Mit großer Geduld und Hingabe widmet sich Xuejing Wang alltäglichen Gegenständen und weggeworfenen Materialien und haucht ihnen neues Leben ein. Inspiriert von östlichen Philosophien und Ästhetiken erhalten gebrauchte Teebeutel, Fruchtschalen, getrocknete Blätter, Ziegelsteine und Holz durch meditative, handwerkliche Prozesse des Zusammenfügens, Nähens und Schichtens eine neue Existenz. In ihrer Arbeit wird zerbrechlich wirkendes Material zu stabil konnotierten Objekten umfunktioniert, während hartes Material, mit zarten Nähten behandelt, eine ganz neue, subvertierte Bedeutung erhält. In ihrer Praxis hinterfragt Wang die unsichtbare körperliche und emotionale Arbeit, die dem Alltag eingeschrieben ist: die erlittenen Verletzungen, die ererbten Traumata, die Anstrengung, die unbemerkt bleibt.
In Antifragile kehrt das Zuhause als strukturelle Metapher wieder: nicht nur als Schutzraum, sondern als das Selbst, als Ansammlung aller prägenden Erfahrungen, die man gemacht hat. Fenster, Bäume, Badezimmervorhänge, Esstische und Ziegelwände erscheinen in der Ausstellung als allgemein vertraute Objekte, als Schwellen zwischen dem Intimen und dem Gemeinsamen. Scheinbar vertraut, werden sie durch Wangs transformative Prozesse verfremdet und neu dargestellt. Ziegelsteine, die durch mundgeblasenes Glas verbunden werden, halten ihr Gleichgewicht durch Kompression; Metalldraht bewegt sich zwischen Pinselstrich und Schriftzeichen auf bemalter Leinwand; Holzblöcke werden aufgespalten und wieder zusammengenäht; ein Duschvorhang, dessen handgeschriebener Text in metallische Folie gepresst ist, wird zum Zeugnis innerer Zustände. Diese Materialien sind Druck, Verformung und Akkumulation ausgesetzt und wachsen weiter.
Im Kern von Antifragile steht eine Neudefinition von Fragilität selbst. Wo Fragilität gemeinhin als Verletzlichkeit, als Schwäche verstanden wird, beansprucht Wang sie als Bedingung der Transformation. Ausgehend von buddhistischen Praktiken der Wiederholung, des Schreibens und der Kreisform, auf die sie in ihrer Jugend als Strukturen der Stabilität gegen Unsicherheit zurückgriff, überträgt sie diese Rhythmen in ihre Skulpturen und Gemälde. Glas, das täglich zerbricht, wird gehalten und erhoben; was einst weggeworfen wurde, wird beständig; das Zerbrochene wird wieder zusammengenäht, nicht um die Wunde zu verbergen, sondern um sie als Form beizubehalten. Nach ihrem Umzug von China nach Berlin fand Wang in den Landschaften der Stadt und ihrer relativen Freiheit einen neuen Zugang zur Natur und zu sich selbst, ein Umfeld, das es ihr ermöglichte, ihre Praxis vom streng persönlichen hin zu etwas zu öffnen, in dem auch andere verweilen können. Antifragile beschreibt keine Heilung. Die Ausstellung deutet auf etwas schwerer Begreifbares hin: die Fähigkeit, durch das verändert zu werden, was man nicht kontrollieren kann, und innerhalb dieser Veränderung eine neue Struktur zu finden.
Für Antifragile gestaltet Wang die Galerie als Haus, das in drei unterschiedliche Räume gegliedert ist, die zusammen eine emotionale und psychologische Kartografie des häuslichen Lebens konstituieren. Der vordere Raum, den Wang als „unerträgliche Leichtigkeit des Seins” bezeichnet, fungiert gleichzeitig als Wohnund Schlafzimmer: ein Ort, an dem das materielle Gewicht der täglichen Existenz in Spannung zur Zerbrechlichkeit des Innenlebens steht. Ein übergangsartiger mittlerer Raum übernimmt die Funktion einer Küche, in der mit Ernährung, Routine und Vererbung verbundene Objekte sich als Bedeutungsträger zusammentun, die über ihr häusliches Dasein hinausgehen. Der hintere Raum verkörpert ein Badezimmer: den privatesten Raum des Körpers, dessen Schwelle von einem Duschvorhang markiert wird, der aus Kaugummipapieren genäht ist, jedes von der Künstlerin per Hand dicht beschrieben mit Passagen aus dem Diamant-Sutra, und die eine Membran zwischen Innerlichkeit und der Welt dahinter bilden. In allen drei Räumen wird das Vertraute entfremdet und das Häusliche als primärer Ort enthüllt, durch den Erfahrung, Erinnerung und Selbstheit konstruiert werden.
Antifragilität bedeutet nicht Widerstand, sondern im Wandel weiter zu bestehen.















