Capitain Petzel freut sich, mit Core die zweite Einzelausstellung von Leyla Yenirce in der Galerie zu zeigen. Zusammen mit zwei großformatigen Malereien aus ihrer Werkgruppe Chor der frauen, die 2026 erstmals in der Ausstellung Werdegang im Landesmuseum Oldenburg zu sehen waren, werden neue Arbeiten sowie eine Soundinstallation gezeigt.

Der Titel Core funktioniert als linguistisches Wortspiel. Der englische Begriff für „Kern“ klingt wie das deutsche Wort „Chor“ und artikuliert damit das programmatische Zentrum der Ausstellung: den Einsatz und die Suche nach der eigenen Stimme. Diese manifestiert sich bei Yenirce nicht durch Vokale oder linguistische Codes, sondern durch großzügige malerische Gesten und elektronisch generierten Klang.

Inspiriert von einem Zitat der Malerin Charlotte Salomon aus deren Hauptwerk Leben? oder theater? – „Das Gold in der Kehle – der Ausdruck der Seele“ – inszeniert Yenirce in ihren zwei großzügige Malereien mittels Siebdruck einen fiktiven Frauenchor. Dieser vereint Wegbegleiterinnen der Künstlerin und Ikonen aus der Musik, der Kunstgeschichte und der Politik: Christiane Haselier, die Deutschlehrerin der Künstlerin, die sie auf ihrem Lebensweg unterstützte; Helîn Bölek, eine kurdische Musikerin, die aus Protest gegen ein Auftrittsverbot in den Hungerstreik trat und verstarb; Leyla Zana, die sich in der Politik unermüdlich für die Rechte der Kurd*innen in der Türkei engagierte und dafür ein Jahrzehnt inhaftiert war. Die im Siebdruck übertragenen Porträts werden wiederholt, von gestischen Farbspuren überlagert und treten so in einen gemeinsamen, vielstimmigen Bildraum ein, in dem individuelle Bezugspunkte und kollektive Erinnerung ineinandergreifen.

Die neuen Arbeiten widmen sich dem Edelmetall Gold, welches in der kurdischen Kultur als traditionelle Hochzeitsmitgift eine fundamentale Rolle einnimmt und oft über Generationen und Grenzen hinweg weitergegeben wird. Sie findet in den Werken ihren Ausdruck. Fotografien von Goldschmuck – breiten Halskragen, runden Armreifen und feinen Münzketten – treten als Bildinseln aus den vielschichtigen, intensiven und lebensfrohen Farbräumen hervor: Teils unter Farbe begraben, behaupten sie an anderer Stelle ihre klare Kontur.

Im Souterrain der Galerie ist die gleichnamige Soundinstallation Core zu hören. Für die Komposition nutzte Yenirce zwei analoge Korg-Synthesizer; der eine eine Leihgabe, der andere ein Geschenk. Ihre eigene künstlerische Stimme fand sie im Prozess der Komposition durch die bewusste Transgression mittels Sound. Es ist die Artikulation eines überwältigenden Gefühls, das die Künstlerin wie folgt beschreibt: „Der Moment, als ich das erste Mal ein Verzerrpedal an einen Synthesizer anschloss und Noise erzeugte, hat mich zutiefst bewegt. Ich hatte ein Medium gefunden, um mich auszudrücken.“ Die fünfminütige brachiale Komposition, unterbrochen von Momenten der Stille, fungiert für Yenirce ähnlich wie eine dringliche malerische Geste: Pinsel oder Klaviatur, sie dienen gleichermaßen dazu, durch Bewegung zu kreieren.