In großen weißen Buchstaben prangt das Graffiti Stadt für alle auf einem Schornstein – gut sichtbar vom Berliner Atelier Paul Hutchinsons. Der Künstler begegnet diesem Schriftzug fast täglich, beinahe schon ritualisiert. Und doch bleibt sie ein Wunschbild, das zwischen Behauptung und Realität schwankt. Was bedeutet es für eine Stadt, allen zu gehören? Es ist ein Versprechen von Universalität, dem eine andere gelebte Realität gegenübersteht. Denn tatsächlich sind einige Bürger*innen mehr wert als andere.
In Das recht auf stadt (1968) argumentiert der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre, dass der städtische Raum nicht allein der Marktlogik unterliegen sollte – er sollte nicht auf eine Ware reduziert oder in exklusive Zugangs- und Besitzzonen aufgeteilt werden –, sondern von den Menschen, die ihn bewohnen, gestaltet werden. Tatsächlich wird das heutige Stadtleben jedoch zunehmend zu einem Produkt degradiert, mit ästhetisierter Governance und entwurzelter sozialer Interaktion. Das Versprechen bleibt universell, doch die Realität ist selektiv.
Paul Hutchinsons Selected Citizens entfaltet sich innerhalb dieses Widerspruchs. Die Ausstellung knüpft thematisch an seine langjährige Beschäftigung mit den Phänomenen des zeitgenössischen urbanen Lebens an: soziale Mobilität, das Oszillieren zwischen Intimität und Exponiertheit, Fragilität und innerstädtischer Rauheit, persönliche Vision und kollektive Struktur. Dabei ist Hutchinsons Arbeit nicht übermäßig politisch; sie ist in derselben Weise politisch, wie eine Narbe politisch sein kann – als Mal, das von äußeren Zwängen, Reibung, Heilung und der Unmöglichkeit, zu dem zurückzukehren, was einmal war, erzählt. Der Titel der Ausstellung ist eine doppeldeutige Geste. Auf der einen Ebene bezieht er sich schlicht auf eine Auswahl von Werken aus Hutchinsons neuem Werkzyklus citizens. Auf der anderen Ebene spielt er auf den anhaltenden Diskurs über soziale Mobilität und Teilhabe an – die unbequeme Frage, wer denn eigentlich in der „Stadt für alle“ leben darf.
citizens spielt eine zentrale Rolle in der Ausstellung. Dabei werden die sogenannten skulpturalen Experimente bewusst in Übergangsstadien fotografiert. citizens, wet clay (2025) etwa zeigt das abstrahierte Gesicht einer (noch frischen) Tonplastik, deren Oberfläche unruhig und verletzlich wirkt. Bei diesen Figuren handelt es sich jedoch nicht bloß um Bilder – erstmals präsentiert Hutchinson auch Skulpturen, und zwar neben deren fotografischen Abbildern. Durch diese bewusste Doppelung entsteht eine Spannung zwischen dem inszenierten Bild der Skulptur und der Skulptur als materiellem Körper.
Hutchinsons Arbeiten existieren nicht als Denkmäler, sondern als Wesen im Wandel, deren Subjekt die Zeitlichkeit ist. Die Skulptur ist zugleich Objekt und Abbild, sowohl physisch als auch inszeniert. Diese Entscheidung birgt eine stille Radikalität. Hier wird die Skulptur, die historisch mit Beständigkeit und Autorität assoziiert wird, zum Provisorium. Das Abbild der Skulptur wird ebenso bedeutungsvoll wie die Skulptur selbst – eine bewusst konstruierte Repräsentation, die im Spannungsverhältnis zu ihrem materiellen Ursprung steht. Was wir sehen, ist daher stets leicht fiktionalisiert. Der Künstler versteht die Bildhauerei als eine Form des Fantasierens, als „worldbuilding“, als das Erschaffen einer Welt. Seine Praxis verknüpft konsequent das Fiktionale mit dem Politischen, jedoch nicht durch explizite Statements, sondern durch das Erzeugen von Atmosphäre und durch Mystifizierung. In Selected citizens erscheinen die Figuren, als würden sie einer unvollendeten urbanen Mythologie entspringen: Archetypen der Zugehörigkeit und Ausgrenzung, der Sichtbarkeit und des Verschwindens.
Die urbane Erfahrung zieht sich wie ein nervöser Strom durch die Ausstellung. Es gibt Anklänge an die Großstadtlyrik des frühen 20. Jahrhunderts, in der sich Reflexionen über Reizüberflutung und Fragmentierung widerspiegeln. Hutchinsons Arbeiten gleichen dem Versuch, sich im endlosen Strom von Eindrücken, die das moderne Leben ausmachen, zu orientieren. Sie sind eine Art räumlich umgesetzter Bewusstseinsstrom. Auf den Oberflächen sammeln sich Gesten, Formen erscheinen halb erinnert, als hätte man sie im Vorbeigehen flüchtig wahrgenommen. Dieses Gefühl der Überforderung wirkt jedoch nicht chaotisch, sondern komponiert. Dabei spielt die Ausstellungsarchitektur, bestehend aus einer zentralen Holzkonstruktion, auf der einige Werke gehängt sind und die die Betrachterinnen betreten können, eine entscheidende Rolle. Sie fungiert als bewusst eingesetztes Instrument, das die skulpturalen Arbeiten integriert und verschiedene Bildgruppen zu einem einzigen räumlichen Rhythmus verwebt. Die Bewegung durch die Ausstellung erzeugt Wahrnehmungsverschiebungen und macht die Art von Simultaneität, wie sie in metropolitanen Räumen existiert, greifbar. Sprache, Bild, Skulptur und Architektur existieren nicht getrennt voneinander, sondern verschmelzen. Zwei kleinformatigere Arbeiten enthalten kurze Texte mit Sätzen wie indeed some citizens are worth more than others („tatsächlich sind einige Bürgerinnen mehr wert als andere“) und erweitern damit Hutchinsons kontinuierlichen Dialog zwischen Schrift und Bild. Hier erklärt der Text das Werk nicht, sondern destabilisiert es. Die Worte schweben wie ein innerer Monolog – Fragmente der Orientierung in einer Stadt, die selten klare Koordinaten bietet.
Während Lefebvre ein Recht auf die Stadt forderte, inszeniert Hutchinson die gegenwärtigen Verhältnisse, in denen dieses Recht abstrakt erscheint. Dabei widersteht er jedoch jeglicher Didaktik. Anstatt eine explizite soziale oder politische Position einzunehmen, schafft er einen Raum, in dem Fiktion und Realität miteinander verschmelzen. Die politische Dimension wird durch den Tonfall, durch Abwesenheit und durch das, was vorläufig bleibt, sichtbar. Selected Citizens schlägt letztlich eine urbane Vorstellungswelt vor, die sowohl intim als auch befremdlich ist. Sie spiegelt eine Welt wider, in der Inklusion zwar versprochen, aber selten neutral ist, in der Sichtbarkeit eine Währung ist und sogar Vulnerabilität ästhetisiert werden kann.
(Text von Claire Koron Elat)
















