Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
(Michail Gorbatschow beim 40-jährigen Jubiläum der DDR am 7. Oktober 1989 auf den Reformunwillen der Führung angesprochen)
Um die Verbraucher infolge der Blockade am Persischen Golf vor hohen Preisen zu bewahren, fordert der Chef des deutschen Ferienfliegers Condor in der Tagesschau 1 ein Aussetzen des Emissionshandels. Dass ein Lobbyist so redet überrascht nicht, aber es verblüfft, dass die Bundesregierung, statt strategisch überlegt zu handeln, für ein rasch verpuffendes Strohfeuer Steuermilliarden mit der Gießkanne verteilt. Angesagt wären Maßnahmen, die gezielt – und zwar sozialverträglich – den Verbrauch von knappem Öl und Gas reduzieren würden. Der populistische Tankrabatt soll irritable Wähler beruhigen, aber den Benzinverbrauch künstlich hochzuhalten löst das Problem des fehlenden Öls natürlich nicht. Im Gegenteil. Den Tag der Wahrheit in die Zukunft zu verschieben garantiert, dass dieser umso heftiger ausfällt.
Unbürokratisch und schnell wirken würde eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Zielgerichtet und außerdem ein Anreiz, die überfällige Digitalisierung voranzutreiben, wäre die fokussierte Entlastung von Menschen mit niedrigen Einkommen, die dann selber entscheiden könnten, wie sie das Geld am besten ausgeben möchten. Die Senkung der Energiesteuer 2auf Diesel und Benzin um 17 Cent pro Liter ist sozial ungerecht, weil sie vor allem Viel- und Schnellfahrern nützt, weil sie den Ölkonzernen Sonderprofite verschafft, weil sie eine wirksame Reduktion der Nachfrage verhindert und, ganz wichtig, weil sie den Umbau der Volkswirtschaft weg von fossilen Brennstoffen sabotiert.
Preiswahrheit, also dass Preise Knappheitsverhältnisse widerspiegeln, ist das Kernprinzip der Marktwirtschaft. Überschüsse, beispielsweise von Milch oder Kartoffeln, lassen Preise fallen. Und wenn Öl knapp ist, wird es teurer. Subventionen wie die Pendlerpauschale 3und der Agrardiesel4, oder künstlich niedrig gehaltene Preise wie der Tankrabatt, verschieben das Problem in die Zukunft, weil sie den Mangel verschärfen, indem sie den Verbrauch anfeuern, anstatt ihn zu zügeln. Der völkerrechtswidrige US-israelische Angriff auf den Iran hat dem Weltmarkt ca. zwanzig Prozent des normalerweise verfügbaren Öls entzogen. Und zwar für Monate, wenn nicht für länger, weshalb es geboten wäre, ebenfalls die Nachfrage strategisch um mindestens ein Fünftel zu reduzieren. Vielleicht um ein bisschen weniger als zwanzig Prozent, weil die schamlose Aufhebung der Sanktionen gegen Russlands Ölverkauf die unvermeidliche Einsparung verkleinert, aber die Lücke bleibt. Sie wird die Welt verändern und dem fossilen Zeitalter den Todesstoß versetzen.
Seit Jahren argumentieren Analytiker, auch ich, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen die Zukunft der Demokratie5, der Küstenregionen6 und der menschlichen Zivilisation7gefährden. Diese Warnungen verpufften weitgehend ungehört, weil kurzfristige wirtschaftliche Argumente zwar nicht richtiger waren, bloß lauter. Aber jetzt kommt ein strategisches Argument dazu: Energiesysteme, die angreifbar machen sind unsicher; eine diversifizierte Versorgung ist ein Kontrollgewinn.
Diese Einsicht wird nicht über Nacht umgesetzt werden, sondern zähneknirschend und mit Rückzugsgefechten und Reibungsverlusten, aber die Würfel sind gefallen. Schon jetzt haben erneuerbare Energiequellen8große Lücken gefüllt. Prozentual wuchs Windkraft im Zeitraum von März 2025 bis März 2026 mehr als doppelt so viel wie Kohle abnahm. Sonnenenergie um mehr als das Vierfache. Die weltweite Batterie Kapazität9hat seit 2019 um das Zwölffache zugenommen, der Preis von Lithium-Ionen Batterien fiel seit 1991 um 99 Prozent10. Der Verkauf von E-Autos11nahm im März um 50 Prozent zu. Kurz, wir sind an der Schwelle einer allgewaltigen, kaskadenhaften Transformation der Energiewirtschaft.
Zwar waren fossile Energien schon vor Trumps und Netanyahus irrem Angriff auf den Iran Auslaufmodelle, aber der Krieg beschleunigt die Innovation. Im globalen Elektrizitätssektor kostet Solarenergie und Speicherung weniger als $60 pro Megawattstunde12; Gaskraftwerke ein Mehrfaches. In der Anschaffung konkurrieren Elektroautos preismäßig mit Benzinern, sind pro gefahrenem Kilometer aber ungleich günstiger. Verbrenner sind nur dann konkurrenzfähig, wenn Rohöl unter $15 pro Barrel kostet, also ein Sechstel des gegenwärtigen Preises. Das ist nicht abzusehen weshalb die Aufhebung13des EU-Verbots für neue Verbrennungsmotoren ein Eigentor war.
Die Zeit von Diesel- und Benzinmotoren ist aber auch deswegen abgelaufen, weil Elektromotoren Wärmekraftmaschinen prinzipiell überlegen sind. Verbrenner wandeln die Energie des Treibstoffs zuerst in Wärme um und diese erst in einem zweiten Schritt in Bewegung, weshalb außerordentlich viel Energie verloren geht und sie einen Wirkungsgrad von kaum mehr als 50 Prozent haben. Elektroautos können dezentral geladen werden, sind emissionsfrei, um ein Vielfaches effizienter und wesentlich einfacher gebaut: ca. 250 Teile gegenüber 1500 Teilen beim Verbrenner. Wind und Sonne sind nicht nur kostenlos, sie können auch nicht sanktioniert werden, finanzieren keine Diktatoren und fließen nicht durch Meerengen.
Pro Jahr importiert die EU fossile Brennstoffe – schmutzig gefördert, transportiert, raffiniert und verbraucht – im Wert von annähernd €400 Milliarden14, Deutschland von €80 Milliarden15. Diese Gelder in erneuerbare Energien sowie in Batterien zu investieren, anstatt sie jedes Jahr aufs Neue zu verbrennen, würde hochwertige Arbeitsplätze schaffen, der Umwelt nützen, der Luftqualität, der Industrie, der strategischen Sicherheit und nicht zuletzt der Demokratie.
Netanyahu und Trump haben dieser Revolution unbeabsichtigt einen gewaltigen Schub gegeben, vor allem weil Asien – vierzig Prozent seines Öls kommen durch die Straße von Hormus16– alles daransetzt, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu überwinden. Bremsversuche kurzsichtiger europäischer und amerikanischer Politiker können die Transformation allenfalls verzögern, aber nicht verhindern. Angesagt wäre, die Irankrise nicht zu vergeuden, sondern sie im Sinne des afrikanischen Sprichworts zu nutzen: Der beste Zeitpunkt, um einen Baum zu pflanzen war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist heute.
Anmerkungen
1 Tagesschau. Peter Gerber, CEO Fluggeselschaft Condor, zur Gefahr von Kerosinmangel. Das Erste, Tagesschau, 26. April, 2026.
2 Die Zeit. Energiesteuer. Die Zeit, 04. Mai, 2026.
3 Pendlerpauschalerechner.
4 Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Kurswechsel: Volle Agrardieselrückvergütung kommt zurück. Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, 24. Juni, 2025.
5 Baumann, Franz. The systematic challenge of global heating. Springer Nature Link, 01. Oktober, 2018.
6 Baumann, Franz. Present at the Destruction: Humanity’s Success in Ruining Nature. La Review of Books, 21. Februar, 2018.
7 Baumann, Franz. Climate Change, the problem from hell. La Review of Books, 09. Juni, 2019.
8 Myllywirta, Lauri. Global fossil power generation fell after the Hormuz closure due to solar and wind growth. Centre for Research on Energy and Clean Air, 14. April, 2026.
9 Foley, Ev. Big battery capacity jumps globally 12-fold in four years: IEA. ESS News, 19. Februar, 2026.
10 Narodoslawsky, Benedikt; Kohrs, Robin. Die irre Entwicklung der Batterien in vier Grafiken. Der Standard, 23. April, 2026.
11 The Guardian. Electric car sells soar 51% in mainland Europe as Iran war drives up fuel prices. The Guardian, 20. April, 2026.
12 Blomberg NEF. Battery Storage costs hit record lows as costs of other clean power technologies increased: BlombergNEF. Blomberg NEF, 18. Februar, 2026.
13 Blasshofer, Tilman; Reichert Timm. EU to scrap planned ban on combustion engines, EPP’s Weber says. Reuters, 12. Dezember, 2025.
14 Beschaffung Aktuell. US-Energie für Europa: Handelsbilanz unter Strom. Beschaffung Aktuell, 22. Mai, 2025.
15 Rode, Johannes. Jedes Jahr importiert Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von Ø 81 Mrd. EUR. KFW Research, 24. April, 2025.
16 Walter, Daan; Butler-Sloss, Sam; Jones, Dave. The energy security fallout: from fossil fuel fragility to electric independence. Ember, 18. März, 2026.















