Einleitung – Der König und die Schatten seiner eigenen Macht
Benjamin Netanyahu gilt seit Langem als der unangefochtene Architekt der israelischen Politik. Über Jahrzehnte hinweg verstand er es wie kein anderer, Koalitionen zu schmieden, Gegner zu neutralisieren und politische Systeme so zu navigieren, dass er selbst stets an der Spitze blieb. Sein Spitzname „King Bibi“ war Ausdruck dieser außergewöhnlichen Fähigkeit: ein Premier, der jede Krise überstand und aus diesen regelmäßig sogar gestärkt hervorging. Doch ausgerechnet dieser unbedingte Wille zur Macht – und eine gewisse Arroganz, mit der er glaubte, jede politische Dynamik kontrollieren zu können – droht ihm nun zum Verhängnis zu werden. Um seine Position zu sichern, öffnete er den radikalsten Kräften des Landes den Weg in zentrale Ministerien: Figuren, deren politische Vision nicht der Stabilität des Staates dient, sondern einer religiös-nationalistischen Ideologie, die Israels Institutionen von innen heraus transformieren möchte. Die Frage, die sich heute stellt, lautet daher: Hat „King Bibi“ in seinem Streben nach Macht genau jene Türen geöffnet, durch die nun eine Ideologie dringt, die weder ihn noch das langfristige Wohl des Landes braucht? Hat er die Kontrolle verloren?
Wie „King Bibi“ entstand – Ein Meister der Macht
Der Spitzname „King Bibi“ beruht nicht auf Übertreibung, sondern auf einer Reihe konkreter Umstände, die seine außergewöhnliche Stellung im israelischen System beschreiben. Benjamin Netanyahu ist der am längsten amtierende Premierminister des Landes, übertraf sogar David Ben-Gurion und führte Israel zwischen 2009 und 2021 durch eine ununterbrochene Regierungszeit – bemerkenswert in einem politischen System, das traditionell von Fragmentierung und instabilen Koalitionen geprägt ist.
Diese Stabilität war kein Zufall. Netanyahu verfügte über eine seltene Fähigkeit im israelischen Kontext: die Kunst, Mehrheiten zu schmieden, wo auf den ersten Blick keine existierten. Koalitionsbildung – in Israel oft ein höchst technischer, chaotischer und kurzlebiger Prozess – wurde für ihn zu einem politischen Instrument, das er besser beherrschte als alle seiner Rivalen. Er zog kleinere, ideologisch divergierende Fraktionen an sich, integrierte ultraorthodoxe Parteien als verlässliche Machtpfeiler und baute den Likud so um, dass interne Widersprüche stets zu seinen Gunsten aufgelöst wurden.
Sein Hintergrund: Nach Studien am MIT, einer Tätigkeit bei der Boston Consulting Group und diplomatischen Jahren in Washington und bei den Vereinten Nationen brachte Netanyahu ein Profil in die israelische Politik, das sicherheitspolitisches Denken mit technokratischer Kompetenz verband. Dieses Profil erlaubte es ihm, Koalitionen sowohl über ideologische Linien hinweg als auch auf globaler Bühne zu formen. Rivalen wie Gideon Sa’ar oder Moshe Ya’alon wurden im Laufe der Jahre aus dem inneren Zirkel verdrängt oder zum politischen Rückzug gedrängt – ein Ergebnis nicht persönlicher Feindschaft, sondern systematischer Mehrheitenbildung.
Zugleich war seine politische Methode untrennbar mit dem strukturellen Kontext Israels verbunden. Ein Staat, dessen Geschichte von Kriegszyklen, externer Bedrohung und geopolitischer Unsicherheit geprägt ist, schafft ein Umfeld, in dem Sicherheit nicht nur ein Politikfeld ist, sondern der Rahmen aller politischen Entscheidungen. Netanyahu versteht dieses Umfeld intuitiv.
Raketenangriffe aus Gaza 2012 und 2014, die Eskalation mit der Hisbollah, die Sorge um das iranische Nuklearprogramm: Jedes dieser Ereignisse nutzte er, um sich als erfahrener Krisenmanager zu positionieren. Seine berühmte Rede 2015 vor dem US-Kongress gegen das Iran-Abkommen war Ausdruck dieser Logik: externe Bedrohung als innenpolitisches Kapital. Die enge Verzahnung von Sicherheitsdiskurs und politischer Konkurrenz ermöglichte es ihm, seine eigenen Positionen als alternativlos darzustellen und oppositionelle Kritik als existenzielles sicherheitspolitisches Risiko zu rahmen – ein Mechanismus, der seine Mehrheitsschmiedekunst zusätzlich stützte.
Internationale Medien wie das Time Magazine griffen diese Realität auf, bezeichneten ihn als einen der prägenden Staatsmänner seiner Generation und verstärkten so das Bild eines Politikers, der selbst in extremer Instabilität unangefochten blieb. Der Mythos „King Bibi“ war damit weniger eine Überhöhung als eine funktionale Beschreibung: ein Premierminister, der aus institutioneller Schwäche persönliche Stärke zog und in einem permanent angespannten System Stabilität vor allem für sich selbst schuf.
Doch genau diese Fähigkeit – das Schmieden von Mehrheiten um jeden Preis – führte ihn schließlich auch zu Allianzen, deren langfristige Konsequenzen heute weit über sein eigenes politisches Kalkül hinausgehen. Die Ironie ist: Was ihn groß machte, könnte den Staat Israel nun auf lange Sicht schwächen.
Vorlauf zur Wahl 2022 – Wenn Mehrheitsschmieden zur Risikoentscheidung wird.
Als Israel zwischen 2019 und 2022 fünf Wahlen in weniger als vier Jahren erlebte, geriet das politische System an den Rand der Funktionsfähigkeit. Koalitionen brachen innerhalb von Wochen auseinander, ideologische Linien verschwammen, und keine Partei war stark genug, eine stabile Regierung zu bilden. In diesem Kontext stand Netanyahu vor einer paradoxen Situation: Er verfügte über die längste politische Erfahrung und die größte nationale Bekanntheit – doch seine Macht war fragil.
Gleichzeitig verschärften seine laufenden Korruptionsverfahren den innenpolitischen Druck. Teile der politischen Mitte mieden ihn aus Prinzip, einzelne Likud-Abgeordnete distanzierten sich, und Parteien wie Yamina oder New Hope weigerten sich zunehmend, unter ihm zu regieren. Netanyahu konnte damit auf die traditionellen Koalitionspartner der Mitte nicht mehr bauen; sein bislang erfolgreiches Modell der variablen Mehrheiten begann zu erodieren. Um die Blockade zu durchbrechen, unterstützte er 2021 aktiv die technische Wahl-Allianz zwischen Itamar Ben-Gvirs Otzma Yehudit, der Religiösen Zionisten-Partei, und Noam. Die Fusion sollte ihre Stimmen bündeln und das Übertreten der 3,25%-Hürde sichern – ein Coup, der schließlich gelang.
Das Kalkül: Wenn die Mitte nicht mehr bereit war, Netanyahu den Weg zur Mehrheit zu ebnen, dann würde er die politischen Parameter so verschieben, dass neue Mehrheiten möglich wurden. Die Eingliederung dieser radikalen Parteien war damit ein bewusst gewähltes Machtinstrument – eines, dessen Folgen die israelische Politik in ein neues Kapitel führten.
Doch nach der vierten gescheiterten Wahl bildeten seine Gegner 2021 überraschend die sogenannte „Regierung des Wandels1“: eine fragile Koalition von acht Parteien, von arabischen Gruppen bis zu nationalreligiösen Kräften, geeint ausschließlich durch den Wunsch, Netanyahu aus dem Amt zu entfernen. Für Bibi war dies ein politischer Schock. Er verlor erstmals die Kontrolle über den Regierungsapparat, während seine Gegner – angeführt von Bennett und Lapid – versuchten, die langjährige politische Ordnung zu durchbrechen.
Als diese Regierung 2022 in sich zusammenfiel, kam Netanyahu die Stunde zurück. Die Wahl im November 2022 bot ihm eine Gelegenheit, seine frühere Machtstrategie zu vollenden: Dieselben extremen Kräfte, die er zuvor erst wählbar gemacht hatte, wurden zu unverzichtbaren Partnern in seiner neuen Koalition. Die politische Mehrheit, die sein Kalkül sichern sollte, bestand nun aus Akteuren, die weniger an pragmatischer Regierungsführung interessiert waren als an ideologischer Umgestaltung des Staates. Zum ersten Mal wurde nicht nur eine nationalreligiöse, sondern eine offen messianisch-nationalistische Agenda Bestandteil der Regierungsplattform. Und diese verlangten Kontrolle über die zentralen Institutionen des Staates: Innenministerium, Sicherheit, Finanzverwaltung, Siedlungspolitik. Und wieder: Netanyahus Fähigkeit, Mehrheiten zu schmieden, trug ihn zurück ins Amt.
Die Koalition von 2022 – Als die Peripherie die Mitte übernahm
Die Regierung, die nach den Wahlen vom November 2022 entstand, war die ideologisch kohärenteste, aber zugleich die extremste Koalition in der Geschichte des modernen Israel. Während frühere Regierungen unter Netanyahu zwar rechtsgerichtet, aber letztlich pragmatisch waren, setzte sich dieses Kabinett aus Akteuren zusammen, die ein vollständig anderes Staatsverständnis verfolgten. Die politische Peripherie, die Netanyahu über Jahre hinweg als Reservebank für Mehrheiten genutzt hatte, rückte plötzlich ins Zentrum der Macht.
Wesentlich hierfür war die parteipolitische Achse, die Netanyahu selbst geschaffen hatte: die Allianz der Religiösen Zionisten, Otzma Yehudit und Noam – ein Block, der nicht nur stark im Westjordanland verwurzelt ist, sondern dessen ideologische Grundlage auf einem religiös aufgeladenen Territorialanspruch ruht. Nach der Wahl erhielt dieser Block nicht nur Ministersitze, sondern Schlüsselressorts, die tief in die staatlichen Strukturen hineinwirken.
Bezalel Smotrich – Architekt eines radikal-siedlernationalistischen Staatsprojekts – wurde Finanzminister und zugleich mit zentraler Aufsicht über die Zivilverwaltung in der Westbank ausgestattet. Itamar Ben-Gvir übernahm das Ministerium für nationale Sicherheit, das die Kontrolle über die Polizei, Grenzschutzkräfte und operative Sicherheitsstrukturen umfasst. Dass ein verurteilter Unterstützer einer terroristischen Organisation diese Position erhielt, markierte einen Bruch mit liberalen politischen Normen.
Ihr erklärtes Ziel war die Einschränkung der Macht des Supreme Court, die Stärkung religiöser Autoritäten in öffentlichen Institutionen und die schrittweise Ausweitung israelischer Souveränität im Westjordanland. Die juristische Reform, die Ende 2022 und Anfang 2023 eingeleitet wurde, zielte auf eine fundamentale Änderung des institutionellen Gleichgewichts. Die „Reasonableness Clause“, die Fähigkeit des Obersten Gerichtshofs, exekutive Entscheidungen bei offensichtlicher Unangemessenheit zu blockieren, sollte abgeschafft werden. Weitere geplante Maßnahmen umfassten politische Kontrolle über Richterernennungen und eine deutliche Schwächung der Justiz im Verhältnis zur Exekutive.2
Die institutionelle Architektur Israels – ohnehin vergleichsweise schwach, da ohne vollständige Verfassung – geriet damit aus dem Gleichgewicht. Der Supreme Court, lange Zeit der zentrale Garant für liberale Rechtsstaatlichkeit, wurde zum primären Gegner des Regierungsprojekts erklärt. Der demokratische Diskurs verschob sich: Die Frage war nicht mehr, welche politischen Entscheidungen umgesetzt werden sollten, sondern wer überhaupt die Autorität haben sollte, sie zu prüfen.
Gleichzeitig intensivierte die Regierung ihre Maßnahmen im Westjordanland. Genehmigungen für Siedlungsausbau wurden beschleunigt, illegale Außenposten nachträglich legalisiert und Verwaltungsbefugnisse von der militärischen auf die zivile Ebene übertragen – ein symbolischer wie faktischer Schritt in Richtung schrittweiser De-Facto-Annexion.
Diese Unterfangen der Koalition führten zu massiven Protesten im Frühjahr und Sommer 2023. Hunderttausende Israelis gingen Woche für Woche auf die Straße, viele aus dem säkularen und technologischen Kern des Landes, der bisher nicht als besonders politisch mobilisierbar galt. Doch für die Koalition war dies kein Grund zur Umkehr. Im Gegenteil: Die radikaleren Kräfte nutzten die Proteste als Legitimation, dass sich das „wahre Israel“ gegen eine „elitistische Minderheit“ durchsetzen müsse.
Die politische Logik der Netanyahu-Regierungen hatte sich damit umgekehrt. Statt die Peripherie einzubinden, um die Mitte zu lenken, lenkte die Peripherie nun die Regierung – und damit das Zentrum.
Israels strukturelle Fragilität – Ein Staat zwischen Resilienz und Verwundbarkeit
Die politische Dynamik, die Israel seit 2022 erlebt, lässt sich nur vor dem Hintergrund seiner besonderen institutionellen und gesellschaftlichen Struktur verstehen. Israel ist eine Demokratie, aber keine, deren Stabilität auf starren verfassungsrechtlichen Pfeilern ruht. Vielmehr lebt das Land seit seiner Gründung in einem Spannungsfeld aus externer Bedrohung, institutioneller Offenheit und tiefen gesellschaftlichen Spaltungen – ein Umfeld, das es zugleich widerstandsfähig und anfällig macht.
Israel besitzt keine kodifizierte Verfassung, sondern eine lose Sammlung von Grundgesetzen, die seit 1950 schrittweise entstanden sind. Diese Flexibilität ermöglichte über Jahrzehnte politische Anpassungsfähigkeit, macht jedoch zugleich tiefgreifende Eingriffe in das institutionelle Gleichgewicht möglich. Maßnahmen wie die Abschaffung der „Reasonableness“-Klausel oder die geplante Neugewichtung des Richterernennungskomitees wären in vielen westlichen Demokratien unvorstellbar – in Israel sind sie formal umsetzbar, sofern eine Mehrheit entschlossen genug ist.
Hinzu kommt die außergewöhnliche gesellschaftliche Vielfalt des Landes. Israel ist ein Mosaik aus ethnischen und religiösen Gruppen: säkulare Juden, Haredim, nationalreligiöse Zionisten, arabische Israelis, Drusen, Beduinen sowie Einwanderergemeinschaften aus der ehemaligen Sowjetunion, Äthiopien oder West- und Mitteleuropa. Diese Pluralität schafft eine stabile demokratische Partizipation, aber sie führt auch zu einer politischen Fragmentierung, die Koalitionen schwächt und permanente Aushandlungsprozesse erzwingt. Besonders tief ist die Trennlinie zwischen säkularen und religiösen Juden, die nicht nur unterschiedliche Lebenswelten, sondern konkurrierende Vorstellungen von Israels Staatlichkeit repräsentieren.
Sicherheit bildet den übergreifenden Rahmen dieser Strukturen. Seit seiner Gründung lebt Israel in einem „offiziellen Notstand“3 wegen ständiger externer Bedrohung – sei es gegenwärtig durch die Hisbollah im Norden, Hamas im Süden oder die strategische Konfrontation mit Iran. In diesem Umfeld ist Sicherheitspolitik kein Politikfeld, sondern das Fundament des politischen Lebens. Sie stärkt die Exekutive, legitimiert schnelle Entscheidungen und erlaubt politischen Akteuren, externe Konflikte in innenpolitisches Kapital zu übersetzen. Netanyahu beherrschte diese Logik wie kaum ein anderer: Sicherheitskrisen wurden zu Momenten, in denen Führungsanspruch und politische Alternativlosigkeit demonstriert werden konnten.
Die institutionellen Wächter des Systems – zuvorderst der Supreme Court – besitzen moralische und juristische Autorität, sind aber strukturell verletzlich. Ihnen fehlen die harten Vetomöglichkeiten, die Verfassungsgerichte in anderen Demokratien auszeichnen. Auch hat Israel keinen Förderalismus oder ist Mitglied einer supranationalen Vereinigung, wie der Europäischen Union, was weitere demokratische Schutzmechanismen anderer Länder sind.
Diese Kombination – fehlende Gesamtverfassung, gesellschaftliche Pluralität, sicherheitspolitischer Dauerstress und nur begrenzt geschützte Institutionen – macht Israel zu einem Staat, der gleichzeitig beneidenswert flexibel und gefährlich verwundbar ist. Israels strukturelle Besonderheit erklärt damit, warum die Entwicklungen der Jahre 2022–2024 nicht nur eine Episode politischer Radikalisierung sind, sondern ein Moment, in dem das institutionelle Gleichgewicht des Landes selbst zur Debatte steht.
Die Siedlerbewegung – Ideologie, Macht und strukturelle Ambition
Die Siedlerbewegung ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der israelischen Politik, doch ihre Bedeutung hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Aus einer ideologisch motivierten Graswurzelbewegung ist ein politisch hochprofessionalisierter Akteur geworden, der nicht nur territorial-expansionistischen Aktivismus betreibt, sondern eine umfassende institutionelle Vision verfolgt, oft zusammengefasst als “Greater Israel.”4
Im Kern beruht die Bewegung auf einem religiös-nationalistischen Staatsverständnis. Sie sieht das gesamte biblische Kernland – insbesondere Judäa und Samaria, sprich das Westjordanland – als unveräußerlichen Bestandteil Israels. Dieser Anspruch ist nicht ausschließlich historisch motiviert, sondern wird als religiöse Verpflichtung interpretiert. Daraus ergibt sich eine politische Agenda, die territorialen Besitz, Präsenz und administrative Kontrolle als integrale Bestandteile eines jüdischen Staates versteht.
Was die Siedlerbewegung heute so wirkungsmächtig macht, ist jedoch nicht nur ihre Ideologie, sondern ihre institutionelle Durchdringung. Sie verfügt über ein dichtes Netz von lokalen Verwaltungen, NGOs, Think Tanks und parteipolitischen Strukturen. Führungsfiguren wie Bezalel Smotrich oder Itamar Ben-Gvir sind keine Außenseiter mehr; sie sind Minister mit direktem Zugriff auf sicherheitsrelevante, finanzielle und administrative Hebel. Die Bewegung hat es damit geschafft, ihre Aktivistenbasis in strategische Staatspositionen zu überführen.
Hinzu kommt die sicherheitspolitische Realität vor Ort. Die Lage der Siedlungen im Westjordanland erzeugt permanente Spannung und Gewalt. Für die Bewegung bestätigt diese Situation eine zentrale Annahme: dass Sicherheit und territoriale Kontrolle untrennbar miteinander verbunden sind. Gleichzeitig schafft sie politische Narrative, die den israelischen Staat unter Druck setzen, Siedlungen weiter zu schützen, auszubauen und administrativ zu stärken.
In den letzten Jahren hat sich das strategische Ziel der Bewegung verschoben: von der reinen Landnahme hin zur staatlichen Transformation. Dazu gehören der Versuch, den Supreme Court zu schwächen, die Ausweitung ziviler Kontrolle über das Westjordanland, die Legalisierung zuvor illegaler Außenposten und ein verstärkter Einfluss religiöser Normen auf staatliche Politik. Durch die Machtressorts, die die Bewegung in der 2022er Koalition erhielt, wurde diese Agenda erstmals in großem Umfang operativ umsetzbar.
Damit entstand eine neue Machtbalance: Netanyahu nutzt die Siedlerbewegung, um politische Mehrheiten zu sichern, doch die Bewegung nutzt Netanyahu, um ihr eigenes langfristiges Projekt voranzutreiben.
Die Siedlerbewegung ist heute kein Randphänomen mehr, sondern ein Akteur mit einer klaren, langfristigen Vision für den Charakter Israels. Sie strebt nicht weniger an als eine grundlegende Neuausrichtung des Staates: weg von einem liberal-demokratischen Selbstverständnis – wie Herzl und Ben Gurion Israel einst charakterisiert sehen wollten – und hin zu einer stärker religiös-national geprägten, territorial vollständig verstandenen Staatlichkeit. Dass sie nun über die institutionellen Mittel verfügt, dieses Projekt voranzutreiben, macht ihren Einfluss zu einem der entscheidenden Faktoren der gegenwärtigen israelischen Transformation.
Diese Regierung – Machtbalance, Dynamiken und Bruchlinien
Die Koalition von 2022 war die erste israelische Regierung, in der Elemente der „Greater Israel“-Ideologie nicht nur präsent, sondern strukturell dominant waren. Diese Entwicklung verschärfte die bereits bestehenden gesellschaftlichen Bruchlinien. Besonders die säkulare Mitte sah die Grundpfeiler des bisherigen Staatsmodells gefährdet, was, wie erwähnt, im Jahr 2023 zu den größten zivilen Protesten in der Geschichte des Landes führte. Während große Teile der Gesellschaft vor institutioneller Aushöhlung warnten, deuteten Vertreter der Siedlerbewegung die Proteste als Ausdruck einer elitistischen Gegenkultur.
Gleichzeitig entstand innerhalb der Regierung selbst ein struktureller Konflikt: Netanyahu versuchte – insbesondere nach Ausbruch des Krieges – internationale Beziehungen und wirtschaftliche Stabilität zu navigieren, während seine Koalitionspartner eine ideologische Transformation vorantrieben, die diese Ziele zunehmend erschwerte. Die Folge war eine asymmetrische Machtbalance: Netanyahu stand formell an der Spitze, doch man hatte den Anschein, dass die Richtung der Politik maßgeblich von seinen radikaleren Partnern vorgegeben wurde.
Mit der Koalition von 2022 hatte sich die politische Logik Israels verschoben: Die Peripherie bestimmte die Mitte – und Netanyahu musste zunehmend den Kurs einer Regierung moderieren, die ideologisch weiter ging, als sein eigenes Kalkül je vorgesehen hatte.
Fazit – Kann der König die Geister wieder einholen?
Benjamin Netanyahu ist über Jahrzehnte hinweg zum Synonym für die Stabilität in der israelischen Politik geworden – oder zumindest für die Fähigkeit, inmitten permanenter Instabilität an der Spitze zu bleiben. Sein Spitzname „King Bibi“ entstand nicht aus Ehrerbietung, sondern aus der akkuraten Beobachtung, dass kaum ein anderer Politiker die Mechanik des israelischen Systems so durchdrungen hatte wie er.
Die extreme Koalition, die 2022 ins Amt kam, war ein Produkt seiner Mehrheitsschmiedekunst – und gleichzeitig der größte Test für sie. Die Kräfte, denen er den Zugang zu zentralen Machtpositionen verschaffte, verfolgen ein Projekt, das weit über eine kurzfristig kalkulierte Mehrheitsbeschaffung hinausgeht. Sie wollen den Staat Israel transformieren. Und sie verfügen inzwischen über genügend institutionelle Hebel, um diese Vision nicht nur rhetorisch, sondern operativ zu verfolgen.
Gleichzeitig hat Netanyahu eine moralische und politische Distanz zu Teilen der Bevölkerung entwickelt, die lange seine wichtigste stille Reserve waren: säkulare Israelis, technokratische Eliten, moderat-konservative Wähler, die ihm auch dann die Stimme gaben, wenn sie ihn nicht liebten – weil sie ihm zutrauten, als starker Anführer das Land durch Krisen zu führen. Diese Gruppe sieht in ihm nun keinen stabilisierenden Faktor mehr, sondern einen Premier, der Risiken falsch einschätzte, institutionelle Balance vernachlässigte und die Prioritäten des Staates in einer der schwersten Krisen der jüngeren Geschichte verschoben hat.
Die wachsende Wut der „Bring Them Home-Bewegung“ mit negativen Reaktionen auf öffentlichen Veranstaltungen (man erinnere sich an die Reaktionen auf die namentliche Erwähnung Netanyahus durch US Special Envoy Witkoff5), das moralische Unbehagen eines breiten säkularen Milieus – all das markiert nicht nur einen Stimmungsumschwung, sondern die brüchig gewordene Basis jenes politischen Kontrakts, den Netanyahu über Jahrzehnte trug.
Seine gegenwärtigen Versuche der Distanzierung von Siedlerextremismus, seine demonstrative Nähe zur IDF-Führung und seine schrittweisen Bewegungen Richtung Mitte zeigen, dass er diese Bruchstellen erkennt. Doch sie zeigen auch, dass die Kontrolle über die politischen Kräfte, die er einst nutzte, heute unsicherer geworden ist.
Mit Blick auf die bevorstehende Wahl wirkt Netanyahus Zukunft so offen wie selten zuvor. Er kann noch immer Mehrheiten schmieden – das hat er bewiesen. Doch die Frage ist heute eine andere: Kann er eine politische Mehrheit bilden, in der er noch die Oberhand besitzt? In denen der Staat Israel eine Demokratie und Mitglied der internationalen Gemeinschaft bleibt? Die Ironie seiner späten Karriere liegt darin, dass die Fähigkeit, die ihn groß machte – seine Bereitschaft, jede taktische Allianz einzugehen, um die eigene Macht zu sichern – nun genau jene Dynamiken erzeugt hat, die diese Macht von innen heraus untergraben. Die Geister, die er rief, sind sehr mächtig geworden. Sie verfolgen eine Agenda, die Israel radikalisiert, und agieren mit einer Entschlossenheit, die sich nicht mehr allein durch politische Schachzüge einhegen lässt.
Die Frage, die nun über seine Zukunft und über die des Landes schwebt, bleibt offen: Kann „King Bibi” die Geister wieder einholen – oder werden sie bestimmen, wie Israel in den kommenden Jahren aussieht?
Anmerkungen
1 Averbukh, L. (2021). Israel: Sechs Monate Bennett-Regierung [Analyse]. SWP Berlin.
2 The Guardian. (2024). Israel Supreme Court strikes down key judicial overhaul law.
3 Winter, O. (2020). Existential threat scenarios to the State of Israel. INSS.
4 Azby, H. (2025). Greater Israel: From extreme ideology to dangerous political mission. VIIMES.
5 Times News. (2025, October 11). Crowds boo in Tel Aviv as Steve Witkoff mentions Netanyahu [Video]. YouTube.















