Unser Haus brennt, aber wir wenden uns ab. Die geschändete und geplünderte Natur kann sich nicht mehr regenerieren, aber wir weigern uns, es zuzugeben1.
(Präsident Jacques Chirac auf dem Weltgipfel 2002 in Johannesburg, Südafrika)
Vor fünfeinhalb Jahrzehnten definierte Barry Commoner die Vier Gesetze der Ökologie:
Alles ist mit allem verbunden (es gibt nur eine Ökosphäre; was einen Organismus betrifft, betrifft alle).
Alles verbleibt irgendwo (in der Natur gibt es weder Verschwendung noch ein "weg," wohin man etwas werfen könnte).
Naturbelassen ist besser (jede menschlich verursachte Veränderung eines natürlichen Systems schadet diesem System).
Nichts ist umsonst (alles muss bezahlt werden, wenn nicht vom Nutznießer, dann von anderen, denen die Ausbeutung der Natur – die Umwandlung einer nützlichen Ressource in Abfall – gar nicht zugutegekommen ist).2
Wie vorausschauend, wie relevant, wie dringend! Der Klimawandel – verursacht durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe – löst weltweit immer verheerendere Dürren, Brände, Stürme und Überschwemmungen aus. Diese Katastrophen sind die überfällige, noch offene, Rechnung für die enormen Treibhausgas Emissionen der letzten Jahrzehnte. Weltweit liegt die Durchschnittstemperatur etwa 1,5 °C über der des 19. Jahrhunderts; die ersten Hälften von 2026, 2025 und 2024 waren die heißesten, die je gemessen wurden.3 Die Emissionen steigen unaufhörlich weiter.4 Die Feuerrisiken haben schon erheblich zugenommen.5 Jene von 1,5°C bis 2°C werden noch höher sein, und wir steuern auf 2,7°C Erwärmung zu.6 Im Moment gibt es weltweit fast 50.000 aktive Waldbrände, davon 34.000 unkontrollierte.7 Sie sind die schlimmsten der modernen Geschichte.
Waldbrände kosten jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen das Leben. Sie sind keine Frühwarnsysteme mehr.8 Ebenso wie Dürren,9 Überschwemmungen,10 Hitzewellen,11 Stürme12 und die von Rauch erstickten Städte13 sind die infernalischen Feuer auch nicht die neue Normalität. Sie sind etwas viel Schlimmeres, nämlich der Auftakt für die aufgestauten und nun mit voller Wucht eintretenden Klimaschäden, also die Hitze- und Rauchtoten, die Ernteausfälle und Hungersnöte, die überfluteten Städte und vertrockneten Felder, die Wasser- und Migrationskriege. Die überhitzte Mutter Erde, ist, wie schon lange vorhergesagt, kein nur theoretisch denkbares Szenario mehr, sondern ein wahrscheinliches.14 Nicht vorhergesagt war die gleichzeitig zerfallende Weltordnung.15
Also, hier sind wir. Es wird immer klarer, dass der Klimawandel die größte globale Politikherausforderung der Menschheitsgeschichte ist, also kein unabwendbares Naturphänomen, sondern das Ergebnis menschlicher Entscheidungen. Zukünftige Historiker werden die Hartnäckigkeit, den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen hinauszuzögern oder sogar zu behindern, als das größte politische Versagen des frühen 21. Jahrhunderts interpretieren. Angesichts der vielen anderen globalen Herausforderungen – Kriege in Europa, in Afrika und im Nahen Osten, Migrationskrisen, demokratiedemokratischer Rückschritt, wachsende Ungleichheit und mehr – mag das unbegreiflich klingen. Aber, so meine These, die beispiellosen Risiken werden nicht richtig verstanden. Oder ernst genommen.
Das ist unverständlich, da der Klimawandel nicht länger eine Frage der Wissenschaft, fehlender Daten, unvorhersehbarer Entwicklungen, mangelnder Ressourcen oder unüberwindbarer technischer Probleme ist. Er ist auch nichts, das lokal, regional oder sogar national gelöst werden kann, und sicherlich ist es auch keine Frage persönlicher Tugend oder individueller Lebensstile. Stattdessen können alle möglichen technische, geschäftliche, lokale oder persönliche Maßnahmen nicht viel ausrichten, es sei denn, sie werden politisch skaliert.
Was steht im Weg? Sicherlich sind weder der demokratische Rückschritt noch die ökologische Krise natürliche Phänomene. Sie sind politische Katastrophen, die Folgen eines Machtungleichgewichts, das kurzfristige Vorteile – für privilegierte Einzelne, Länder und Branchen – über die langfristigen Interessen der Menschheit stellt. Klimawandel ist ein kniffliges Problem, weil die Kosten für seine Eindämmung sofort anfallen und von denen bezahlt werden müssen, die das Problem vielleicht gar nicht verursacht haben, während die Nutzen erst später eintreten, auch für diejenigen, die nichts zur Lösung beigetraten haben. Ein weiterer Haken ist, dass nicht einmal robuste Klimainvestitionen die globale Erwärmung umkehren würden. Da Kohlendioxid Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibt, ist weitere Erwärmung bereits vorprogrammiert. Dekarbonisierungsmaßnahmen verhindern bestenfalls, dass die Temperaturen noch weiter steigen.16 Daher ist das überwältigende Ausmaß der Klimaschutzaufgabe ein starker Anreiz für Leugnung, Trittbrettfahren und Passivität. Trotzdem ist nichts zu tun die schlechteste Wahl.
Die Vereinigten Staaten stoßen jedes Jahr ungefähr 6 Milliarden Tonnen Treibhausgase aus.17 Eine Studie, die Anfang dieses Jahres in Nature veröffentlicht wurde, beziffert den globalen wirtschaftlichen Schaden durch US-Emissionen seit 1990 auf 10 Billionen Dollar, wobei ein Viertel dieser Verluste in den Vereinigten Staaten selbst anfällt.18 Dessen ungeachtet höhlt die US-Regierung schon seit geraumer Zeit Klimaschutzmaßnahmen aus. George W. Bush zog sich vom Kyoto-Protokoll zurück, Barack Obama förderte einen Fracking-Boom und Donald Trump kündigte zweimal das Pariser Abkommen auf, dazu die US-Mitgliedschaft in dutzenden internationalen Organisationen und Konventionen.19 Wo irgend möglich behindert Trump Klimapolitik.20
Das Wissens, dass das Verbrennen von Kohlenwasserstoffen die Atmosphäre erwärmt, hat die großen Ölkonzerne – BP, Chevron, Exxon Mobil, Shell und andere – nicht davon abgehalten, Klimawandelleugner zu finanzieren und die Wissenschaft zu untergraben.21Barclays, Europas größter Fossilkraftstoff-Finanzierer, berät seine Kunden schamlos, wie sie von Klimakatastrophen profitieren können.22 Um die menschliche Zivilisation zu retten, muss die Dekarbonisierung der Weltwirtschaften und Gesellschaften Priorität haben. Da nur die Reduzierung der Treibhausgasemissionen die globale Erwärmung verlangsamen kann, müssen Richtlinien in Bezug auf Energiesicherheit, Industrie, Infrastruktur, Landwirtschaft, Steuern, Subventionen, Umweltschutz und Resilienz auf CO₂-Neutralität basieren.23
Gleichzeitig, da die Erwärmung selbst unter den besten Umständen weitergehen wird, müssen Anpassungsmaßnahmen – wie umfassende Elektrifizierung, Unterstützung des öffentlichen Verkehrs und widerstandsfähige Landwirtschaft sowie die Kühlung von Städten und Gebäuden – natürlich verstärkt werden. Es ist jedoch ebenso klar, dass es keine sinnvolle Anpassung an eine Welt mit 3°C geben kann. Zu viel Zeit ist damit verloren gegangen, die Gewissheit steigender Klimakosten zu leugnen oder zu ignorieren, sodass ein geordneter Übergang zu einer Netto-Null-Situation jetzt möglicherweise nicht mehr erreichbar ist. Da selbst 3°C besser sind als 3,5°C oder noch mehr, ist es so wichtig, die aktuelle Krise nicht ungenutzt zu lassen und Klarheit sowohl über das Ausmaß der Herausforderung zu schaffen als auch über ihre Ursachen.
Große Ölkonzerne und Länder, die Öl, Gas und Kohle fördern – fast alles repressive autoritäre Staaten – gefährden eine lebenswerte Zukunft. Indem sie Oligarchen stärken, die niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig sind, riskieren sie die Energiesouveränität sowie die politische Demokratie in den Abnehmerländern. Im Gegensatz dazu stärken erneuerbare Energien die Resilienz, sind dezentral, demokratisierend und stützen lokale Wirtschaften. Auch wenn es ein harter Kampf ist, gibt es ermutigende Anzeichen. Wissenschaftler auf der ganzen Welt liefern immer detailliertere Analysen, Beweise und Argumente dafür, dass extreme Wetterereignisse meistens Naturkatastrophen sind. Genauso wichtig sind die vielen Belege der Vorteile erneuerbarer Energiequellen, einer Welt ohne fossile Brennstoffe und der verschiedenen Wege dorthin.
Im Juli 2025 hat der Internationale Gerichtshof sein richtungsweisendes, einstimmig angenommenes Gutachten zu den Pflichten der Staaten in Bezug auf den Klimawandel veröffentlicht.24 Unter Anwendung des bestehenden Völkerrechts stellte das Gericht klar, dass Klimaschäden eindeutig mit großen Emittenten sowie Produzenten von fossilen Brennstoffen in Verbindung gebracht werden können und dass diese Schäden rechtswidrige Handlungen darstellen können, für die Staaten rechtlich für ihre Treibhausgasemissionen verantwortlich gemacht werden können.25
Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte stellte im Juli 2025 fest, dass Länder gesetzlich verpflichtet sind, nicht nur Umweltschäden zu vermeiden, sondern auch Ökosysteme zu schützen und wiederherzustellen.262024 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass Länder ihre Bevölkerung besser vor den Folgen des Klimawandels schützen müssen.27 2021 verlangte das deutsche Bundesverfassungsgericht in einem einstimmigen, wegweisenden Urteil von der Regierung, darzulegen, wie und wann Deutschland klimaneutral werden soll. In einem ungewöhnlichen Fall der Durchsetzung positiver Rechte entschied es, dass die wirtschaftliche Last bis 2050 gerecht verteilt werden muss.28 2019 entschied der Oberste Gerichtshof der Niederlande – ein großer juristischer Sieg für Klimaaktivisten – dass der Schutz vor den potenziell verheerenden Folgen des Klimawandels ein Menschenrecht ist und die Regierung die Pflicht hat, ihre Bürger zu schützen.29
Erneuerbare Energien sind nicht aufzuhalten. Sie sind billiger, sicherer, sauberer und zuverlässiger verfügbar als fossile Brennstoffe. Im Jahr 2025 waren 90% der in Betrieb genommenen Projekte für erneuerbare Energien kostengünstiger als jede neue fossile Alternative. Die 582 Gigawatt an erneuerbarer Energie, die dem globalen Energiesystem hinzugefügt wurden, halfen, den Verbrauch von fossilen Brennstoffen im Wert von über 450 Milliarden Euro einzusparen.30 Dieses Jahr wird es viel mehr sein. Der unsinnige, illegale Krieg gegen den Iran wird dafür sorgen. Wissenschaftler, Gerichte, Technologiesprünge und eine Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Organisationen kämpfen für den Erhalt der menschlichen Zivilisation. Höchste Zeit, dass sich auch die Regierungen der Welt ihrer Verantwortung für die Zukunft der menschlichen Zivilisation bewusst werden. Die menschengemachte Klimakrise wird nicht von allein weggehen. Worauf warten sie?
Anmerkungen
1 Chirac, J, Déclaration de M. Jacques Chirac, Président de la République, sur la situation critique de l'environnement planétaire et les propositions de la France pour un développement durable, Johannesburg le 2 septembre 2002.
2 Commoner, B. The closing circle; nature, man, and technology. New York: Knopf, 1971.
3 Hausfather, Z, “State of the climate: Rapidly developing El Niño raises chance of record-warm 2026,”.
Carbon Brief, 24 July 2026.
4 Ritchie, H., Rosado, P. and Roser, M., [“Greenhouse gas emissions,”](Greenhouse gas emissions | Our World in Data) Our World in Data, 30 July 2026.
5 NASA, undatiert, am 6. August 2026 eingesehen.
6 Climate Action Tracker, Emissions Pathways, undatiert, am 6. August 2026 eingesehen.
7 Current Wildfires, undatiert, am 6. August 2026 eingesehen.
8 Xu R, Ye T, Huang W et al., “Global, regional, and national mortality burden attributable to air pollution from landscape fires: a health impact assessment study,” The Lancet, 14 December 2024; 404 (10470), pp. 2447-2459.
9 Global Drought Map,, undatiert, am 6. August 2026 eingesehen.
10 May, N. and Watts, J., “‘We have lost everything’: extreme rainfall across Asia brings flash floods and typhoons,” The Guardian, 28 July 2026.
11 Gamio, L., Levitt, Z., Shao, E. and Khurana, M. “Tracking Heat Across the World,” The New York Times, wird täglich aktualisiert, am 6. August 2026 eingesehen.
12 World Meteorological Organization, Severe Weather Information System, undatiert, am 6. August 2026 eingesehen.
13 IQAir, Live AQI⁺ global major city ranking, wird täglich aktualisiert, am 6. August 2026 eingesehen.
14 Ripple W, Wolf C, Rockström J et al, “The risk of a hothouse Earth trajectory,”, One Earth, Vol 9 (2), February 20, 2026.
15 Baumann, F., “The systemic challenge of global heating.”. International Politics Review, Vol. 6, 1 October 2018.
16 World Meteorological Organization, Earth’s climate swings increasingly out of balance, Press Release, 23 March 2026.
17 United States Environmental Agency, “Inventory of U.S. Greenhouse Gas Emissions and Sinks,”, undated, accessed on Tuesday, August 4, 2026.
18 Burke, M., Zahid, M., Diffenbaugh, N.S. et al. “Quantifying climate loss and damage consistent with a social cost of carbon.”. Nature, 651, 959–966, 25 March 2026.
19 The White House, “Withdrawing the United States from International Organizations, Conventions, and Treaties that Are Contrary to the Interests of the United States,” January 7, 2026.
20 Rentzhog, I., “The Fossil Lobby Is Winning: 45 Climate Policy Reversals in One Year,” We Don’t Have Time, undatiert, am 6. August 2026 eingesehen.
21 John, R., ”The Lovelock Papers: Shell’s Hidden Climate Knowledge Under Scrutiny as Court Battle Looms,”DeSmog, July 29, 2026; Drugmand, D., “Big Oil’s Climate Ads Have Propped Up Fake Promises and False Solutions for Past 25 Years, Report Finds,” +Inside Climate News, December 11, 2025; Union of Concerned Scientists, “New UCS Report Details Fossil Fuel Industry’s Decades of Deceit, Implications for Climate Accountability Lawsuits,” 14 May 2025; Lisa Friedman, “Oil Interests Gave More Than $75 Million to Trump PACs, New Analysis Shows,” *The New York Times, 1 November 2024; Supran, G. and Oreskes, N., “ExxonMobil misled the public about the climate crisis. Now they're trying to silence critics,“, The Guardian, 16 October 2020.
22 Bureau of Investigative Journalism, “Barclays spots a chance to profit from extreme weather crisis,” 28 July 2026.
23 Viglione, G, and Dwyer, O., “Analysis: 84% of nations miss deadline to identify ‘nature-harming’ subsidies by 2025,” Carbon Brief, 28 July 2026.
24 Note by the Secretary-General, “Advisory opinion of the International Court of Justice on the obligations of States in respect of climate change,” 4 August 2025.
25 Ekardt, F., “The ICJ Advisory Opinion on Climate Change: Content and Consequences,” Environment: Science and Policy for Sustainable Development, 68 (2), 24 February 2026.
26 Grattan, S., “Latin America’s top human rights court says states have duty to act on climate crisis,” AP, 3 July 2025.
27 Quelli M., and Casert, R., “Verdict saying Switzerland violated rights by failing on climate action could ripple across Europe,” AP, 10 April 2024.
28 Ekardt, F., “Freedom, Human Rights, Paris Agreement, and Climate Change: The German Landmark Ruling on Climate Litigation.” Environment: Science and Policy for Sustainable Development, 64 (2), 28 February 2022.
29 Corder, M., “Activists cheer victory in landmark Dutch climate case,” AP, 20 December 20, 2019.
30 IRENA, “Infographic: Renewable Power Generation Costs in 2025,” 6 July 2026.















