Trumps Durchbruch und Einzug ins Weiße Haus nach Obama markierten eine historische Zäsur, die die politische Landschaft nicht nur in den USA, sondern in allen reichen Ländern des Westens grundlegend zu verändern versprach. Im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland zum Beispiel wurde der britische EU-Austritt durch das Brexit Referendum am 23. Juni 2016 auf die Tagesordnung gesetzt. Der Auslöser war überall der Zusammenprall anti-elitistischer Bewegungen mit den Repräsentanten und Strukturen der alten Ordnung.

Die Front, die sich in den USA um Trump und in Großbritannien um Nigel Farage formiert hatte, schürte die Aufstände gegen die Eliten, die den vorhergehenden Globalisierungsschub legitimiert und vorangetrieben hatten. Praktische Kompetenzen ohne höhere akademische Ausbildung waren der Globalisierung zum Opfer gefallen und hatten die Arbeiterklasse und mit ihr die wachsende Hoffnungslosigkeit und zunehmende Militanz weißer Männer ins Spiel gebracht. Die Führungsschichten der beiden U.S. Parteien (Demokraten und Republikaner) und die Elite der vierten Gewalt (Fernseh-, Radio-, und Zeitungsjournalisten) waren nicht mit den subversiven Diskursen der neuen sozialen Medien vertraut und hatten weder die Kosten der Globalisierung und offener Grenzen am eigenen Leib gespürt noch den steigenden Unmut der weißen Arbeiter mitbekommen. Technisch oft unbedarft, sozio-kulturell abgehoben, und nach Herkunft, Ausbildung und Verhalten verbrüdert und verschwestert, traf der politische Umbruch die Vertreter des Status quo jäh und unvorbereitet.

Die Elite der Republikaner konnte es nicht fassen, dass Trump und seine aufständischen Wähler vor allem gegen das konservative Establishment Sturm liefen. Für die liberale Elite auf der politischen Gegenseite war die Massenflucht der Arbeiter in die Arme Trumps ein Rätsel. Und für die Bildungsschicht – die journalistischen und akademischen Eliten, die eigentlich das Gras wachsen hören sollten – war die Erkenntnis schmerzhaft, dass sie die Vermehrung und Formierung der nationalen und internationalen populistischen Avantgarden verpasst hatten.

Dunkle Parteipolitik

Die freie Wahl zwischen verschiedenen Parteien ist ein demokratisches Kennzeichen. Wähler, die mit der Politik oder den Repräsentanten ihrer zuletzt gewählten Partei unzufrieden sind, können ihre Stimme bei der nächsten Wahl für eine andere Partei abgeben. Das ist normal und eine Stärke des demokratischen Systems. Wenn jedoch die Mehrheit der Wähler mit Politikern und Politiken aller Traditionsparteien unzufrieden sind, verwandelt sich diese Stärke in eine gefährliche Schwäche. Dann entsteht der Nährboden für Parteien, die die Demokratie in Frage stellen, gegen das politisch-ökonomische Projekt einer gesamten Region anrennen oder einem Starkmann Tür und Tor öffnen. Ein solcher Aufstand hat in den letzten zehn Jahren in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa stattgefunden.

Parteipolitik – unvermeidbar im Spannungsfeld zwischen Gemein- und Parteiwohl angesiedelt und deshalb schon immer mit Argwohn betrachtet – hat sich verdunkelt. Dunkle Parteipolitik privilegiert alte (und immer ältere) Amtsinhaber, wird vom großen Geld korrumpiert, missachtet das Gemeinwohl, sabotiert die kollektiven Landesinteressen, und zerstört die planetarischen Lebensbedingungen der Menschheit. Die zweifache Wahl Trumps hat diese katastrophale Form des politischen Konkurrenzkampfs bis auf weiteres in den USA konsolidiert. Amerikas 80-jähriger Starkmann, der sich inzwischen über Alexander den Großen, Julius Cäsar, und Napoleon Bonaparte stellt, hat die Republikanische Partei zum Instrument seiner grandiosen Ambitionen gemacht. Und die Republikaner, die einst mit den Demokraten über die Art und Weise konkurrierten, das Beste für die Nation und die Welt zu ermöglichen, überbieten sich darin, den mit der globalen Macht des amerikanischen Präsidenten verknüpften Größenwahn ihres Führers nicht zu behindern, geschweige denn einzuschränken oder gar zu beenden, sondern mit MAGA-Enthusiasmus zu befördern.

Die Republikanische Partei, die ihre Mehrheit in beiden Häusern des amerikanischen Kongresses in den Halbzeitwahlen im November 2026 zu verlieren verdient, hat die unscharfe, aber dennoch unübersehbare Linie zwischen verantwortlicher und unverantwortlicher Parteipolitik mit der Abdankung ihrer verfassungsgemäßen Kontrolle der Exekutivmacht des Präsidenten seit ihrer Durchkreuzung der Impeachment-Verfahren gegen Trump nicht nur überschritten, sondern weit hinter sich gelassen.

Die Elite der Republikaner konnte es nicht fassen, dass Trump und seine aufständischen Wähler vor allem gegen das von Jeb Bush personifizierte, konservative Establishment Sturm liefen. Trump praktiziert die von Nietzsche verkündete Umwertung aller Werte. Er und seine Partei üben Macht um der Macht willen aus. Sie respektieren keine negativen Wahlergebnisse, akzeptieren keine Kontrolle durch demokratische Verfahren, Prinzipien oder Normen, und verfemen alle Kritiker, große Teile der Bevölkerung, und die konkurrierende Partei als unamerikanisch und undemokratisch.2 Trump und seine Helfershelfer haben ihre Eigeninteressen und schamlose Bereicherung über das Gemeinwohl gestellt und die Suche nach inklusiven Zukunftsvisionen zum Wohle aller Bürger und des ganzen Landes aufgegeben.

Im Folgenden möchte ich zeigen, dass sowohl die Republikanische als auch die Demokratische Partei die amerikanische Parteipolitik durch elitäre Parteiarroganz verfinstert haben. Dunkle Parteipolitik, die die Ablehnung beider Parteien und aller Eliten geschürt hat, ist allerdings nur eine meiner acht Teilerklärungen für die Überwältigung Amerikas durch Trump und den populistischen Trumpismus. Gleichwohl, ohne die vermeidbaren Fehlzüge beider Parteien wäre der Vormarsch des Trumpjanischen Pferdes vor den Toren der Macht höchstwahrscheinlich zum Stehen gekommen.

Neutrale Berichterstattung – aus und vorbei

Trumps Auftritt auf der Bühne der amerikanischen Politik beendete die eingefahrene Arbeitsteilung der demokratischen Republik Amerikas, in der die Parteieliten der Republikaner und Demokraten ihre konservative und liberale Rolle spielten und die Mehrzahl der Journalisten ihre Zuschauer, Hörer und Leser nach Kräften objektiv und kritisch informierte.

Im Wahljahr 2016 stachen mir die Parallelen zur schrittweisen Demontage der Weimarer Republik (vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Machtergreifung Hitlers) in die Augen und ich begann, den historischen Umschwung in den USA zu notieren. Mir fiel unter anderem auf, dass die seriöse Presse gezwungen war, politisch Stellung zu beziehen und den Kampf um die Erhaltung der heimischen Demokratie und Republik aufzunehmen. Ich möchte das am Beispiel der New York Times erläutern, der seriösesten aller amerikanischen Tageszeitungen und, laut Trumps obszöner Logik, Rädelsführer der Fake News.

Am 5. November 2016, drei Tage vor der Wahl, gab die Times ihre traditionelle Zurückhaltung auf und griff die Republikanische Partei und ihren Kandidaten in ungewöhnlich scharfen Worten an. Die ehrwürdige Publikation hatte monatelang gezögert das bisher Undenkbare – einen Präsidenten Trump – für möglich zu halten, aber nun begann sie, Trump als nationale Gefahr zu bezeichnen. Ohne noch ein Blatt vor den Mund zu nehmen, verknüpfte die Times die Republikanische Partei mit der Alt-Right Bewegung, dem Ku-Klux-Klan, den Rassisten und Frauenfeinden sowie den „Verrückten,“ die unweigerlich „sperrt sie ein“ schrien, wenn sie Hillary Clintons Namen hörten. Die Times beschrieb Trump als einen Kandidaten,

der für Folter, rücksichtslosen Krieg, ungebremste Gier, Hass auf Frauen, Einwanderer, Flüchtlinge, Menschen mit anderer Hautfarbe und Menschen mit Behinderungen steht. Ein Sexualstraftäter, ein Wirtschaftsbetrüger, ein Lügner, der mit dem Versprechen antritt, Millionen von Einwandererfamilien zu zerstören und seine politische Gegnerin ins Gefängnis zu stecken.3

Die Redaktionsleitung der Times hat ihre Einschätzung Trumps sowie ihre parteinehmende Sprache, die vor polemischen Stellungnahmen nicht mehr zurückschreckt, bis heute beibehalten. Zuvor hatte sie lediglich Trumps Egoismus kritisiert und ihn als einen Mann bezeichnet, „der weitaus mehr von sich selbst eingenommen ist als vom Wohlergehen der Nation.“4 Der Durchbruch zur parteilichen Deutlichkeit kam erst zustande, als die Redaktion plötzlich erkannte, dass Trump kurz davorstehen könnte, die Wahl zu gewinnen und Präsident der Vereinigten Staaten zu werden – doch da war es bereits zu spät. Doch selbst dann wurde die von der Times befürwortete „Ablehnung Trumps“ immer noch als „der einfache Teil“ dargestellt. Der weitaus schwierigere Teil würde später kommen, nach Clintons Wahl zum 45. Präsidenten, wenn sie sich mit Trumps leeren Versprechungen auseinandersetzen müsse sowie den tiefen Spaltungen und verhärteten Parteifronten, die der Wahlkampf erzeugt hatte.

Der Tag der Erkenntnis brach in den frühen Morgenstunden des 9. November an. Trumps unerwarteter Erfolg fegte den Nebel der Ignoranz der Mainstream-Medien hinweg und klärte auf, was sich seit langem zusammengebraut hatten. Auf einmal begriff die Times ihre Versagen und beschrieb den Sieg der Trump Wähler, als das, was er tatsächlich war:

eine entscheidende Machtdemonstration einer weitgehend übersehenen Koalition aus überwiegend weißen Arbeitern und Wählern der Arbeiterklasse, die das Gefühl hatten, dass ihnen das Versprechen der Vereinigten Staaten inmitten jahrzehntelanger Globalisierung und Multikulturalismus aus den Händen geglitten war.5

Romneys Reinfall

Der republikanische Präsidentschaftskandidat, Mitt Romney, der seinerzeit gegen Barack Obamas Wiederwahl antrat, ging in die Geschichte parteipolitischer Flops mit einer Rede ein, die er im Mai 2012 im exklusiven Rahmen eines privaten Abendessens für wohlhabende Spender hielt. Vor etwa 150 Gästen, die jeweils 50.000 Dollar für ihre Teilnahme gezahlt hatten, charakterisierte Romney etwa 76 Millionen Amerikaner wie folgt:

Es gibt 47 Prozent der Menschen, die … auf seiner [Obamas] Seite stehen, die vom Staat abhängig sind, die glauben, dass sie Opfer sind, die glauben, dass der Staat die Verantwortung hat, für sie zu sorgen, die glauben, dass sie Anspruch auf Gesundheitsversorgung, auf Nahrung, auf Wohnraum, auf was auch immer haben. … Und sie werden für diesen Präsidenten stimmen, egal was passiert. … Das sind Menschen, die keine Einkommenssteuer zahlen. Siebenundvierzig Prozent der Amerikaner zahlen keine Einkommenssteuer. Deshalb kommt unsere Botschaft von niedrigen Steuern nicht an.6

Abhängigkeit vom Staat war ein beliebtes republikanisches Thema. In republikanischen Ohren klang die große Zahl anspruchsvoller Nutznießer von unverdienter staatlicher Fürsorge völlig richtig. Romney rief nicht das Bild einer armen weißen Großmutter hervor, die bescheiden von geringen Sozialleistungen lebt – ein beträchtlicher Teil der 47-Prozenter sind Rentner und Senioren –, sondern von unzähligen jungen Schmarotzern, vor allem Einwanderer und Schwarze. Das republikanische Schreckbild war in vielerlei Hinsicht irreführend. Keine Einkommenssteuer zu zahlen, bedeutet nicht, dass Lohnsteuern, Verbrauchssteuern, staatliche und lokale Steuern entfallen. Und die Behauptung war falsch, dass alle nicht-Einkommenssteuerpflichtigen auf jeden Fall Obama wählen würden.7 All das erschien jedoch irrelevant, da nur eine kleine Gruppe parteifreundlicher Gala Gäste Romneys nicht-öffentliche Tischrede gehört hatte.

Das änderte sich vier Monate später, kurz vor den Präsidentschaftsdebatten im Oktober. Ein Barkeeper hatte Romneys Ansprache auf Video aufgezeichnet und an Mother Jones, eine linksgerichtete Zweimonatszeitschrift, weitergegeben. Der Scoop des Magazins löste eine Flut negativer Kommentare aus, trug zu Obamas Wiederwahl bei und brachte Romney in die Defensive als Multimillionär, der sich um niemanden außer seinesgleichen kümmert. Dass Romney eigentlich die ewige Steuersenkungspolitik seiner Partei kritisieren wollte, ging unter. Romneys Geschichte der 47 Prozent schlug kräftig ein, aber nicht im gewollten Sinne, sondern als Enthüllung, dass er als Präsident halb Amerika im Stich lassen würde.8 Elitäre Arroganz gegenüber Bürgern, für die ein Abendessen für 50.000 Dollar unfassbar und unerschwinglich ist, war eine parteipolitische Fehlerquelle, die aber nicht nur Republikanern nahelag, sondern auch Demokraten wie Hillary Clinton.

Clintons Fehlschläge

Clintons Hybris kam am 9. September 2016, zwei Monate vor der Wahl, in einem Umfeld zum Ausdruck, das ihr Gegenspieler nicht unvorteilhafter hätte inszenieren können. Anders als bei Romney war die Presse eingeladen, aber wie im Falle Romney redete auch Clinton den ihr gewogenen Zuhörern nach dem Mund. Das Ereignis: eine Spendengala in New Yorks höchst exklusivem Cipriani Wall Street Restaurant; Teilnehmer: ungefähr 2.000 bis 3.000 zahlende Gäste; Ticketpreise: zwischen 1.200 und 250.000 Dollar; Titel der Veranstaltung: „Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender for Hillary Gala Dinner.“ Barbra Streisand hatte einen 40-minütigen Auftritt. Clinton betonte ihr „besonderes Engagement“ für die LGBT-Gemeinschaft und sprach ihrem Publikum mit folgenden Worten aus dem Herzen:

Man könnte die Hälfte von Trumps Anhängern in das stecken, was ich den Korb der Bedauernswerten (basket of deplorables) nenne. Richtig? Die Rassisten, Sexisten, Homophoben, Fremdenfeinde, Islamophoben – was auch immer. Und leider gibt es solche Leute. Und er [Trump] hat sie hochgejubelt. Er hat ihren Websites eine Stimme gegeben: früher hatten sie nur 11.000 Besucher, jetzt sind es 11 Millionen. Er twittert und retweetet ihre beleidigende, hasserfüllte, boshafte Rhetorik. Nun, einige dieser Leute – sie sind unverbesserlich [irredeemable], aber glücklicherweise repräsentieren sie nicht Amerika.9

Die Gegenreaktion auf Clintons Rede war augenblicklich und vernichtend. T-Shirts, Anstecker, Mützen, Tassen, Autoaufkleber und Tragetaschen verkündeten sofort „I’m Deplorable“ (Ich bin Bedauernswert). Drei Tage nach Clintons Rede hielt ein weißer Mann am Eingang einer Trump-Kundgebung ein Plakat mit den Worten hoch: „Deplorable Lives Matter.“ Ein Clinton Konter mit der Parole der anti-Trump Bewegung Black Lives Matter – das war brillant und erlaubte keine Widerrede. Ein Foto des Gegenschlags ging viral auf Twitter.10„Trumpreneurs“ verbreiteten den neuen Slogan ohne Verzug wiederum auf T-Shirts, Ansteckern, Mützen usw.

Aschenputtel folgend und ohne Gespür für die fatalen parteipolitischen Kosten der Trennung von anerkennungs- und bedauernswerten Wählern warf Clinton eine Hälfte von Trumps Anhängern ins Töpfchen (die Guten) und die andere (die Schlechten) ins Kröpfchen. Aber auch für die armen Menschen im Töpfchen – „die wir verstehen und mit denen wir Mitgefühl haben müssen“ – gab es keine deutliche Empathie, Annäherung, oder Bemühung, sie vom Sirenengesang der Versprechungen Trumps abzubringen und für Clinton einzunehmen. Clinton war nicht imstande, den Bedauernswerten eine helfende Hand zu reichen; sie stolperte über das falsche Bewusstsein der Trumpisten,

die das Gefühl haben, dass die Regierung sie im Stich gelassen hat, dass die Wirtschaft sie im Stich gelassen hat, dass sich niemand um sie kümmert, dass sich niemand Gedanken darüber macht, was mit ihrem Leben und ihrer Zukunft geschieht, und dass sie verzweifelt nach Veränderung suchen. Es spielt eigentlich keine Rolle, woher diese kommt. Sie glauben nicht alles, was er [Trump] sagt, aber er scheint ihnen eine gewisse Hoffnung zu geben, dass sich ihr Leben ändern wird.

Clintons Psychopathologie der von Trump begeisterten Wähler war wohl richtig, aber ihre Einteilung in unverbesserliche und verbesserliche Bedauernswerte in zweifacher Hinsicht falsch. Zum einen signalisierte sie den ‚unverbesserlich‘ Klassifizierten, dass sie von Clinton und der Demokratischen Partei abgeschrieben waren. Das war parteipolitisch kontraproduktiv. Und zum anderen verwischte sie den Unterschied zwischen dem tatsächlich unverbesserlichen Trump und seinen Anhängern, die nicht allesamt und für immer als auf Trump eingeschworen anzusehen sind. Das verlangt zumindest die Parteiräson.

Menschen mögen es nicht, in Schubladen gesteckt und mit Etiketten behaftet zu werden. Der Fehltritt mit den „Bedauernswerten“ war im Übrigen völlig überflüssig. Clinton hatte Trumps Unterstützung der rechtsradikalen Alt-Right-Bewegung bereits zwei Wochen vorher in Reno, Nevada, kraftvoll angegriffen, und zwar ohne die Anhänger ihres Gegners zu verunglimpfen. Dort hatte sie erklärt: „Ein Mann mit einer langen Geschichte rassistischer Diskriminierung, der mit dunklen Verschwörungstheorien handelt, die er den Seiten von Supermarkt-Boulevardblättern und den entlegenen, dunklen Winkeln des Internets entnimmt, sollte niemals unsere Regierung führen oder unser Militär befehligen.“11

Clinton fragte mit Recht: „Wenn er [Trump] nicht alle Amerikaner respektiert, wie kann er dann allen Amerikanern dienen?“ Ihr Ziel, „eine Präsidentin für alle Amerikaner zu sein,“ bekräftigte sie mit den Worten: „Ich glaube nicht, dass wir uns eine einzige Person leisten können, die wir verschwenden. Wir wollen ein Amerika aufbauen, in dem jeder Mensch einen Platz hat.“ Richtig! Clinton hätte Bedauernswertigkeit als einen vorübergehenden Zustand und nicht als dauerhaftes Merkmal darstellen können. Wie konnte sie von Amerikanern sprechen, die „nicht Amerika“ sind? Clinton machte einen zusätzlichen Fehler dadurch, dass sie mit Bedacht den vermeintlichen Fehler vermied, „den Bern zu spüren.“12 Der Außenseiter-Wahlkampf des „demokratischen Sozialisten“ aus Vermont, Bernard Sanders, hatte es fertiggebracht, einen großen Teil der Jugend und der progressiven Parteibasis der Demokraten zu begeistern.

Wie Trump, predigte „Bernie“ eine „politische Revolution,“ nahm jedoch keine großen Gelder von Unternehmen, Super-PACs, der Wall Street oder Finanzindustrie an, sondern nur einzelne Kleinbeiträge, sammelte damit aber mehr Geld ein als jede Kampagne in der Geschichte der USA zuvor. Clinton hätte den linken Außenseiter zu ihrem Vizepräsidenten machen und damit die Energie von Millionen junger Demokraten für die Demokratische Partei erschließen können. Stattdessen wählte sie für diese Position den „sicheren,“ aber weithin unbekannten Senator Tim Kaine aus Virginia, der sich selbst stolz als „langweilig“ bezeichnete. Clintons Entscheidung für Kaine verpuffte die Energie der Millionen, die sich für Sanders engagiert hatten. Zu viele dieser potenziellen neuen Wählergruppe blieben in der Wahlnacht zuhause.

Weiße Männer – einst linksliberal, nun rechtsradikal

Amerikanische Arbeiter der unteren und mittleren Schichten waren von Franklin Delano Roosevelt bis Lyndon Johnson die loyalste Wählerschaft der Demokratischen Partei. Die Geschichte ihrer Entfremdung, fortschreitenden Vernachlässigung und letztendlichen Neuausrichtung hat David Paul Kuhn beschrieben.

Kuhn fand, dass die Wähler, die die Demokratische Partei zwischen den gescheiterten Kandidaturen von George McGovern (1972) und John Kerry (2004) verließen, nicht nur weiß, sondern auch überwiegend Männer waren. Er nannte „die Kluft zwischen der starken Mehrheit weißer Männer, die bei Präsidentschaftswahlen die Republikaner unterstützen, im Vergleich zu der Minderheit, die für die Demokraten stimmt,“ die Kluft weißer Männer (white male gap). Seine kritische Bemerkung, dass Obama und Hillary Clinton (die 2007 hart um die Nominierung kämpften) den Demokraten um McGovern und Kerry, die die Partei von weißen Männern weggeführt hatten, „deutlich näherstanden als denen aus den Tagen von JFK oder FDR,“ ging der progressiven Elite zu weit und wurde folglich überhört.13

Die liberale Linke hat wichtige Kämpfe der Nachkriegszeit gewonnen, den Civil Rights Act von 1964 zum Beispiel, aber ihr späteres Eintreten für Multikulturalismus und auf die Spitze getriebene politische Korrektheit hat sie in die Defensive geführt und den amerikanischen Konservatismus bis zum rücksichtslosen Gegenschlag von Trump enorm angeheizt. Sie ist mutig auf alle möglichen Minderheiten – speziell Frauen, Schwarze, Homosexuelle, und Einwanderer – zugegangen, aber nicht auf bedürftige weiße Männer. Im Gegenteil, die hat sie ins republikanische Exil getrieben. Kuhns guter Rat aus dem Jahr 2007 gilt daher nach wie vor:

Die Wiederbelebung der Demokraten kann nicht gelingen, ohne auf diejenigen zuzugehen, die sie verloren haben. Doch weiße Männer werden diese Annäherung nur respektieren, wenn sie glauben, dass die Gründe, aus denen sie die Partei verlassen haben, respektiert werden. Bis zu diesem Tag werden die amerikanischen Konservativen weiterhin die Mehrheit der Arbeiter für sich gewinnen.14

Weiße amerikanische Arbeiter, die demokratisch wählen, ist inzwischen zu einem Wunschtraum geworden für dessen künftige Realisierung wenig spricht. Seit Ronald Reagans Sieg über Jimmy Carter (1980) und der Verknüpfung akademischer Genderforschung mit demokratischer Politik in den 90er Jahren ist die Mehrheit der weißen Männer von links nach rechts abgewandert. Die Demokratische Partei hat diese Neuorientierung ihrer ehemaligen Basis kampflos hingenommen. Trumps Unterwerfung der Republikanischen Partei sowie Kult alles Männlichen hat die weißen Männer zu einer schlagkräftigen Kerntruppe seiner populistischen Basis gemacht und gegen die Normen und Traditionen der USA mobilisiert.

Zurück zur Realität

Romney und Clinton waren auf spezifisch republikanische und demokratische Weise blind für das Unglück absinkender Arbeiter. Trump hingegen sah das riesige Wählerpotential dieser von beiden Parteien verunglimpften Amerikaner und machte es sich zu eigen. Er errang seinen Sieg über Clinton in einer ironischen Volte der Geschichte mit den Stimmen von Romneys imaginärem 47-Prozent-Block von Bedauernswerten, die staatliche Unterstützung brauchten. Parallel dazu hat er mit Hilfe seiner Höflinge und des höchsten Gerichts nahezu alle Hemmungen und Gegengewichte (checks and balances) gegen seine königlich-autokratischen Interessen eliminiert. Trumps vernichtender Erfolg war und ist offensichtlich, aber auch prekär. Der Starkmann, der nach seinen wilden, zerstörerischen Ritten (sprich Kundgebungen) über das ganze Land das Vielversprochene nicht oder nicht mehr liefert, dürfte nämlich früher oder später die Ernüchterung des Kinderreims zu spüren bekommen: er fällt entweder in den Graben oder in den Sumpf – dann „fressen ihn die Raben“ oder er macht einfach „plumps!“

Die beiden großen Parteien der USA werden Trump überleben und weitermachen. Deshalb stellt sich jetzt die Frage: Kommt nach der Elitendämmerung und Starkmannvergötterung die Rückkehr zur Realität? Darauf habe ich keine Antwort, möchte aber auf einen wichtigen parteipolitischen Unterschied hinweisen, der den Demokraten trotz aller fatalen Dunkelheit zum Vorteil gereichen könnte. Die Republikaner übertrumpfen die Demokraten selten in geordneten Auseinandersetzungen um nachweisbare Fakten, aber regelmäßig in Freestyle-Kämpfen um Fiktionen und Lügengespinste. Mit anderen Worten, die Demokratische Partei hat im Unterschied zur Republikanischen den gesunden Respekt vor Realitäten bewahrt. Diese Achtung ist sowohl der westlichen Aufklärung als auch der modernen Wissenschaft – und ihren konkreten Erfolgen! – geschuldet. Das könnte der Partei in Zukunft helfen, ihr parteipolitisches Gleichgewicht zwischen Eigen- und Gesamtwohl zu finden.

Anmerkungen

1 Siehe Wolf Schäfer, „Medienumsturz im Technologiefeld: Über die Beihilfe der Neuen Sozialen Medien zum Trumpismus“. Meer, 5. Sept. 2025.
2 Parteipolitische Diskriminierung der Demokraten findet in den USA nicht nur eklatant, sondern auch auf subtile Weise statt. Hier ist ein Beispiel: wenn Republikaner über die Demokratische Partei sprechen, sagen sie seit Newt Gingrich nicht mehr „Democratic Party“, sondern immer „Democrat Party“. Der rhetorische Sprachfehler, den offiziellen Namen der Konkurrenzpartei zu tabuisieren und das Substantiv democrat anstelle des Adjektivs democratic zu setzen, ist darauf angelegt, den politischen Rivalen von der positiven Aura des Wortes „demokratisch“ zu trennen.
3 The Editorial Board, „Imagining America on Nov. 9“ . The New York Times, 5. Nov. 2016.
4 The Editorial Board, „Why Donald Trump Should Not Be President“. The New York Times, 25. Sept. 2016.
5 Matt Flegenheimer und Michael Barbaro, „Donald Trump Is Elected President in Stunning Repudiation of the Establishment“ (Donald Trump wird in einer überraschenden Absage an das Establishment zum Präsidenten gewählt). The New York Times, 9. Nov. 2016.
6 Siehe „Full Transcript of the Mitt Romney Secret Video“. Mother Jones, 19. September 2012, und „Man who secretly videotaped Mitt Romney’s ‚47 percent‘ remarks comes forward“ (Mann, der Mitt Romneys ‚47-Prozent‘-Äußerungen heimlich auf Video aufgezeichnet hat, meldet sich). CBS News, 14. März 2013.
7 Romney wurde von etwa 40 Prozent der Menschen unterstützt, die nicht genug verdienten, um Bundessteuer zu zahlen; die Bundesstaaten mit dem höchsten Anteil an Personen ohne Einkommensteuererklärung waren die mit den meisten Stimmen für die Republikaner; und die mit der geringsten Anzahl an Personen ohne Steuererklärung wählten überwiegend die Demokraten. Siehe Robert Farley, „Dependency and Romney’s 47 Percenters“ (Abhängigkeit und Romneys 47-Prozenter). FactCheck.org, 18. Sept. 2012.
8 Siehe David Corn, „Secret video: Romney tells Millionaire Donors what he really thinks of Obama Voters. When he doesn’t know a camera’s rolling, the GOP candidate shows his disdain for half of America“ (Geheimes Video: Romney erzählt millionenschweren Spendern, was er wirklich von Obama-Wählern hält. Wenn er nicht weiß, dass eine Kamera läuft, zeigt der GOP-Kandidat seine Verachtung für die Hälfte Amerikas). Mother Jones, 17. Sept. 2012.
9 Angie Drobnic Holan, „In Context: Hillary Clinton and the ‘basket of deplorables’“ (Im Kontext: Hillary Clinton und der ‚Korb der Bedauernswerten‘). PolitiFact, 11. Sept. 2016.
10 Siehe Frank Thorp V, „Deplorable Lives Matter“. 12. Sept. 2016.
11 Abby Ohlheiser und Caitlin Dewey, „Hillary Clinton’s alt-right speech, annotated“ (Hillary Clintons Rede zur Alt-Right-Bewegung, kommentiert). The Washington Post, 25. August 2016.
12 Feel the Bern war ein Wortspiel mit Jane Fondas Aerobic-Ausdruck „feel the burn“ (spüre das Brennen) und ein Hashtag zur Unterstützung von Bernie Sanders. Der Slogan soll in einer Facebook-Diskussion Anfang 2015 über pro-Sanders-Parolen entstanden sein, um den Namen des demokratischen Sozialisten im gesamten Internet zu verbreiten.
13 Siehe David Paul Kuhn, The Neglected Voter: White Men and the Democratic Dilemma. 1. Aufl. New York, N.Y.: Palgrave Macmillan, 2007, S. 4 und 233.
14 Ibid., S. 243.