Einleitung
Im antiken Rom wurden zahlreiche Gottheiten verehrt. Sichtbar wurden diese auch im Stadtbild durch Tempel, Statuen und Altäre. Die Anbetung der Gottheiten war eine öffentlich zelebrierte Praxis und noch heute sind uns Namen wie Mars, Apollo und Venus bekannt. Ihre Funktionen und Rollen im Religionssystem sind ebenso im kollektiven Gedächtnis verankert wie ihre Namen. Allerdings gibt es auch in der römischen Götterverehrung Namen und Feste, die sowohl in der Forschung als auch in der öffentlichen Wahrnehmung, weniger Aufmerksamkeit genossen haben. Ein Beispiel ist die Gottheit Bona Dea, welche schon zu Zeiten Ciceros einige Rätsel aufgegeben hatte. In diesem Beitrag wird daher erläutert, bei wem es sich um Bona Dea handelte sowie Gründe aufgezeigt, warum sie (bislang) keinen großen Raum in Forschung und Erinnerung eingenommen hat.
Bona Dea
Ein erstes Rätsel ist der Name der Göttin. Denn Bona Dea war kein Name, sondern lediglich ein Ehrentitel, zusammengesetzt aus bonus, -a, -um und dea, -ae. Übersetzt bedeutet er also „Gute Göttin“ und bezieht sich auf eine Gottheit, deren bloßer Name Männern nicht bekannt sein darf. Laut der römischen Mythologie war das Wesen Faunus der Einzige, der ihren wahren Namen jemals gehört hat, sodass die Frauen Roms Bona Dea unter diesem Titel Opfergaben brachten und sie anbeteten. Die Beziehung zu Faunus ist unklar, Bona Dea war entweder seine Frau, Schwester oder Tochter. Auch die Natur des Faunus ist unbekannt, Cicero spricht von ihm mehrmals auch in der Pluralform faunorum, sodass auch seine Herkunft mit einigen Rätseln verknüpft ist. Für die Römer galt er in der Antike als ein Zeichen für religiöses Chaos und wird teils als Schlange dargestellt.
Besser überliefert ist hingegen, welche Funktionen Bona Dea besaß. So soll sie über heilende Kräfte verfügt haben, weswegen Kranke und Verletzte ihre Hilfe suchten. Gleichzeitig war sie, wie viele weibliche Gottheiten, eine Fruchtbarkeitsgöttin, welche besonders für Frauen zuständig war. Zudem verfügte sie über eine prophetische Gabe und ihr wurde die Hellseherei zugeschrieben. Bona Deas Beziehung zu Männern war hingegen schwieriger. Männer durften die Göttin laut einer Quelle zwar anbeten und in ihrem Tempel opfern, allerdings nur jene, die die Göttin zuerst zu sich rief. Wie genau der Ruf der Göttin aussah und wie Männer beweisen konnten, dass dieser erfolgt war, ist hingegen nicht erklärt worden.
Religionspraktiken
Da bei den Festen der Bona Dea die männlichen Schriftsteller der römischen Antike nicht anwesend sein durften, ist nur bruchstückhaft überliefert, wie diese abliefen. Das am besten überlieferte Fest ist das Dezemberfest der Bona Dea, welches im Haus eines Konsuls oder Magistraten stattfand, welcher selbst aber nicht anwesend war. Stattdessen übersah die Frau des Hauses die korrekte Durchführung der Rituale. Selbst Gegenstände, welche das Männliche darstellten, wie Figuren oder Gemälde, mussten während des Festes abgedeckt werden. Während der Rituale kamen allerlei blühende und wachsende Pflanzen zum Einsatz, das Opfern von Myrthe war wiederum verboten, da die Göttin eine Abneigung gegen die Myrthenzweige hatte. Antike Quellen liefern mehr Fragen als Antworten über die mit Bona Dea verbundenen Religionspraktiken. War die Göttin im Geheimen abhängig von Alkohol und lag hierin der Grund, warum dieser während der Rituale als Milch bezeichnet wurde, wunderte sich beispielsweise ein Schriftsteller über Bona Dea.
Vom Dezemberfest wissen wir dank des Schriftstellers Cicero, welcher, in einiger Ausführlichkeit, über das Dezemberfest im Jahr 62 v.Chr. schrieb. Er tat dies allerdings nicht, um seine Leser über den Ablauf des Festes zu informieren, zu diesem hatte er schließlich keinen Zugang. Stattdessen beschäftigte ihn ein Skandal um einen Mann namens Clodius, welcher sich, als Musikerin verkleidet, Zugang zum Fest verschafft hatte, um Pompeia, die Frau des Hauses, zu verführen. Seine Verkleidung flog auf und das Ritual wurde für ungültig erklärt, woraufhin es wiederholt werden musste. Cicero findet deutliche Worte gegen das Handeln von Clodius, was allerdings auch an der persönlichen Feindschaft zwischen den beiden gelegen haben könnte.
Für die Störung des Rituals musste sich Clodius sogar vor dem römischen Senat verantworten, immerhin hatte er ein Fest gestört, welches pro populi und pro salute populi Romani, also zum Wohle des römischen Volkes, durchgeführt worden war. Dem Kult um Bona Dea darf somit einige Bedeutung zugestanden werden. Bona Dea besaß auch einen eigenen Tempel auf dem Aventin, dem südlichsten der sieben Hügel des antiken Roms. Der Kult war hingegen häufig häuslicher Natur und wichtige Feste der Göttin fanden in den Häusern hoher Magistrate oder Konsuln statt. Schon in vorrömischer Zeit besaß Bona Dea eine Kultstätte in der Nähe des Ara Maxima, eines Altars zur Verehrung des Hercules. Hier lassen sich auch einige Parallelen zu Bona Dea ziehen. Während der Kult der Göttin Männer weitestgehend ausschloss, verbot der Kult des Hercules Invictus auf dem Ara Maxima die Anwesenheit aller Frauen.
Die Verwechslungsgefahr mit anderen weiblichen Gottheiten
Im Gegensatz zu anderen weiblichen Gottheiten zeichnete sich Bona Dea durch ihre große Keuschheit aus, welche sie von anderen Göttinnen, wie beispielsweise der Venus, unterschied. Diese Keuschheit äußerte sich bei Bona Dea in der Meidung alles Männlichen. Entsprechend beschreibt der antike Historiker Macrobius die Göttin als so keusch, dass sie niemals die Quartiere der Frauen verließ und ihr Name niemals in der Öffentlichkeit gehört wurde. Er ging so weit, zu sagen, dass sie niemals einen Mann sah oder von Männern gesehen wurde. Gemeinsam mit zahlreichen anderen weiblichen Göttinnen hatte sie hingegen ihre Rolle als Heilerin, so waren auch Fortuna und Hygieia für die Heilung und Genesung von Kranken zuständig. Ein weiteres wichtiges Kultfest der Bona Dea fand im Mai statt und rückte sie damit in die Nähe der Erdgöttin Maia, was unter antiken Schriftstellern für Verwirrung und Spekulationen sorgte. Es ist daher nicht immer leicht, Bona Dea von den anderen weiblichen Gottheiten zu unterscheiden, die Unbekanntheit ihres wahren Namens und ihrer Herkunft erhöhte zudem die Gefahr einer Verwechslung mit anderen Göttinnen.
Bona Dea in der Forschung
In der Forschung wird bemängelt, dass es nur wenige schriftliche Quellen zum Kult der Bona Dea gibt, eindeutige Aussagen über bestimmte Aspekte zu treffen fällt daher oftmals schwer. Die meisten Quellen stammen von Cicero und beschäftigen sich mit einem bestimmten Dezemberfest, jenem im Jahr 62 v.Chr. Ausschlaggebend für die vorliegenden Informationen war entsprechend nicht Bona Deas Kult selbst, sondern der Skandal um Clodius. Die schwierige Quellenlage lässt einige Historiker zu dem Schluss kommen, dass Vorsicht geboten ist, wenn es darum geht, aus fragmentarischen Quellen und archäologischen Fundstücken konkrete Schlüsse über die religiösen Praktiken der Bona Dea zu ziehen.
Lange Zeit war man in der Forschung davon ausgegangen, dass es sich um einen kleineren Kult mit wenigen Anhängerinnen gehandelt haben muss. Wichtige Aspekte sprechen jedoch dagegen. Zum einen erscheint es unwahrscheinlich, dass wichtige Magistrate ihr Haus als Schauplatz für Feste einer kleineren Gottheit zur Verfügung stellen würden. Zudem wurden die Rituale ausdrücklich durchgeführt, damit ganz Rom davon profitieren würde. Cicero sprach sich beispielsweise ausdrücklich gegen die Durchführung nächtlicher Rituale von Frauen aus, abgesehen von jenen Ritualen, welche zum Wohle des römischen Volkes durchgeführt würden. Nicht nur in seiner Wahrnehmung besaß Bona Dea also eine besondere Position im römischen Religionssystem.
Fazit
Es lassen sich entsprechend verschiedene Gründe für das Vergessen der Göttin anführen. Neben den komplexen und geheimnisvollen Ritualen, zu denen die männlichen Schriftsteller keinen Zugang hatten, erschwerte vor allem das Fehlen eines konkreten Namens lange die korrekte Zuordnung der Religionspraktik. Die geheimnisvollen Rituale und die zahlreichen Parallelen zu anderen weiblichen Gottheiten erschweren es zudem, Alleinstellungsmerkmale zu identifizieren und die eindeutige Identität Bona Deas zu definieren. Ohne den Skandal um Clodius wäre die Quellenlage zudem noch deutlich dünner. Während Venus und Diana also noch heute vielen ein Begriff sind, ging der Kult der Bona Dea in der öffentlichen Wahrnehmung fast vollständig verloren.















