Karl Marx glaubte, der Kapitalismus sei zum Untergang verurteilt. Die technisch-industriellen und politisch-sozialen Revolutionen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts – die Dampfmaschine und das Fallbeil – hatten seinen Erfahrungshintergrund geprägt. Für Marx war das Kapitalismusfeld in epochale Umwälzungen eingebettet. Ständig wachsender Reichtum in den Händen von immer „weniger Usurpatoren“ konnte darum nicht von Dauer sein, und so sah er das Ende aller Ausbeutung in Das Kapital (1867) voraus: „Die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes ihre eigene Negation.“1

Marx’ Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Die „Expropriateurs“ wurden nicht „expropriiert“ und das Proletariat hat keine kommunistische Weltgesellschaft errichtet. Im Gegenteil. Die Zahl der Milliardäre nimmt zu, in China ebenso wie in den USA, und von einem Naturgesetz des Kapitalismus oder einem letzten Akt der Geschichte kann nach gut 150 Jahren keine Rede mehr sein. Ich teile also weder die Marxsche Hoffnung auf ein Ende des Kapitalismus noch die spätere Angst Schumpeters vor der Beerdigung des Kapitalismus (durch den nationalsozialistischen Populismus). Gleichwohl, die aktuelle Diagnose der „giftigen Mischung“ des Trumpschen Populismus, nämlich dass er „die Grundlagen der internationalen Nachkriegsordnung“ zerstört und eine „weitaus instabilere Welt“ hervorbringt, ist durchaus zutreffend.2

Trump hat es fertiggebracht, zwei an und für sich gegensätzliche Ströme im Kapitalismusfeld zu kombinieren und für seine Starkmannzwecke nutzbar zu machen. Er hat die Beschwerden einer großen Menge der amerikanischen Bevölkerung übernommen und artikuliert sie ohne Unterlass, besonders nachhaltig auf seinen Massenkundgebungen. Mit gezielten Steuererleichterungen und Vorschriftenabbau hat er gleichzeitig viele der allerreichsten Amerikaner für sich eingenommen und einige davon in seinem Regierungskabinett versammelt, dem reichsten in der Geschichte der USA. (Das Gesamtvermögen von Trumps Kabinett beträgt rund 7,5 Milliarden Dollar und mit Trump, dem ersten Milliardär-Präsidenten, etwa 13 Milliarden. Bidens Kabinett hatte ein vergleichsweise geringes Vermögen von 118 Millionen.)

Um zu begreifen, dass die die Kombination von populären Ressentiments mit Multimillionär- und Milliardär-Ambitionen bahnbrechend war, hilft es, sich daran zu erinnern, dass die Interessenvertretung der ökonomischen Kapazitätspole vor Trump von den zwei großen Parteien getrennt behandelt wurde. Die Republikanische Partei von Ronald Reagan und den beiden Bushs kümmerte sich um die Unternehmer und Wohlsituierten, während die Demokratische Partei von Bill Clinton und Barack Obama die Anliegen der kleineren Leute vertrat. Grob gesprochen war das die traditionelle politische Arbeitsteilung der beiden Volksparteien in den Vereinigten Staaten. Trump hat diese Aufteilung beendet und den herkömmlichen Konservativismus bis auf weiteres erledigt. Er hat die Republikaner sowohl zur Partei der Plutokraten als auch der auf den Wohlfahrtsstaat angewiesenen Pauper gemacht. Wie dauerhaft diese Neuordnung sein wird, ist offen und hängt von der zukünftigen Entwicklung des Trumpismus sowie der Fähigkeit der Demokraten ab, eine attraktive ökonomische Perspektive für die Zukunft der unteren und mittleren Einkommensschichten zu entwickeln. Trotzdem ist Trumps Ausbeutung der innovativen Verbindung von zunehmender Ungleichheit mit wachsender Unzufriedenheit einer meiner acht Gründe, Trumps historische Wahlerfolge für erklärbar zu halten.3

Alternativen im Kapitalismusfeld

Wie im Windfeld, in dem unterschiedliche Luftbewegungen aufkommen und mit Namen belegt werden, entstehen im Kapitalismusfeld diverse ökonomische Systeme, die ebenfalls benannt werden können. Allen gemeinsam ist der Einsatz von Produktionsmitteln zur Gewinnerzielung. Der Freiheitsgrad der Märkte ist jedoch unterschiedlich und ebenso die Regelung der Löhne, Güter, Investitionen und Dienstleistungen. Mit anderen Worten: In der einen oder anderen Form ist Kapitalismus eine weltweite wirtschaftliche Realität, aber einen global einheitlichen Kapitalismus gibt es nicht.

Regionale Kapitalismen wäre ein passender Begriff für die Pluralität der kapitalistischen Ordnungen. Mannigfache nationale und transnationale Formen des Kapitalismus ließen sich damit erfassen. Wenn wir aufhören, über Kapitalismus im Singular zu sprechen, können wir anfangen, über Alternativen im Kapitalismusfeld nachzudenken. Und wenn wir existente Kapitalismen nicht länger als naturgegeben verstehen, können wir die kapitalistische Wirtschaftsordnung als eine Designaufgabe betrachten und fragen, mit was für einem Kapitalismus wir besser bedient, das heißt, glücklicher wären.

Die nachfolgende Figur zeigt vier beispielhafte regionale Kapitalismen, den chinesischen, nordischen, deutschen und amerikanischen Kapitalismus. Das linke Ende steht für einen komplett staatlich geleiteten Kapitalismus, der nicht wirklich existiert, das rechte für einen marktwirtschaftlichen Kapitalismus ohne jede externe Kontrolle, der ebenfalls nicht existiert. Die beiden Extreme sind rein theoretisch und die vier im Kapitalismusfeld eingezeichneten regionalen Kapitalismen sind Weberianische Abstraktionen. Ihre idealtypische Position ist nicht durch empirische Messgrößen bestimmt, sondern allein durch ihre größere Nähe zu dem einen oder anderen theoretischen Endpunkt. Dasselbe gilt für die Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Versionen des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus.

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Der marktwirtschaftliche Spielraum des chinesischen Staatskapitalismus hat philosophische und praktische Grenzen. Das Ziel Chinas, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, diktiert die gedanklichen Limits, während das praktische Überlebensinteresse der kommunistischen Partei die freie Bewegung der Märkte einschränkt. Offiziell wird der chinesische Kapitalismus als „sozialistische Marktwirtschaft“ bezeichnet, in der Marktkräfte eine „entscheidende Rolle“ spielen, was jedoch nur auf einige kleinere ländliche Märkte zutrifft. In Wirklichkeit exerzieren der Präsident und die Partei ihre unbedingte Führungsmacht über die chinesische Ökonomie.

Das ökonomische Instrumentarium der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) umfasst sowohl aktive als auch passive staatliche Eingriffe. In der Ära Deng Xiaopings wurde den Marktkräften durch passive Eingriffe erlaubt, eine Rolle zu spielen. In der Ära Xi Jinpings wurde der Aktienmarkt Chinas im Sommer 2015 mit Nachrichtensperren und aktiven Gegenmaßnahmen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Märkte fordern den chinesischen Kapitalismus zwar gelegentlich heraus, aber über den Kurs des Renminbi (wörtlich für „Volkswährung“) und die chinesische Volkswirtschaft wird nicht auf Vorstandsetagen, sondern in den politischen Büros der KPCh entschieden. Das letzte Wort hat Präsident Xi.

Der US-Kapitalismus missbilligt staatliche Regulierung, bevorzugt marktwirtschaftliche Reinheit, und gibt den Wünschen und Launen der Märkte viel freien Lauf. Er scheut Mitgefühl und optimiert Managementautonomie, vor allem die Möglichkeit, Personal einzustellen und zu entlassen. Der Wettbewerb zwischen allen am Marktgeschehen Beteiligten, einschließlich der Mitarbeiter in den Unternehmen, wird unablässig befördert.

Radikale Veränderung, Zerstörung und Innovation (disruption) sind der Ursprung und das Markenzeichen amerikanischer Firmen wie Amazon, Google, Facebook und Uber. Das US-Modell verunglimpft nicht-marktwirtschaftliche Koordinierung. Soziales und ökologisches Engagement wird als sozialistisch und kommunistisch verstanden. Die Unterstützung der Bevölkerung für dieses Modell ist robust und tiefgreifend. Der Reichtum eines Multimilliardärs wird weithin ohne Neid betrachtet, während Mechanismen, die den Armen helfen würden, als schädliche „Rigiditäten“ diskriminiert werden. Sozialleistungen für „unproduktive Wirtschaftsakteure“ erscheinen daher nicht nur als unwirtschaftlich, sondern auch als unamerikanisch.

Die gegensätzlichen Wirtschaftsmodelle Chinas und der USA treffen nahe der Mitte auf zwei Wohlfahrtsstaatskapitalismen, den nordischen und den deutschen Kapitalismus. Das nordische Ensemble umfasst die Volkswirtschaften Dänemarks, Finnlands, Islands, Norwegens und Schwedens. Der nordische Kapitalismus verknüpft freie Marktwirtschaften mit staatlich überwachten Tarifverhandlungen zwischen Kapital und Arbeit sowie wohlfahrtsstaatlichen Zuwendungen. Der Economist betrachtete die nordischen Länder einmal als „das nächste Supermodell“ und bemerkte, dass es dem nordischen Kapitalismus gelungen sei, „die wirtschaftliche Sklerose Südeuropas und die extreme Ungleichheit Amerikas“ zu vermeiden.

Das deutsche Kapitalismusmodell räumt Arbeitnehmern das Recht ein, über Entscheidungen der Unternehmen, für die sie arbeiten, mitzubestimmen, indem Gewerkschaftsvertreter in Unternehmensvorstände und Betriebsräte entsandt werden. Diese „Mitbestimmung“ reicht vom Vorstand bis zur Werkstatt. Sie zielt darauf ab, das Gewinnstreben mit den Interessen der Arbeitnehmer in Einklang zu bringen. Daneben hat der deutsche Kapitalismus eine starke berufliche Tradition, die in der Lehrlingsausbildung praktische Arbeit mit Schulung verbindet. Im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Effizienz und sozialer Gerechtigkeit pflegt Deutschland einen Kapitalismus des Sowohl-Als-Auch, i.e. sowohl Marktliberalismus als auch soziale Gerechtigkeit.

Die nordischen und deutschen Kapitalismen demonstrieren den Freiraum für Alternativen zwischen starkem Staatseinfluss und ausgiebiger Marktfreiheit. Das Kapitalismusfeld erlaubt eben nicht nur Kapitalismusordnungen, die der amerikanischen Markt- oder der chinesischen Staatsräson verpflichtet sind, sondern auch solche, die humanitäre Werte in Anschlag bringen. Zum Beispiel die Anerkennung von Bedürfnissen von Mitbürgern, die diese selbst nicht erfüllen können. Die gesellschaftliche Unterstützung bedürftiger Mitbürger ist aber nicht nur möglich, sondern auch wichtig für das gesellschaftliche Wohlbefinden eines Landes. Die „World Happiness Reports“ der Vereinten Nationen unterstreichen das.

Glückliche und Weniger Glückliche Länder

Die Weltglücksberichte der UN, die alljährlich das soziale Befinden von über 150 Ländern messen, belegen die Führungsrolle der nordischen Ländergruppe. Ihre Mitglieder gehören seit Jahren zu den zehn „glücklichsten“ Ländern der Welt. In der bisherigen Trump Ära – von 2016 bis 2024 (der Bericht für 2025 ist noch nicht erschienen) – rangieren Finnland und Dänemark seit 2018 unangefochten auf Platz eins und zwei, Island seit 2021 auf Platz drei, dicht gefolgt von Schweden und Norwegen.

Deutschland ist etwas weniger glücklich. Es belegte im Jahr 2016 Platz 16, erreichte Platz 13 im Jahr 2020 und ist seitdem auf die Plätze 14 (2021), 16 (2022), 24 (2023), und 22 (2024) zurückgefallen. Einen ähnlichen Trend mit leicht negativer Tendenz verzeichneten die USA. Sie standen 2016 auf Platz 14; fielen 2017, in Trumps erstem Amtsjahr, auf Platz 18, und danach, in Präsident Bidens letzten zwei Amtsjahren, weiter abwärts auf Platz 23 (2023) und 24 (2024).

China ist im Vergleich mit den Kapitalismen Deutschlands und der USA ein deutlich weniger glückliches Land. Es stand im Jahre 2016 auf Platz 79, fiel 2017 auf Platz 86, dann auf Platz 93 (2018), und hat sich in den letzten drei Berichtsjahren auf etwas glücklicherem, aber gleichwohl unbefriedigendem Niveau eingependelt: den Plätzen 64 (2022), 60 (2023), und 68 (2024). Das Land hat sich in die richtige Richtung bewegt, muss aber noch viel weiter gehen, um seine Bevölkerung so glücklich zu machen wie die der westlichen Länder.

Das Modell der Weltglücksberichte basiert auf globalen Gallup Erhebungen, die das subjektive Wohlbefinden der Bürger eines Landes erfragen und auf sechs Variablen aufteilen. Diese Variablen bestimmen den Platz eines Landes in der Glückshierarchie. Sie messen:

  • das pro-Kopf-Einkommen

  • die Lebenserwartung bei der Geburt

  • die soziale Unterstützung in Notzeiten

  • die Wahrnehmung von Korruption in Regierung und Wirtschaft

  • die Bereitschaft für Bedürftige zu spenden und

  • die Freiheit, individuelle Lebensentscheidungen zu treffen.

Um die Frage zu beantworten, warum die nördlichen Wohlfahrtsstaatskapitalismen so dauerhaft glücklich sind, würde ich auf geringe Bevölkerungszahlen und volkswirtschaftlichen Reichtum hinweisen. Insgesamt haben die fünf nordischen Länder nicht viel mehr als 27 Millionen Einwohner. Das unterscheidet sie von Deutschland (84 Millionen), den USA (339 Millionen), und China (1,41 Milliarden). Mir scheint, dass das Glücksgefühl eines Landes Wohlstand erfordert und durch eine kleine Bevölkerung begünstigt sowie eine große behindert wird.

Warum sowohl Deutschland als auch die USA eine negative Glückstendenz verzeichnen hat unterschiedliche Gründe. Im Falle Deutschlands spielen unbefriedigende wirtschaftliche Faktoren eine große Rolle. In den USA dagegen ist das Unwohlsein nicht wirtschaftlicher, sondern sozialer Natur. Der Hauptautor der World Happiness Reports, der Ökonom Jeffrey Sachs, hat bemerkt, dass die ersten zwei Variablen, die materielle Lebensbedingungen messen, die USA auf einem wirtschaftlich glücklichen Weg zeigen, nicht aber die letzten vier, die soziale Bedingungen erfassen. Er stellte fest, dass „die USA weniger soziale Unterstützung, weniger Gefühl der persönlichen Freiheit, geringere Spenden und mehr wahrgenommene Korruption in Regierung und Wirtschaft aufweisen“, und kam zu dem Schluss: „Die Krise Amerikas ist, kurz gesagt, eine soziale Krise, keine wirtschaftliche Krise.“4

Die Verschärfung dieser Krise wird in den USA seit 2017 energisch verfolgt. Trump und der Trumpismus befördern die „Größe“ Amerikas an allen falschen Stellen. Steuersenkungen für die Superreichen verschärfen die Ungleichheit. Die sozialen Sicherheitsnetze werden ausgedünnt. Forschung und öffentliche Bildung werden delegitimiert und finanziell unter Druck gesetzt. Rechtsstaatlichkeit wird untergraben, Umweltschutz wird ausgehöhlt, Großspender werden privilegiert und mit Staatsaufgaben betraut.5 Hass auf Einwanderer und Flüchtlinge wird geschürt, Desinformation wird offiziell gefördert, und die unübertroffene militärische Stärke des Landes wird auf Kosten seiner Soft Power weiter ausgebaut und mit brutaler Gewalt gegen den zivilen Widerstand Trump-kritischer Amerikaner eingesetzt.

Die materiellen Grundbedingungen der USA entwickeln sich weiterhin positiv und die sozialen negativ, beschleunigt von „America First“. Die Ungleichheitsspirale der USA begann Ende der 1970er Jahre und hat sich mit Supersalären für Top-Manager und anschwellenden Erbschaftsströmen fest etabliert. Wohlhabende Menschen und ihre Nachkommen heiraten die Kinder anderer Gewinner und besetzen die besten Positionen mit ihresgleichen. Private Großvermögen explodieren, Kleinverdiener sind unzufrieden, und die Trumpschen Republikaner lehnen es ab, politisches Kapital und Steuergelder zur Wahrung das Sozial- und Naturkapitals des Landes einzusetzen. Wie dauerhaft und wie glücklich ist das?

Für einen Kapitalismus ohne Herz oder ohne Tränen?

Beides geht nicht uneingeschränkt. So wenig es einen reinen Staats- oder Marktkapitalismus gibt, gibt es einen Kapitalismus ganz ohne Herz oder völlig ohne Tränen. Das Herz des Kapitalismus schlägt entweder auf der linken oder der rechten Seite, das heißt für viele oder wenige. Und ganz ohne Tränen geht Kapitalismus auch nicht, denn es wird immer wieder individuelle und kollektive ökonomische Einbrüche geben, die nicht auszubügeln sind. Aber es gibt auch keine eisernen „Naturgesetze”, die es verhindern würden, einen Kapitalismus mit abnehmender Ungleichheit und steigender Zufriedenheit zu gestalten. Ungleichheit und Unzufriedenheit sind kontrollierbare Konsequenzen jedweder kapitalistischen politischen Ökonomie.

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat die historische Dynamik von Kapital und Kapitalismus so gründlich und tiefgehend untersucht wie vor ihm nur Marx. Er hat den „Transfer des US-Nationaleinkommens ... von den ärmsten 90 Prozent zu den reichsten 10 Prozent“ festgestellt und gewarnt: „Es ist schwer vorstellbar, dass eine Wirtschaft und Gesellschaft mit solch extremen Unterschieden zwischen sozialen Gruppen auf unbegrenzte Zeit weiter funktionieren kann.“6

Doch vieles, was vor Trump unvorstellbar erschien, ist dank Trump unser tägliches Brot geworden. Trump und der Trumpismus haben den Kapitalismus ohne Herz für inzwischen weniger als ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung perfektioniert. Sie haben es geschafft – unter dem Vorwand von MAGA – eine superinegalitäre Gesellschaft für das grenzenlose Gewinnstreben eines neoköniglichen Einzelnen, seiner Familie und Vasallen, zu instrumentalisieren. Der brillante Coup bestand darin, die elektorale Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Demokratie durch die Verbindung von gigantischer Ungleichheit mit millionenfacher Unzufriedenheit außer Kraft zu setzen. Darauf, wie auf so vieles, was danach kam, waren die traditionellen politischen, bürokratischen, akademischen, und journalistischen Eliten der USA nicht im entferntestem vorbereitet.

Ein entscheidender Wegbereiter Trumps, Steve Bannon, empfand den unbegrenzten Reichtum für wenige als so „beunruhigend“, dass er von einem „aufgeklärten christlichen“ Kapitalismus träumte – aber für wen setzte er seine Talente ein? Für die Familien seiner Herkunft, die absinkende Arbeiterklasse, oder für seine superreichen Gönner? Die ungeschminkte Antwort gab Trump, als er sagte, Bannon ist einfach „ein Typ, der für mich arbeitet“.

Wenn Bannon nicht käuflich gewesen wäre und einen Kapitalismus der christlichen Werte wirklich gesucht hätte – vielleicht Matthäus 19,24: „Es ist leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, in das Reich Gottes zu kommen“ –, hätte er sich mit Papst Franziskus verbünden können. Stattdessen war Bannon „misstrauisch“ (bzw. korrumpierbar) und verband sich mit Kardinal Burke, einem Gegner des Papstes und erzkonservativen Reaktionär. Was Bannon am herzlosen Kapitalismus beunruhigte, hat die päpstliche Enzyklika Laudato Si’ mit Elan ausgeführt.7

Die Enzyklika des Papstes war kein neutrales Dokument, sondern ein Plädoyer für soziale und ökologische Gerechtigkeit. Sie suchte „sowohl den Schrei der Erde als auch den Schrei der Armen“ zu verstärken. Sie erklärte, dass „die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt gemeinsam zerfallen“. Sie forderte alle regionalen Kapitalismen auf, „menschliche und soziale Degradation“ mit Investitionen in das soziale und natürliche Kapital ihrer Nationen zu bekämpfen. Sie verlangte, „den Bedürfnissen der Armen, Schwachen und Schutzbedürftigen“ Aufmerksamkeit zu schenken und argumentierte, „dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind.“ Der Papst betonte: „Es gibt keine Grenzen oder Barrieren, weder politische noch soziale, hinter denen wir uns verstecken können, und noch weniger gibt es Raum für die Globalisierung der Gleichgültigkeit.“

Das ist leider leichter gesagt als getan. Enorme Ungleichheit ist im Trumpschen Kapitalismusfeld kein Weckruf, sondern normal. Die Meinung, dass großer Reichtum das Wirtschaftswachstum beflügelt, ist unsterblich. Untersuchungen, die belegen, dass das Vermögen von Milliardären das Wirtschaftswachstum hemmt, gehen unter, und die begründete Einsicht, dass das Vermögen von Milliardären mit politischen Verbindungen das Wirtschaftswachstum erheblich hemmt, findet kein Gehör. Trump und seine Milliardäre sind glücklich. Zunehmende Ungleichheit ist rosig in den Augen der Gewinner.

Ungleichheit ist aber keineswegs unvermeidlich. Sie ist ein soziales Konstrukt und kann abgebaut werden. Ein funktionierender Verwaltungsstaat mit demokratisch legitimierter Autorität kann das bewerkstelligen. Für Bannon und Trump war der Verwaltungsstaat jedoch das Hassobjekt. Ihr revolutionäres Projekt bestand darin, den deep state der alten Eliten zu zerstören. Und das haben sie weitgehend geschafft. Sie haben das Instrument, das mehr wirtschaftliche Gleichheit (und sogar einen christlichen Kapitalismus) in den USA ermöglichen könnte, demoliert.

Amerika könnte einen Kapitalismus ohne Tränen auf die weltweite Agenda setzen. Stattdessen schüren Bannon, Trump und der Trumpismus zunehmende Ungleichheit und turbulente Unzufriedenheit. Der Dank der Milliardäre dieser Welt, denen schon mehr als die Hälfte des Planeten gehört,8 ist ihnen geschuldet. Amerika könnte eine Republik der Gleichberechtigten sein. Die Nation könnte kollektive Solidarität und einen Kapitalismus mit reichlich viel Herz und ohne viel Tränen demonstrieren. Doch das ist nicht im Interesse der obersten 1 Prozent. Die Profiteure der Ungleichheit versuchen, 99 Prozent der Gesellschaft beizubringen, dass Solidarität eine Schwäche ist. Warum einem gegenseitigen Krankenversicherungspakt beitreten, fragen sie, wenn man jung, stark und gesund ist? Warum die Schwachen stark und sich selbst schwach machen und die Erfolglosen mit dem eigenen Geld unterstützen?

Ja, warum eigentlich? Für einen Großsprecher wie Robert Mercer ist das unlogisch. Ein Insider von Renaissance Technologies gab dessen Weltsicht wie folgt wider: „Bob glaubt, dass Menschen keinen anderen inneren Wert haben als den, wie viel Geld sie verdienen. Eine Katze habe einen Wert, sagte er, weil sie den Menschen Freude bereite. Aber wenn jemand Sozialhilfe bezieht, habe er einen negativen Wert. Wenn er [Mercer] tausendmal mehr verdiene als ein Lehrer, dann sei er tausendmal wertvoller.“9 Das ist der Algorithmus des Kapitalismus’ ohne Herz.

Das Ziel Amerikas, allen seinen Bürgern ein gutes Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu ermöglichen ist in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 verankert. Es ist weiter entfernt denn ja, aber nicht unmöglich.

Anmerkungen

1 Marx, Karl. Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. In: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke (MEW), Bd. 23, S. 791.
2 Schumpeter, Joseph A. Capitalism, Socialism, and Democracy, 1942. Deutsch: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Bern 1946. Siehe auch: „Our Schumpeter columnist pens a dark farewell. In 1942 Joseph Schumpeter warned that capitalism might not survive. A surge of populism means it is once more in danger.“ The Economist, 20. Dezember 2016 (mit Bezahlschranke).
3 Schäfer, Wolf, Wunschmaschine Populismus Marke Trump. Meer, 5. August, 2025. Für einen schematischen Überblick über die acht Kraftfelder, die m.E. für die Trumpsche Machtergreifung auschlaggebend waren.
4 Siehe Jeffrey D. Sachs, Restoring American Happiness. World Happiness Report 2017, chapter 7, p. 178-184.
5 Schäfer, Wolf, Großsprecher für Trump. Meer, 5. Januar, 2026.
6 Thomas Piketty, Capital in the Twenty-First Century. Cambridge, Mass. 2014, S. 297.
7 Siehe Papst Franziskus Enzyklika Laudato Si. Rom, 24. Mai 2015.
8 Siehe Daniel Bentley, Die obersten 1 % besitzen jetzt die Hälfte des weltweiten Vermögens. Fortune, 14. Oktober 2015 (mit Bezahlschranke).
9 Jane Mayer, The Reclusive Hedge-Fund Tycoon Behind the Trump Presidency (Der zurückgezogen lebende Hedgefonds-Tycoon hinter der Präsidentschaft Trumps). The New Yorker, 27. März 2017 (mit Bezahlschranke).