Edda Renouf (USA, *1943 in Mexiko) lässt sich seit Jahrzehnten von der Struktur, der Oberfläche und dem Gewebe ihrer Materialien inspirieren: Leinwand und ARCHES®-Baumwollpapier. Als sie einst eine gespannte Leinwand gegen das Licht ihres Atelierfensters hielt und den Fadenlauf genau untersuchte, führten sie kleine Besonderheiten in Kette und Schuss zur Entdeckung ihrer persönlichen Maltechnik, die auf der Entnahme von Fäden und dem Schleifen beruht. Seit über fünf Jahrzehnten schafft sie nun post-minimalistische Gemälde und Zeichnungen, die die wesentliche Energie von Leinwand und Baumwollpapier offenlegen. Dem Papier schenkt sie dieselbe Aufmerksamkeit wie der Leinwand: Auch ihre Zeichnungen basieren auf einem veränderten Untergrund, da Renouf die Oberfläche mit einem Ätzschreiber einschneidet. Dieses Verfahren lässt Grate entstehen, die Licht sowie ein Spiel von hell-dunklen Bildregionen hervorbringen und auf diese Weise Farbe akzentuieren. Durch diese einzigartigen Techniken dokumentiert sie die Zeit, macht Zeichen, die zu Symbolen der Kommunikation werden.

Die grundlegenden Eigenschaften von Leinwand und Papier zu enthüllen und sichtbar zu machen, ist ein wesentlicher Schlüssel zu Renouf, deren künstlerische Praxis seit jeher meditativ ist und auf der Natur, den Jahreszeiten sowie den Rhythmen des Lebens gründet. Dies spiegelt sich auch in den Titeln wider, die sie ihren Arbeiten gibt.

Da Renouf neben Kunst und Kunstgeschichte auch Musik und Tanz studiert hat, nimmt die ihren linearen Kompositionen innewohnende Harmonie der Proportionen eine zentrale Stellung in ihrem Schaffen ein. Sieben Gemälde und zehn Arbeiten auf Papier aus den letzten vier Jahrzehnten zeigen eine sanfte Entwicklung sowie den anhaltenden Respekt gegenüber abstrakter Struktur, Materialität und Farbe. Monochrome Gemälde auf grundierter und geschliffener Leinwand evozieren in einem jeweils unterschiedlichen Blauton (Kobalt, Graublau und Coelinblau) ein tiefes Gefühl der Ruhe, die stille Oberfläche eines Sees oder den Himmel.

Die intensiv pflaumenblau-braune und orangefarbene Zeichnung wiederum ist üppig und warm, sie erinnert uns an den Herbst und die Natur. Renoufs Palette konzentriert sich auf nur wenige Farben, doch diese sind meist weich und durchdringend – dank sorgfältiger Auswahl von Leinwand und Papier, dank des Schleifprozesses und des handwerklich überaus gekonnten Aufbringens von Farbe oder Pastellkreide, was der Oberfläche ein sattes Finish und eine komplexe Pigmentierung verleiht. Mit ihren Farben, Linien und Einschnitten haben Renoufs Arbeiten einen kontemplativen Charakter. Die Einschnitte sind fein und gerade, ausgeführt mit sicherer Hand, und bringen die Farbe der Naturfasern des Papiers zu Tage.

Bei einigen Gemälden hat die Künstlerin zunächst einen Faden aus der Leinwand gezogen und dann in leichten Wellenlinien auf die Oberfläche aufgebracht, was den Arbeiten eine gewisse Vibration und Dynamik verleiht. Ein anderer Farbton erinnert uns daran, dass alles seinen Platz hat. Kleine Änderungen können grosse Auswirkungen haben und erinnern an den Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen dem Natürlichen und dem Synthetischen.

Die Ausstellung beinhaltet auch vier ungewöhnliche Gemälde, für die Renouf die Leinwand tatsächlich diagonal aufgespannt hat. Mit diesem einzigartigen experimentellen Ansatz wird die Diagonale zum Wesentlichen der Komposition und gibt den Arbeiten eine instabilere und leicht dramatische Qualität. Sie stehen im Gegensatz zu jenen mit stabilerem (traditionellem) Aufbau, der auf dem horizontal-vertikalen Gitter des Leinstoffs beruht. Andere Arbeiten wiederum führen die Kurve und die Spirale ein. In einer einzigen Schau gegenübergestellt, strahlen sie im Wechselspiel eine lebhafte Energie aus.