Ann Edholm vereint in Stimmen / Röster bedeutende Arbeiten aus den frühen 1990er-Jahren mit in diesem Jahr entstandenen Bildern, die eine neue Phase in ihrem Schaffen bedeuten. Gemeinsam zeigen sie die Fülle und Kraft ihres unverwechselbaren Zugangs zur Abstraktion und unterstreichen zugleich ihre zentrale Position innerhalb der schwedischen wie europäischen Malerei.

Image as act (Bild als handlung), der Titel der beiden großformatigen Leinwände, kann symptomatisch für die neuen Arbeiten stehen: Edholm entwickelte die Bilder individuell aus dem Prozess heraus und orientierte sich am menschlichen Körper und seiner Bewegung. Sie erfordern eine aktive, persönliche Betrachtung – „von Nabel zu Nabel“, wie Edholm erklärt – um sie in ihrer subtilen Vielschichtigkeit und den konträren visuellen Effekten erfassen zu können. In Image as act ziehen sich leuchtend rote, horizontale „Zips“ gleichmäßig wie auf einer Buchseite über die beiden Leinwände, während dahinterliegende rauchige Farbbewegungen in Schwarz aus diesem Raster zu drängen scheinen. Je nach Perspektive und Lichteinfall verändert sich das Schwarz in seiner Tiefe und Tonalität und eröffnet ein nuancenreiches Geflecht aus Spuren und Andeutungen.

Mit ihrer oft großformatigen Malerei betritt Edholm ein traditionell männlich konnotiertes Feld. Sie stellt sich in den Dialog mit Strömungen wie dem abstrakten Expressionismus, der Farbfeldmalerei und dem Suprematismus. Dabei findet sie zugleich eine eigene Sprache, um das Unsagbare in eine persönliche und unmittelbar einnehmende Form zu übersetzen. Keilförmige Anordnungen, die wie Schwerter oder Spitzen gelesen werden können, oder präzise gezogene Streifen vermitteln in ihrer regelmäßigen Wiederholung den Eindruck von Klarheit, Strenge und Härte. Dem stehen sichtbare, unregelmäßige malerische Gesten oder mit dem Spachtelmesser reich modulierte Flächen gegenüber, die eine spannungsreiche Polarität erzeugen. Edholm, die ihre Werke als Dinge aus Farbe bezeichnet, mischt ihren Pigmenten teils Materialien wie Vinyl bei, um deckende Flächen zu erzeugen. Diese werden in mehreren Schichten aufgetragen und legen sich in Werken wie den beiden unterschiedlichen Formaten mit dem Titel Röster / Stimmen als klar abgegrenzte Formen über den Hintergrund. Sie vermitteln den Eindruck von plastischer Mehrschichtigkeit und erzeugen ein Davor und Dahinter, einen Widerspruch zwischen Transzendenz und Materialität. Edholm spricht sowohl von persönlichen wie auch kollektiven Traumata, dem Schatten und Licht menschlicher Existenz. Sie vermag es, die Zwischentöne darzustellen, in denen die vergessenen und verdrängten Fragmente unseres Lesens Nachhall finden. Die Polarität aus plastischer und zweidimensionaler Wirkung, der Wechsel von Dunkel und Hell: In diesen Gegensätzen verbildlicht die Künstlerin die Ambivalenz menschlichen Daseins. Mit ihrer über die Jahrzehnte entwickelten distinguierten Formsprache in der Abstraktion gelingt es ihr, das Unsagbare und Transzendente dort sichtbar zu machen, wo Sprache versagt.