Mit 104,5° präsentiert Aoa;87 eine Soloausstellung der Berliner Bildhauerin Margarete Adler – fünf lebensgroße Tonfiguren, die den Raum in eine begehbare molekulare Konstellation verwandeln.
Der Winkel ist kein Zufall: Das Wassermolekül H₂O ist in einem Bindungswinkel von genau 104,5° gebaut. Wäre er gerade, gäbe es keine Polarität, keine Oberflächenspannung, keine Tränen, kein Blut, kein Fruchtwasser. Dieser präzise Winkel ist die Voraussetzung allen Lebens – und er gibt Adlers Ausstellung ihren Titel und ihre räumliche Logik.
Im Zentrum stehen drei Figuren desselben Mannes – Mann mit huhn, Mann mit ei, Mann mit hahn – angeordnet im exakten Bindungswinkel des Moleküls, mit Mann mit huhn als Scheitelpunkt: Möglichkeitsraum und Vollendung, Werden und Geworden-Sein, ohne lineare Richtung. Abseits der Trias steht Medusa – nicht als Bedrohung, sondern zu ihrem Wortstamm zurückgeführt: médousa bedeutet bewachen, schützen. Als Tochter der Meeresgottheiten dem Wasser entstammend, ist sie in der Konstellation nicht Teil des Moleküls, sondern dessen Voraussetzung: das Element, bevor es sich bindet. Am Boden liegt Verschnürt: nackt, mit Schnüren umwickelt, als Paket gebunden – eine zweite Achse im Raum, vom Aufrechten zum Liegenden, vom Tragenden zum Getragenen.
Ergänzt wird die Ausstellung durch den fotografischen Werkzyklus Die tage des wassers von 1994 – frühe Schwarzweißfotografien, die über drei Jahrzehnte zurückreichen und heute als Resonanz wiederkehren, nicht als Zitat. Die Gegenüberstellung stellt die Frage nach dem Winkel zwischen damals und jetzt.
Adler modelliert ihre Figuren von Hand, in Ton, über Wochen – ohne Abguss, ohne digitale Vorlage. Nach dem Brand werden sie in feinen Schichten farbig gefasst; Hauttöne, Stoffgewebe, Federstrukturen entstehen im Auftrag von Hand. Das Ergebnis ist ein Verismus, der nicht auf Illusion zielt, sondern auf Präsenz: Die Figuren wirken nicht wie Abbilder, sondern wie Anwesende. Diese Handwerklichkeit ist nicht Stil, sondern Haltung – und Adlers Skulpturen tragen die Spur dieser Haltung in sich und geben sie an die Betrachtenden weiter.
















