Galerie Urs Meile freut sich, Summer, eine Einzelausstellung mit Ju Ting (geb. 1983 in Shandong, China), in der Züricher Galerie zu präsentieren. Im Mittelpunkt steht die jüngste Serie der Künstlerin Deep Waters Run Quiet: neue Gemälde, in denen Ju Ting dichte Schichten aus Acrylfarbe aufbaut, um sie anschliessend zu zerschneiden, zu zerkratzen und aufzuschneiden – und so Zerstörung nicht als Verweigerung, sondern als Voraussetzung für neue Formen inszeniert.
Zerschneiden, abreissen, anschlagen, aufbrechen. Auf dem Fussboden schichten sich Lagen von Acrylfarbe, abwartend – geduldige Überlagerungen, die sich aufbauen und in denen sich Zeit im Material verdichtet. Auf den Arbeitstisch gehoben, erhöht, werden diese Schichten destabilisiert, mit Werkzeugen angegriffen. Messer und Hammer brechen die dichten Oberflächen auf. Diese geben nach, widersetzen sich, geben erneut nach. Wenn die Bilder aufgerichtet und an die Wand gehängt werden, verschiebt sich darin nicht nur ihre Orientierung, sondern der gesamte Akt des Sehens. Was bleibt, ist ein Dialog in Fragmenten – wie eine Ausgrabung, eine Auflösung der Form, ein langsames Rückgängigmachen. „Und Erosion durch Begehren?“ / „Ja. Durch Ihr Begehren.“1
Worauf blicke ich? Oder vielmehr: Worauf blicken Sie? In diesen Gemälden liegt eine Spannung, die mit ihrer materiellen, visuellen Präsenz eine Art zu Denken einschliesst. Eine Spannung, die nicht nur die farbigen Schichten verletzt, sondern auch unser gewohntes Sehen bricht. Die Oberfläche, einst glatt, beinahe verführerisch, trägt nun Einschnitte – Öffnungen, die sich weigern, sich zu schliessen. Sie legen etwas frei, das einem Inneren ähnelt, obwohl dort nichts stabil bleibt. Struktur erscheint nur, um sich wieder aufzulösen, um Brüchigkeit anzunehmen, Komplexität aufzuzeigen. Die offene Oberfläche wird zum Eingang in tiefere Schichten des Affekts. Diesen Weg verlassen. Weitergehen. Nicht zögern.
Indem Ju Ting Struktur als Oberfläche freilegt und damit ihre innere Logik sichtbar macht, arbeitet sie mit Akkumulation—und zugleich gegen sie. Sie baut auf und unterbricht. Schneidet in Wachsendes hinein, zerbricht Kontinuität und setzt dadurch etwas anderes frei – etwas Ungeplantes, nicht vollständig Fassbares. Zerstörung ist hier keine Verweigerung. Sie ist Bedingung. Ein Anfang, der als Ende verkleidet erscheint. Und wie die französische Philosophin Catherine Malabou genau für diesen Moment schreibt – den Zustand nach dem Bruch beschreibend – geht es darum, „absolut anders zu werden“.
Malabous destruktive Plastizität markiert einen Bruch in der Kontinuität. Abgeleitet vom griechischen plassein bezeichnet Plastizität die gleichzeitige Fähigkeit, Form zu empfangen, Form zu geben und Form vollständig zu vernichten. Keine Metapher, sondern Ereignis. Kein Symbol, sondern Materie. Form wird buchstäblich rückgängig gemacht. Aufgespalten. Verschoben. Zum Neubeginn gezwungen. Was bei Ju Ting daraus hervorgeht, löst sich nicht auf. Es hält Widersprüche aus. Dort, wo man Verlust erwartet – an der Stelle des Schnitts – erscheint Wärme. Widerstand. Eine leise Beharrlichkeit. Selbst wenn das Leben durch Einschränkungen, Grenzen und Zwänge strukturiert ist, besteht Kunst auf etwas anderem. Sie öffnet einen Durchgang. Einen Weg hindurch oder hinaus. So bleibt neben der Gewalt des Herstellens etwas anderes bestehen. Farbe spricht anders. Leise, beinahe gegen die Geste, die sie hervorgebracht hat. Und irgendwo darin kehrt ein Satz wieder – Albert Camus, getragen wie eine stille Unterströmung und im Titel der Ausstellung nachhallend: „Mitten im Winter entdeckte ich endlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer lag.“2
Genau hinschauen. In die Schnitte hinein. Sie verhalten sich nicht wie Wunden. Oder wenn doch, verweigern sie den Verschluss. Sie halten die Möglichkeit eines Inneren offen, einer Tiefe ohne Auflösung. Sie folgen ihnen. Sie erreichen einen Moment der Erkenntnis. Sie werden zu einer Seherin, einem Seher, aufmerksam für Details, für das Ineinanderfliessen der Farben. Die Schichten ähneln geologischen Strata, eine Berglandschaft zeitlicher Begegnungen, die zur Gedankenlandschaft wird.
Zeit ist gegenwärtig. Im Kern materialisiert Ju Tings Praxis Malabous Schema: ein Ganzes in Teile zu zerlegen, verborgene Strukturen sichtbar zu machen und Zerstörung als Bedingung des Hervortretens zu setzen. Der Einschnitt legt keine unversehrte Vergangenheit frei; er erzeugt eine neue Konfiguration von Fragmenten, die nur durch den destruktiven Akt existiert. Schichtungen und Schnitte, vertikale Linien und Wiederholung – sie streben nicht nur nach Perfektion durch Iteration, sondern verweisen auch auf Zurückhaltung. Auf eine kontrollierte Starrheit. Und innerhalb dieser Kontrolle entsteht die Suche nach dem Zufälligen: nach etwas Wildem, Spielerischem. Ein Brechen von Linien, Schichten, Regeln.
Meine Gedanken wandern zu Sigmund Freud, der schrieb: „Wenn wir einen Kristall auf den Boden werfen, zerbricht er; aber nicht in beliebige Stücke. Er zerfällt entlang seiner Spaltlinien in Fragmente, deren Grenzen, obwohl unsichtbar, bereits durch die Struktur des Kristalls vorbestimmt waren.“3 Der Bruch legt offen, was immer schon darauf angelegt war zu brechen. Ein solcher Moment der Ruptur kann eine Form von Bewusstsein hervorbringen, die flackert – gleichzeitig anwesend und abwesend ist. Ein Bewusstsein, das zugleich erscheint und verschwindet. Nicht stabil. Nicht kontinuierlich. Aber real.
Die Serie Deep Waters Run Quiet markiert eine Rückkehr, eine Neuverhandlung – eine Artikulation des gegenwärtigen kollektiven Zustands. Sie signalisiert eine Verschiebung gegenüber früheren Werkgruppen, darunter der Winter is Coming-Serie, in der Stillstand herrschte und die nach einer Pause verlangte. Doch selbst in der Stille gab es kein wirkliches Anhalten. An einem bestimmten Punkt wurde Gewalt notwendig: um das Schweigen zu brechen, Widerstand zu leisten, sich durchzubringen. Nun verlangsamt sich das Tempo erneut. In diesen neuen Arbeiten lösen sich die Verwicklungen nach und nach auf. Es gibt eine Wendung nach innen, eine allmähliche Rückkehr, eine Suche nach dem einen Selbst, oder vielen. Die Bewegung wird präzise: von der stumpfen Kraft des Hammers hin zum Skalpell, zum Messer als chirurgischem Instrument. Kaltblütig. Oder einfach: in Klarheit. Gewalt ist nicht länger explosiv, sondern analytisch.
Dissektion ersetzt den Bruch. Schichten werden aufgebaut, um freizulegen, was gewesen ist – und was im Werden begriffen ist. Dieses Werden bleibt in den aufgeladenen Farbschichten bestehen und wird den Betrachtenden – Ihnen – als offene Einladung offenbart, in und über die Oberfläche hinauszusehen. Man könnte sagen: In diesen Gemälden inszeniert Ju Ting einen materiellen Einschnitt in Farbe als geschichtete Erinnerung. So wie Marguerite Duras in ihrem Schreiben die Dekonstruktion radikalisiert, indem sie Narration und Subjekt gleichermassen auslöscht. Für beide liefert Malabou einen begrifflichen Rahmen, in dem Zerstörung nicht Verneinung ist, sondern die eigentliche Bedingung für das Hervortreten radikal neuer Formen. In manchen Momenten der Geschichte bricht Protest nicht laut aus. Er bewegt sich stattdessen leise. Unterhalb. Innerhalb. Ein Widerstand, der sich nicht erklärt und dennoch fortbesteht. Vielleicht befinden sich diese Arbeiten genau dort: Nicht im Spektakel, sondern in der Beharrlichkeit. Im langsamen Zerbrechen von etwas im Inneren. In der Weigerung, verschlossen zu bleiben. In einer Artikulation dessen, was sonst verborgen bliebe.
Schreiben bewegt sich in Linien. Bilder tun das nicht. Sie schwärmen aus, kehren zurück, überlagern sich, zögern. Sie erlauben, dass Widersprüche ungelöst bleiben. Und dennoch—diese Schichten verlangen danach, geöffnet zu werden. Aufgeschnitten zu werden. Etwas freizulegen, das Zärtlichkeit ähnelt. Etwas wie Mitgefühl.
Zerstören, sagt sie.
(Zerstören, sagt sie. Text von Mareike Dittmer)
Notizen
1 Marguerite Duras: Zerstören, sagt sie. Deutsch von Walter Boehlich (Luchterhand, Neuwied, 1970), S. 46.
2 Albert Camus: Lyrical and critical essays, Englisch von Philip Thody (Alfred A. Knopf, New York, 1968), S. 169, Übersetzung der Autorin.
3 Sigmund Freud, "New introductory lectures on psycho-analysis", in The standard edition of the complete psychological works of Sigmund Freud, vol. 22, trans. and ed. James Strachey (London: Hogarth Press, 1964), p. 59, Übersetzung der Autorin.
















