Vor 20 Jahren, im Oktober 2006, wohnte ich während eines Aufenthalts in Berlin in den Katholischen Höfen in der Hannoverschen Straße. Von dort nahm ich die U-Bahn, um zu Ulrich Wulff zu fahren und ihn in seinem Atelier am Kottbusser Tor zu besuchen.
Dieses befand sich auf der Balustrade des Neuen Kreuzberger Zentrum (NKZ), eines zwölfstöckigen Sozialbaus. Zu den wenigen benachbarten Geschäften gehörten ein Nagelstudio, ein Wettbüro und ein türkisches Café. Die übrigen Ladenlokale standen leer. Von einer nennenswerten künstlerischen Nachbarschaft war weit und breit nichts zu spüren. Im selben Jahr entstanden in diesem Umfeld alle hier ausgestellten Arbeiten.
Während mir am Kottbusser Tor Obdachlose, Drogendealer und Jugendgangs begegneten, fand am anderen Ende der Stadt auf dem Messegelände das Art Forum statt – damals eine bedeutende Kunstmesse, vom Boom der neuen Hauptstadtkunst befeuert. Heute gibt es die meisten der dort vertretenen Galerien nicht mehr.
Dieser krasse Gegensatz ist mir immer in Erinnerung geblieben. Die (sich selbst) feiernde Berliner Kunstszene einerseits und andererseits Ulrich Wulff, der an einem Ort arbeitete, den man künstlerisch kaum wahrnahm oder überhaupt kannte.
Das Atelier lag in keinem gentrifizierten Galerienviertel, sondern mitten im städtischen Alltag am „Kotti“. Die Umstände waren widrig, aber sie ermöglichten es doch, sich einen Raum anzueignen und künstlerisch nutzbar zu machen. Und nach und nach nahmen mehr und mehr Menschen den ungewohnten Weg auf sich, um Ulrich Wulffs wunderbarer Kunst zu begegnen.
Ulrich Wulff lebt inzwischen mit seiner Familie in Görlitz, seine Werke allerdings werden international ausgestellt, in Los Angeles, Madrid und Neapel, in Genf, Kopenhagen und natürlich auch hier in Innsbruck.
(Text von Bernd Kugler. Innsbruck, Oktober 2026)












