Moskau und Peking stellen die westlichen Demokratien in Frage. Trump und der Trumpismus setzen die amerikanische Demokratie unter existenziellen Druck. Nationalistischer Populismus treibt Illiberalität auf beiden Seiten des Atlantiks voran. Hohe Mauern werden gegen Menschen und Güter errichtet. Autoritäre Herrschaft wird propagiert. Allerorts wehen antidemokratische Winde.

Populismus ist eine demokratiezerstörende Kraft. Warum erhielten Italien im Jahr 1947, Deutschland 1949, und Spanien 1978 neue Verfassungen? Weil vor hundert Jahren die Starkmänner Mussolini, Hitler, und Franco verantwortlich für die destruktiven Sturmwellen des Faschismus und Nationalsozialismus waren, die im Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichten. Heute sind populistische Starkmänner wieder an der Macht, Trump in den USA, Putin in Russland, Xi in China, Modi in Indien und andere mehr. Aber nun fragen wir uns: Wie konnte Amerika zum Komplizen des Populismus-Problems werden?1 Warum führen die USA die Welt nicht aus diesem Problem heraus, sondern tiefer hinein? Darauf keine gute Antwort zu haben, ist nicht schwer; eine gute Antwort zu haben, ist großartig; und acht Antworten sind meine Antwort.

Unter den zahllosen Einflüssen, die Trump und den Trumpismus an die Macht gebracht haben, sind acht Hauptgründe identifizierbar, die in ihrer Gesamtheit ausschlaggebend waren. Dazu gehören eine alte und eine neuere amerikanische Eigenheit, nämlich die unbegrenzte Redefreiheit für großes Geld und die heftige Eloquenz rechtsradikaler Intellektueller. Meine These lautet daher: die Symbiose von aggressivem rechtsradikalen Geist mit großen Geldmitteln hat einen wichtigen Beitrag zum Durchbruch des Trumpismus geleistet.

1. Redefreiheit für Großes Geld

Seit langem ist die Verfassung der Vereinigten Staaten der grundlegende politische Maßstab des Landes. Insgesamt wurden in mehr als zweieinviertel Jahrhunderten etwa 12.000 Zusatzartikel zur Verfassung beantragt, aber nur 27 hinzugefügt, die ersten zehn davon sofort (US Bill of Rights, 1789-91). Im Vergleich zur Magna Carta von 1215, die seit achthundert Jahren der Wegweiser für Großbritannien ist, erscheint die US-Verfassung jung, gleichwohl ist ihre Beständigkeit dennoch beeindruckend, insbesondere vor dem Hintergrund der sogenannten „alten Welt“ und ihrer so viel jüngeren Verfassungen.

Redefreiheit ist im ersten Artikel der amerikanischen Bill of Rights garantiert:

  • „Der Kongress soll kein Gesetz erlassen, das eine Einrichtung einer Religion zum Gegenstand hat oder deren freie Ausübung beschränkt, oder eines, das Rede- und Pressefreiheit oder das Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und an die Regierung eine Petition zur Abstellung von Missständen zu richten, einschränkt.“2

Bislang hat sich der Kongress an diese Regel gehalten. Der Gesetzgeber hat keine Gesetze verabschiedet, die das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit einschränken oder beschneiden. Auch Präsident Trump hat das (noch) nicht geändert und sich darauf beschränkt, ihm nicht genehme Journalisten, Druckmedien und Fernsehstationen regelmäßig zu beschimpfen und als „Feinde des Volkes“ zu denunzieren. Trumps verbale Diskriminierung der vierten Gewalt, trotz seiner legalen Zurückhaltung, ist ominös. Doch nicht immer ist es die Beschränkung von Rechten, die zu negativen Resultaten führt, auch die Erweiterung eines Rechts kann vom Übel sein. Und das ist mit der amerikanischen Redefreiheit geschehen. Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat eine solche Änderung im Jahr 2010 bewirkt, indem er die Ausübung der Meinungsfreiheit auf Wahlkampfausgaben ausgeweitet hat. Damals wurde im Fall Citizens United gegen Federal Election Commission (FEC) entschieden:

  • „Politische Ausgaben sind eine Form der durch den Ersten Verfassungszusatz geschützten Meinungsäußerung, und die Regierung darf Unternehmen oder Gewerkschaften nicht daran hindern, Geld auszugeben, um einzelne Kandidaten bei Wahlen zu unterstützen oder zu kritisieren. Unternehmen oder Gewerkschaften dürfen zwar keine direkten Geldspenden für Wahlkampagnen leisten, können jedoch versuchen, die Wählerschaft durch andere Mittel, darunter auch Werbung, zu beeinflussen.“3

Die Erlaubnis, dass sowohl Unternehmen als auch Gewerkschaften in Wahlkämpfen mit Geld reden dürfen, sofern sie personell unabhängig von einer politischen Kampagne agieren, rief reich finanzierte Lobbygruppen ins Leben, sogenannte Political Action Committees (PACs). Danach ging das hohe Gericht noch einmal einen großen Schritt weiter und entschied, dass „Gesamtobergrenzen“ für politische Spenden ungültig sind.4 Das Ergebnis waren Super PACs, Organisationen, denen es gesetzlich gestattet ist, mit unbegrenzten Geldbeträgen für oder gegen politische Kampagnen zu sprechen. Das ist die Bedeutung von „Großsprecher“ im Titel dieses Beitrags.

2. Die Großsprechergrenze der Milliardäre

Geld redet (money talks), genauer gesagt, das Geld der allermeisten Amerikaner murmelt, wenn es überhaupt spricht, doch das Geld der amerikanischen Milliardäre – von denen es zunehmend mehr gibt5 – ist überaus lautstark. Ein Prozent von einer Milliarde sind 10 Millionen und ein Prozent von 100,000 sind 1,000. Der Unterschied zwischen Wahlspenden von tausend Dollar und von zehn Millionen Dollar ist folgender: die tausend-Dollar-Rede geht im Gemurmel unter, die zehn-Millionen-Dollar Rede hingegen ist unüberhörbar.

Die Stimme des großen Geldes wurde seit Citizens United mit jeder Wahl lauter. Die Abgrenzung zwischen politischen Kampagnen und Super PACs ist zu einer juristischen Fiktion geworden. Hinzu kommt, dass das sogenannte Dunkelgeld (dark money) – das Geld ‚gemeinnütziger‘ Organisationen, die ihre Spender geheim halten dürfen (nicht zu verwechseln mit illegalem Schwarzgeld) – mit den Ausgaben der Super PACs Schritt gehalten hat.

Enorm wohlhabende Amerikaner sind für ihre hoch erscheinenden politischen Wahlausgaben bekannt. So hat allein Elon Musk über eine viertel Milliarde für die Wahl von Trump im Jahre 2024 gespendet. Das ist sehr viel Geld, aber weniger als ein Prozent von Musks Nettovermögen, welches im Oktober 2025 erstmals 500 Milliarden Dollar überstieg. Musk, könnte man sagen, hat sich in Trumps Regierung für einige Monate als „besonderer Regierungsangestellter“ und Direktor des experimentellen „Department of Government Efficiency“ (DOGE – nie formal etabliert und kurz nach Erscheinen getilgt) eingekauft. Zutreffender und wichtiger ist jedoch die Feststellung, dass Musks ungebremste Einflussnahme in den ersten Monaten von Trumps zweiter Amtszeit eine Ausnahme war.

In der Regel verschafft das große Geld ‚nichts weiter‘ als Zugang zum US-Präsidenten und seine engsten Berater. Es ermöglicht, ins Oval Office durchgestellt zu werden. Und das ist den Spendern ein paar Millionen wert. Ansonsten ist zu bedenken, dass es sowohl republikanische als auch demokratische Milliardäre gibt deren Geld vor den Wahlen zu etwa gleichen Teilen beiden Parteien zugutekommt.

Die astronomischen Summen, die in US-Wahlkämpfen im Spiel sind, öffnen fraglos viele Bestechungswege. Der Hauptgewinn ist jedoch mit Geld allein unerschwinglich. Die Ansicht, das Amt des US-Präsidenten könne vom großen Geld gekauft werden, ist überwiegend falsch. Wenn es so einfach wäre, kämen die Wahlspenden der Superreichen sicher eine Größenordnung höher herein und würden um zehn Vermögensprozente schwanken. Die geringen Beträge, die Musk und seine Klasse ausgeben, zeigen dagegen: die milliardenschweren Spender kennen das Abenteuer der amerikanischen Wahlen; sie wissen, dass sie keine sichere Wette eingehen.

Um präsidialpolitische Geschichte zu machen, benötigt das große Geld außerordentlich starke Hilfe. Es genügt nicht, dass es strategisch eingesetzt wird, das machen viele, für den großen Gewinn braucht es etwas mehr – das seltene Talent von Tötern mit Geist. Das lehrt der erste Wahlsieg von Trump. Die entscheidenden Akteure in dieser Erfolgsgeschichte waren Robert und Rebekah Mercer auf der Geldseite sowie die Matadore Kellyanne Conway und Stephen Bannon auf Seiten der aggressiven politischen Intelligenz.

3. Das Robert und Rebekah Mercer Duo

Großes Geld und große Kämpfer ebneten Trumps Weg ins Weiße Haus. Das heißt nicht, dass die amerikanischen Wähler keine andere Wahl hatten oder Trumps Persönlichkeit keine Rolle spielte, sondern nur, aber dies mit Bestimmtheit, dass die Kombination von Geld mit Intelligenz ein ebenso notwendiger Beitrag zum Durchbruch des Trumpschen Populismus war wie der früher von mir behandelte Medienumsturz im Technologiefeld.6

Das Geld der Mercers floss in Strömen aus einer Geldmaschine des Stony Brook University Mathematikers James Simons – Renaissance Technologies – einem 1982 gegründeten Hedgefonds mit sagenhaften Renditen im Hochfrequenzhandel. Mercer kam 1993 mit einem Kollegen (Peter Brown) von IBM zu Renaissance. Als Simons 2009 zurücktrat, übernahmen Mercer und Brown die Leitung der Firma. Anders als Simons, der ebenso regelmäßig wie bedingungslos die Demokratische Partei mit Millionenspenden unterstützt hatte, verlangte Mercers Geld eine rechtsradikale Umgestaltung der Republikanischen Partei.7

Mercer ist kein Mann der Öffentlichkeit; er ist promovierter Informatiker, wortkarg, lebt zurückgezogen, hat frühe künstliche Intelligenzsysteme zur statistischen Spracherkennung und maschinellen Übersetzung entwickelt, spielt kompetitives Poker8 und sammelt Maschinengewehre. Seine politischen Absichten kommen in seinen Investitionen zum Ausdruck.

Mercer ging ruchlos und mit einer langfristigen Perspektive ans Werk. Er brachte seine Erfahrung mit datengesteuerten Methoden der automatischen Spracherkennung und dem Aufspüren finanzieller Gewinnchancen ins politische Geschäft, fand in enger Zusammenarbeit mit seiner mittleren Tochter Rebekah die aggressivsten und fähigsten Kämpfer, nutzte den Auftrieb der antidemokratischen Winde für seine Zwecke ohne Bedenken aus, und investierte systematisch in Super PACs, konservative Denkfabriken, unkonventionelle Meinungsforscher, und alternative neue Medien.

Auf der Suche nach einem geeigneten Zugpferd traten die Mercers im April 2015 einer Gruppe von Großsprecherfamilien mit individuellen Super PACs bei, die sich für Senator Ted Cruz als Präsidentschaftskandidat der Republikaner mit gut 43 Millionen Dollar aussprachen. Mercer finanzierte sein Super PAC-Vehikel mit 11 Millionen. Er engagierte die unerschrockene Meinungsforscherin Conway für dessen Leitung und die unorthodoxe politische Beratungsfirma Cambridge Analytica, die ihm seit 2013/14 zu 90 Prozent gehörte, für die optimale Orientierung der Großsprecherkampagne für Cruz.

Unabhängige Umfragen deuteten seit 2013 einen populären Trend gegen die etablierten Parteien, Eliten und Institutionen an. Mercer verfolgte diesen Trend unaufhörlich (bis zum Wahltag 2016) und veranlasste die wiederholte Aktualisierung der Daten. Er erkannte die Wahlchancen eines „Trump-ähnlichen“ politischen Außenseiters und sah, was nur wenige für möglich hielten und einer seiner normabweichenden Meinungsforscher (Patrick Caddell) in die Worte fasste: „Die Amerikaner sehnten sich zunehmend nach einem ‚starken Mann‘, der das Land wieder in Ordnung bringen würde.“

Cruz war zwar kein Starkmann, hatte aber als allseits unbeliebter Senator sowohl Insider- als auch Außenseiter-Qualitäten. Er stieg schnell und wider Erwarten zu einem ernstzunehmenden Kandidaten auf, was der „psychografischen“ Wählerprofilierung von Cambridge Analytica zugeschrieben wurde (nicht völlig zu Unrecht), verlor jedoch im Mai 2016 die Vorwahlen in Indiana gegen Trump. Damit endete Cruz’ Kandidatur für die republikanische Nominierung. Trump war nun der einzige (und wirkliche) Außenseiter noch im Rennen.

Mercer sattelte unverzüglich von Cruz auf Trump um. Er änderte den Namen seines Super PACs (von Keep the Promise I zu Make America Number I), setzte Cambridge Analytica für die Trump Kampagne ein, und stellte seine Matadorin für Trump frei. Conway rekrutierte sofort David Bossie, den mit ihr befreundeten Citizens United Präsidenten und eingefleischten Clinton-Gegner, für das Management des neu fokussierten PACs. Sie selbst begann, für Trumps damaligen Wahlkampfleiter (Paul Manafort) zu arbeiten.

CNN berichtete wenig später, dass Trump Rebekah Mercer auf einer Spenderparty in den exklusiven Hamptons von Long Island getroffen und sie ihm „ihre Bedenken über die Richtung des Wahlkampfs“ mitgeteilt habe. Kurz darauf schied Manafort aus. Trump machte Conway zur Wahlkampfmanagerin und Bannon zum Geschäftsführer seiner Kampagne. Bossie wurde als stellvertretender Wahlkampfleiter hinzugezogen. Im Juli 2016 hatte Trump die Wahl des Parteitags zum Kandidaten der Republikaner gewonnen und nun ging er mit den beiden stärksten politischen Matadoren seiner Anfangszeit in den Endkampf.

Die Mercers hatten es geschafft. Ihre Kampfgruppe hatte die Führung der Außenseiterkampagne übernommen. Ein Insider bemerkte, „Sie haben ihre Leute eingesetzt. ... Und jetzt haben sie auch noch ihre Datenfirma dabei.“ Nach dem Wahlsieg im November 2016 wurde Rebekah Mitglied des Exekutivkomitees von Trumps Übergangsteam. Sie stellte sicher, dass ihre Matadore mit Trump ins Weiße Haus einzogen.

Der Umstand, dass Trump schon seit Jahren Bannon und Conway kannte, hat den Erfolg der Mercers fraglos erleichtert. Als Trump im Jahre 2010 mit dem Gedanken spielte, für das Präsidentenamt zu kandidieren, machte Bossie Trump mit Bannon als „Experten für neue Medien“ und „sehr handlungsorientiert“ bekannt. Auch mit Conway war Trump schon länger persönlich bekannt. Sie und ihr Ehemann George residierten seit 2006 in Trump World Tower in Manhattan und Kellyanne saß eine Zeitlang im Verwaltungsrat der Trumpschen Wohnanlage.

4. Die Unerschütterlichkeit der Mercers

Die hohen Einsätze der Milliardäre im Gewinnspiel der amerikanischen Präsidialpolitik werden überwiegend aus Eigennutz und in der Hoffnung getätigt, dass sich der Zugang zum obersten Machthaber für ihre privaten Unternehmungen – Tesla, SpaceX, und Starlink zum Beispiel – schon irgendwie auszahlen wird. Nicht so im Falle der Mercers. Ihre Parteinahme war in erster Linie ideologisch. Das wurde im Gefolge der „Access Hollywood“-Krise deutlich.

Über 100.000 Menschen sahen das Video mit Trumps sexueller Prahlerei sofort nach Erscheinen. Es wurde in allen sozialen Medien und Kabelnachrichten augenblicklich zu einer viralen Sensation. Führende Republikaner wie John McCain und Paul Ryan distanzierten sich und Hillary Clinton twitterte: „Wir können nicht zulassen, dass dieser Mann Präsident wird.“

Der Skandal veranlasste die Mercers ihre habituelle öffentliche Zurückhaltung für einen Moment zu durchbrechen. Am Tag nach der Veröffentlichung des Videos und einen Tag vor der zweiten Präsidentschaftsdebatte erklärten Robert und Rebekah Mercer in der Washington Post ihre „standhafte“ Unterstützung für Trump und „völlige Gleichgültigkeit“ gegenüber seiner „Umkleidekabinen-Prahlerei.“9 Mit eisernem Widerstand gegen die überschäumende Brandung der moralischen Empörung erklärten sie, was und wen sie für unzulässig hielten:

  • Sie würden ihre Unterstützung überdenken, hätte sich Trump für offene Grenzen, freien Handel und Exekutivmaßnahmen zur Durchsetzung von Waffenkontrollen ausgesprochen.

  • Sie würden ihre Unterstützung für Trump sicherlich überdenken, wenn er zugegeben hätte, dass er privat davon profitiert hat, dass 20 Prozent der US-Uranvorkommen an Russland verkauft wurden, oder dass er sein persönliches Vermögen nicht durch harte Arbeit in der Privatwirtschaft, sondern durch den Verkauf von Gefälligkeiten an Ausländer auf Kosten der amerikanischen Steuerzahler angehäuft hat, oder argumentiert hätte, dass er sowohl eine öffentliche als auch eine private Position zu Themen benötige, die die amerikanische Öffentlichkeit betreffen.

  • Und sie würden ihre Unterstützung für ihn ganz sicher überdenken, hätte er die Opfer gewalttätiger sexueller Übergriffe, von denen er befürchtete, dass sie seiner politischen Karriere schaden könnten, wiederholt terrorisiert und zum Schweigen gebracht.

Alle diese Punkte bezogen sich auf Bill und Hillary Clinton sowie die Clinton Foundation. Robert und Rebekah Mercer teilten die politischen Positionen des radikalen Trumpismus (auf die ich in einem späteren Beitrag eingehen werde), waren jedoch hauptsächlich daran interessiert, die Clintons zu besiegen. Sie konnten weder den Charakter noch die Politik der Clintons ertragen. Für sie war die bevorstehende Präsidentschaftswahl ein extremer Scheitelpunkt. Sie glaubten, dass nur noch Trump, der Washington-Außenseiter, Amerika retten könne:

  • „Amerika hat endlich genug und ist angewidert von seiner politischen Elite. Trump kanalisiert diese Abscheu, und diejenigen unter den politischen Eliten, die vor dem Medienrummel zittern, erkennen nicht, vor welcher apokalyptischen Entscheidung Amerika am 8. November steht. Wir müssen unser Land retten, und es gibt nur eine Person, die das kann. Wir und die Amerikaner im ganzen Land und auf der ganzen Welt stehen fest hinter Donald J. Trump.“

Es wäre wünschenswert, das Urteil der Mercers über Trumps Regierungsgeschäfte (inklusive der Bereicherung seiner Familie) auf Kosten der amerikanischen Steuerzahler und der Demokratie zu hören. Auch ihre Meinung über seine versuchte Geheimhaltung der vollständigen Dokumentation der sexuellen Verbrechen Jeffrey Epsteins und seiner Nutznießer wäre von Interesse. Und ganz bestimmt wäre es von großem Interesse, wenn sie heute fänden, dass sie sich über den Retter Amerikas getäuscht hatten.

5. Bannons Versuchung

Ein Großsprecher-Erfolg wie der der Mercers ist lehrreich. Er zeigt, dass das große Geld fähige Matadore braucht, um seine Kandidaten zu lancieren und Wahlen zu gewinnen. Conway und Bannon erfüllten ihre Einzelkämpferrolle mit Bravour. Beide hatten den „Killerinstinkt,“ ohne den Matadore nicht denkbar sind, und den Trump schon immer bewundert hatte. In anderer Hinsicht waren sie jedoch unterschiedlich.

Conway, die fast täglich im Rampenlicht stand, war im unbeeindruckten Kontern jeglicher Kritik und aller Angriffe auf Trump eine Klasse für sich. Sie war außerdem unschlagbar im Erfinden verblüffender Gegenstöße. Ihre Replik, dass Trumps Pressesprecher nicht gelogen, sondern mit gutem Recht „alternative Fakten“ angeführt habe, ist unvergesslich.10 Die größte Stärke von Bannon hingegen lag nicht in der blitzschnellen Verteidigung, sondern im überwältigenden Angriff.

Bannon war 58 Jahre alt, als ihn der Gründer von Breitbart News Network, Andrew Breitbart, auf einer Spenderkonferenz mit Robert und Rebekah Mercer bekannt machte, und hatte sein Glück bereits in mehreren Karrieren versucht, unter anderem als Marineoffizier, Investmentbanker bei Goldman Sachs und Hollywood-Filmproduzent.11 Bannon ergriff die Gelegenheit und entwarf einen Geschäftsplan für die Mercers, in dem er vorschlug, in Breitbart News zu investieren.

Breitbart News war ein kleines, 2007 gegründetes Medienunternehmen, das nach rechts tendierte und versprach, die Welt in diese Richtung gehend zu verändern. Bannons Plan überzeugte und das Outlet wurde mit 10 Millionen Dollar in das Politportfolio der Familie Mercer eingereiht (um 2011). Der plötzliche Tod des Breitbart-Gründers im März 2012 brachte Bannon einen Schritt weiter; er wurde Vorstandsvorsitzender und übernahm die redaktionelle Kontrolle des Meinungs- und Nachrichtenportals.

Unter Bannon rückte Breitbart weiter nach rechts und expandierte international. Bannon verschärfte das nationalistische Profil der Webseite, gab provokanten Beeinflussern der neuen sozialen Medien das Wort, verstärkte die Anti-Establishment-Rhetorik gegen Demokraten sowohl als auch Republikaner und vernetzte Breitbart mit immigrantenfeindlichen Euroskeptikern wie Nigel Farage in Großbritannien und Marine Le Pen in Frankreich. Er nahm Beziehungen zur religiösen Rechten in Europa auf und freundete sich mit einem Gegenspieler von Papst Franziskus an (Kardinal Raymond Burke).

Bannon war Katholik mit irischem Arbeiterhintergrund (sein Vater hatte zeitlebens für AT&T gearbeitet und 2008 nahezu seine ganzen Ersparnisse verloren). Er war ein „unersättlicher Leser“ mit dem brennenden Interesse des Autodidakten an historischen Theorien. Das Trauma der al-Qaida-Anschläge von 2001 und die Finanzkrise von 2008 hatten ihn politisiert. Er bezog antiglobale nationalistische und antiliberale christliche Positionen, emulierte in seinen Filmproduktionen die Parteilichkeit von Leni Riefenstahl und Michael Moore, und propagierte „offenen Krieg“ gegen den Islam.

Im Jahr 2014 nahm Bannon per Skype an einer Konferenz im Vatikan über „Armut und das Gemeinwohl“ teil. Er sprach über zwei bedrohliche Versionen des Kapitalismus, den „staatlich geförderten“ russischen und chinesischen sowie den „libertären“ Kapitalismus der USA. Ersterer schaffe Wohlstand „für eine sehr kleine Gruppe von Menschen,“ letzter sei aber „fast ebenso beunruhigend,“ da er „die Menschen zu Waren“ mache. Seine Präferenz – ein „aufgeklärter Kapitalismus des jüdisch-christlichen Westens“ – blieb jedoch unausgeführt. Stattdessen bekräftigte Bannon, dass er und Breitbart den „unternehmerischen Kapitalismus der Vereinigten Staaten“ fest unterstützten.

Bannons Vermögen erschien im Milliarden-Kontext der Großsprecher nicht der Rede wert, wurde aber im April 2017 offiziell im Bereich von 9.5 bis 48 Millionen Dollar angesiedelt. Das und der Umstand, dass Bannon Zugang zum großen Geld suchte, waren vermutlich das Unterpfand für die libertären Mercers, dass sich die christlich-moralischen Kapitalismus-Ambitionen ihres Matadors in Grenzen halten würden.

In Rom hatte Bannon das eigene Streben zurückgehalten. Aber es war klar, dass er imstande war, weitreichende politische Ziele in eigener Regie zu entwickeln und abzustecken sowie Pläne zu ihrer Realisierung zu schmieden. Das ist nicht die Versuchung aller Matadore, war aber der innere Kitzel mit dem Bannon zu kämpfen hatte. In seinem Fall hielt die Selbstkontrolle von August 2016 bis August 2017.

Im August 2016 wurde Bannon zum Geschäftsführer (CEO) von Trumps Kampagne ernannt und drei Monate später, nach dem Gewinn der Wahl im November, gab Trump Bannons nächste Position bekannt: „Trump for President CEO Stephen K. Bannon wird als Chefstratege und Seniorberater des Präsidenten fungieren.“ Im Hinblick darauf verlautbarte Bannon, den Kapitalismus der USA für die amerikanische Arbeiterklasse entfesseln zu wollen. Sie habe „alle Lasten“ getragen aber „keinen Vorteil“ davon gehabt und verdiene es, in „spannenden Berufen“ beschäftigt zu werden:

  • „Es geht um alles, was mit Arbeitsplätzen zu tun hat. Die Konservativen werden durchdrehen. Ich bin derjenige, der einen Infrastrukturplan in Höhe von einer Milliarde Dollar vorantreibt. Angesichts der weltweit negativen Zinssätze ist dies die beste Gelegenheit, alles neu aufzubauen. Werften, Eisenwerke, alles muss wieder auf Vordermann gebracht werden. Wir werden es einfach an die Wand werfen und sehen, ob es kleben bleibt. Es wird so spannend wie in den 1930er Jahren, größer als die Reagan-Revolution – Konservative und Populisten in einer wirtschaftlich-nationalistischen Bewegung.“12

Assistiert von Stephen Miller verfasste Bannon im Januar 2017 die mit allen Gepflogenheiten brechende Antrittsrede Trumps „Amerikanisches Gemetzel“ (American Carnage). Der Präsident erklärte:

  • „Die vergessenen Männer und Frauen unseres Landes werden nicht länger vergessen sein.“

  • „Zu lange hat eine kleine Gruppe in der Hauptstadt unseres Landes die Früchte der Regierung geerntet, während das Volk die Kosten getragen hat.“

  • „Wir haben Billionen Dollar im Ausland ausgegeben, während Amerikas Infrastruktur verfallen und zerfallen ist.“

  • „Jede Entscheidung in Bezug auf Handel, Steuern, Einwanderung und Außenpolitik wird zum Wohle der amerikanischen Arbeitnehmer und Familien getroffen werden.“

  • „Wir werden alte Bündnisse stärken und neue schließen – und die zivilisierte Welt gegen den radikalen islamistischen Terrorismus vereinen, den wir vollständig von der Erde tilgen werden.“13

Bannons dunkle Stimme war unüberhörbar. Das war aber (noch) kein Problem, denn zu diesem Zeitpunkt kämpften alle Beteiligten, von Trump über Bannon und Miller bis hin zu den Mercers, einhellig für die populistische, nationalistische, libertäre, anti-Einwanderung, und anti-islamistische Kurskorrektur Amerikas. Kurz nach Trumps Amtsbeginn wurde Bannon mit noch mehr Einfluss betraut. Er erhielt das Privileg eines ständigen Sitzes im „Principals Committee“ (PC) des Nationalen Sicherheitsrats (NSC) und war damit auf einer der höchsten Stufen der US-Regierung gelandet. Entdeckt von den strategischen Mercers, befördert von Trumps extravagantem Führungsstil, und vom eigenen Ehrgeiz getrieben, war Bannon in Rekordzeit vom aufwieglerischen Außenseiter zum machtvollen Insider aufgestiegen.

Der Höhenflug Bannons endete mit der schrittweisen Reaktivierung konventioneller Machtstrukturen in Trumps erster Präsidentschaft, die im März 2017 mit der Ernennung eines neuen Sicherheitsberaters (H. R. McMaster) begann und im April den Verlust von Bannons „festem“ Sitz im PC zur Folge hatte. Weitere Kurskorrekturen fanden nach der Ernennung eines neuen Stabschefs des Weißen Hauses (John F. Kelly) im Juli statt. Der Chefstratege von Trump wurde am 19. August entlassen.

Bannons Entlassung war ein Etappensieg sowohl für die anti-Bannon Gruppe um Jared Kushner, Ivanka Trump, Finanzminister Steven Mnuchin, und Wirtschaftsberater Gary Cohn als auch die Verfechter der traditionellen Ordnung, die, wie etwa die New York Times, den „Abbau“ von Bannon als „willkommene Kurskorrektur“ und überfällige Wiederherstellung „tatsächlicher Fachkompetenz“ begrüßten.14 Bannon hingegen interpretierte seinen erzwungenen Abgang als Sieg der Reaktion über Trump; er erklärte:

  • „Die Trump-Präsidentschaft, für die wir gekämpft und die wir gewonnen haben, ist vorbei. Wir haben immer noch eine riesige Bewegung, und wir werden etwas aus dieser Trump-Präsidentschaft machen. Aber diese Präsidentschaft ist vorbei.“15

Mit diesen Worten übernahm sich der verletzte Matador. Er erlag der Versuchung, die allseits geschuldete Vergötterung seines Patrons für einen Majestätsplural (sich selbst) zu beanspruchen. Bannon war vorbei, nicht Trump; der Matador musste gehen. Für die radikalen Pläne von Robert und Rebekah Mercer war der Verlust von Bannon ein schwerer, aber momentaner Rückschlag, den es zu überwinden galt. Ebenso für Trump, der, wie die ganze Welt seit Januar 2025 sieht, in seiner zweiten, ungleich selbstsichereren (und destruktiveren) Amtszeit, genau das ausführt, was er in den ersten Monaten von 2017 ohne durchschlagenden Erfolg begonnen hatte.

Anmerkungen

1 Schäfer, Wolf. Wunschmaschine Populismus Marke „Trump“. Meer, 5. August, 2025.
2 Erster Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Wikipedia.
3 SCOTUSblog. Siehe auch: „Citizens United v. Federal Election Commission“. Wikipedia.
4 SCOTUSblog. Der Wortlaut: „Da Gesamtgrenzen, die festlegen, wie viel Geld ein Spender für Kandidaten für ein Bundesamt, politische Parteien und politische Aktionskomitees spenden darf, nicht dem Interesse der Regierung dienen, Korruption durch Gegenleistungen oder den Anschein solcher Korruption zu verhindern, und gleichzeitig die Teilnahme am demokratischen Prozess erheblich einschränken, sind sie gemäß dem Ersten Verfassungszusatz ungültig.“ Die Auflage, dass Super PACs von offiziellen Wahlkampagnen getrennt sein müssen, blieb bestehen, war aber leicht zu umgehen.
5 Reinhard, Beth; Bendavid, Naftali; Morse, Clara Ence und Schaffer, Aaron: How Billionaires Took over American Politics. The Concentration of Wealth among the Richest Americans Is Unlike Anything in History and so Is Billionaires’ Influence in Politics (Wie Milliardäre die amerikanische Politik übernommen haben. Die Konzentration des Reichtums unter den reichsten Amerikanern ist beispiellos in der Geschichte ebenso wie der Einfluss der Milliardäre in der Politik). Washington Post, 21 November 2025.
6 Schäfer, Wolf. Medienumsturz im Technologiefeld. Meer, 5. September 2025.
7 Für eine aufschlussreiche Untersuchung der extensiven Aktivitäten von Robert Mercer siehe Mayer, Jane: „Trump’s Money Man.“ The New Yorker, March 2017, online (mit Bezahlschranke) unter dem Titel The Reclusive Hedge-Fund Tycoon Behind the Trump Presidency. Für die Vorläufer von R. Mercer, die Brüder Charles und David Koch, siehe Mayer, Jane: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Mit einem neuen Vorwort. Erste Ausgabe 2016. New York: Anchor Books, 2017.
8 Ein seltenes Foto zeigt R. Mercer auf der World Poker Tour 2012.
9 Gold, Matea. GOP mega-donors Robert and Rebekah Mercer stand by Trump. Washington Post, 8. Oktober 2016.
10 Swaine, John. Donald Trump's team defends 'alternative facts' after widespread protests. The Guardian, 23. Januar 2017.
11 Für mehr über Bannons bewegtes Leben und Karriere, siehe die Einträge zu „Steve Bannon“ in der deutschen und amerikanischen Wikipedia.
12 Wolff, Michael. Ringside with Steve Bannon at Trump Tower. The Hollywood Reporter, 18. November 2016.
13 Trump, Donald. „Die Antrittsrede“ (The Inaugural Address), 20. Januar 2017.
14 Die Redaktion. Downsizing Mr. Bannon (Abbau von Herrn Bannon). New York Times, 6. April 2017.
15 Lima, Christiano. Bannon: 'Trump presidency that we fought for, and won, is over'. Politico, 18. Oktober 2017.