Die Temperatur fällt rapide, der Himmel verdunkelt sich und die Luft wird schwer, als hätte sie an Gewicht zugelegt. In den Ausstellungsräumen der Kunsthalle Basel scheint ein Tornado aufzuziehen. In Alliance, ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Europa, wendet sich Shuang Li (geb. 1990) der Suche nach Stürmen zu, nicht nur als wörtlichen und physischen Naturphänomenen, sondern vor allem als Metaphern für die von Medien geformten Realitäten und digitalen Kräfte, die unseren Alltag prägen und durchdringen.

Im Zentrum der Ausstellung steht die Premiere von Lis bisher ambitioniertester Videoinstallation. Der Film folgt drei Haupfiguren, die von derselben Darstellerin, einer Sexpuppe, verkörpert werden. Begleitet von einem Filmteam widmen sie sich dem «Storm Chasing», der gezielten Verfolgung extremer Wetterereignisse wie Tornados. Lose geskriptet, entfaltet sich der Film durch eine Reihe unerwarteter Begegnungen, die sich in Echtzeit ergeben.

Diese Suche entwickelt sich in einer Abfolge räumlicher und atmosphärischer Stadien. Jeder der fünf Ausstellungsräume korrespondiert mit einem anderen Moment der Reise, von täglicher Beobachtung und dem Auftakt der Jagd in steigender Intensität bis zum Höhepunkt im Auge des Sturms.

Menschen verfolgen Stürme aus vielen Gründen: aus Faszination für Meteorologie, wegen der Anziehung der erhabenen Kraft der Natur oder schlicht aus dem Reiz des Adrenalins. Ein typischer Sturmjagd-Tag besteht zu einem grossen Teil aus langen Fahrten durch offene Landschaften, geleitet von Wettervorhersagen und doch geprägt von einem ständigen Gefühl der Ungewissheit. Li überträgt diese vorwärtsgerichtete Bewegung in den Ausstellungsraum selbst. Die Räume werden zum Fundament einer Strasse, die sich durch gesteigerte, fast überbelichtete Landschaften zieht, vorbei an Filmstandbildern und einer meteorologischen Karte, die wie überdimensionale Werbetafeln am Strassenrand wirken.

Die Suche nach Tornados gerinnt hier zum Spiegelbild einer Gegenwart, die von permanenter Zirkulation geprägt ist. Tornados, Livestreams, Mediensysteme und digitale Infrastrukturen agieren als Kräfte, die gleichzeitig weit entfernt und bedrohlich nah sind, physisch spürbar und doch schwer zu greifen, stets in Bewegung und nie vollständig kontrollierbar.

Alliance zu betreten, heisst, eine Reise anzutreten: eine Bewegung auf unsicherem Boden, der durch alle Ausstellungsräume führt. Über fragmentierte Landschaften, Werbetafeln, flackernde Lichter und wechselnde Wetterkarten hinweg wird die Bewegung selbst zur einzigen Orientierungsmöglichkeit. Shuang Li inszeniert die Ausstellung als einen permanenten Versuch, einen Tornado einzufangen.

Li dient das Bild eines extremen Unwetters als konkretes meteorologisches Ereignis ebenso wie als Metapher für gegenwärtige mediale Umgebungen mit ihren ständigen Informationszirkulationen. Tornados ziehen über flachen Landschaften auf und ganz ähnlich ebnen auch mediale Infrastrukturen alles ein. Alles scheint gleichermassen verfügbar, dringlich, bis man plötzlich in einen Sog der Aufmerksamkeit, der Daten und Obsession gerät. Der Tornado beschreibt dabei auch Informationswege: Die Vergangenheit wird unaufhörlich aufgewirbelt, ihr Staub legt sich nie, als wäre sie auf ewig in einer Wirbelsturm-Schleife gefangen. Über die gesamte Ausstellung hinweg übersetzt Li dieses Wechselspiel zwischen einer horizontalen Fläche und einer vertikalen Sogwirkung, zwischen Dahintreiben und Verdichtung in kreisförmige Bewegungen und immersive räumliche Situationen.

The middle of the day that starts it all (2026) markiert den Beginn der Expedition. Über dreizehn Fernsehbildschirme entfalten sich Bilder in unerbittlichen Schleifen. Landschaften erscheinen als schmale Fragmente, die von einem Fahrzeug aus eingefangen werden, digital verstärkt bis zu einem Punkt, an dem sie sich auflösen, bevor sie scharfe Konturen gewinnen können. Die Arbeit funktioniert wie eine Abfolge von B-Roll-Material aus einem Road Movie: atmosphärische Landschaftsaufnahmen, Gesprächsfragmente und vorbeiziehende Umgebungen. Die Videoaufnahmen sind eingebettet in eine Metallstruktur, die an eine Landstrasse erinnert, die sich über den Boden erhebt. Langsam verliert das Material an Stabilität, windet sich durch den Raum, als könnte es der Kraft und Geschwindigkeit der Bewegung nicht mehr standhalten.

Bei der Verfolgung des Sturms verlieren die Bilder immer weiter an Beständigkeit. Die werbetafelähnlichen Arbeiten Fire at will, Stolen from my eyes und Interlude (alle 2026) übertragen Videostandbilder, private Archive und meteorologische Karten auf Lentikularplatten. Weder Anfang noch Ende der Bilder sind klar auszumachen; stattdessen zirkulieren sie in ständiger Verschiebung. Landschaften gleiten ab in Gesten, flackernde Lichter in einen handschriftlichen Zettel, Wetterkarten in Hämatome auf einem Körper. Interlude verteilt sich auf dem Boden, dessen Einzelteile wie losgelöste Pixel sind. Darauf haben sich Skulpturen niedergelassen, die meteorologischen Windpfeilen nachempfunden sind. Es sind Alltagsgegenstände, im Harz konserviert, gleichsam Kondensationstropfen, die sich vor dem Sturm auf glatten Oberflächen sammeln.

Li begreift digitale Technologien nicht als isolierte Instrumente oder Objekte, sondern als Kräfte, die den Alltag durchziehen. Online-Plattformen, Infrastrukturen und Datenströme gestalten Kommunikation, Mobilität, Intimität und soziale Beziehungen. Sie bedingen, wie sich Identitäten in endloser Zirkulation ausbilden, und bestimmen die Regeln, unter denen es überhaupt noch möglich ist, Verbindungen herzustellen. With a trunk of ammunition too (2024) übersetzt diese Bedingungen in eine intime Sprache: Die Dynamik der Ausstellung lässt kurzzeitig nach und weicht einem Moment des Innehaltens. Lichter in Morsecode erleuchten den Raum, übersetzen einen Brief, den die Künstlerin ihrer Mutter schrieb, in eine verschlüsselte Nähe. Lis Stimme ist im ganzen Raum zu hören, als würde sie den schlummernden Strudel langsam in eine kreiselnde Bewegung zurückholen.

Beim Betreten des letzten Raums bricht der Tornado aus. Wirbelnde Stahlstrukturen erheben sich überall im Saal, als hätte der Wind im Metall Gestalt angenommen. Alliance (Heart loop) (2026) bietet die Möglichkeit, unmittelbar in die Kraft des Sturms einzutauchen. Im Wechselspiel von Dokumentarfilm, DIY-Road Movie und Livestream macht die Videoarbeit die Suche nach dem Tornado augenscheinlich. Der Film folgt mehreren Figuren auf ihrer individuellen Sturmjagd. Strassen, Tankstellen, Industriehallen und offene Felder erscheinen gleichzeitig vertraut und entfremdet. Die Unterscheidung zwischen physischen und digitalen Umgebungen verliert allmählich ihre Konturen, bis sie nicht mehr klar voneinander zu trennen sind. Die Sexpuppen-Figuren sind von einem gemeinsamen Wunsch geleitet, den Tornado zu betreten, in der Hoffnung, auf der anderen Seite gefestigt herauszukommen. Einst menschlich, doch in den Stürmen digitaler und algorithmischer Kräfte jeglicher Selbstbestimmung beraubt, ist ihr Wunsch, zurückzugewinnen, was der Wind von Anfang an genommen hat, ihr letzter Versuch, ihre Handlungsmacht zurückzuerobern.

Im Film wird der Tornado als Symptom einer abgeflachten Medienlandschaft lesbar, in der alles ständig und jederzeit zugänglich ist. Unter diesen Bedingungen wird die eigene Handlungsfähigkeit zu etwas, über das sich nicht mehr frei verfügen lässt. Entscheidungen mögen selbstbestimmt wirken, sind aber doch geprägt von Datenströmen und dem wirbelnden Informationsfluss, der die Wahrnehmung kontinuierlich organisiert. Was als individuelle Entscheidung erscheint, ist bereits von diesen zirkulierenden Systemen geprägt. Der Tornado steht für die Kapitulation vor dem Sturm, vor seinem Sog und allem, was er mit sich reisst, für den Wunsch, sich in ihm zu verlieren und vielleicht gerade durch diesen Verlust weiter zu bestehen.