1999, der Tag der großen Sonnenfinsternis. Die Bewohner des Viertels hatten sich versammelt. Eine bunt gemischte Menge. Jede und jeder hielt in der Hand ein Stück ausgeschnittenes medizinisches Röntgenbild, durch das er oder sie das Himmelsphänomen betrachtete. Der Maler seinerseits beobachtete die Betrachtenden. Plötzlich offenbarte das Licht der Finsternis die in den Röntgenaufnahmen verborgenen fragmentarischen Bilder. „Ich erinnere mich nicht an die Sonne, sondern an das, was mir damals erschien: opake Körper, die durch Bilder durchsichtiger Körper hindurch zur Sonne blickten.“
Was geschieht, wenn ein lebendiger, verzweigter Gedanke sich der Worte entledigt, um sich verdeckt in das Feld der Farben und Formen vorzutasten? Die philosophische oder metaphysische Abhandlung vollzieht ihre Wandlung und wird zum Talisman, dem anderen Namen für ein Gemälde, wenn dieses den initiatorischen Weg der Seele nachzeichnet. Dort kristallisiert sich der Gedanke zu Kryptogrammen.
Linie und Pinselzug entfalten sich gleichzeitig aus einer doppelten Verankerung: dem vom Blick wahrgenommenen Motiv und dem unsichtbaren Aufblitzen der Idee. Malen wird so zu einem reflexiven Akt: Die Geste des Malers zeichnet die Archäologie der sichtbaren Welt nach, sie hält das Auftauchen und die Erscheinungsformen jener Kräfte fest, die die materielle Wirklichkeit konstituieren, während sie zugleich den Sinn dieser Operation selbst zum Ausdruck bringt. Genau dies verkörpert die Malerei von Achraf Touloub.
Die Kraft und die Bedeutung seiner Arbeit liegen nicht darin, einen Gedanken oder eine Idee auszudrücken, was sie auf das Gebiet der bloßen Illustration beschränken würde, sondern darin, sie zu erschaffen, sie der eigentlichen Substanz des Werks einzuverleiben.
Wenn die Malerei von Achraf Touloub dem Gedanken Körper verleiht, so entkleidet sie umgekehrt Körper und Gegenstände ihrer Materialität. Der Künstler malt durchsichtige Territorien, vom Blick durchdrungen. Er malt Ströme von Kapital, von Information, von Bevölkerungen: die umfassende Kolonisierung realer und virtueller Territorien ebenso wie unseres Bewusstseins selbst. Und im Herzen dieser globalen Fragestellungen erahnt man, wie sich hinter der Anonymität der Figuren und Orte intimere Themen regen.
Schreiben ist nicht Beschreiben, und Malen ist nicht Abbilden, wie Georges Braque so brillant formulierte, ein Satz, der die besondere Qualität dieser Arbeit erhellt, welcher es gelingt, sinnliche Beobachtung und gedankliche Projektion zu verschmelzen.
Dieser ganz eigene Ansatz findet sich auch in mystischen Disziplinen wieder, in denen ekstatischer Tanz und Gebet verschmelzen, in denen die Praxis des Zeichnens auf Meditation trifft, das Wirken von Geist und Körper vereint, bis zu ihrer dunklen, unberührten Quelle vordringt und uns zugleich in die schillernde, unerschöpfliche Vielfalt ihrer Erscheinungsformen hineinprojiziert.
Der Maler geht den Dingen bis zu jenem Ursprungspunkt nach, an dem Materie und Bewusstsein gemeinsam eingesät werden. Es ist eine Feier der Fruchtbarkeit im umfassendsten Sinne des Wortes, zugleich physiologisch und philosophisch.
Fleisch, Feuer, Geist, Licht: Die Metaphysik entfaltet sich hier unter dem Schleier der malerischen Materie und verleiht dieser feuerspeienden, von Bildern lodernden Malerei ihren esoterischen Charakter.
Das Intelligible wird greifbar. Die Darstellung erhebt sich zum Status des Subjekts; sie erlangt eine Stimme, sie lehrt.
Szene oder Bühne: Die Protagonisten verschmelzen mit dem Schauplatz, die Form mit dem Grund, die Figur mit dem Raum. Alles ist porös, durchzogen von Strömen lebendiger Kräfte. Man befindet sich zugleich unter Wasser, auf dem Land, in der Stadt, im Wald, am Himmel, in der kosmischen Leere; die Plejaden koexistieren mit den Körpern, die Fülle mit der Leere, das Geräusch mit der Stille, die Empfindung mit der Idee, das Nahe mit dem Fernen, der Mythos mit der Empfindung. Dies ist die Malerei eines Sehers, eine Malerei, genährt von Einsamkeit und Konzentration, die ebenso viel offenbart, wie sie verbirgt.
Opulenz der Farben, Raffinesse der Komposition: Ist das dekorativ oder metaphysisch? Man muss sich diese Frage nur vor Achrafs Leinwänden stellen oder vor den Werken persischer Miniaturmaler oder vor den Bauten der Architekten von Samarkand, um zu verstehen, dass diese Unterscheidung gegenstandslos ist.
Gelingt ein Werk, wird es zu Schwelle, Tür, Brücke oder Gefäß. Es erwidert unseren Blick, während es uns zugleich empfängt und trägt.
Dies ist der Preis, um den die Malerei sich von der Form zum Mythos erhebt.
(Text von David Rosenberg. Paris, Juni 2026)
















