Wir freuen uns, die vierte Einzelausstellung der 1942 in Wien geborenen Künstlerin Ingrid Wiener in der Galerie anzukündigen. Gobelins, films and dreams vereint eine Auswahl ihrer neueren Gobelins, eine Reihe ihrer intimen ‚Traumzeichnungen‘, Videos, Schallplatten und Bücher. Als Ergänzung dazu zeigen wir einen Film von Oswald Wiener aus dem Jahr 2015. Dieser Film, der das Weben als künstlerische Praxis seiner Lebenspartnerin Ingrid Wiener zum Ausgangspunkt nimmt, wurde im Nachlass des 2021 verstorbenen Schriftstellers und Kybernetikers entdeckt und wird in der Galerie zum ersten Mal gezeigt.
Ingrid Wieners Gobelins entstehen seit Mitte der 1970er-Jahre. Barbara Wien hat bereits 2003 mit Ingrid Wiener gearbeitet, indem sie der Geschichte der gemeinsamen Teppiche von Ingrid Wiener und Dieter Roth, die in den Jahren 1974 bis 1997 aus der gleichberechtigten Zusammenarbeit der beiden Künstlerpersönlichkeiten entstanden und eine Sonderrolle in ihrem Werk einnehmen, eine Einzelausstellung widmete. 2008 und 2019 präsentierte die Galerie jeweils eine Soloausstellung mit Webereien, Werken aus Kanada und Träumen von Ingrid Wiener.
Unter den wichtigen institutionellen Ausstellungen von Ingrid Wiener waren in den letzten Jahren: Die teppiche von Dieter Roth und Ingrid Wiener, 2007/2008 im Kirchner Museum Davos und in der Neuen Galerie Graz, kuratiert von Karin Schick, northwest passage, 2020 im österreichischen Museum Hartberg, kuratiert von Michaela Leutzendorff Pakesch, die die Künstlerin und ihr Werk seit Jahren fachkundig betreut, die Ausstellung gemeinsam mit Martin Roth Von weit weg sieht man mehr 2023 im Kunsthaus Graz, kuratiert von Katrin Bucher Trantow gemeinsam mit Michaela Leutzendorff Pakesch, ebenfalls 2023 eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Bremerhaven, kuratiert von Stefanie Kleefeld mit Michaela Leutzendorff Pakesch, sowie 2025 Einfach machen und tun im Marta Herford, kuratiert von Kathleen Rahn.
In der aktuellen Ausstellung in Berlin sind zehn Wandteppiche von Ingrid Wiener zu sehen, darunter Aorta (2023), Gehirn (2025), Schneidebrett mit fisch und frosch (2025) und Plumbing (2020). Wie typisch für die Künstlerin entstanden diese in der aufwendigen Gobelin-Technik, in der es keinen durchgehenden Schussfaden gibt, sondern die Farbpartien, ähnlich wie beim Malen, einzeln auf verschiedenen Nadeln eingewoben werden. Im Film von Oswald Wiener kann man verfolgen, wie Ingrid Wiener an einem Gobelin arbeitet. Parallel dazu hört man Oswald Wiener Hegel lesen (Phänomenologie des geistes) und Gertrude Stein aus eigenen Texten rezitieren. Die handfeste, künstlerisch-handwerkliche Tätigkeit von Ingrid Wiener wird so augenzwinkernd – „tongue in cheek“ schreibt der österreichische Literaturwissenschaftler Thomas Eder – auf geistig-philosophischer Ebene begleitet und kommentiert.
Die Motive der Teppiche Ingrid Wieners stammen immer aus dem direkten Umfeld und dem Alltag der Künstlerin. So etwa zeigt Plumbing die Verrohrung unterhalb des Badezimmerbodens im Holzhaus am Yukon (Kanada). Oder sie thematisieren ihren eigenen Körper: Aorta und Gehirn gehen auf Röntgenaufnahmen Wieners zurück. „Ich habe mich immer gern mit den verborgenen, unsichtbaren Verbindungen beschäftigt“, so Ingrid Wiener (Interview mit Michaela Leutzendorff Pakesch in Spike art magazine, Nr. 78, Winter 2023/2024). Noch persönlicher sind die ‚Traumzeichungen‘, an denen die Künstlerin seit Mitte der 1990er-Jahren arbeitet. In den BildTextkombinationen gewährt sie, in kleinen, mit Aquarellfarbe dargestellten Szenen und daneben in kurzen Texten in der Ich-Form Einblicke in die Welt ihrer Träume. Ähnlich wie die Gobelins weisen diese häufig in die Themenfelder Küche, Gesundheit, Kommunikation und Existenz in der Kunstwelt. Anlass, ihre Träume aufzuzeichnen, waren Diskussionen mit Oswald Wiener, der das Träumen in zusammenhängenden Geschichten und Bildern bezweifelte (siehe hierzu den Text von Oswald Wiener in Ingrid Wiener – Träume / Sogni, Neapel 2001).
Zur Erinnerung an Ingrid Wieners frühe, von Experiment und Improvisation geprägte künstlerische Praxis blicken wir in der Ausstellung auch auf ihre prägenden Jahre im kulturellen Milieu (West-) Berlins in den 1970er-Jahren zurück. Nach der Flucht aus dem „spießigen“ Wien, gründete sie – auf der damals sogenannten Insel der Freiheit – gemeinsam mit Oswald Wiener, Michel Würthle und anderen mehrere legendäre Lokale, darunter das Matala, das Exil und das Ax bax –, die sich zu lebhaften Orten des künstlerischen und intellektuellen Austauschs entwickelten. Ingrid Wiener nahm dort die wichtige Position der Köchin ein. Sie befasste sich dabei auch mit den „Randgebieten des Kulinarischen, nämlich den Innereien“, womit sie, wie sie selbst berichtet, auch „Feinschmecker“ begeisterte. Es gab aber auch „Wienerschnitzel, Tafelspitz und Palatschinken etc.“ (Interview mit Michaela Leutzendorff Pakesch in Spike art magazine). Eben aus dieser Zeit sind in der Galerie Schallplatten zu sehen und zu hören. Diese stehen beispielhaft für Ingrid „Monsti Wiener“s Auftritte als Sängerin und Musikerin in der Berliner Clubszene. Darunter waren auch Kooperationen mit Valie Export und anderen.
Ingrid Wiener berichtet: „Es war eine fruchtbare Zeit und nachdem meine Kochkünste bereits in den einschlägigen Magazinen besprochen wurden, fand ich es an der Zeit, mich anderweitig zu beschäftigen. Fasziniert war ich vom Gobelinweben als Kunst, aber gleichzeitig war mir klar, dass es eine brotlose Kunst war und in dieser Zeit als Kunsthandwerk in der Worpswede-Tradition, wenn überhaupt, gehandelt wurde. Umso spannender, daraus etwas zu machen. Valie Export und ich hatten bereits in Wien Gobelins gewebt und die ersten Hundertwasser-Gobelins initiiert. Das war aber nicht mein Ding. Mein Plan war, aus dieser altmodischen Kunstform etwas Neues zu machen, unter dem Motto ‚Malen kann ja jeder‘. Dieter Roth erschien mir als der richtige Künstler, mit dessen Hilfe dieser Plan umgesetzt werden konnte.“ (Die teppiche von Dieter Roth und Ingrid Wiener/The tapestries of Dieter Roth and Ingrid Wiener, Kirchner Museum Davos und Neue Galerie Graz, 2007/2008, S. 22).
Thematisch daran anknüpfend zeigen wir in der Galerie eine Auswahl der seltenen Kopiebücher, die in den 1990er-Jahren von Dieter Roth – selbst ehemals Gast und Gestalter der Tapete im Berliner Exil – und Ingrid Wiener zusammengestellt wurden. Als gebundene Skizzen- und Ideensammlungen geben sie Einblick in den gemeinsamen Arbeitsprozess hinter den RothWiener-Gobelins, die zwischen 1974 und 1998 entstanden und in denen Text, Bild und Material und ganz verschiedene Vorstellungswelten und Lebensrealitäten auf immer wieder neue Weise visuell ineinandergreifen. Der gemeinsame Große teppich (1981–1986) befindet sich heute in der Sammlung des MoMA in New York.
Zur Veranschaulichung des Austauschs und Dialogs der beiden Künstler zwischen Dawson City und Basel in den Jahren 1988–1990, während der Zusammenarbeit an ihrem dritten gemeinsamen Teppich, zeigen wir die 2003 von Barbara Wien veröffentlichten Videobriefe, die in Form eines experimentellen Video erschienen.
Einen weiteren Eindruck von ihrem Leben und Schaffen in der ehemaligen Goldgräberstadt Dawson City am Yukon River in Kanada, wo Ingrid Wiener von 1985 bis 1992 lebte und wo sie mit Oswald Wiener das Claims café betrieb, vermittelt die Künstlerin in den Videos Yukon quest (1986) und northwest passage (1988). In Yukon quest kann man, produziert vom ORF und kommentiert von Ingrid Wiener, Oswald Wiener und Valie Export, ein typisch kanadisches Hunderennen und die damit verbundenen Begleitevents verfolgen. In northwest passage nimmt uns Ingrid Wiener mit in den Schnee, wo sie Passagen aus dem gleichnamigen Song von Stan Rogers aus dem Jahr 1981 nachsingt, in dem dieser an die Geschichte früher Entdecker erinnert und deren Aktivitäten mit seiner eigenen Reise durch Kanada vergleicht.
Heute lebt Ingrid Wiener wieder in Österreich, in der Südsteiermark, und arbeitet weiter an Gobelins.
(Text von Barbara Buchm)
















