„Ich bin hier, der Geschichte Lauf zu erzählen.
Vom Steppenfrieden des Büffels .
bis zu den gepeitschten Gestaden,
wo die Erde endet, in den angehäuften
Schäumen des antarktischen Lichts.“

(Pablo Neruda)

Auf Einladung des Kongresses der Zukunft1, der im vergangenen Januar in Chile stattfand, hatte eine Gruppe von 30 Wissenschaftlern, unter ihnen der Generaldirektor der FAO, die Gelegenheit, mit einem Militärflugzeug von Punta Arenas nach King George Island auf der antarktischen Halbinsel zu fliegen, wo wir vom Leiter des Antarctic Institute of Chile und einer Gruppe von Forschern empfangen wurden, die die Sommersaison am Ende der Welt nutzen, um ihre Studien zu betreiben. Beim Ausstieg aus dem Flugzeug war der erste Eindruck der Wind, der uns wie Eismesser durchdrang und den ganzen Tag nicht aufhörte und ein Kältegefühl von -15 Grad Celsius erzeugte. Uns wurde gesagt, dass dies nichts sei im Vergleich zur Durchschnittstemperatur in den Basiscamps - in der Nähe des Pols sind es in der kältesten Zeit, im Juli, im Durchschnitt -59 ° C. Die Antarktis ist der kälteste Ort der Erde – seit Beginn der Messung der Temperaturen hält die russische Basis von Vostok im Jahr 1983 mit -89,2 Grad Celsius den Weltrekord.

Der antarktische Kontinent ist mit 14 Millionen km2 der sechste Kontinent der Erde und der viertgrößte, grösser noch als Europa (10.530.751 km2) und Ozeanien (9.008.458 km2). Er hat normalerweise nicht einmal 1.000 Einwohner, aber in der Sommersaison werden es ca. 5.000, wenn Wissenschaftler und Forscher aus der ganzen Welt die permanenten bzw. transitorischen Stützpunkte erreichen, die nur während der Sommermonate auf der Südhalbkugel geöffnet sind, um ihre Projekte durchzuführen. Die Antarktis ist der einzige Ort auf der Welt, an dem es keine Länder, keine Grenzen, keine Armeen, keine Polizei gibt und wo Franzosen, Russen, Engländer, Amerikaner, Chinesen, Argentinier, Chilenen, Brasilianer, Norweger, Neuseeländer und andere Nationalitäten in Harmonie zusammenleben, vereint in der wissenschaftlichen Forschung und geschützt durch den Antarktisvertrag2 , der 1961 in Kraft trat und seitdem die menschlichen Aktivitäten regelt.

Der Vertrag gewährleistet die Nutzung des weißen Kontinents ausschließlich für friedliche Zwecke und verbietet militärische Aktivitäten, Waffen, Befestigungsanlagen, Atomtests sowie das Lagern von Atommüll. Der Vertrag sieht ebenfalls Inspektionsmechanismen vor, um seine Einhaltung jederzeit von allen Parteien, die eine Forschungsstation unterhalten, überprüfen lassen zu können. Er gewährleistet ebenso die Freiheit der Forschung und der wissenschaftlichen Zusammenarbeit wie den Schutz und die Erhaltung lebender Ressourcen.

Öl, Gold, Uran, Eisen und andere Mineralien liegen unter dem 1,9 Kilometer dicken Eis. Die Gewinnung wurde jedoch von den Unterzeichnern des Antarktis-Vertrags in einem 1991 in Madrid verabschiedeten Zusatzprotokoll zum Umweltschutz verboten. In Artikel 7 heißt es:

"Jede Tätigkeit im Zusammenhang mit Bodenschätzen, ausgenommen zu wissenschaftlichen Zwecken, ist verboten."

Damals wurde die Laufzeit des Vertrags auf 50 Jahre begrenzt – folglich wird im Jahr 2041 seine Überarbeitung anstehen. "Die Vereinigten Staaten haben erreicht, dass die Vereinbarung nach Ablauf der Frist durch Mehrheitsbeschluss und nicht durch Konsens überarbeitet werden kann, wie dies von Umweltschützern und Ländern verlangt wurde, welche den letzten unberührten Kontinent in ein Naturschutzgebiet verwandeln wollten, zu dem die Maschinerie zum Abbau der Bodenschätze niemals Zugang haben würde."

Die Antarktis, die zu 92% mit Eis bedeckt ist, besitzt 70% der Süßwasserreserven der Erde, aber der Klimawandel, den wir derzeit beobachten, hat das Abschmelzen und den Rückzug der Gletschermasse sowohl durch wärmere Winde und/oder beschleunigte Unterwasserströmungen zunehmen lassen, und Naturschützer befürchten aus gutem Grund die Unersättlichkeit großer Unternehmen, die bereits heute über Technologie verfügen, um die ersten Schritte auf der Suche nach den Reichtümern der Antarktis zu unternehmen. Daher ist es wichtig, den gegenwärtigen Vertrag zu bewahren und durchzusetzen, da die Antarktis eine der wichtigsten Quellen für die Erforschung des Klimawandel ist.

Die Leiterin des British Antarctic Survey, Jane Francis, wies in einem Podiumsgespräch über diesen Kontinent beim Kongress der Zukunft am 16. Januar in Santiago darauf hin, dass Wissenschaftler in den aus der Tiefe entnommenen Eisproben vor 800.000 Jahren entstandene Luftblasen gefunden hätten, und diese ist der einzige Zeuge darüber, wie es früher war und wie sehr sich das Klima in der Region verändert hat. In dieser Hinsicht brachte sie zum Ausdruck, dass "die Ergebnisse nicht ermutigend sind: die CO2 -Konzentration war bisher noch nie über 300 ppm (parts per million) gestiegen, jetzt liegt sie bei 409 ppm".

Am 27. Dezember 2018 bohrte eine US-Expedition von mehr als 50 Personen mit einem Budget von über 5 Millionen Dollar 1.068 m tief, um 60 Liter isoliertes Wasser und Sedimente aus 100.000 Jahren aus dem subglazialen See Mercer zu extrahieren, wo sie für jeden Millimeter Wasser 10.000 Mikroben fanden - an einem Ort, wo es kein Licht gibt. Dieser See liegt 600 km vom Südpol entfernt und ist nach Vostok der zweitgrößte See, der 2012 von den Russen gebohrt wurde und in einer Tiefe von 3.400 Metern liegt. Obwohl diese Forschungen für die Wissenschaft von grundlegender Bedeutung sind, um die Auswirkungen des Klimawandels zu messen, könnte dieselbe Technologie auch morgen dazu beitragen, den Wettlauf zwischen den beiden Großmächten um die Schätze der Antarktis zu gewinnen.

Für die hundert Wissenschaftler, die auf dem Kongress der Zukunft in Santiago versammelt waren, ist der Klimawandel die größte Gefahr für den Planeten. So hat dies der Nobelpreis für Physik 2016, Michael Kosterlitz, gesagt: "Die größte Bedrohung, die wir haben, ist ein massiver Klimawandel, und wenn wir ihn nicht umkehren, wird es zu spät sein." Über die Zukunft fügte er hinzu: "Niemand weiß, was passieren wird, es ist unvorhersehbar. Die Menschen waren dumm, das Ökosystem zu verändern, in dem sie leben. Bald könnte eine andere Eiszeit beginnen, wer weiß?" Die französische Philosophin Susan George denkt, dass "dies nicht ernst genug genommen wurde, und ich hoffe, die Technologie wird uns helfen, aus dieser Situation herauszukommen, aber ich würde nicht darauf zählen."

Es ist unwahrscheinlich oder geradezu naiv zu erwarten, dass kurzfristig eine grundlegende Änderung des Systems der Weltwirtschaftsproduktion stattfinden wird, die die Schadstoffemissionen oder den Verzicht auf Öl und Kohle entscheidend einschränken wird. Die Menschheit und die politische Klasse der Großmächte wissen, dass wir uns in Richtung einer möglicherweise irreversiblen Katastrophe bewegen, aber aufgrund der selbstmörderischen Logik von Wirtschaftswachstum, Wettbewerb und Gewinn wird wenig unternommen, um dies zu stoppen. Schlimmer noch: der Präsident der wichtigsten Macht des Planeten bestreitet entgegen aller Beweise, dass wir einen Klimawandel erleben. Die Antarktis und der Vertrag, der sie regiert, haben gezeigt, dass Menschen friedliche Koexistenz-Vereinbarungen treffen und in einem Gebiet ohne Grenzen oder Waffen zusammenleben können, in dem wissenschaftliche Zusammenarbeit und menschliche Solidarität in diesen fast 60 Jahren an der Tagesordnung sind.

Es ist ein Triumph des Multilateralismus, über den wenig gesagt wird. Obwohl es utopisch erscheinen mag, könnte dieses Modell schrittweise auf andere Bereiche des Planeten ausgedehnt werden, um Abrüstungszonen zu schaffen, wenn sich die Staaten ernsthaft dafür engagieren, bevor ein Atomkrieg oder ein Klimawandel uns verschwinden lassen. Je länger wir brauchen, um zu verstehen, dass der einzige Weg, globale Probleme anzugehen, darin besteht, als menschliche Gemeinschaft gemeinsam zu handeln, und dass keine einzelne Macht eine Antwort geben kann, wenn sie nicht im Rahmen des multilateralen Systems gegeben wird, desto größer ist die Gefahr, die wir laufen. Anscheinend besteht der einzig gangbare Weg darin, das internationale System zu stärken, in dem die Achtung von Verträgen und Vereinbarungen die letzte Chance sein kann, den Planeten und uns selbst zu retten.

Fußnoten

1 Der Kongress wurde 2011 vom chilenischen Senat auf Initiative von Senator Guido Girardi ins Leben gerufen. Der Kongress versammelt jedes Jahr für eine Woche ca. 100 Wissenschaftler und Philosophen, um die Herausforderungen für die Zukunft der Welt zu diskutieren.

2 Unterzeichnet am 1. Dezember 1959 in Washington von Argentinien, Australien, Belgien, Chile, Frankreich, Japan, Neuseeland, Norwegen, Südafrika, der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Später haben sich 53 Staaten diesen Ländern angeschlossen, und sieben Länder beanspruchen die Souveränität: Argentinien, Australien, Chile, Frankreich, Norwegen, Neuseeland und Großbritannien.