Meine Arbeiten sagen Ihnen nicht, wie Sie denken sollen; sie sind vielmehr als ein Werkzeug gedacht, um Ihre eigene Sicht auf Ihre Beziehung zu anderen Menschen und zur Gesellschaft zu formulieren. Das Ergebnis, das ich anstrebe, ist, dass die Arbeit bei der Betrachter:in ein laterales Denken anregt und neue Verbindungen zur Welt um sie herum entstehen lässt.
(Stephen Willats)
Die Charim Galerie freut sich, Silent influencer zu präsentieren, die zweite Einzelausstellung von Arbeiten Stephen Willats’ nach Transition – Transform (2024) in der Galerie. Der 1943 in London geborene Künstler hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten eine internationale Praxis der Konzeptkunst entwickelt — eine Praxis, die an der Schnittstelle von Kybernetik, Systemtheorie und Kommunikation entstanden ist und auf der Überzeugung beruht, dass Kunst ein Prozess ist, durch den Menschen die soziale Welt, in der sie leben, wahrnehmen und verändern können. Im Widerstand gegen den überlieferten Determinismus objektbasierter Kunst entwickelte Willats eine Praxis, die das „Gefüge der Gesellschaft“ sowohl zu ihrem Gegenstand als auch zu ihrem Handlungsraum macht — und den Schwerpunkt konsequent vom Kunstwerk als abgeschlossener Aussage hin zum Kunstwerk als offener sozialer Struktur verschiebt, die eine Betrachterin als aktive Teilnehmerin an der Produktion von Bedeutung positioniert.
Silent influencer vereint Arbeiten aus dem vergangenen Jahrzehnt und zeichnet Willats’ fortgesetzte Auseinandersetzung mit den Mechanismen sozialer Konditionierung nach — ebenso wie mit den Möglichkeiten eines Gegenbewusstseins: der Fähigkeit des Individuums, die Strukturen, die es formen, wahrzunehmen und neu zu organisieren. Der Titel benennt etwas, das der Künstler seit Langem sichtbar machen möchte: die allgegenwärtigen, weitgehend unbeachteten Systeme — der Konsumkultur, der gebauten Architektur, gesellschaftlicher Verhaltenskonventionen — die kontinuierlich unterhalb der Schwelle bewusster Wahrnehmung auf Individuen einwirken. Sowohl in den fotografischen als auch in den diagrammatischen Arbeiten fungieren Bild und Text als als Bedeutungsträger, die durch Pfeile, Datenströme, Letraset-Anmerkungen und farbige Punkte miteinander verbunden sind, sich jedoch einer eindeutigen Lesart entziehen und eine aktive Navigation verlangen. Wie der Kritiker Mark Prince bemerkt hat, „war Willats immer ebenso sehr romantischer Künstler wie autodidaktischer Soziologe/Erfinder“ — die Subjektivität empirischer Darstellung ist selbst sein Thema, gefasst in eine formale Sprache von bemerkenswerter Präzision.
Ein wiederkehrendes Interesse in Willats’ Praxis gilt dem Individuum innerhalb der urbanen Gemeinschaft — jener Person, deren Innenleben, soziale Position und ausgehandelte Realität für die Systeme, die sie umgeben, unsichtbar bleiben. Seit den 1960er Jahren hat er sich in bestimmten Stadtvierteln Londons sowie anderer Städte Europas und der USA verankert und Fotografie als Werkzeug genutzt, um die verborgenen Dynamiken kollektiven Lebens aus der Innenperspektive zu kartieren. Who can keep a secret (2015), eine vierteilige Arbeit mit Fotografien von Menschen, die durch Pfeile miteinander verbunden sind, sowie einem DVD-Film, fordert die Betrachterin dazu auf, darüber nachzudenken, was jede einzelne Person innerhalb einer Gemeinschaft preiszugeben bereit ist — und was sie zurückhält. *A portrait of a society in transit (2020) platziert Farbfotografien von Menschen, die sich durch Straßen der Stadt bewegen, innerhalb eines schematischen Diagramms, verbunden durch Pfeile, die das gesamte Spektrum möglicher Beziehungen zwischen ihnen andeuten — Fremde, Nachbarn, Passanten, alle in Bewegung und durch dasselbe unsichtbare Netz sozialer Kräfte verbunden.
Seine stärker abstrahierten, rein diagrammatischen Arbeiten bewegen sich ins Universelle und schlagen Modelle dafür vor, wie Information, Bewusstsein und gesellschaftliches Leben anders organisiert werden könnten. Die Serie Omni directional search engine (2018–19), bestehend aus vier Arbeiten in Gouache und Bleistift auf Papier in nahezu quadratischem Monumentalformat, reduziert das Bildfeld auf reine Farbe, Form und Linie: Jede Zeichnung ist um eine dominante Kreisform organisiert, von der konzentrische, vibrierende Impulse gleichzeitig in alle Richtungen ausstrahlen und eine Suche ohne vorgegebenes Ziel modellieren. Die leuchtende Farbpalette, die das gesamte Spektrum innerhalb einer einzigen Zeichnung umfasst, verleiht den Arbeiten ihre charakteristische expansive, nichthierarchische Energie. Zwei Arbeiten aus dem Jahr 2021, At the crossroads und the reconnection setzen diese diagrammatische Sprache in Beziehung zur Fotografie: at the crossroads arrangiert fließende, miteinander verbundene farbige Punkte zu einem großen X gekreuzter Datenströme, während Bilder monolithischer Stadtarchitektur — in den Worten von John Kelsey — „eine archäologische Schicht repräsentieren, die eine Zeit zeigt, in der das soziale Leben noch von brutaler Stadtplanung eingeschlossen war“. The reconnection wiederum platziert zwei parallele Datenströme mit einem Time tumbler zwischen den isolierten Bewegungen — die Struktur der Trennung und die Möglichkeit ihrer Umkehrung.
Die Aquarell- und Tuscharbeiten Time box elevator (2019), Time tumbler – Re-mixing the fragments (2020) und A sequence of time boxes (2021) entstanden aus einem Auftrag, den Willats 2020 für das British Museum entwickelte. Besucher sollten dabei persönliche Netzwerke von Assoziationen zwischen antiken Artefakten und ihren gegenwärtigen Resonanzen definieren — ein Versuch, Objekte aus der Funktion des Museums als Time box zu befreien: einem institutionellen Behälter, der Dinge in festen historischen Bedeutungen einschließt und von den Verflechtungen des Alltags abschneidet. Obwohl das Projekt nie realisiert wurde, kristallisierte sich darin sein Verständnis von Zeit als relativ und nicht-linear heraus — „es gibt keine Zeit; was wir Zeit nennen, ist Bewegung“ — und es entstand ein Werkkomplex von Zeichnungen, in denen Fragmente des Alltäglichen fortwährend über zeitliche Kontexte hinweg neu organisiert und kombiniert werden.
Im letzten Raum der Galerie entfaltet sich Cybernetic still life (2009/2013/2019/2026) als eine immersive Umgebung, in der Gebäude und Objekte zu einem sich ständig weiterentwickelnden Netzwerk von Beziehungen verschmelzen. Durch die Kombination von Wandzeichnungen, skulpturalen Elementen und filmischen Arbeiten zieht die Installation die Betrachter*innen in die Reflexionen des Künstlers über das soziale Leben und die Typologien von Objekten hinein. Ursprünglich für die Galerie Balice Hertling in Paris konzipiert, ein zweites Mal in der Annie Gentils Gallery in Antwerpen gezeigt und anschließend für eine dritte Präsentation im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich erweitert, setzt diese neueste Iteration Willats’ fortlaufende Erforschung sozialer Systeme, Wahrnehmung und Kommunikation fort. Dabei wird die Tradition des Stilllebens als etwas Fluides, Dynamisches und Belebtes neu gedacht.
Willats’ jüngste Serie, The silent influencer (2025), nimmt Londons Finanzbezirk als paradigmatischen Ort unsichtbarer Autorität in den Blick — nicht nur dessen Unternehmensarchitektur, sondern auch die sozialen Codes, unausgesprochenen Hierarchien und Verhaltensmuster, die diese Umgebung in den Menschen hervorbringt, die sich in ihr bewegen. Durch fotografische Fragmente von Straßen, Gebäuden und Figuren des Viertels, eingebettet in diagrammatische Strukturen und überlagert mit Letraset-Texten und Pfeilen, verfolgt Willats die subliminalen Rückkopplungsschleifen zwischen Raum, Menschen und ökonomischer Macht.
Diese Arbeiten zeugen von der anhaltenden Vitalität einer Praxis, die seit sechs Jahrzehnten jene Kräfte sichtbar macht, die unsichtbar bleiben möchten — die stille Konditionierung durch Architektur, Konsumismus und vernetzte Information, die bestimmt, wer wir zu sein glauben und wie wir uns zueinander verhalten. In einer Ära algorithmischer Vermittlung und allgegenwärtiger Verhaltensbeeinflussung sind die Fragen, die Willats immer gestellt hat, strukturell tiefer denn je im Alltag verankert — und dringlicher angewiesen auf jene Art von lateralem, partizipativem Denken, das seine Kunst stets praktiziert und eingefordert hat.















