In dieser dritten Ausstellung des Künstlers bei Van Horn sehen wir eine präzise Setzung neuer Arbeiten, die sich vollständig auf das Material und den Raum einlassen. Gerold Miller bewegt sich mit seinen Werken an der Grenze zwischen Bild und Körper. Sind Millers Werke noch Malerei oder bereits Skulptur? Aspekte beider Kategorien können angeführt werden, die Werke selber weisen jeweils darüber hinaus. Miller beschrieb diesen widersprüchlichen Effekt wie folgt: „Als ‚Bilder ohne Bild‘ sind sie weder Verweise auf etwas Vorhandenes, noch regen sie Assoziationen an. Dennoch beschäftigen sie sich explizit mit Fragen der Bildhaftigkeit.“

Als Betrachter erleben wir ein Paradoxon: Durch die Werke, die sehr entschlossen im Raum positioniert und ganz im Realen und Gegenwärtigen verankert sind, können wir einerseits die gesamte Bildgeschichte unserer Kultur in Erinnerung rufen, andererseits blicken wir in einen unbestimmten und offenen Raum der Möglichkeiten. Millers Werke öffnen den Raum um sich herum. Ihre Existenz als Objekte in diesem Raum ist physisch eindeutig, bleibt aber durchlässig.

Die Wahrnehmung eines Kunstwerks löst grundsätzlich ein paralleles Sehen, Denken, Erinnern und Fühlen aus. Gerold Miller steuert diesen Prozess durch die Wahl von Form, Material und Farbe in seinen Werken äußerst bewusst. Ein erstes Erfassen des Werks erfolgt unmittelbar, doch dann eröffnet sich ein weiterer Raum– sowohl im physischen als auch im metaphorischen Sinne. In seiner Kunst gibt es nichts, was man als Mittelweg bezeichnen könnte. Er bietet keinen Rückzugsort; seine Objekte wirken wie eine Linse: Objekt der Beobachtung, Blickrichtung und Reflexion zugleich. Wir werden mit unserer eigenen Art wahrzunehmen, unseren Gedanken, unserer Gegenwart konfrontiert.

Seine Werke bringen durch Reflexionen auf ihren eigenen makellosen Oberflächen den Raum ins Spiel, lassen ihn geradezu in sich hineinfließen. Letztendlich ist jedoch die Offenheit der Werke, ihre sprichwörtliche Oberflächlichkeit, ihre wesentliche Kraft. „Die Realität ist die Substanz meiner Arbeit. Seit Beginn meiner künstlerischen Laufbahn beschäftige ich mich mit dem Rückzug aus dem Bild, ohne es tatsächlich hinter mir zu lassen“.

Miller erforscht fortwährend die Bedingungen jedes einzelnen Kunstwerks- die Bedingungen seiner Entstehung sowie die Bedingungen seiner Kontextualisierung im Ausstellungsraum, in Publikationen, in Autorentexten und im Internet. Jedes dieser Formate, zu denen auch seine eigene Website und ein Instagram-Account gehören, sind für Miller nicht nur Bild und Erzählstrang, sondern ein Test, ein Spiel, eine Runde. Immer wieder werden Kombinationen und Abfolgen verglichen, verschoben, erprobt und neue Konstellationen geschaffen. Vergleichbar mit einem Kartenspiel sind die Elemente begrenzt; gerade aus dieser Konzentration und Regulierung ergeben sich umfassende Entwicklungsmöglichkeiten und Abgrenzungen. Es sind diese wechselnden und sich wiederholenden Bewegungen, Schritte und Abläufe in den unterschiedlichen Werkgruppen, die letztlich zur Perfektion führen und dabei maximale Wirksamkeit erzielen– das ist Gerold Millers Methode: ein kontinuierliches Training.

Millers Ausdrucksweise als reduzierte formale Sprache zu bezeichnen führt in die falsche Richtung. Er entwickelt sein Werk ausgehend von einer radikalen konzeptuellen, eleganten Grundlage und gestattet sich Momente der Intuition. Folgt man den Entwicklungslinien der daraus entstandenen Werke, erkennt man im Rahmen selbst auferlegter Prinzipien seine große Vielfalt und eine herausragende Offenheit.

(Mit auszügen aus einem text von Frank Boehm)