Im April 1913 schrieb Franz Kafka einen kurzen Brief an Felice Bauer, seine erste Verlobte. Beide hätten unmöglich ahnen können, dass der Schlusssatz des Briefes einmal in Büchern besprochen, auf Social Media geteilt, oder gar der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts noch derart nahe gehen könnte. „Mir geht es nicht gut, mit dem Kraftaufwand, den ich brauche, um mich am Leben und bei Besinnung zu erhalten, hätte ich die Pyramiden aufbauen können.“, so beschrieb Kafka wortgewandt seinen gegenwärtigen Zustand und weckt in seinen Lesern damit ein schlichtes und doch eindrucksvolles Bild seines Gesundheitszustandes. Sätze wie dieser sind einer der Gründe, warum nicht nur Kafkas literarisches Werk, sondern auch private Briefe und Aufzeichnungen sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Es hat den Eindruck, dass Kafka, über Jahrhunderte hinweg, in der Lage war, sich in die Gemütswelt von zahlreichen Lesern des 21. Jahrhunderts hineinzuversetzen.
Noch heute begeistert der Schriftsteller die Öffentlichkeit und online entsteht regelmäßig ein ausuferndes Frage-Antwort-Spiel darum, was mit welcher Textstelle eigentlich gemeint sei. Allein der Subreddit r/Kafka verzeichnet noch heute, mehr als hundert Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, mehr als 10.000 Besucher pro Woche. Die Aktualität der düsteren Darstellungen und Selbstbetrachtungen steht damit außer Frage, aber welche Faktoren und Themen prägten das Leben des Autors selbst? Dieser Frage will dieser Beitrag nachgehen und zieht dabei ein Werk des Autors heran, dass so eigentlich niemals zur Veröffentlichung bestimmt war: Kafkas Brief an den eigenen Vater.
Prägung durch den Vater
Glaubt man dem Online-Diskurs um Kafkas Brief an den Vater, so könne dieses Werk beinahe jeden Elternratgeber ersetzen. Indem man einfach das Gegenteil von Kafkas Vater tue, sei man, in der Regel, schon auf einem ziemlich guten Weg. Aber was genau hat Kafkas Vater getan, dass die Leserschaft heutzutage noch derart zu verstören vermag? Die Antwort ist komplizierter, als es zunächst den Anschein hat, denn Kafkas Vater hat, auf den ersten Blick, einiges auf sich genommen, um seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als er es selbst hatte. Mit diesem Ermöglichen ging jedoch auch eine gewisse Abfälligkeit gegenüber der jüngeren, schwächeren Generation der Familie einher, welcher sich besonders Kafka ausgesetzt sah.
Da seine Brüder früh verstarben und ein größerer zeitlicher Abstand zu seinen Schwestern vorlag, sah er sich seinem Vater lange Zeit alleine ausgesetzt. Wie sehr ihm dies zusetzte, lässt der knapp 60-seitige Brief erahnen, den Kafka als Antwort auf die Frage des Vaters verfasste, woher die Angst seines Sohnes vor ihm komme. Zu stark und dominant sei der Vater aufgetreten, und zu schwächlich und ängstlich sei der Sohn gewesen, so charakterisiert der Schriftsteller das schwierige Verhältnis. Seinen Vater hätte er gerne in absolut jedem anderen Verwandtschaftsverhältnis lieber gehabt, sei es nun als Onkel, als Großvater oder sogar nur als Freund.
Auf das sensible Gemüt Kafkas wirkten die Interaktionen mit dem eigenen Vater sehr lange und nachdrücklich, seien es nun die Streitereien oder die Bestrafungen, zu denen es auch gehörte, einen Teil der Nacht im Freien verbringen zu müssen. Auch die Freuden der Kindheit wurden vom Vater belächelt oder verspottet. Über die grobe Behandlung seiner Selbst als Kind scheint Kafka nie hinweggekommen zu sein, der Vertrauensbruch, der mit dieser Art der Behandlung durch eine enge Bezugsperson zustande gekommen ist, war auch für einen selbstreflektierten Menschen wie Kafka zu viel, um ihn aufzuarbeiten.
Dennoch versteht er sehr wohl, dass jede Geschichte zwei Seiten hat und bezieht auch die Sicht des Vaters auf den Sohn ausführlich mit ein, wohl einer der Hauptgründe, warum der Brief eine derart große Bekanntheit erlangte, dass er auch separat publiziert wurde. Die bittere Armut der Familie des Vaters, die offenen Wunden von der Kälte und die Zeit beim Militär haben ihn als Menschen abgehärtet und geprägt und ihn auch ein Stück weit unempfindlich gegenüber den Emotionen anderer gemacht. Der Blick auf den Sohn, welcher das väterliche Leid nicht nachvollziehen kann, weil es ihm selbst erspart geblieben ist, fällt daher ungnädig aus und die Verständigungsschwierigkeiten über die verschiedenen Lebensrealitäten frustrierten den Vater. Ein Austausch auf Augenhöhe blieb beiden, auch im Erwachsenenalter, verwehrt. Der Brief, welcher die Vater-Sohn-Beziehung von beiden Enden her aufarbeiten sollte, hatte seinen Empfänger nie erreicht und wurde erst in Kafkas Nachlass gefunden.
Die Aktualität des Weltschmerzes
Während viele Werke des 20. Jahrhunderts sich heute oftmals nur mit größerer Distanz zu den damaligen Geschehnissen lesen lassen, scheinen Kafkas Weltschmerz und sein Ringen mit der Moderne zeitlos zu sein. In beinahe jeder gut sortierten Buchhandlung lässt sich zumindest „Der Prozess“ oder „Die Verwandlung“ finden, die Nachfrage scheint also durchaus vorhanden zu sein. Was nach der Lektüre passiert, variiert hingegen stark. Während auf der einen Seite die lebenslangen Fans des Autors stehen, herrscht auf der anderen Seite Verwirrung oder gar Verärgerung. Die Weigerung Kafkas, klare, logische Handlungsstränge konsequent durchzuziehen, sorgt an vielen Stellen für Frustration oder Wut, manche Leser scheinen sich gar von der Erzählstruktur provoziert zu fühlen. Nun könnte man sich fragen, was dies für die Qualität des literarischen Erbes Kafkas bedeutet. Fragen wie diese überlässt man im Idealfall jedoch lieber der wissenschaftlichen Forschung.
Fest steht auf jeden Fall, dass sich eine gleichgültige Haltung zum Autor und zu seinem Werk nahezu verbittet, Neutralität hat im Diskurs um einen der größten deutschsprachigen Schriftsteller nichts verloren. Kafkas Leben war geprägt von chronischer Krankheit (der Schriftsteller verstarb schließlich an Tuberkulose), von seinem pessimistischen Selbst- und Weltbild sowie von komplexen Beziehungen zu Frauen und zu seiner eigenen Familie. Der körperlich stark geschwächte und unter Selbstzweifeln leidende Kafka schuf mit seinen Schriften ein denkbar großes Identifikationspotential für die heutige Gesellschaft. Die Erschöpfung im Angesicht des nicht enden wollenden Alltages in seinen privaten Schriften lässt sich zudem eher nachempfinden als die labyrinthische Handlung seines berühmten Romanfragments „Der Prozess“.
Rezeption zu Lebzeiten und heute
Obwohl der literarische Diskurs online nicht überbewertet werden darf, wenn es darum geht, die Relevanz eines Schriftstellers oder eines Werkes zu erschließen, sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass die meisten anderen deutschsprachigen Schriftsteller kein eigenes internationales Diskussionsforum haben. Ein Subreddit für Goethe und sein Werk verzeichnet lediglich 18 Besucher pro Woche und verdeutlicht damit, dass der internationale Diskurs die meisten deutschsprachigen Schriftsteller übergeht. Wer weiterhin gelesen und diskutiert wird, scheint komplexeren Regeln zu folgen.
Überhaupt scheinen sich die düsteren, schwermütigen Schriftsteller online besser zu halten als ihre leichtfüßigeren Zeitgenossen. So verzeichnet r/Dostoevsky mehr als 60.000 Besucher wöchentlich, ein deutlicher Indikator dafür, dass sich bis heute viele in den zermürbenden Betrachtungen und Weisheiten des Schriftstellers wiederfinden. Ein anderer Aspekt ist mit Sicherheit auch der Wunsch, als intellektuell und literarisch versiert wahrgenommen zu werden, was mit einem Buch von Dostojewski oder Kafka leichter fallen dürfte als mit zahlreichen anderen Autoren. Viele Fans scheinen sich von Kafka mehr und besser verstanden zu fühlen als von ihrem eigenen Umfeld und auch Berichte von Pilgerreisen zu seiner Grabstätte sind keine Seltenheit.
Für Kafka selbst wäre diese Wendung wohl die größte Überraschung. Obwohl er einige Werke noch zu Lebzeiten veröffentlichen konnte, blieb es ihm verwehrt, den eigenen literarischen Ruhm noch zu erleben. Mehr noch, Kafka selbst versuchte aktiv, die Verbreitung seines Werkes zu verhindern. Noch kurz vor seinem Tod bat er einen Freund, alle vorhandenen Werke zu vernichten, was dieser jedoch ablehnte. Nur dieser Weigerung ist es zu verdanken, dass seine Fans heute, unter allgemeiner Zustimmung, Porträts des Autors mit „he would understand“ hinterlegen und veröffentlichen können.
Fazit
Kafkas Leben war durch seine geschwächte Gesundheit und seine eigene, zutiefst negative Selbstwahrnehmung geprägt. Mit Beziehungen tat er sich zeitlebens schwer, sowohl was romantische Beziehungen anging als auch die Beziehung zu seiner Familie, insbesondere zu seinem eigenen Vater. Am leichtesten tat er sich mit Personen, die er als sich ähnlich empfunden hat. Kafkas literarisches Werk umfasst nicht nur seine veröffentlichten Werke, sondern auch private Briefe und Aufzeichnungen, welche aufgrund ihrer literarischen Qualität und beeindruckenden Lebendigkeit bis heute gelesen und zitiert werden. Wenige Sätze, welche 1913 in einem Brief an die eigene Verlobte geschrieben wurden, hallen noch mehr als hundert Jahre später nach. Die Zustimmung, gerade zum nichtfiktiven literarischen Erbe Kafkas, ist weiterhin groß.
Mit seinen nüchternen, ins selbstverachtende driftenden Beschreibungen des Lebens, der Familie und des Ichs trifft Kafka auch heutzutage bei vielen noch einen Nerv. Das aktuelle, hochkomplexe System aus Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Umwelt muss überfordernd wirken, hinzu kommen für viele Menschen Krankheit, Überforderung und Müdigkeit. Umso schöner kann es sein, sich in der Zeile eines Briefes oder im Absatz eines Buches wiederzufinden, das von einem Mann geschrieben wurde, welcher, vor mehr als einhundert Jahren, ganz ähnlich gefühlt hat. Insofern dürften Kafka und die Pyramiden auch den nächsten Generationen noch erhalten bleiben.















