Das zentrale Ereignis im Christentum ist ohne Zweifel die Auferstehung Jesu. Sie gilt als Beleg dafür, dass er den Tod überwunden hat, und markiert zugleich den Ausgangspunkt einer langen Geschichte, die bis in unsere Gegenwart reicht. Auch wenn es keinen naturwissenschaftlichen Beweis dafür gibt, handelt es sich hierbei in erster Linie um eine Frage des Glaubens.

Wer diesen Glauben analysieren oder den Spuren des Ereignisses, der Auferstehung, nachgehen will, muss einen geeigneten Zugang finden. Nach Auffassung vieler Historiker und Theologen stellt der selbst ernannte „Apostel“ Paulus von Tarsus mit seinen Briefen eine zentrale Quelle dar. Sie fungieren gewissermaßen als Kompass auf der Suche nach einer möglichst umfassenden Rekonstruktion des Geschehens.

Obwohl die Frage des Glaubens auf den ersten Blick keine extremen Positionen hervorzurufen scheint, führt sie letztlich zu einer grundlegenden Entscheidung: glauben oder nicht glauben. Daraus ergibt sich die Unterscheidung zwischen Christen und Nichtchristen. Innerhalb des Christentums selbst lässt sich darüber hinaus eine weitere Differenzierung beobachten – zwischen praktizierenden und nicht praktizierenden Christen.

Die Bekehrung des Paulus

Die frühesten Berichte über die Bekehrung des Paulus finden sich in der Apostelgeschichte, Kapitel 9. Dieses Ereignis besitzt indirekte Bedeutung für die Frage nach der Auferstehung: Einige Jahre später begibt sich Paulus auf die Suche nach denjenigen, die als Zeugen der Auferstehung gelten, sowie nach den Aposteln.

Auch wenn die genauen Jahreszahlen von Historikern nicht mit Sicherheit bestimmt werden können, sind die wesentlichen Stationen seines Weges sowohl in der Apostelgeschichte als auch in seinen eigenen Briefen überliefert.

Historischer Nachweis

11 So blieb er ein Jahr und sechs Monate dort und lehrte unter ihnen das Wort Gottes. 12 Als dann aber Gallio Prokonsul der Provinz Achaia war, traten die Juden vereint gegen Paulus auf, führten ihn vor den Richterstuhl 13 und sagten: Der da überredet die Leute, Gott auf eine Art zu verehren, die wider das Gesetz ist. 14 Als Paulus seinen Mund auftun wollte, sprach Gallio zu den Juden: Ginge es hier um ein Verbrechen oder um eine böswillige Tat, ihr Juden, so würde ich eure Klage ordnungsgemäß zulassen. 15 Geht es aber um Streitigkeiten über Lehre und Namen und das bei euch geltende Gesetz, dann seht selber zu! Darüber will ich nicht Richter sein. 16 Und er wies sie vom Richterstuhl weg. 17 Da stürzten sich alle auf den Synagogenvorsteher Sosthenes und verprügelten ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich nicht darum.

(Apg 18, 11-17)

In der Apostelgeschichte (Apg 18,11–16) beschreibt Lukas die Begegnung zwischen Paulus von Tarsus, dem Prokonsul von Achaia Lucius Junius Gallio Annaeanus und einer Gruppe von Juden, die Paulus wegen der Verkündigung des Evangeliums anklagen wollten.

Historisch handelt es sich bei Gallio um eine reale Persönlichkeit: Lucius Junius Gallio Annaeanus war ein römischer Politiker des 1. Jahrhunderts, der tatsächlich in Korinth, der Verwaltungshauptstadt der Provinz Achaia (lat. Colonia Laus Iulia Corinthiensis), amtierte.

Ein bedeutender archäologischer Befund stützt diese Darstellung: der Fund einer Inschrift in Delphi (Griechenland), entdeckt 1905 durch ein französisches Archäologenteam unter der Leitung der École française d’Athènes. Dieses Dokument, bekannt als Gallio-Inschrift, wird auf etwa 52 n. Chr. datiert. Es enthält Fragmente eines Schreibens des Kaisers Claudius und nennt ausdrücklich „Lucius Junius Gallio als Prokonsul von Achaia“. Damit wird nicht nur die Existenz Gallios bestätigt, sondern auch die zeitliche Einordnung der in der Apostelgeschichte geschilderten Ereignisse.

Die Szene zwischen Gallio, Paulus und den Anklägern spielte sich in Korinth ab, wo Paulus zu dieser Zeit die dortige christliche Gemeinde besuchte. Sein Ziel war es, die Verkündigung des Evangeliums fortzusetzen. Die Haltung des Prokonsuls erscheint bemerkenswert nüchtern: Gallio verweigert ein Eingreifen in innerreligiöse Streitfragen und weist die Klage ab.

Dieser Vorfall erlaubt zugleich einen Einblick in die Spannungen innerhalb der jüdischen Diasporagemeinde. Zwar lebten die Juden in Korinth als griechischsprachige Diaspora unter römischer Verwaltung und waren in die städtische Ordnung eingebunden, doch kam es dennoch zu Konflikten mit den frühen Christen. Anders als in einigen Regionen Judäas, wo es zu eigenmächtigen religiösen Strafmaßnahmen kommen konnte, blieb die Auseinandersetzung in Korinth jedoch im Rahmen der römischen Rechtsprechung.

Dass Paulus vor den Richterstuhl geführt wurde, zeigt die Ernsthaftigkeit der Vorwürfe. Zugleich lässt sich vermuten, dass er nicht nur mit der kleinen christlichen Gemeinde in Kontakt stand, sondern auch mit Juden, die seiner Botschaft offen gegenüberstanden. Letztlich verhinderte Gallios Entscheidung eine Eskalation des Konflikts; Paulus konnte seine Tätigkeit fortsetzen.

Mathematischer Nachweis, Rückrechnung und Bedeutung der Gallio-Inschrift

Das sogenannte Delphi-Dokument, auch Gallio-Inschrift genannt, ist nicht nur ein außerbiblischer Nachweis für die historische Einordnung der Ereignisse um die frühe Christenheit, sondern zugleich ein wichtiges Hilfsmittel, um das Jahr des Aufenthalts von Paulus von Tarsus in Korinth zurückzurechnen:

  • Die Delphi-Inschrift wird auf die Jahre 51–52 n. Chr. datiert, in die Regierungszeit des Kaisers Claudius.

  • Daraus lässt sich die historische Existenz von Lucius Junius Gallio Annaeanus als Prokonsul von Achaia im heutigen Griechenland eindeutig belegen.

  • In der Apostelgeschichte (Apg 18,12) heißt es:„Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf und führten ihn vor den Richterstuhl.“

  • Daraus ergibt sich, dass Paulus sich zur selben Zeit in Korinth aufhielt, als Gallio dort amtierte. Wenn Gallio also 51–52 n. Chr. im Amt war, dann lässt sich daraus ableiten, dass Paulus sich etwa zwischen 50 und 52 n. Chr. in Korinth aufhielt (vgl. Apg 18,11).

  • Historiker rechnen von diesem festen Zeitpunkt rückwärts: Die vorhergehende Missionsreise liegt einige Jahre früher, die Bekehrung des Paulus wiederum einige Jahre davor. DasErgebnis: Die Bekehrung des Paulus, einschließlich seiner vorübergehenden Erblindung, wird auf etwa 33–36 n. Chr. datiert.

  • Dieses Ergebnis ist für das Christentum von erheblicher Bedeutung. Der Tod von Jesus Christus wird von Historikern meist auf etwa 30 n. Chr. datiert. Wenn die Bekehrung des Paulus zwischen 33 und 36 n. Chr. stattfand, ergibt sich ein zeitlicher Abstand von lediglich drei bis sechs Jahren. Zwar handelt es sich nicht um eine exakt feststehende Jahreszahl, sondern um eine historische Rekonstruktion, doch gilt diese Chronologie heute als gut begründet.

Die Bekehrung des Paulus (Apg 9) fällt somit in einen sehr frühen Zeitraum nach dem Tod Jesu. Kurz darauf wurde er durch Hananias von Damaskus in die christliche Gemeinschaft aufgenommen. Die geringe zeitliche Distanz zwischen Auferstehung und Bekehrung legt nahe, dass Paulus Kontakt zu Personen hatte, die als Zeugen der Auferstehung galten. In diesem Zusammenhang wird häufig auf die Arbeiten von Gary Habermas verwiesen.

Habermas vertritt die sogenannte „Minimal-Fakten-Methode“, bei der nur solche Ereignisse berücksichtigt werden, die durch starke historische Belege gestützt sind. Dazu zählt er unter anderem die frühe Verkündigung der Jünger sowie deren tiefgreifende Veränderung. Er argumentiert, dass sich die Jünger von verunsicherten Anhängern zu mutigen Verkündigern entwickelten. Sie begannen unmittelbar nach dem Tod Jesu zu predigen, dass er auferstanden sei, und nahmen dafür Verfolgung und sogar den Tod in Kauf. Er kommt zu dem Schluss, dass die Auferstehung Jesu keine spätere Legendenbildung darstellt, sondern ihren Ursprung in einer sehr frühen Phase hat. Nach seiner Auffassung waren die Jünger überzeugt, dem auferstandenen Jesus begegnet zu sein, ein Umstand, der auf ein außergewöhnliches Ereignis hinweist.

Paulus und die einzelnen Zeugen

Paulus von Tarsus berichtet in seinen Briefen von Begegnungen mit Zeugen der Auferstehung. An erster Stelle nennt er Simon Petrus sowie Jakobus der Gerechte. Darüber hinaus verweist er auch auf weitere Zeugen, die als Träger der frühen Auferstehungsüberlieferung gelten:

Danach, drei Jahre später, ging ich nach Jerusalem, um Kephas (Petrus) kennenzulernen … Ich sah aber keinen der anderen Apostel außer Jakobus, den Bruder des Herrn.

(Galaterbrief 1, 18-19)

Simon Petrus und Jakobus der Gerechte galten als unmittelbare Zeugen der Auferstehung und als Persönlichkeiten, mit denen Paulus von Tarsus gern länger im Austausch gestanden hätte. Die Erfahrungen seiner Reisen stärkten Paulus in seinem Auftrag, neue Gemeinden zu gründen, und vertieften zugleich sein Verständnis dafür, die Konflikte und Probleme der Heiden zu bewältigen. In seinen Briefen wird deutlich, dass die ersten christlichen Gemeinden das Evangelium in ihrem Alltag nicht immer richtig anwandten. Daraus entstanden zahlreiche Spannungen und Konflikte innerhalb der Gemeinschaften.

Aus diesem Grund verfasste Paulus sowohl aus der Gefangenschaft, als auch von verschiedenen Aufenthaltsorten aus, Briefe an die Gläubigen, um sie zu ermahnen, zu unterweisen und in ihrem Glauben zu festigen.

5… er erschien Kephas (Petrus), danach den Zwölf. 6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch leben …7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuletzt aber von allen erschien er auch mir.

(Erster Korintherbrief 15, 5-8)

Im genannten Bibelzitat berichtet Paulus von Tarsus den Korinthern, er habe die Apostel getroffen, und es gebe darüber hinaus mehr als fünfhundert Brüder, die den auferstandenen Jesus Christus gesehen hätten. Dabei betont Paulus ausdrücklich: „die meisten leben noch“ (vgl. Erster Korintherbrief 15,6).

Diese Aussage wird häufig so verstanden, dass ein Großteil dieser Zeugen zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes noch befragt werden konnte. Damit liefert Paulus einen wichtigen Hinweis darauf, dass es zahlreiche Zeugen außerhalb des engeren Apostelkreises gab. Ob Paulus selbst mit diesen Personen in direktem Kontakt stand oder ob sie Teil bestimmter Gemeinden waren, lässt sich nicht eindeutig klären. Eine dieser Möglichkeiten erscheint jedoch wahrscheinlich. In jedem Fall deutet die Formulierung darauf hin, dass diese Zeugen in den frühen christlichen Kreisen bekannt und zugänglich waren. Historiker gehen daher davon aus, dass Paulus Zugang zu solchen Gruppen hatte, in denen auch Auferstehungszeugen außerhalb der Apostel eine Rolle spielten.

Das Ereignis, auf das sich Paulus im Ersten Korintherbrief bezieht, steht im Zusammenhang mit seiner ersten Reise nach Jerusalem, die etwa um das Jahr 37–38 n. Chr. datiert wird. Dort traf er erstmals auf die Urgemeinde. Zwischen diesem Ereignis und der Abfassung des Briefes liegen rund 16 bis 18 Jahre, da der Erster Korintherbrief von Historikern und Theologen auf etwa 54–55 n. Chr. datiert wird. Warum dieses Treffen für Paulus von solcher Bedeutung war und in welchem direkten oder indirekten Zusammenhang es mit seiner Verkündigung steht, berührt den Kern des christlichen Glaubens. Denn Paulus selbst bezeugt, dem auferstandenen Jesus begegnet zu sein (vgl. 1 Kor 15,8).

Schlussworte

Glaube ist ein inneres Geschehen, das eng mit der persönlichen Wahrnehmung verbunden ist. Niemand kann einem anderen Menschen Glauben aufzwingen, wohl aber Gründe darlegen, die ihn nachvollziehbar machen. Für Christen bildet die Auferstehung den Ausgangspunkt ihres Glaubens und die Grundlage der Überzeugung, dass Jesus für die Sünden der Menschen gestorben ist. Ein Hinweis darauf ist die frühe und rasche Verbreitung dieser Botschaft trotz Verfolgung und der Gefahr schwerer Strafen. Darauf verweist auch Gary Habermas in seinen Untersuchungen. Die Apostel waren überzeugt, Jesus nach seinem Tod wieder gesehen zu haben. Diese Überzeugung lässt auf ein Ereignis schließen, das ihr Leben grundlegend veränderte und eine solche Tiefe besaß, dass sie bereit waren, dafür Leiden und sogar den Tod in Kauf zu nehmen.

Anmerkungen

1 Gallio-Inschrift. Der Text aus dem Jahr 52 n. Chr., auf altgriechisch, nennt ausdrücklich Lucius Junius Gallio als Prokonsul von Achaia.