Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerung berichten von stark steigenden Anfragen: Besorgte Eltern fragen beispielsweise bei der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen um Rat. Was wäre, wenn Deutschland sich plötzlich in einem Krieg mit Russland befände? Werden ihre Kinder dann an die Front geschickt? Fragen, bei denen man vor einiger Zeit nie erwartet hätte, dass sie jetzt gestellt werden müssen. Aber Russlands kontinuierlich wachsende, angriffslustige Annäherung an NATO-Gebiete, verdeutlicht durch die gesichteten Drohnen an verschiedenen europäischen Flughäfen seit September 2025, lässt der deutschen Regierung keine andere Wahl, als Konsequenzen daraus zu ziehen.
Der Bundeskanzler Friedrich Merz setzt erst einmal auf eine nur teilweise Verpflichtung zum Wehrdienst, im Rahmen eines Gesetzentwurfs, der zurzeit unter anderem vorsieht, dass es ein Losverfahren für eine verpflichtende Musterung geben soll. Die SPD jedoch vertritt die Meinung, dass der Dienst an der Waffe weiterhin freiwillig bleiben muss. Aber ob diese Freiwilligkeit bei jungen Männern einen positiven Einfluss auf die langfristige Anzahl der Bundeswehrsoldaten haben wird, lässt Platz für Zweifel. Hieraus ergibt sich die große Frage, ob es in der heutigen Zeit in Deutschland wirklich eine Wehrpflicht geben sollte. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat sich klar und deutlich dafür ausgesprochen, dass eine Wehrpflicht notwendig ist, falls ein freiwilliges Modell keinen Erfolg hat: „Reicht Freiwilligkeit nicht, wird es keinen Weg daran vorbei geben an einer verpflichtenden Heranziehung.
Diese Diskussion wird nicht nur in der Politik geführt. Auch innerhalb der Bevölkerung gibt es eine zunehmende Verunsicherung. Die Frage nach Wehrpflicht oder Freiwilligkeit hängt mit wichtigen Prinzipien demokratischer Gesellschaften zusammen: individuelle Freiheit versus kollektive Verantwortung. Aus einer Ipsos-Umfrage von August 2025 geht hervor, dass sowohl Frauen (56 %) als auch Männer (69 %) sich mehrheitlich für die Wiedereinführung der Wehrplicht aussprechen. Bei der Frage, ob es die Wehrpflicht nur für Männer oder auch für Frauen geben sollte, sind sich die Befragten noch uneinig.
Aber vor allen Dingen zwischen den Generationen gibt es große Meinungsverschiedenheiten. Bei den Über-60-Jährigen unterstützen 72 % eine Wiedereinführung der Wehrpflicht. Bei den 40- bis 53-Jährigen liegt die Zustimmung schon etwas niedriger, nämlich bei 63 %. Am interessantesten ist es, sich die Zahlen bei der jungen Generation (18- bis 39-Jährige) anzuschauen, nämlich jene, die von einer Wehrpflicht betroffen wären: 40 % lehnen eine Wehrpflicht deutlich ab. 34 % befürworten eine Wehrpflicht sowohl für Frauen als auch für Männer. 18 % befürworten eine Wehrpflicht, allerdings nur für Männer. Die letzten 8 % sind unentschieden. Damit liegt der Anteil derjenigen, die eine Wehrpflicht vollkommen ablehnen, bei der jüngeren Generation deutlich am höchsten. Während ältere Menschen häufig mit der Erinnerung an Kalten Krieg oder Nachkriegszeit argumentieren, dominieren bei Jüngeren andere Werte: Selbstbestimmung, Globalisierung, kritisches Hinterfragen staatlicher Autorität.
Von einer moralischen Perspektive aus ist es kaum vertretbar, junge Menschen gegen ihren Willen an die Front zu schicken, um andere junge Menschen zu töten oder von diesen umgebracht zu werden, die ebenfalls oft gegen ihren Willen an die Front geschickt wurden. Und das mit dem Ziel, die machtpolitischen Interessen der jeweiligen Regierungen zu vertreten. In was für einer Welt leben wir? Wieder im 20. Jahrhundert? Haben wir nicht gelernt, was für furchtbare und traumatisierende Folgen Krieg mit sich bringt?
Das Deutsche Grundrechte Komitee findet klare Worte für seine Ablehnung der Wehrpflicht: „Aus humanistischer Perspektive ist das Verletzen und Töten von Menschen grundlegend falsch. Gewalt gegen Menschen ist prinzipiell abzulehnen. Mord und Krieg sollten keine Mittel menschlichen Zusammenlebens sein“. Diese ethische Haltung steht im Spannungsfeld zur politischen Realität. Denn so richtig und wichtig die pazifistische Position ist – sie beantwortet nicht, wie man mit aggressiven Regimen umgeht, die auf Dialog nicht reagieren. Verteidigung wird dann zur moralischen Pflicht, nicht nur zur politischen Option.
Hier könnte man argumentieren, dass in diesem Fall Deutschland den Krieg nicht anfängt, sondern sich verteidigt. Es ist ganz einfach: Wenn eine andere Person dich schlägt, ist es menschlich, zurückzuschlagen, oder? Wenn die Ukraine sich verteidigt, betrachten wir das Land mit Hochachtung. Ukrainische Soldaten werden als Helden gesehen. Was sonst sollte man tun, um den russischen Angreifer, um Wladimir Putin, in Schach zu halten? Außerdem geht es ja nicht nur darum, das eigene Land zu verteidigen, sondern auch alle Menschen, die in diesem Land wohnen, die Werte, die Demokratie, die Menschenrechte.
Der Großteil der deutschen Bevölkerung möchte nicht unter einem ähnlichen Regime wie in Russland leben. Sie schätzen die Meinungsfreiheit, die freien und fairen Wahlen und das Recht, ihre Unzufriedenheit mit der Regierung im öffentlichen Raum zu zeigen. Die Verteidigung demokratischer Prinzipien ist kein abstrakter Wert, sondern betrifft ganz konkrete Lebensrealitäten: Pressefreiheit, sexuelle Selbstbestimmung, Glaubensfreiheit, Bildung für alle. Wenn diese Grundrechte angegriffen werden – ob militärisch oder systematisch durch Desinformation –, stellt sich die Frage, wie man als Gesellschaft reagiert.
Aber wenn Diplomatie scheitert, ist Krieg dann der einzige Weg? So sollte es nicht sein. Manchmal fragt man sich, wann Regierungen endlich verstehen werden, dass die Bevölkerungen unterschiedlicher Länder sich nicht niedermetzeln möchten, nur weil einige ihrer führenden Politiker nie zur Therapie gegangen sind. Aber was tun, wenn die eine Seite schon längst in Therapie war, abgerüstet hat, sich für Menschenrechte einsetzt und dann plötzlich von einer Seite angegriffen wird, die nichts gelernt hat und eben nicht in Therapie war? Soll diese Seite dann einfach abwarten und nichts tun? Auf Diplomatie, Kompromisse und Dialogbereitschaft zu setzen macht leider in vielen Situationen keinen Unterschied, wenn der Gegner international geltende Normen und Regeln nicht respektiert.
Ein Argument der älteren Generation lautet: „Wenn die Vereinigten Staaten von Amerika keine starke Armee gehabt hätten, würden wir jetzt in einem totalitären Nazi-Europa leben. Wir haben nur eine freie Demokratie, weil die Amerikaner das Maschinengewehr unter und über dem Tisch hatten. Es ist also eine schwierige Debatte. Wird die Frage der Wehrpflicht im nächsten Jahrhundert wieder gestellt werden oder gehen bis dahin endlich alle Politiker in Therapie? Denn es ist wichtig, sich mit dem Thema Krieg und Gewalt ernsthaft auseinanderzusetzen. Krieg ist keine heroische Erzählung, kein Mittel zur Selbstverwirklichung von Nationen. Krieg bedeutet Leid, Hunger, Tod, Vergewaltigung, Flucht. Die Auseinandersetzung um Wehrpflicht, Sicherheit und Verteidigung darf deshalb nie losgelöst sein von einer klaren Haltung zu Krieg: Krieg ist das schlimmste Versagen der Menschheit. Und alles, was ihn verhindern kann, sollte mit aller Kraft getan werden.
Quellen
Der Spiegel. Wehrdienst-Beratungsstellen verzeichnen Anstieg bei Elternanfragen.
Tagesschau. Wehrdienstdebatte Bundestag.
ZDF heute. Wehrdienstpläne Streitpunkte.
Ipsos. Wehrpflicht Umfrage.
Grundrechte Komitee. Kritik der Wehrpflicht.















