Für Bibelforscher, Theologen und Katholiken sind die Briefe des Paulus Glaubenszeugnisse und gehören zu den ersten schriftlichen Zeugnissen des Christentums. Sie sind ein wichtiger Teil der Bibel, zeigen uns aber vor allem, was das Evangelium Christi bedeutet und wie wir nach seiner Botschaft leben sollten. Denn die damaligen Konflikte, die die Korinther beunruhigten, existieren auch heute noch unter uns und sind nach 2000 Jahren weiterhin aktuell.

Mit Sicherheit gibt es immer noch ungeklärte Details über die Stadt Korinth, in der Paulus eineinhalb Jahre lebte und die Gemeinde gründete, sowie über ihre Bewohner. Die unter römischer Verwaltung stehende Stadt Korinth war in den Jahren 50–51 n. Chr. keine griechische Metropole mehr. Jene ursprüngliche hellenische Stadt war im Jahr 146 v. Chr. von den Römern vollständig zerstört worden. Erst fast hundert Jahre später, etwa 44–46 v. Chr., ließ Julius Caesar die Stadt wieder aufbauen. Seine Interessen waren jedoch grundsätzlich wirtschaftlicher Natur. Innerhalb dieser hundert Jahre hatte das Reich Wege und Straßen ausgebaut, und gerade dort, wo die Ruinen der alten Stadt lagen, kreuzten sich Verkehrswege zwischen dem griechischen Festland und der Peloponnes. Vor diesem Hintergrund gründete Julius Caesar die neue Stadt, deren Bedeutung innerhalb der Provinz Achaia groß war und deren Kontrolle über die Handelswege zwischen dem östlichen und dem westlichen Mittelmeer eine wichtige Rolle spielte. 1-2

Die Korinther

Von der Neugründung der Stadt bis zu dem Zeitpunkt, als Paulus dort eine der ersten christlichen Gemeinden gründete, vergingen 106 Jahre. In dieser Zeit entwickelten die Römer nicht nur den Warenverkehr, sondern bauten auch die beiden nahe gelegenen Häfen aus: Kenchreai und Lechaion am Korinthischen Golf. Die neue Stadt Korinth war also im Jahr 55 n. Chr. eine wohlhabende kleine Metropole. Dort lebten und begegneten sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen: Griechen, Römer, aber auch Händler und Menschen aus anderen Teilen des Reiches. Gleichzeitig lebten dort Handwerker, Tagelöhner und Sklaven, die als billige Arbeitskräfte zahlreiche Aufgaben erledigten.

Während seiner zweiten Missionsreise verbrachte Paulus dort nach den Angaben der Apostelgeschichte etwa 18 Monate und gründete die christliche Gemeinde. Dabei arbeitete er mit Priszilla und Aquila zusammen. Paulus predigte zunächst auch Menschen, die keine Juden waren, denn die Region Achaia, obwohl sie zu Griechenland und nicht zu Kleinasien gehörte, hatte im Vergleich zu anderen Städten nur wenige jüdische Einwohner (Apg 18, 1–18).

Wie war aber eigentlich das neue Korinth strukturiert? Da es sich um eine wohlhabende römische Stadt handelte, existierten römische Institutionen und griechische Traditionen nebeneinander. Zugleich bestanden Spannungen zwischen den wohlhabenden und den ärmeren Schichten. Ein urbanes Zentrum mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen, das zugleich unter römischer Herrschaft stand, ließ sich nicht unbedingt leicht beherrschen. Trotz der bestehenden Ordnung galten Ehre, Ansehen und die Zugehörigkeit zu einflussreichen Kreisen in der Gesellschaft als wichtige Werte. Korinth war auch von zahlreichen religiösen Kulten geprägt, wobei das gesellschaftliche Leben und die offizielle Ordnung nicht voneinander getrennt waren. In der antiken Literatur wird Korinth als eine sittenlose und unmoralische Stadt dargestellt. Diese Behauptung stimmt jedoch nicht unbedingt mit der historischen Realität überein und lässt sich generell nicht eindeutig beweisen. Es wäre historisch ungenau, solche Vorurteile anzuführen, um die Absichten des Paulus zu begründen.

Jedoch: Welches Interesse hatte Paulus daran, gerade in einer solchen Stadt eine christliche Gemeinde zu gründen? Es gibt keine eindeutigen Beweise oder genauen Informationen darüber. Man kann lediglich aus Apg 18, 1–3 entnehmen, dass Priszilla und ihr Mann Aquila zu seinen ersten Kontakten in Korinth gehörten. Beide kamen aus Italien nach Korinth, weil Kaiser Claudius angeordnet hatte, alle Juden aus Rom zu vertreiben. An der Gründung der Gemeinde wirkten auch Silas, der auch Silvanus genannt wurde, und Timotheus mit, zwei wichtige Mitarbeiter des Paulus. Der römische Historiker Gaius Suetonius 3 berichtet, dass sich der Erlass des Claudius aus dem Jahr 49 n. Chr. auf Unruhen unter den Juden bezog, deren Ursache ein gewisser „Chrestus“ gewesen sei. Ob die Vertreibung mit der Jesusbewegung zu tun hatte, lässt sich nicht zweifelsfrei beweisen. Sollte dies tatsächlich der Fall gewesen sein, gehörten Priszilla und Aquila zu den ersten Christen, die aus Rom vertrieben wurden.

Die Korinther und ihre Problematik

Nach der Abreise des Paulus aus Korinth erhielt er während seines Aufenthalts in Ephesus Nachrichten aus der Gemeinde. Sehr wahrscheinlich handelte es sich dabei auch um Briefe mit Fragen, die er im 1. Korintherbrief beantwortete. Die Fragen und Konflikte innerhalb der jungen Gemeinde bezogen sich auf unterschiedliche Themen, die ihre Mitglieder bei der Predigt falsch oder nicht richtig verstanden hatten. Wir müssen uns natürlich in die Lage dieser heidnischen Menschen versetzen, die eher auf den Kult als auf eine spirituelle Glaubenspraxis eingestellt waren. Die Erwartungen, die sie an Kult und Religion hatten, waren materiell geprägt und nicht unbedingt spiritueller Natur. Sie hatten andere Vorstellungen von Ansehen, Religion und Freiheit, deren christliche Werte sich in der Praxis anders verwirklichten.

Einer der Konflikte unter den Korinthern betraf die Identifikation mit bestimmten Vorbildern oder Lehrern des Christentums. Einige beriefen sich auf Paulus, andere auf Petrus oder auch auf Apollos. Paulus kritisiert in seinen Briefen, dass sich die Mitglieder der Gemeinde an den Fähigkeiten und der Begabung einzelner Personen orientierten, anstatt sich an der christlichen Botschaft auszurichten. Es lässt sich auch erkennen, dass es sich nicht nur um eine leichte Spaltung zwischen den Mitgliedern handelte, sondern dass daraus Rivalitäten und dementsprechend Streitigkeiten entstanden, die dem Ruf der christlichen Bewegung schadeten.

Ein weiteres Problem unter den Korinthern war die Ungleichheit beim Herrenmahl. Da die Mitglieder der Gemeinde auch aus den unteren Schichten der korinthischen Gesellschaft stammten, traten bei den Zusammenkünften und beim gemeinsamen Essen soziale Unterschiede und mangelnde Rücksichtnahme deutlich zutage. Paulus erwähnt diese Problematik in 1 Kor 11, 17–34. Während einige reichlich aßen und tranken, blieben andere hungrig. Grundsätzlich kritisierte er jedoch das Verhalten der Wohlhabenden gegenüber den sozial schwächeren Christen innerhalb der Gemeinde.

Beide Problematiken haben sich im Laufe der Zeit wiederholt; die Spaltung unter Christen hat bereits in den Anfängen ihren Ausgangspunkt gehabt, und das Verhalten der Menschen gegenüber Ärmeren ist immer noch präsent. Selbst in unseren Zeiten gibt es noch Hunger und unnötige Kriege, die Millionen Menschen das Leben kosten. Einige Länder nutzen sogar die Schwäche der Menschen angesichts des Krieges, um Waffen zu liefern, selbstverständlich nicht kostenfrei. Was uns mit den Korinthern verbindet, ist nichts anderes als eine starke Abhängigkeit von Macht, Eitelkeit und Gier sowie die Tendenz zu Rücksichtslosigkeit und dazu, wahre Freiheit falsch zu interpretieren. Die Wertvorstellungen der damaligen Gemeinde waren aufgrund ihrer Vielfältigkeit nicht homogen. Der Entwicklungsprozess der Gemeinde dauerte Jahre; dies können wir in beiden Briefen beobachten, in denen verschiedene Vorstellungen erklärt werden mussten.

Paulus’ Lehre an die Korinther zielte auf das friedliche Zusammenleben der Christen ab, bei dem sie ihre Zugehörigkeit zu Christus über unterschiedliche Hindernisse stellen sollten. Die Hintergründe der damaligen Gemeindemitglieder umfassten Reichtum, persönliche Interessen, Konkurrenz, Armut und Status. Die Konflikte entstanden, als die Unterschiede dazu dienten, andere abzuwerten oder sich selbst zu erhöhen. Im Laufe der Zeit begannen diese negativen Eigenschaften, die Gemeinde zu zerstören. Deshalb ermahnte Paulus die Gemeindemitglieder und betonte vor allem die Einheit in Christus und die Verantwortung füreinander.

Anmerkungen

1 Salmon, John. Corinth, Greek and Hellenistic. Oxford Classical Dictionary, March, 2016.
2 Spawforth, John. Corinth, Roman. Oxford Classical Dictionary, March, 2016.
3 Sueton, Gaius Suetonius Tranquillus. De vita Caesarum (Die Kaiserviten), Divus Claudius. Um 120 n. Chr.