Im Zuge der Eröffnung werden die Klangobjekte von MusikerInnen aktiviert. Nevin Aladağ präsentiert mit vibrating images ihre zweite Einzelausstellung in der Galerie Krinzinger. Spielerisch verbindet Aladağ Skulptur, Malerei, Textil, Video und Klang zu vielschichtigen, multimedialen Werken. Durch das Prinzip der Assemblage entstehen unerwartete Verknüpfungen zwischen Kunst und Musik sowie zwischen unterschiedlichen Geografien und Kulturen. Die Ausstellung verteilt sich auf die Haupträume der Galerie Krinzinger und verbindet Werke aus den Serien Vibrating images und Music room Darmstadt – hierbei handelt es sich um Klangskulpturen, die Nevin Aladağ erstmals anlässlich ihrer Einzelausstellung Raise the roof im Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe Darmstadt (2025/26) zu einer Gesamtinstallation zusammengeführt hat.
Mit dem Music room Darmstadt setzt Nevin Aladağ im Jahr 2025 eine Werkgruppe fort, die sie 2014 begonnen hat und die an die europäische Tradition des Musiksalons anknüpft. Als Raumtypus der bürgerlichen Repräsentation war das Musikzimmer eine zentrale Gestaltungsaufgabe für die Kunstschaffenden der Jugendstilbewegung. Durch gezielte Bearbeitungen verwandelt Aladağ Möbel und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit um 1900 in Musikinstrumente. So fügt sich ein Glockenspiel nahtlos in einen ikonischen Sessel des Wiener Entwerfers Josef Hoffmann ein und durchbricht nicht zuletzt durch seinen hellen Klang die rhythmisch-strenge Gliederung der Holzverstrebungen. Außerdem verbindet sich ein Klavierstuhl mit dem Balg einer Konzertina, die zum Klingen gebracht werden kann, wenn der höhenverstellbare Mechanismus behutsam betätigt wird. Mit ihrem feinen Gespür für eine qualitativ hochwertige Ausführung stimmt Aladağ mit einem Leitgedanken der Kunstgewerbereform um 1900 überein. Dem Konzept des Objet trouvé folgend hinterfragt die Künstlerin jedoch die ursprüngliche Funktion der Möbel, wie auch die Konventionen der bürgerlichen Wohnkultur. Die Vielfalt der Objekte, die mit Musikinstrumenten unterschiedlichen zeitlichen, geografischen und kulturellen Ursprungs kombiniert wurden, spiegelt zugleich die Biografien der Menschen wider, welche die Einrichtungsgegenstände einst besessen haben. Im Moment der musikalischen Improvisation wird Aladağs Musikzimmer zu einem orts- und zeitübergreifenden Begegnungsraum, der das gemeinschaftsstiftende Potenzial von Kunst und Musik zum Vorschein bringt.
Mit ihrer neuen Werkserie Vibrating images (2024/25) untersucht Nevin Aladağ die Materialisierung und Wahrnehmung von Klang und setzt erstmals auch das Medium Malerei konsequent ein. Lediglich aus der Ferne suggerieren die rechteckigen Wandobjekte den Eindruck statischer Bilder. Durch Kombinationen von intensiven Farbflächen, Schalllöchern und verschiedenen Musikinstrumenten werden die „vibrierenden Bilder“ zu Resonanzkörpern. Im Experimentieren mit Form-, Material- und Klangeigenschaften aktiviert Aladağ ein Wahrnehmungserlebnis, das über die rein kontemplative Betrachtung hinausgeht: Im stillen Zustand laden die Arbeiten dazu ein, Klang visuell zu erkunden und imaginativ vorwegzunehmen. Werktitel wie Polyrhythmic sea (2025) oder Pastel waves (2024) führen buchstäblich die in alle Richtungen fließenden Bewegungen von Schallwellen vor Augen. Werden die Wandobjekte von professionell ausgebildeten Musiker-innen bespielt, übertragen sich die Vibrationen der Resonanzkörper von der Wand auf den Ausstellungsraum und machen den Klang auch für das Publikum erfahrbar. Die Aktivierungen folgen dabei keinem festen Ablauf, sondern sind spontane Improvisationen: Die verschiedenen perkussiven Instrumente können einen Rhythmus vorgeben, in den die Blas- und Saiteninstrumente harmonisch einstimmen oder der durch experimentelle Klangerzeugung überraschend unterbrochen wird. Das Zusammenspiel der Vibrating images ist also stets dynamisch und vielstimmig.
Das Verhältnis von Bewegung und Stillstand greift Nevin Aladağ auch in ihrer neuen Skulptur Cabasa tower (2025) auf, die das Spiel mit der Form in den Mittelpunkt rückt. Ein Instrument, das wiederholt in den Vibrating images erscheint, tritt hier als eigenständige lebensgroße Figur in den Ausstellungsraum. Die Cabasa ist ein Perkussionsinstrument aus Mittel- und Südamerika, das in der Hand gehalten und gespielt wird. Eine herkömmliche Cabasa setzt sich aus einem zylinderförmigen Kopfteil mit enganliegenden Perlenketten und einem Haltegriff zusammen. Durch Reiben, Drehen oder Schütteln entsteht ein metallisches Geräusch auf dem geriffelten Untergrund, das rhythmische Akzente setzen kann. In ihrer Skulptur führt Aladağ die ursprüngliche Funktion des Instruments ad absurdum. Durch die Ausdehnung der Proportionen erlangt die Skulptur eine beinahe körperliche Präsenz. Lediglich auf den ersten Blickt wirkt Cabasa tower statisch wie ein Turm. Mehrere Zylinder unterschiedlichen Durchmessers drehen sich scheinbar um die eigenen Achsen, wodurch die Statik beinahe ins Wanken gerät. An der Schwelle zwischen Kunstwerk und Resonanzkörper regt die Skulptur die Betrachtenden an, sich den eigentümlichen Klang vorzustellen, obschon eine musikalische Bespielung von Cabasa tower nicht intendiert ist. Der spielerischer Umgang mit der geometrischen Form erinnert an Oskar Schlemmers Triadisches ballett (1919–1922), das Nevin Aladağ bereits als Schülerin der Staatsgalerie Stuttgart studieren konnte.
Über jene hybriden Verbindungen von Malerei, Skulptur und Musik setzt Nevin Aladağ Gattungsgrenzen in Bewegung und lädt zur ganzheitlichen Wahrnehmung von Kunst und Musik, aber auch unserer unmittelbaren Umgebung ein. Die Verbindung von Kunst, Musik und Performance lässt Resonanzräume entstehen, die unterschiedliche Bezüge zu Fragen von Gemeinschaft und Globalisierung ermöglichen.
















