Post society heißt eine Platte der kanadischen Sci Fi Metal Band Voivod aus dem Jahr 2016, und so nennt Mayer seine Ausstellung bei Nagel-Draxler in Köln.
Die Radrennfahrerinnen des berühmt berüchtigten Eintagesrennens Paris - Roubaix sind auf glitschigem Kopfsteinpflaster in der Hölle des Nordens in rasender Fahrt. In grellen Hi Tech Trikots und mit verspiegelten Brillen, die so nur in synthetischen Acrylfarben gemalt werden können, scheinen sie gewappnet für eine der schwersten Radrennstrecken. Der Rest ist in Öl gefertigt.
Mayers Bildszenen spielen oft in einer Landschaft nach einer Katastrophe, in der Post-Katastrophe, dem Leben danach, wie in dem Bild mit dem Titel Accept. Immer wieder erscheint der Himmel über Tschernobyl, der von Originalaufnahmen übernommen ist. Außer steppenartigem Wiesengestrüpp und kurzgewachsenen Flechten hat kaum etwas überlebt. Größere Flächen sind nur noch skizziert.
In dieser unwirtlichen und dystopischen Gegend, diesem “Leben danach” platziert er meist Frauen, oft mit androgynem Charakter. Im Kontrast zur noch gegenwärtigen Katastrophe sitzen oder stehen die Frauen und sind sich ihrer Erscheinung und Kleidung ungerührt bewußt. Es scheint sich um unverbindliche Treffen, vielleicht eine Mittagspause unter Arbeiterinnen, zu handeln. Alle Dargestellten scheinen abwartend mit guter Laune, lächelnd in Erwartung, wie all das weitergeht. Style und Haltung gilt noch immer, oder vielleicht sogar erst recht. Mayers Entouragen und Frauenformationen sind Platzhalter für eine feministische Gesellschaft, die der Zukunft trotz der Post-Katastrophe entschlossen entgegenblickt.
Der Mensch, die Natur und sogar die Tierwelt in Mayers Bildern tragen Spuren von Ereignissen und ihren Verletzungen: Narben, zerrissene Kleidung, Joker Grinsen, spitze Tier oder Elfen Ohren, sodass es scheint, als ob diese Figuren schon einiges erlebt und überlebt haben.
„Zone II”, eine eigentlich anmutende Szene, bezieht sich auf Andrei Tarkowskis Film Stalker, die Handlung spielt in einem Gebiet, das nach der Zerstörung evakuiert wurde. Der Stalker führt als Guide durch die unbewohnbare Landschaft. Ein Ego Shooter Computerspiel von 2024 spielt in einer Tschernobyl-Kulisse. Hinter den drei Frauen in ihrer perfekten Street Ware erkennt man eine Werkshalle, vielleicht auch den Betondeckel über dem zerstörten Reaktor.
"Winter Is Coming" zitiert aus Games of thrones, eine Warnung vor dem ewigen Winter und seinen Bewohnern, die wie wiedererweckte Tote wirken. Einige wenige direkt gesetzte, meist sehr leichte und schnelle Pinselstriche ergeben unter Zurückhaltung der Mittel eine sofort stimmige Setzung der Formen.
Die Anordnungen von Mayers Figuren gehen zurück auf die Darstellungen der „Sacra Converatione“, der Abbildung der Heiligen um Maria mit dem Jesuskind oder anderer Vorbilder der klassischen Kunstgeschichte. Bereits in den frühen 2000er Jahren erkannte er, dass Werbedesigner großer Modefirmen für Hochglanzprintmedien wie Vogue, Esquier u.s.w. Figurendarstellungen klassischer Malerei als Vorlage für ihre Haut Couture Werbungen übernahmen (siehe Hans-Jörg Mayer, Galerie Christian Nagel, Berlin 2003). Mayer schliesst den Kreis und führt die Models via Malerei zurück in die Kunst.
Emblematisch setzt er seine überlebensgroßen und hyperzeitgenössischen Ikonen, die oft dem Nachtleben oder Dark Movies entstiegen sein könnten in eine Welt, die in größter Gefahr ist, aber bereits ein postapokalyptisches Personal zur Verfügung hat, das zum Weiterleben bereit ist.
Hans Jörg Mayer ist ein Storyteller. Seit Beginn seiner künstlerischen Arbeit ist er auch begnadeter Porträtist und findet seine künstlerischen Echos ebenso in der Sprache, in Abstraktionen und allgemein in der kulturellen/gestalteten Umwelt der westlichen Welt. Er ist ein Echo-ist. Er singt das Echo sämtlicher Postkatastrophen.
(Text von Christian Nagel)
















