2017.
10 Here’s Donald Trump’s Presidential Announcement Speech. Time, 16. Juni 2015.
11 Scott, Eugene. Candidate Donald Trump talks immigration, gay marriage and ISIS. CNN, 28. Juni 2015.
12 Siehe Malthus, Thomas Robert. An Essay on the Principle of Population as it affects the future improvement of society. London, 1798.
13 Malthus, An essay on the principle of population, op. cit., S. 11. Malthus‘ Betonung der Beständigkeit des menschlichen Sexualtriebs war eine direkte Antwort auf den Aufklärer William Goodwin, der in seinem Werk Enquiry Concerning Political Justice (1797) argumentiert hatte, dass die Menschheit aufhören werde, sich fortzupflanzen, und Menschen hervorbringen werde, die ewig leben würden.
14 Thomas Malthus, An Essay on the Principle of Population and Other Writings. Einleitung von Robert J. Mayhew. Penguin Books, 2015, S. 199. Die zweite Auflage des Essays wurde mit geringfügigen Änderungen des Autors viermal neu aufgelegt. Der von vielen Zeitgenossen als anstößig empfundene Absatz über das Festmahl der Natur erschien nur in der Ausgabe von 1803.
15 Salama, Vivian. Trump to Mexico: Take care of ‘bad hombres’ or US might. AP, 3. Februar 2017.
16 RN in Frankreich, Afd in Deutschland, PVV in den Niederlanden, FPÖ in Österreich, SE in Schweden, Fidesz in Ungarn, PiS in Polen, Vox in Spanien, Chega in Portugal, Reform UK in Großbritannien und Perussuomalaiset in Finnland.















