Imperialismus. Ein Wort, das nach Dampfschiffen klingt, nach Kolonialherren und Landkarten, die mit Linealen über Kontinente gezogen wurden. Wir verbinden ihn mit dem 19. Jahrhundert, mit Eroberung und kolonialer Ausbeutung. Und doch ist er zurück – in einer Form, die weniger sichtbar, aber nicht weniger mächtig ist.

Heute geht es nicht mehr um Flaggen, die in fremden Böden gehisst werden. Es geht um Abhängigkeiten: um Schulden, Sanktionen, Lieferketten, Häfen, Halbleiter. Um Netzwerke, in denen der eine dominiert und der andere nach den Regeln tanzen muss. Ein Imperium ohne Kolonien – aber mit denselben Konsequenzen. Was treibt diese neue Ära an? Die Antwort liegt nicht allein in Ökonomie oder Geopolitik. Der entscheidende Motor ist der Nationalismus. Von Washington bis Peking, von Moskau bis Neu-Delhi, von Brüssel bis Budapest – überall wird Politik heute mit dem Vokabular der Nation legitimiert. „Make America Great Again“, „die große Verjüngung der chinesischen Nation“, „illiberale Demokratie“, „Atmanirbhar Bharat“: die Schlagworte unterscheiden sich, die Logik bleibt gleich.

Nationalismus liefert die Geschichten, die aus Machtpolitik ein Schicksal machen. Er erklärt Tarife zu einem Schutzschild, Krieg zu einer historischen Mission, Kredite zu einem Geschenk der Freundschaft. Er verwandelt Konkurrenz in eine existenzielle Auseinandersetzung, die angeblich das Überleben der eigenen Gemeinschaft entscheidet.

Dieser Artikel fragt: Wie sieht dieser neue Imperialismus aus? Was unterscheidet ihn im Westen und im Osten? Und wie wirkt er sich auf jene Staaten aus, die zwischen den Fronten stehen – den Globalen Süden? Wir werden sehen: Die Werkzeuge unterscheiden sich – Sanktionen hier, Infrastruktur dort –, doch die Logik ist erstaunlich ähnlich. In Ost und West formieren sich Imperien neuer Prägung. Ihre gemeinsame Währung heißt Abhängigkeit. Und ihre ideologische Rechtfertigung heißt Nationalismus.

Die westliche Abkehr nach innen

Der Westen, lange das Sinnbild einer regelbasierten Ordnung, hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelt. Die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und die alten Institutionen von NATO und G7 geben sich nach außen noch immer als Architekten einer multilateralen Welt, doch der innere Antrieb hat sich verschoben. An die Stelle des Internationalismus ist ein Nationalismus getreten, der nicht nur in den politischen Rhetoriken sichtbar wird, sondern auch in den Werkzeugen, mit denen Macht ausgeübt wird.

Die Vereinigten Staaten illustrieren diesen Wandel am deutlichsten. Barack Obamas „Pivot to Asia“ erschien 2011 noch als nüchternes strategisches Manöver, doch hinter der Diplomatie stand das alte Ziel, amerikanische Vorherrschaft in Asien zu sichern. Donald Trump machte daraus eine offene Doktrin: „America First“ war mehr als ein Wahlslogan, es war eine Programmatik, die Zölle, Sanktionen und Rückzüge aus internationalen Verträgen als patriotische Pflicht erklärte. Unter Joe Biden änderte sich die Tonlage wieder, doch die Substanz blieb unangetastet. Auch er setzt auf Exportkontrollen, Sanktionen und eine Neuordnung von Lieferketten – nur rhetorisch begleitet von Bekenntnissen zu Allianzen. Ob Halbleiterembargos gegen China oder Strafmaßnahmen gegen Russland: stets wird das gleiche Narrativ bemüht, nämlich das der Sicherheit und Prosperität der amerikanischen Nation. Washingtons Imperium ist heute eines der Abhängigkeiten – weniger sichtbar als eine Kolonie, aber nicht weniger wirksam.

Europa zeigt ein widersprüchliches Bild. Nach außen präsentiert sich die EU als sanftes Imperium der Regulierung. Datenschutzstandards, Umweltauflagen oder Produktsicherheit entfalten weltweit Wirkung, weil niemand auf den Zugang zum europäischen Markt verzichten kann. Dieses „Brussels Effect“ wirkt wie ein stilles Herrschaftsinstrument, das mit juristischen Paragraphen mehr durchsetzt als mit Soldaten. Doch im Inneren wird diese Macht zunehmend ausgehöhlt. Viktor Orbán in Ungarn hat die „illiberale Demokratie“ zur Staatsdoktrin gemacht und nutzt das Veto als Waffe gegen Brüssel. In Polen widerstand die PiS-Regierung lange den Vorgaben zur Rechtsstaatlichkeit, in Frankreich und Italien inszenieren Le Pen und Salvini die EU als Feind nationaler Souveränität. Selbst in Deutschland verschiebt die AfD mit ihrem Anti-Brüssel-Diskurs die politische Mitte. Die Union steht so im paradoxen Zustand: nach außen ein Imperium der Regeln, nach innen ein zerklüfteter Raum nationalistischer Selbstbehauptung.

Zusammengehalten wird dieses fragile Gefüge von zwei Institutionen, die älter sind als die Union selbst: NATO und G7. Beide haben ihre ursprüngliche Rolle längst hinter sich gelassen. Die G7 ist kein reines Wirtschaftstreffen mehr, sondern ein informelles Direktorium, das Sanktionen koordiniert, Finanzregeln setzt und die Politik internationaler Institutionen beeinflusst. Die NATO, deren Zweck nach dem Ende des Kalten Krieges oft in Frage gestellt wurde, hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Die Osterweiterung, der Krieg in der Ukraine, die Aufrüstungsprogramme – sie alle haben die Allianz zurück ins Zentrum westlicher Selbstdefinition geholt.

So ergibt sich ein Bild des Westens, das in seiner Ambivalenz fast ironisch wirkt. Er spricht im Vokabular von Freiheit, Demokratie und internationaler Ordnung, setzt aber immer stärker auf Instrumente, die genau das Gegenteil transportieren: nationale Selbstbehauptung, wirtschaftliche Zwangsmittel, militärische Abschreckung. Sanktionen, Regulierung, Exportkontrollen – all das sind die Werkzeuge eines neuen Imperialismus, der mit Flaggen und Kolonien kaum noch etwas gemein hat. Und doch trägt er denselben Kern in sich: den Willen, Abhängigkeiten zu schaffen, um die eigene Vorherrschaft zu sichern. Nationalismus ist dabei die verbindende Sprache, die sowohl den amerikanischen Arbeiter schützt als auch den ungarischen Wähler mobilisiert und die NATO-Soldaten an die Front rechtfertigt. Der Westen mag internationalistisch wirken, doch er agiert längst aus einer Logik heraus, die nichts anderes kennt als das „Wir zuerst“.

Der Osten im Vormarsch

Während der Westen seine Macht zunehmend über Sanktionen, Institutionen und Regulierung organisiert, hat sich im Osten eine ganz andere Dynamik entfaltet. China, Russland und Indien treten heute nicht mehr nur als regionale Akteure auf, sondern als selbstbewusste Gestalter einer neuen Weltordnung. Jeder dieser Staaten bedient sich eigener Mittel, doch die Logik ist dieselbe: Abhängigkeiten schaffen, Einflusszonen sichern, Macht als nationale Mission begreifen.

China steht dabei im Zentrum. Seit Xi Jinping 2013 die Belt-and-Road-Initiative ausrief, spannt Peking ein Netz aus Straßen, Häfen, Eisenbahnlinien und Digitalinfrastrukturen über Asien, Afrika und Europa. Offiziell als „Win-win-Kooperation“ gepriesen, entpuppte sich mancher Vertrag als Einbahnstraße in die Abhängigkeit. Das bekannteste Beispiel ist der Hafen von Hambantota in Sri Lanka, den die Regierung wegen Zahlungsunfähigkeit für 99 Jahre an China verpfänden musste. Ähnliche Diskussionen gibt es um Mombasa in Kenia oder Gwadar in Pakistan. Hier baut Peking kein Kolonialreich im klassischen Sinne, sondern ein Infrastrukturimperium, das strategische Knotenpunkte kontrolliert. Dazu kommt die digitale Dimension: Huawei, ZTE oder Hikvision liefern nicht nur Netzwerke und Kameras, sondern verankern Länder im chinesischen Technologiekosmos – und damit in einer subtilen Abhängigkeit, die kaum reversibel ist.

Militärisch wiederum demonstriert die Volksrepublik ihren Anspruch im Südchinesischen Meer. Künstlich aufgeschüttete Inseln, Raketenstellungen und Marinepatrouillen untermauern den Anspruch auf die „Neun-Striche-Linie“, auch gegen das klare Urteil internationaler Schiedsgerichte. Xi Jinping verknüpft all dies mit der Erzählung von der „großen Verjüngung der chinesischen Nation“. Der Nationalismus liefert die ideologische Klammer, die wirtschaftliche und militärische Expansion zu einer historischen Mission verklärt.

Russland verfolgt eine brutalere Variante dieses neuen Imperialismus. Seit dem Krieg gegen Georgien 2008, der Annexion der Krim 2014 und der Invasion in die Ukraine 2022 zeigt Moskau, dass es bereit ist, Grenzen mit Gewalt zu verschieben. Ergänzt wird dies durch Hybridkrieg: Gaslieferungen als Druckmittel, Cyberattacken auf westliche Infrastrukturen, gezielte Desinformationskampagnen im Ausland. Russlands Soft Power ist von harter Hand geprägt: RT und Sputnik verbreiten ein Bild Russlands als Bastion traditioneller Werte gegen eine angeblich dekadente westliche Moderne. Die ideologische Grundlage liefert der Eurasianismus, der Russland als eigenständige Zivilisation zwischen Europa und Asien verortet und seinen Machtanspruch historisch legitimiert. Auch hier ist der Nationalismus nicht nur Beiwerk, sondern Motor: Putin beschreibt den Zerfall der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ – eine rhetorische Vorlage für die Politik der Wiedervereinigung „historischer russischer Gebiete“.

Indien geht einen eigenwilligen Weg. Unter Premierminister Narendra Modi verbindet das Land wirtschaftlichen Nationalismus mit regionaler Einflussnahme. „Atmanirbhar Bharat“ – ein „selbstständiges Indien“ – ist Leitmotiv seiner Politik: weniger Abhängigkeit von Importen, Förderung nationaler Champions, strenge Regeln für ausländische Investitionen in sensiblen Bereichen. Gleichzeitig projiziert Neu-Delhi Macht über Entwicklungshilfe, Rüstungsexporte und maritime Kooperationen im Indischen Ozean. Indien baut keine gigantische Neue Seidenstraße wie China, aber es knüpft ein Netz aus kleineren, asymmetrischen Abhängigkeiten – etwa mit Militärabkommen in Sri Lanka oder den Malediven. Hinzu kommt Indiens weiche Macht: Bollywood, Yoga und eine riesige Diaspora tragen das Bild eines stolzen, selbstbewussten Indien in die Welt. Modi inszeniert sein Land zugleich als Stimme des Globalen Südens und als Gegenpol sowohl zum Westen als auch zu China. Der Nationalismus dient als ideologische Rechtfertigung – innenpolitisch, um eine heterogene Gesellschaft unter einem Hindutva-Dach zu vereinen, außenpolitisch, um Unabhängigkeit und Führungsanspruch zu legitimieren.

So unterschiedlich die Strategien von China, Russland und Indien auch erscheinen – sie laufen auf dasselbe hinaus: den Aufbau von Einflusszonen jenseits territorialer Expansion. Während China Abhängigkeiten über Infrastruktur und Technologie schafft, Russland mit Gewalt und Destabilisierung arbeitet und Indien eine Mischung aus wirtschaftlicher Eigenständigkeit und regionaler Dominanz verfolgt, teilen alle drei eine Gemeinsamkeit: Sie betten ihre Politik in nationalistische Narrative ein. Der neue Imperialismus des Ostens ist damit nicht nur eine Frage von Straßen, Pipelines oder Armeen, sondern eine von Geschichten, die Macht zur nationalen Pflicht erklären.

Der Globale Süden als Schachbrett der Mächte

Wer verstehen will, wie sich der neue Imperialismus konkret auswirkt, muss den Blick nach Süden richten. Dort, wo Kolonialismus einst sein brutalstes Gesicht zeigte, treffen heute die unterschiedlichen Werkzeuge von Ost und West aufeinander. Nicht mehr Kanonenboote oder Gouverneure bestimmen die Abhängigkeiten, sondern Kredite, Investitionen, Konditionalitäten – und das Ringen um politische Loyalität.

Der Westen operiert hier vor allem über Institutionen. IWF und Weltbank vergeben Kredite, die an klare Bedingungen geknüpft sind: Haushaltskonsolidierung, Privatisierungen, Strukturreformen. Offiziell heißen diese Auflagen Stabilisierung, in der Praxis bedeuten sie oft den Verlust wirtschaftlicher Souveränität. Afrikanische oder lateinamerikanische Regierungen kennen die schmerzhaften Konsequenzen: Agrarpolitiken müssen auf Export getrimmt, Sozialleistungen gekürzt, Märkte geöffnet werden – häufig gegen die Interessen der Bevölkerung. In diesem Sinne wirken Konditionalitäten wie eine Fortsetzung kolonialer Abhängigkeiten mit anderen Mitteln.

China bietet eine scheinbar attraktive Alternative. Die Belt-and-Road-Initiative lockt mit schnellen Krediten und spektakulären Infrastrukturprojekten, ohne demokratische oder menschenrechtliche Auflagen. Doch auch hier bleibt die Unabhängigkeit auf der Strecke. Hambantota in Sri Lanka, Mombasa in Kenia oder Lusaka in Sambia zeigen, wie sich Kreditlinien in langfristige Abhängigkeit verwandeln können. Wenn Rückzahlungen ausbleiben, übernimmt Peking strategische Infrastruktur oder diktiert neue Bedingungen. Chinas Rhetorik der „win-win“-Kooperation verschleiert so häufig ein Machtgefälle, das kaum weniger bindend ist als westliche Konditionalitäten.

Russland spielt im Süden eine kleinere, aber symbolisch gewichtige Rolle. Moskau bietet sich als Partner für jene an, die westlicher Dominanz entkommen wollen – sei es mit Rüstungslieferungen, Sicherheitsabkommen oder propagandistischen Botschaften. In Mali, im Sudan oder in Libyen zeigt sich, dass russische Präsenz nicht Entwicklung, sondern Abhängigkeit von militärischer Hilfe bedeutet. Hier tritt Russland vor allem als Zerstörer auf: nicht mit Großprojekten, sondern mit Söldnertruppen und der Erzählung einer gemeinsamen Front gegen westliche Heuchelei.

Die politischen Loyalitäten des Südens sind entsprechend zersplittert. In den Vereinten Nationen zeigt sich dieses Dilemma offen. Bei Abstimmungen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine enthielten sich Brasilien, Indien und Südafrika, während andere Staaten ein klares Nein vermieden. Statt eindeutiger Lagerbildung dominiert das Hedging: ein Abwägen, wie sich Vorteile aus beiden Richtungen ziehen lassen, ohne sich festzulegen. Die BRICS fungieren in diesem Spiel als Gegengewicht zu den G7, eine Art Sammelbecken für Länder, die multipolare Optionen suchen. Die jüngste Erweiterung mit Ägypten oder Argentinien zeigt, wie attraktiv diese Plattform für Staaten ist, die zwischen Abhängigkeit und Selbstbehauptung lavieren.

Doch auch im Süden selbst wird mit Nationalismus gespielt. Regierungen sprechen von „strategischer Autonomie“, von „Dekolonisierung“ und von der Verteidigung der eigenen Souveränität, wenn sie ihre Entscheidungen begründen. Diese Narrative dienen weniger der Abgrenzung als der Rechtfertigung, warum man mal mit Washington, mal mit Peking, mal mit Moskau kooperiert. Nationalismus wird hier zur politischen Währung, die es erlaubt, zwischen den konkurrierenden Imperien zu manövrieren.

So ist der Globale Süden heute mehr denn je das Spielfeld der großen Mächte. Nicht, weil er passiv erobert würde, sondern weil er aktiv in die imperiale Logik einbezogen ist. Ob durch Konditionalitäten, Schuldenfallen oder politische Vereinnahmung – Abhängigkeiten entstehen in beide Richtungen. Was bleibt, ist eine paradoxe Lage: Der Süden sucht Selbstständigkeit, doch gerade sein Streben nach Autonomie macht ihn zum Dreh- und Angelpunkt der neuen imperialen Konfrontation.

Globale Perspektive

Auf den ersten Blick wirken die Strategien von Ost und West gegensätzlich. Der Westen setzt auf Sanktionen, Regulierung und Institutionen, der Osten auf Kredite, Infrastruktur und militärische Einflusszonen. Doch hinter diesen Unterschieden verbirgt sich dieselbe Logik: Abhängigkeiten schaffen, Macht sichern, Gegner schwächen. Sanktionen oder Exportkontrollen erfüllen denselben Zweck wie Häfen und Schuldenfallen – sie binden schwächere Staaten in Netze, aus denen es kaum ein Entkommen gibt.

Was beide Seiten eint, ist der Nationalismus als ideologischer Motor. In Washington legitimiert er Strafzölle und Lieferkettenpolitik, in Brüssel die Expansion europäischer Standards, in Peking die „große Verjüngung der Nation“, in Moskau den Schutz der „russischen Welt“, in Neu-Delhi die Selbstbehauptung nach kolonialen Demütigungen. Nationalismus verwandelt nüchterne Machtpolitik in historische Mission, er mobilisiert Gesellschaften für Projekte, die sonst schwer durchzusetzen wären.

Gerade darin liegt die Gefahr. Der neue Imperialismus ist subtiler als koloniale Landnahmen, aber nicht weniger zerstörerisch. Er verschiebt Konflikte in Stellvertreterkriege – von der Ukraine bis ins Südchinesische Meer. Er blockiert globale Lösungen, weil Klima, Migration oder Gesundheit zu geopolitischen Spielfeldern werden. Und er lähmt Institutionen, die einst Garantien boten: der UN-Sicherheitsrat ist durch Vetos blockiert, die WTO durch Streitigkeiten gelähmt, Abrüstungsverträge zerfallen.

So entsteht eine paradoxe Lage: In einer Zeit, in der die Welt dringend Kooperation braucht, verfestigen sich imperiale Blöcke. Nationalismus verspricht dabei innenpolitisch Stabilität, untergräbt aber langfristig genau jene Grundlagen, die für Frieden und Wohlstand nötig wären. Der neue Imperialismus ist damit kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine Ordnung der Dauerkrise.

Schlussgedanke

Imperialismus ist nicht Vergangenheit, er hat nur seine Form gewechselt. Er zeigt sich nicht mehr im Hissen von Flaggen, sondern in der Architektur von Abhängigkeiten – in Krediten, Sanktionen, Datenflüssen und Lieferketten. Seine ideologische Klammer ist der Nationalismus, der im Westen als Reaktion auf Krisen auftritt und im Osten als Verheißung historischer Wiedergeburt. Unterschiedlich im Ton, ähnlich in der Funktion: Er verwandelt Machtpolitik in Schicksal und Expansion in nationale Pflicht.

Für Europa birgt diese Entwicklung eine doppelte Lehre. Die Union muss im Inneren Reformen wagen, um Nationalismus nicht zur Sprengkraft werden zu lassen. Sie muss außenpolitische Projekte sicherheitspolitisch denken und Partnerschaften auf Augenhöhe aufbauen, statt Werte als Konditionalität zu exportieren. Nicht als Supermacht, sondern als „King Maker“ kann sie eine Rolle spielen, die andere Mächte zwingt, Europa einzubeziehen – eher als Partner denn als Gegner.

Doch die Tragik bleibt: Gerade in einer Zeit, in der gemeinsame Antworten auf Klimawandel, Pandemien oder Migration dringlicher denn je sind, zerfällt die Welt in Blöcke, die sich in Dauerkrisen verstricken. Nationalismus, einst Hoffnung auf Selbstbestimmung, dient wieder als Rechtfertigung für Dominanz. Imperialismus, längst totgesagt, lebt in neuen Abhängigkeiten fort. Ob das 21. Jahrhundert in eine neue Ära der Kooperation eintritt – oder in ein Zeitalter permanenter Rivalität –, wird davon abhängen, ob wir diesen Kreislauf durchbrechen können. Noch ist offen, ob Europa den Mut findet, hier eine andere Spur zu legen.