Man muss vor der Moderne fliehen, aus Angst, dass sie sich selbst nicht rettet.
(Frank Perrin, Symposium Villa Arson, Nizza, 1991)1
Als Heimo Zobernig Ende der 70er Jahre seine künstlerische Laufbahn beginnt, ist die Skepsis an dem, was Kunst (sein) kann, schon sehr alt. Seit Hegel ist klar, Kunst ist gemacht, aber nicht mehr wahr, seit Adorno darf nichts mehr an ihr als selbstverständlich gelten. Zu keiner Zeit befindet sich die Kunst seit der Moderne auf der Höhe ihrer eigenen Theorie.
Durch Zobernigs gesamtes skulpturales Oeuvre zieht sich ein Interesse für das Material und die Proportionen standardisierter Objekte aus der Alltagswelt. Kartons, Klorollen, Schaufensterpuppen, Dinge, die scheinbar beiläufig in die Wahrnehmung einfließen, erscheinen bei Zobernig ins Zentrum gerückt. Von Anfang an beschäftigt er sich so auch immer wieder mit dem Ikea Billy Regal, dem wohl weltweit am meisten verbreiteten massengefertigten Bücherregal. Zobernig baut Billy Regale ganz oder teilweise aus Pressspan nach, er nimmt sie auseinander und setzt sie zu Skulpturen zusammen, oder er verwendet sie so wie sie aus dem IKEA Kaufhaus kommen und drapiert amorphe Stoffskulpturen in Video grün, rot oder blau in ihnen.
Die neueste Serie, die wir in Berlin zeigen und die man als eine Art „Superserie“ bezeichnen könnte, besteht nun aus massiven Aluminiumregalen, die eine Reihe von Assoziationen wecken: zeitgenössisches Design, Industrieästhetik, aber vor allem die erhabene Gelassenheit von „Volumes“ aus der Minimal Art. Natürlich lässt Zobernig die auf Werklieferungen von Aluminiumplatten gedruckten Materialbezeichnungen an ihrem Platz. Die Regale sind leer, aber beschriftet. Die Beschriftung bleibt für das Kunstpublikum abstrakt.
Hinzu kommt eine fragmentierte menschliche Figur ebenfalls aus Aluminiumguss.
Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung Blabla.
In meinem Rücken die Ruinen von Europa.(Heiner Müller, Hamletmaschine, 1977)
Auf die Frage des New Yorker Kurators Matthew Higgs, welches das allerwichtigste Buch für ihn ist, fiel Zobernigs Wahl auf die Reclam Ausgabe von Shakespeares Hamlet. Von Hamlet kann man lernen, dass die Toten nicht tot sind, sie kehren wieder als Gespenster. Die neuen Hamlet Bilder, die Zobernig hier zusammen mit den Ikea Billy Bücherregalskulpturen zeigt, enthalten die Worte Hamlet total abstrakt, oder Hamlet totally abstract. Die Leinwände fallen in die Kategorie der Schriftbilder bei Zobernig, die in der Regel keine konkreten Inhalte aufrufen, sondern Tautologien oder einzelne Begriffe, wie painting, video, Real egal oder Love quasi wie auf einer Bühne "auftreten" lassen. Zobernig, der Bühnenbild studiert hat, und der 1982 noch eine Bühne für das Stück Quartett von Heiner Müller entworfen hat, bevor er ausschließlich als Künstler arbeitete, holt Hamlets Gespenst auf die Bühne seiner Kunst und, in dieser Zeit, an diesem Ort auch das Gespenst Heiner Müllers.
Notizen
1 In der dazugehörigen Ausstellung zeigt Heimo Zobernig einen schwarzen Karton-Würfel in einer Art Bühnensituation. Als Dirk Snauwaert ihn 1999 zu einer Einzelausstellung im Kunstverein München einlädt, lässt Zobernig das Symposium von Nizza dort "wiederaufführen".
















