Thaddaeus Ropac Salzburg präsentiert zwei maßgebliche Wegbereiterinnen der feministischen Konzeptkunst der 1960er Jahre: Valie Export und Ketty La Rocca. Body sign wurde erstmals Ende 2025 in der Galerie Thaddaeus Ropac in Mailand präsentiert und ist die letzte von Valie Export zu Lebzeiten mitkonzipierte Ausstellung.
Beide Künstlerinnen verbindet der Einsatz des eigenen Körpers als Mittel, um die unserer Sprache innewohnenden patriarchalen Strukturen offenzulegen und seine Rolle im Spannungsfeld zwischen Öffentlichem und Privatem infrage zu stellen. Valie Export wie Ketty La Rocca haben Aktionsformen entwickelt, die über die eng gesteckten Grenzen eines einzigen Mediums hinausgehen und machten dabei von Fotografie und Video ebenso wie von Skulptur und Performance Gebrauch.
Unsere Versuche in den Sechzigerjahren, eine direkte und unkontrollierte Sprache in der Kunst zu etablieren, gründeten auf dem Gedanken, dass die vorherrschende Sprache eine Form von Manipulation darstellte. Unsere Absicht war es, solche Formen sozialer Kontrolle zu umgehen. […] Das war die Kraft des weiblichen Körpers: sich direkt und unmittelbar auszudrücken.
(Valie Export)
Die Betonung des Taktilen sowie der Unmittelbarkeit physischer Erfahrung und sinnlicher Wahrnehmung markiert eine Gegenposition zur Entmaterialisierung und Entsinnlichung des Kunstwerks in der klassischen Konzeptkunst. Export und La Rocca erweiterten den Rahmen der Konzeptkunst, indem sie die konkretphysische Perspektive weiblicher Künstlerinnen ins Zentrum rückten: Sie erklärten den Körper zum Komplizen des Konzeptuellen. Die Arbeiten der beiden Künstlerinnen – hier erstmals in einer Ausstellung vereint – weisen verblüffende Parallelen auf, obgleich sich die beiden Frauen nie persönlich begegnet sind und sie ihre künstlerische Praxis in unterschiedlichen Kontexten entwickelten: Valie Export in Wien, La Rocca in Florenz. Beide verspürten eine Dringlichkeit, weibliche Identität neu zu artikulieren und „andere Sprachformen jenseits des von Männern dominierten Systems zu entwickeln“, wie Valie Export die damalige Zeit beschreibt. Ganz ähnlich konstatiert auch La Rocca: „Frauen bleibt keine Zeit für Erklärungen, dazu haben sie viel zu viel zu tun; vor allem müssten sie dann eine Sprache benutzen, die nicht ihre Sprache ist, die ihnen fremd und feindlich gegenübersteht.“
Das Motiv der Hände spielt in Valie Exports wie in La Roccas Arbeiten eine zentrale Rolle. Mit den Händen ertasten wir uns den ersten Zugang zur Welt, unsere Hände lassen uns mit ihr in Verbindung treten. Hände sprechen ohne Worte und jenseits der Worte. La Roccas Video appendice per una supplica (1972) zeigt die Hände eines Mannes und die einer Frau in einer Abfolge von Bewegungen. Die Arbeit erkundet die Unmittelbarkeit der „Gebärde im Gegensatz zum Wort“, „die Gebärde als universelle Sprache“, wie die Künstlerin es selbst formuliert hat. Und wenn Valie Export bei der ikonischen Aktion ihres Tapp- und Tastkinos (1968) Passanten auffordert, in einen umgeschnallten Karton hineinzugreifen, um ihre Brüste anzufassen, wird der nackte Oberkörper der Künstlerin zu einer haptisch wahrnehmbaren Kinoleinwand. „Die Arbeit stellte eine Erkundung des Körpers als filmisches Material auf eine völlig neue Weise dar“, so die Künstlerin. „Indem man die Leinwand durch Haut ersetzt, hat man Kino in mehr als nur eine visuelle Erfahrung verwandelt. Es wird zu einer physischen Erfahrung für den ganzen Körper.“ Mit viel Ironie und Mut zur Provokation macht Valie Exports Tapp- und Tastkino „greifbar“, was der voyeuristische männliche Blick in den visuellen Massenmedien zu „fühlen“ sucht.
Die Betonung des Taktilen sowie der Unmittelbarkeit physischer Erfahrung und sinnlicher Wahrnehmung markiert eine Gegenposition zur Entmaterialisierung und Entsinnlichung des Kunstwerks in der klassischen Konzeptkunst. Export und La Rocca erweiterten den Rahmen der Konzeptkunst, indem sie die konkretphysische Perspektive weiblicher Künstlerinnen ins Zentrum rückten: Sie erklärten den Körper zum Komplizen des Konzeptuellen.
Beide Künstlerinnen verbindet zudem ihre rebellischprovokanten Interventionen im Stadtraum und dessen architektonischen Strukturen. So machte etwa La Rocca in ihren frühen sprachexperimentellen Arbeiten im Kontext der avantgardistisch-aktionistischen Gruppo 70 in Florenz den öffentlichen Raum zum Ort poetologischer Versuche, indem sie zum Beispiel Gedichte auf der Straße verteilte oder Collagen zwischen Zeitschriftenseiten steckte, um so ein nichtsahnendes Publikum zu erreichen.
In der Aktion Approdo, in deren Kontext die Arbeit Engagement (1967) entstand, stellte La Rocca mit Hilfe einiger Kollegen der Gruppo 70 a n d e r Autobahn A1 Richtung Florenz Straßenschilder mit abgewandelten Aufschriften auf. Mit subtilen sprachlichen Verschiebungen unterwanderte Approdo die Autorität der Strassenbeschilderung und legte so das Spannungsverhältnis zwischen persönlichen und – nicht selten aufoktroyierten – öffentlichen kommunikativen Codes offen.
In Valie Exports fotografischen Arbeiten der Serie Körperfigurationen (1972–83) krümmt sich die Künstlerin in der Wiener Stadtlandschaft um Straßenecken, drückt sich in Nischen oder presst ihren Körper an Bordsteinkanten. Gleichsam als Richtungsweiser oder Messinstrument lotet ihr Körper die physischen Gegebenheiten und Begrenzungen des Stadtraums aus. In einigen Bildern werden architektonische Elemente durch rote oder schwarze Konturen zusätzlich betont. Die Arbeiten verweisen auf die Frage, inwieweit menschliche Identität von den Strukturen der gebauten Umwelt geprägt wird. Valie Export hat diese Arbeiten als „sichtbare Externalisierungen innerer Zustände durch Konfigurationen des Körpers mit seiner Umgebung” beschrieben.
Das Verhältnis von Zeichen und Körper steht auch im Mittelpunkt von Ketty La Roccas Buchstaben- und Satzzeichen-Skulpturen von 1970, die sie selbst als „alphabetische Präsenzen“ bezeichnete. Die Skulptur J with dot ist ein (fast) menschengroßes schwarzes J aus Kunststoff, das für das französische Je, „Ich“, steht und zugleich einen Buchstaben markiert, der im Alphabet ihrer Muttersprache Italienisch gar nicht vorkommt. In der ebenfalls 1970 entstandenen Fotografie Con attenzione legt sich die Künstlerin gemeinsam mit dem Buchstaben ins Ehebett und inszeniert eine Situation zwischen Identifikation und Entfremdung von Sprache und Selbst. Das Laken bis zum Hals hochgezogen, den Blick auf den Betrachter gerichtet, kann die Arbeit als ironischer Kommentar zu den Unzulänglichkeiten von Sprache als Kommunikationsmittel gelesen werden.
In das Jahr 1970 ist auch Valie Exports Fotoserie Body sign datiert, der die Ausstellung ihren Titel verdankt. In Body sign setzt sich die Künstlerin mit der Bildsprache des Sexuellen auseinander. Auf den Fotografien begegnet sie dem Betrachter mit trotzigem Blick, ihr Kleid hochgezogen, um ein auf ihren Oberschenkel tätowiertes Strumpfband zu entblößen – eine zugleich radikale und humorvolle Umkehrung der Objektivierung des weiblichen Körpers durch den männlichen Blick.
Während Exports Aktion darauf verweist, wie sehr der weibliche Körper ganz konkret zum Objekt einer kulturellen Zu- und Einschreibung wird, macht La Rocca in ihrer Arbeit Craniologia (1973) den Ursprung der Sprache im Körper selbst zum Thema. Dazu überblendet sie Röntgenaufnahmen ihres Schädels mit Fotografien ihrer Hände – mit ausgestrecktem Zeigefinger oder zur Faust geballt – darüber das handgeschriebene, obsessiv wiederholte Wort: „you“. La Rocca insistiert, dass Körper, Wort und Bild nur in ihrer Verbindung zu begreifen sind und keines der Medien für sich alleine Bedeutung entfaltet. In einem Brief beschreibt sie: „Die mystifizierende Dimension der Sprache hat das Gesicht des Menschen geformt und es nach und nach zersetzt. Aus diesem Grund überblende ich die Geste der Hand in all ihrer Ausdruckskraft und kommunikativen Einfachheit mit dem Inneren des Schädels, dort, wo das Gehirn die Gesamtheit des menschlichen Denkens und der menschlichen Sprache hervorgebracht hat.“
Valie Export wie Ketty La Rocca verhandeln in ihrer künstlerischen Praxis Sprache als Werkzeug des Patriarchats. Um mit dieser und zugleich gegen diese Wirklichkeit zu arbeiten, machen sie sich die Sprache – als Zeichen, Material und System – zu eigen und untergraben dabei deren konventionellen, meist patriachalen Mechanismen. Die visuellen Experimente beider Künstlerinnen gehen über die Grenzen des jeweiligen Mediums hinaus: Indem sie ihre Körper in die Welt der Sprache einschreiben – und umgekehrt –, offenbaren sie die Absurdität, aber auch die kommunikativen Möglichkeiten, die sich aus der Kombination verschiedener Kommunikationssysteme ergeben.
















