Die Galerie Urs Meile freut sich, Color to quiet anzukündigen, eine Gruppenausstellung mit Arbeiten auf Papier von acht Künstler:innen aus dem Galerieprogramm. Über zwei Stockwerke entfaltet sich die Ausstellung als Sequenz wechselnder Stimmungen und Texturen – von leuchtender Farbigkeit hin zu stiller Monochromie.

Die Besucher:innen werden von einem Regenbogen aus Farben empfangen: Die abstrakten Gemälde Untitled (2023) von Rebekka Steiger (1993, Zürich, Schweiz) strahlen mit chromatischer Intensität. Steigers Kompositionen entstehen durch ein experimentelles Druckverfahren, das sie erstmals in Vietnam anwendete. Dabei nutzt sie handgeschöpftes vietnamesisches Papier, um Farbe auf Büttenpapier oder Leinwand zu übertragen und so unvorhersehbare, strukturreiche Abdrücke zu erzeugen. Diese Werke markieren eine Abkehr von ihrer überwiegend figurativen Praxis hin zur landschaftlichen Abstraktion. Dabei rufen Spuren des Prozesses Erinnerung und Atmosphäre hervor.

Ihnen gegenüber hängen zwei kleine Gouachen von Mai Ta (1997, Saigon, Vietnam): the rest (2026) zeigt ein Skelett, das einen Schmetterling zu betrachten scheint, während temple (2026) eine wegfliegende Taube neben einer Balkenwaage abbildet – stille Fragmente, die über Zeit, Tod und Freiheit reflektieren. Durch ihre zutiefst persönliche, symbolische Bildsprache kartieren Mai Tas Gemälde die Landschaft der Psyche – ihre Traumata, Geheimnisse und Erinnerungen. Der Akt der Verarbeitung wird so zu einer Form der Befreiung, die Schuld auflöst und den Ausdruck in einen Raum der Freiheit öffnet.

Die pixelierten Selbstporträt-Drucke Lontano il reale tempo umano (2023) von Urs Lüthi (1947, Kriens, Schweiz) enthüllen ein „verborgenes“ Selbst durch zarte, blasse Quadrate, die wie die Pixel eines bewusst verschleierten Bildes angeordnet sind. Basierend auf digitalen Fotografien seiner selbst – vor dem Druck am Computer bearbeitet – zeigen die Werke eine dekonstruierte Version des Künstlers. In der Collageserie Essen, sex und kleider (2021–2022) von Klodin Erb (1963, Winterthur, Schweiz) erscheinen Körper und Gesichter fragmentiert und neu zusammengesetzt und evozieren die fragile Rekonstruktion von Identität. Lüthis Praxis untersucht häufig die Grenzen des Selbst und die performativen Aspekte von Identität. Anhand verschiedener Medien – darunter Malerei, Skulptur und Fotografie – erforscht er, wie wir uns präsentieren oder verbergen. Ähnlich dekonstruiert Erb in ihren Collagen alltägliche Bildwelten, um gesellschaftliche Normen, Begehren und die Fluidität persönlicher wie kollektiver Identitäten zu hinterfragen und sichtbar zu machen, wie Bedeutung ständig neu ausgehandelt wird.

Auf die untere Etage hinabsteigend, betreten die Besucher:innen den stillen, abschließenden Ausstellungsbereich, in dem jede Farbe zu verschwinden scheint. Eine Landschaft aus Schwarz-Weiß Werken lädt dazu ein, die Nuancen von Licht und Schatten zu entdecken. In der Serie Lichter regen (2025) von Julia Steiner (1982, Büren zum Holf, Schweiz) heben sich goldene Tropfen vom dunklen Hintergrund ab und erzeugen ein spannungsvolles Verhältnis zwischen Präsenz und Auflösung. Steiner untersucht in ihren Arbeiten häufig das Zusammenspiel von Licht und Atmosphäre und hält flüchtige, kaum greifbare Momente fest.

Die monochromen Aquarelle Untitled (beide 2000) von Qiu Shihua (1940-2025) wirken auf den ersten Blick wie nahezu reinweiße Leinwände; erst bei genauerem Hinsehen offenbaren sich feine Nuancen und Differenzierungen. Die Arbeiten eröffnen Raum für stille, konzentrierte Wahrnehmung und kontemplatives Verweilen. Qiu Shihua strebte in seinem Werk danach, die Grenze zwischen Objekt und Raum aufzulösen und Bildräume zu schaffen, in denen feinste Tonabstufungen eine tiefgründige räumliche Dimension entfalten.

Mirko Baselgia (1982, Lantsch/Lenz, Schweiz) beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Fragilität und Form. In White state (2020) sind Hunderte feiner Papierfragmente auf eine Leinwand aus Leinen genäht und kreieren so eine Oberfläche, die an das Schuppenkleid einens Fisches erinnert. Mit Tartaruga - The Canberra times (2021) schafft er eine Schildkrötenskulptur aus geschichteten Zeitungsseiten. Während Papier meist als zweidimensionale Fläche wahrgenommen wird, zeigt Baselgia in seinen skulpturalen Arbeiten sein dreidimensionales Potenzial. Ausgehend von der Beobachtung von Strukturen und Prozessen in der Natur überträgt er natürliche Formen in ungewohnte Materialien. Seine Arbeiten verbinden reflektierende Ansätze mit sinnlicher Wahrnehmung und schärfen den Blick für Raum und Umgebung.

Dem gegenüber steht Shao Fan (1964, Beijing, China) mit Black hare, Landscape hare and Snow rabbit (2011). Gezeigt wird ein Hase, der sich scheinbar vom Dunkel ins Licht bewegt und mit dem Wechselspiel von Schatten und Helligkeit spielt. Nach Shao Fans, von der chinesischen Ästhetik geprägtem Verständnis entsteht Schönheit weniger im Objekt selbst als in den feinen Abstufungen des Schattens – ein bewusster Gegensatz zu westlichen Idealen von Klarheit und Helligkeit.