Galerie Nordenhake präsentiert mit Armscye die vierte Einzelausstellung von Patricia Treib mit der Galerie und ihre erste in Deutschland. Armscye, oder arm’s eye, ist ein Begriff aus der Schneiderei und bezeichnet einen Armausschnitt eines Kleidungsstücks, durch den zunächst die Hand und dann der Arm geführt wird und an dem ein Ärmel angesetzt werden kann. Der Begriff entstammt der Geschichte der Schnittkonstruktion, verbindet jedoch in besonderer Weise Sehen und Berührung und verweist damit auf Treibs visuelle Auseinandersetzung mit Kleidung und Körperschmuck sowie auf deren historische Entsprechung in der malerischen Geste.

Neben Öffnungen setzt sich Treib in ihren Gemälden mit sinnlichen Details, Leerstellen und Perspektivverschiebungen auseinander. Trotz ihrer weiten, schwungvollen Gesten lassen sich die Arbeiten als ruhige Meditationen lesen. Aus ihren stets persönlichen Quellen schöpfend, richtet Treib ihren Fokus auf den Raum zwischen den Formen und macht das Dazwischen zu einem zentralen Motiv. Ihre Malerei legt diese Zwischenräume offen, indem sie flüchtigen Nicht-Dingen eine ikonische Präsenz verleiht, deren hochpigmentierte Farbentsprechungen eine innere Leuchtkraft entfalten, die an Glasmalerei erinnert.

Das Zeitliche ist für Treibs Arbeiten von zentraler Bedeutung. Die Gemälde lassen sich als Aufzeichnungen aufmerksamer Beobachtung begreifen; sie halten Unregelmäßigkeiten und Schwankungen fest, die der körperlichen Wahrnehmung inhärent sind. Ähnlich wie bei der historischen Technik des Freskos, die abgeschlossen sein musste, solange der Kalkputz noch feucht war, begrenzt Treib die Entstehungszeit ihrer Gemälde oder deren Ausführung auf einen einzigen Tag. Hinter der entschiedenen Handlung verbergen sich jedoch unzählige Proben und Revisionen: sowohl in der über Jahre hinweg entwickelten Ausformung eines Motivs, erarbeitet in unterschiedlichen Arbeiten auf Papier, als auch in den Abtragungen, Verschiebungen und Tilgungen, die direkt auf der Leinwand stattfinden.

Obwohl ihre Arbeiten auf unterschiedlichste Referenzen wie ein Detail aus einer griechischen Ikone des 16. Jahrhunderts, eine Jubiläumsuhr, Fragmente eines verfallenen Bauernhauses in Süditalien oder ein Umschlagsmuster aus der Vogue der 1940er Jahre zurückgreifen, liegt Treibs eigentliches Thema im Akt des Sehens selbst. In diesem Prozess entdeckt sie neue Beziehungen, während sie das Wiedererkennbare auflöst. Der kalligrafische Verlauf jeder einzelnen Spur lässt sich in ihrem Einsatz breiter Hakepinsel und stark verdünnter Ölfarben nachvollziehen, die eine flüssige, tintenartige Konsistenz annehmen. Reife, schwebende Formen betten sich in akzentuierte Ornamente ein, die an linguistische Einheiten oder Satzzeichen sowie an mittelalterliche Buchmalerei und die schwedische Kurbits-Malerei des 18. Jahrhunderts erinnern.