Gespräch mit Stefan Guggisberg anlässlich seiner Ausstellung Aligned mirrors in der Galerie Eigen+Art Leipzig:

Eigen+Art: Der Titel deiner aktuellen Ausstellung lautet Aligned mirrors – hat er einen speziellen Hintergrund?

Stefan Guggisberg: Er entstand beim Malen. Im Arbeitsprozess zeichneten sich auf den entstehenden Bildern zunächst spiegelnde Wasserflächen ab, später verlangten die Kompositionen auch vertikale Spiegelachsen, die eher auf künstliche Spiegelflächen wie Glas verweisen. Da tauchte dieser Titel auf. Es schwingen in ihm Denkräume mit, in denen ich mich gerne bewege. In der modernen Physik fasziniert mich etwa das Phänomen der Quantenverschränkung, das mithilfe präzise ausgerichteter Spiegel erforscht wird. Nicht dass ich von dieser Forschung wirklich etwas verstände, es ist eher ihr Nachhall in der Metaphysik, der mich umtreibt.

Und wenn Spiegel ins Spiel kommen, steigt die Komplexität exponentiell. Geht man davon aus, dass sich jeder dieser Spiegel – selbst ein einzelner Wassertropfen – in unzähligen präzisen „Alignments“ befindet, dann entsteht daraus eine Kosmologie, wie ich sie in meinen Bildern wiederfinde.

Du arbeitest in verschiedenen Medien, wobei zwei Werkgruppen dominieren: Öl auf Papier und iPad-Zeichnung/Pigmentdruck. Beschreibe uns doch bitte den Prozess.

Mit Öl auf Papier begann ich bereits im Studium zu arbeiten. Papier war mir immer näher als Leinwand, weil seine organische Körnung ein anderes Grundrauschen erzeugt als das Gewebe eines Stoffes. Dieses Hintergrundrauschen bietet die ideale Basis, um Strukturen aus dem Inneren des Bildträgers heraus zu einer räumlichen Komposition aufzubauen.

Das wichtigste Werkzeug ist dabei der Radiergummi: Die Bildformulierung entsteht durch das Abtragen der Farbe, also über das Einschreiben von Licht. Auch die iPad-Zeichnungen gehen in erster Linie vom Zusammenspiel von Licht und Schatten aus. Sie wirken auf den ersten Blick wie Fotografien, sind aber wie die Ölarbeiten vollständig mit der Hand ausgeführt.

Diese Arbeitsweise ist sehr besonders. Du hast mal gesagt, du findest das Bild „malend“. Kannst du das kurz erläutern?

Wenn ich ein Bild beginne, habe ich keine Vorstellung im Kopf – keine Skizzen, keine Vorlagen. Bei den Ölarbeiten vollzieht sich der Arbeitsprozess durch das Auftragen von Farbe mit Pinsel, Spachtel und Lappen und das anschließende Abtragen mit dem Radiergummi. Ich schaffe mir dabei eine primäre Struktur, ein Möglichkeitsfeld, aus dem sich die Formen nach und nach herauskristallisieren.

Auch bei den iPad-Arbeiten gibt es keinerlei Vorlagen. Die Formen entstehen durch das Übereinanderschichten verschiedener Bildebenen, aus dem Zeichnen selbst heraus – durch Unschärfen im Vordergrund und kohleähnliche Abriebe auf der simulierten Wand im Hintergrund etwa. In meiner neuesten iPad-Zeichnung gibt es eine Durchsicht durch eine Glasfläche, in die von Menschen gemachte Spuren eingeritzt zu sein scheinen. Eigentlich lässt sich sagen, ich erzeuge auf der Bildfläche Interferenzmuster, in denen ich „zwischen den Zeilen“ zu lesen beginne und intuitiv zu den Bildfindungen gelange.

Wie hat sich in deinem Werk die Technik der iPad-Zeichnung entwickelt?

Durch Experimentieren. Ich kaufte mir 2012 mein erstes iPad und spielte damit herum. Am meisten faszinierten mich die perfekten Unschärfen, die dieses Medium erzeugen konnte, was mich an meine früheren Arbeiten mit fotografischen Mitteln erinnerte. Ich hatte Lust, neben meinen teils sehr organischen Ölbildern eine technischer anmutende Bildsprache entstehen zu lassen und dadurch unterschiedliche Auffassungen von Realismus einander gegenüberzustellen.

Du kommst aus der Schweiz und lebst und arbeitest in Leipzig. Dort hast du auch studiert. Was bedeutet Leipzig für dich?

Der Leerstand, der die Atmosphäre Leipzigs prägte, als ich 2004 hierher zog, stand in starkem Kontrast zur Raumsituation in Schweizer Städten, in denen ich zuvor gelebt hatte. Dieser Spielraum, dieses Potenzial für Zukünftiges, wirkte befreiend und geradezu magisch auf mich. Die Stadt hat sich seither stark verändert, aber jener Funke von damals ist für mich immer noch spürbar.

(Text von Stefan Guggisberg, Leipzig, 2026)