Zohar Fraimans Ausstellung Queen of hearts empfängt die Besuchenden mit einer ästhetischen Raumerfahrung aus grünem Kunstrasen und rosa Wänden. Herzen, Rosen, Flamingos und Smartphones wabern als wiederkehrende Motive über die Leinwände, bekannte Gesichter hier und da. Schwäne posieren metamorphosierend. Die spezifische Installation, die die Künstlerin für ihre Einzelausstellung in der Galerie Russi Klenner entwirft, knüpft an das Zeichentrick-Universum von Disneys Alice im Wunderland (1951) an, das sie auch in ihre neuen Malereien integriert.

Love is a losing game nimmt Bezug auf eine Szene im Garten der Herzkönigin: Alice lässt sich unfreiwillig auf eine Partie Croquet mit der tyrannischen Queen of Hearts ein, wobei Flamingos auf brutale Weise als Schläger missbraucht werden. Diese Bildebene überlagert das zentrale Motiv eines weiblichen Figurenpaares mit CroquetSchlägern wie eine Traumsequenz. Doch anstatt zu spielen, wehren die Protagonistinnen auf sie zuschießende Bälle ab. Genau wie das zur Attacke gewordene Spiel folgt auch das Croquet im Wunderland weder fairen Regeln noch einer inneren Logik. Am Ende gibt es keine Gewinner, nur die bittere Erkenntnis, dass dieses Spiel von Anfang an verloren war. Dies spiegelt sich auch im Werktitel wider, der Amy Winehouse zitiert: „Love is a losing game / One I wished I never played [...]“. Überträgt man jene‚ dunkle Seite der Liebe‘ auf die digitale Welt, so offenbart sich die Banalisierung des Konzepts von Liebe zum bloßen Symbol des Herzens – zum Like, das maximale Begierde schürt, aber auch zu maximaler Angreifbarkeit führen kann.

Die Arbeit Queen of hearts, die der Ausstellung ihren Titel verleiht, vereint im Amalgam aus Handspiegel und Kelch mit giftgrüner Flüssigkeit nicht nur Behälter und Reflektion, sondern auch Disney-Schneewittchens Stiefmutter (Chaotic evil!) und Kim Kardashian (Goat) in Form sich überlagernder, fragmentierter Gesichter. Die Influencerin und Geschäftsfrau Kim Kardashian hat mit geschicktem SocialMedia-Marketing neue Maßstäbe in Sachen Beauty und Mode gesetzt und gilt als zeitgenössische Ikone. Schneewittchens Stiefmutter personifiziert Eifersucht und Boshaftigkeit. Sie hasst ihre Spiegelung – Kardashian verkauft sie. Beide sind Teil eines toxischen Gemischs aus Schönheit und Macht.

Der Spiegel steht in Literatur und Kunst seit jeher als ambivalentes Symbol für Identitätssuche und Selbsterkenntnis, aber auch Eitelkeit und Illusion. In Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln versinnbildlicht er ein Portal zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Durch die Verschränkung der Bildebenen und Motive werden in Queen of Hearts Identitäten dekonstruiert und das komplexe Verhältnis zwischen Innenund Außenwelt, Selbst- und Fremdwahrnehmung im digitalen Zeitalter enthüllt.

Auch in Genuinely pretending setzt Fraiman den Spiegel ins Zentrum – diesmal als Projektionsfläche. Ein Schwan sucht den eigenen Widerschein, doch Realität und Abbild stimmen nicht überein, so, als würden verborgene Wahrheiten über die Reflektion aufgedeckt. Der Titel der Arbeit deutet es an: Der Schwan versucht, etwas zu sein, das er nicht ist. Er begehrt das Fremde. Doch der Flamingo im Spiegel entpuppt sich als Fata Morgana, ein Konstrukt aus Likes und Filtern – und damit als (Selbst-)Täuschung.

In Cupidon sitzt ein antagonistisches Hybrid aus dem Liebesengel Cupido, der Caravaggios Der siegreiche Amor (1602) zitiert, und einer madonnenhaft erscheinenden Frau auf einem roten Sofa in einem blauen Raum. Während der weibliche Figurenpart mit der weibliche Figurenpart mit der Herzspitze eines weißen Pfeils auf das davor liegende Tablet zielt, zückt der schelmisch dreinblickende Cupido einen dunklen Pfeil – bereit, die Handlung des Gegenparts zu stören. Ziel ist das Emoticon mit Heiligenschein auf dem Bildschirm, das Unschuld und Naivität symbolisiert, aber auch dazu dient, freches, anzügliches Verhalten durch spielerische Unschuld zu relativieren.

Nicht die Fiktion Alice im Wunderland, sondern Ovids Ursprungsmythos Leda mit dem schwan liegt Leda and me zugrunde. Ihm zufolge habe sich der griechische Göttervater Zeus in einen Schwan verwandelt, um Leda, die Gattin des Königs von Sparta, zu verführen. Während zahlreiche Darstellungen (u.a. von Correggio oder Rubens) den Mythos als erotische Verführungsszene deuten, ordnen ihn Autoren wie W.B. Yeats oder Hölderlin als Symbol für Gewalt, Schicksal und Neuanfang ein.

Zohar Fraiman kehrt die Sage zunächst um: Das Smartphone in der Hand nötigt die weibliche Figur den Schwan zum Selfie und zwingt ihn dafür in eine künstliche Pose. Rote Lippen und ein lasziver Blick verstärken die erotische Andeutung des Leda-Subtexts. Ein Hintergrundgemälde, das einen Schwan in naiv-kindlichem Stil zeigt, eröffnet ein spannendes Wechselspiel der Lesarten und bildet zugleich die perfekte Selfie-Kulisse. Doch die kühne Maske der Protagonistin bröckelt und die vermeintliche Selbstermächtigung zeigt sich als schale Performanz. Wer sind wir, wenn wir uns ständig zwischen virtuellen und realen Räumen bewegen? Was ist echt, was ist fake? Zohar Fraiman seziert in ihren Werken die brüchige Fassade digitaler Identität und übersetzt deren Fragilität in die analoge Welt der Malerei. Ihre farbgewaltigen Bildwelten verschmelzen, morphen, überlagern, dekonstruieren und hinterfragen virtuelle und physische Realitäten: Was bleibt vom Individuum, wenn es sich über Klicks, Likes und Algorithmen definiert?

In einer scheinbar parallelen Gesellschaft mit eigenen Gesetzmäßigkeiten regieren Influencer*innen und Selfie-Kulte unter der Währung sozialer Anerkennung. Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer bekommt die meisten Likes im Cyberland?

Fraimans hybride Bildwelten loten die Schnittstellen zwischen virtueller Selbstinszenierung und physischer Existenz aus. In der Verwebung von Fiktion, Mythen und Märchen mit Wirklichkeitsfragmenten aus dem digitalen Raum entwickelt sie schonungslose Reflexionen: zwischen Selbstinszenierung und Fremdbestimmung, zwischen dem Wunsch nach Authentizität und der Konstruktion einer perfekten Fassade. Ihre Kunst wird so zum Seismografen einer Epoche, in der die Grenzen zwischen Realität und Simulation verschwimmen – und in der sich die Malerei selbst der Flüchtigkeit des Digitalen widersetzt.

(Text von Magdalena Mai)