Obwohl man im Geschichtsstudium Jahrtausende an Menschheitsgeschichte bearbeiten und erforschen kann, ist die Geschichte als wissenschaftliche Disziplin, verglichen mit uralten Fächern wie der Astrologie, noch recht jung. Während es schon in der Antike Historiker und Chronisten gab, welche sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben, lassen sich die Anfänge einer systematischen Geschichtswissenschaft erst im 19. Jahrhundert finden.
Die Voraussetzungen, um ein Geschichtsstudium zu beginnen, sind recht simpel: neben einem Interesse und Neugier an historischen Sachverhalten sind Sprach- und Literaturkompetenz unverzichtbar. Gut wäre es zudem, neben Englisch mindestens eine weitere Fremdsprache mitzubringen, nicht nur für den Austausch mit der internationalen Forschungsgemeinschaft, sondern auch für die Lektüre von Schriftquellen und Sekundärliteratur. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, steht einem erfolgreichen Studium der Geschichte nicht mehr viel im Weg. Aber was lernt man in den drei Jahren, die ein Bachelorstudium durchschnittlich dauert, und was passiert dann im Masterstudium? Auf diese Fragen will dieser Beitrag Antworten liefern und für einen ersten Überblick des Studienfaches sorgen.
Die Struktur des Geschichtsstudiums und die bedeutendsten Epochen
Geschichte ist vielfältig, das Forschungsspektrum sowie die Schwerpunkte unterliegen einem stetigen Wandel. Das Studium hingegen verläuft deutlich klarer und geordneter, denn Geschichte studiert man häufig in Epochen, welche sich über den jeweiligen Zeitraum definieren. Die alte Geschichte oder Antike stellt eine große und wichtige Epoche dar, ebenso wie die mittelalterliche Geschichte und die neuere und neueste Geschichte. Diese erste grobe Unterteilung ist sinnvoll, denn während die Antike und die mittelalterliche Geschichte zwingend Lateinkenntnisse erfordern, sind diese für die neuere und neueste Geschichte zu vernachlässigen. Die Unterteilung in diese Epochen erleichtert die Zuordnung von Themenfeldern und Fragestellungen, ist aber nicht die einzige mögliche Gliederung. Auch die Regionalgeschichte findet sich auf dem Lehrplan, neben anderen Schwerpunkten wie der Wirtschafts- und der Globalgeschichte. Der zunehmenden globalen Vernetzung wird in Form der Geschichte der internationalen Beziehungen Rechnung getragen.
Trends der Geschichtswissenschaft
Die Geschichtswissenschaft unterliegt als wissenschaftliche Disziplin zahlreichen Wandlungen und Entwicklungen. Während nach wie vor schriftliche Quellen im Vordergrund stehen, wagen sich manche Historiker weit vor und würden am liebsten ein Zeitalter der Bilder einläuten, in welchem grafische Darstellungen die schriftlichen verdrängen. Jedoch lässt sich hier besser von einer Ergänzung als von einer Verdrängung sprechen und Schriftquellen werden aus der Geschichtswissenschaft auch in Zukunft nicht wegzudenken sein.
Für die neueren Epochen wird es jedoch Zeit, sich ernsthaft mit Fotografien, Bildern und Videos auseinanderzusetzen, da diese ebenso eine Bearbeitung der Vergangenheit erlauben wie das geschriebene Wort selbst. Das Geschichtsstudium folgt in späteren Semestern häufig dieser Einschätzung und behandelt die Thematik in eigenen Kursen und Modulen. Eine wichtige Methode für die Auseinandersetzung mit Fotografien ist die historische Bildanalyse, welche im Absatz zu den Methoden genauer vorgestellt wird. Neben der Zeit rückt zunehmend der Raum in die Betrachtungen der historischen Forschung. Wo sich etwas abgespielt hat, erhält eine zunehmend größere Bedeutung und erfordert neuere Herangehensweisen und Überlegungen.
Wie könnte sich eine Straße im antiken Rom angehört haben? Wo hielten sich welche Personengruppen in der Stadt auf? Diese und andere Fragen beschäftigen Geschichtswissenschaftler von der Antike bis in die Moderne. In diesem Zusammenhang lässt sich auch vom „Spatial Turn“ oder von einer „topologischen Wende“ sprechen, einem komplexen Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften, welcher die Geschichtswissenschaft ebenso erreicht hat wie andere wissenschaftliche Disziplinen. Im fortgeschrittenen Studium werden auch solche Theorien und Ansätze behandelt.
Quellenanalyse und Quellenkritik
Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei der Geschichte um ein Lesestudium. Gelesen wird nicht nur die Sekundärliteratur, sondern vor allem die Quellen. Quellen sind laut einer schon jahrzehntealten Definition des deutschen Historikers Paul Kirns „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.“ Wie bereits im Absatz zu den Trends der Geschichtswissenschaft erwähnt, wandelt sich zunehmend, was als Quelle untersucht wird. Im Studium wird hingegen nach wie vor der Schwerpunkt stark auf die Bearbeitung von schriftlichen Quellen gelegt. Welche Quelle untersucht wird, hängt ganz von der Fragestellung ab, denn das Feld ist unendlich breit: von der mittelalterlichen Papsturkunde, über Briefwechsel, Verträge und Tagebücher lässt sich eine große Anzahl an Schriftstücken mit historischen Methoden analysieren. Wichtig ist es dabei immer, die Fragestellung und das Forschungsinteresse im Hinterkopf zu behalten und alle Aspekte, welche hiermit verknüpft sind, zu notieren. Besonders bei einem größeren Quellenfundus wäre es andernfalls unmöglich, den Überblick zu behalten.
Der Kern des historischen Arbeitens ist es, diese Quellen einer kritischen Prüfung unterziehen zu können. Das geschriebene Wort ist nicht für bare Münze zu nehmen, vielmehr gilt es, Hintergründe, subjektive Einschätzungen und Motive zu erfassen. Im Geschichtsstudium lernt man daher häufig, sich der Quelle mit den W-Fragen zu nähern. Entsprechend fragt man sich, wer die Quelle geschaffen hat, welche Interessen verfolgt wurden, wann und wo die Quelle entstanden ist und warum die Quelle in erster Linie verfasst wurde. Auf diese Weise lassen sich die Intentionen hinter einer Quelle erfassen und diese kann entsprechend eingeordnet werden. Im weiteren Vorgehen werden dann die Überlieferungsgeschichte der Quelle, absichtliche und unabsichtliche Adressaten sowie die genaue Quellengattung relevant.
Die Historische Bildanalyse
Wie bereits erwähnt, kommt die Geschichtswissenschaft inzwischen kaum noch um die Hinzunahme von Bildern bei der Bearbeitung historischer Sachverhalte herum. Die Frage, wie man sich mit dem Handwerkszeug der Geschichte auch Bildern angemessen nähern kann, stellt sich hierbei unweigerlich. Am elegantesten lässt sich in diesem Kontext davon sprechen, dass man sich Methoden aus anderen Disziplinen „leiht“, am besten geeignet ist in diesem Fall die Kunstgeschichte. Etablieren konnte sich hier ein dreiteiliges Schema nach Rainer Wohlfeil, welches von ihm entwickelt wurde, um sich Bildern als historischer Quelle nähern zu können. Das betreffende Bild wird in diesem Schema im ersten Schritt einer Formanalyse unterzogen, bei welcher die verwendeten Farben, Formen, Bildelemente sowie die Bildkomposition untersucht werden.
Die physische Beschaffenheit, darunter Aspekte wie das Trägermedium, der Erhaltungszustand und die Echtheit werden in diesem Schritt ebenfalls überprüft. Im zweiten Schritt, der ikonografisch-historischen Analyse, wird das Zeichensystem des Bildes entschlüsselt, der Sinn des Bildes und seine beabsichtigte Aussage werden herausgearbeitet. Abschließend wird ermittelt, wie sich das Bild in historisch-gesellschaftliche Begebenheiten einbinden lässt. Im dritten und letzten Schritt wird der historische Dokumentensinn des Bildes analysiert, wobei versucht wird, herauszufinden, wie das Bild zu seiner Entstehungszeit wahrgenommen wurde. Die damaligen Sehgewohnheiten und Darstellungsweisen spielen für den dritten Schritt eine große Rolle und sind für eine präzise Bildanalyse ebenfalls herauszuarbeiten.
Ergebnisse des historischen Forschungsprozesses
Nicht immer stehen am Ende einer Forschungsarbeit neue oder gar bahnbrechende Erkenntnisse. Oft zeichnen sich bedeutende historische Forschungen auch durch die Sichtung neuer Quellen, die Transkription bisher unerschlossener Quellen oder das Aufstellen neuer Thesen aus. Das Feld der Geschichtswissenschaften ist dahingehend sehr weit offen und der Erfolg eines Forschungsprojektes daher nicht immer eindeutig quantifizierbar. In einem Bachelorstudium geht es beispielsweise vielmehr um das Erlernen von Schlüsselqualifikationen, dem Erwerb von Methodenkompetenzen und dem Schaffen eines Verständnisses für die historischen Grundwissenschaften. Die erlernten Fähigkeiten demonstriert man dann im Rahmen der eigenen Bachelorarbeit. Ist dieser Teil geschafft, versucht man sich im Masterstudium an immer eigenständigeren Forschungsfragen und bearbeitet diese mit einem zunehmend komplexeren Forschungsdesign. Gleichzeitig kehrt man immer zu jenen Feldern und Fragestellungen zurück, welche schon ganz zu Beginn Thema waren.
Fazit
Aufmerksamen Lesern dürfte bei der Lektüre dieses Beitrages aufgefallen sein, dass sich das Geschichtsstudium durch zahlreiche Aktivitäten auszeichnet, welche dem Einzel- oder Selbststudium zuzuordnen sind. Die Lektüre von Sekundärliteratur und die Quellenkritik lassen sich auch außerhalb des universitären Kontextes erproben. Eine Recherche nach Originalquellen ist in diesem immer digitaler werdenden Feld inzwischen online und bequem von zu Hause aus möglich und Portale wie Europeana und historicum.net ermöglichen die Recherche von Quellen und Daten ohne Studentenausweis. Interessierte hält somit nichts davon ab, sich selbst einmal an der Bearbeitung einer historischen Fragestellung zu versuchen und erste eigene Abhandlungen zu verfassen.
Tatsächlich ist der Begriff der Historikerin oder des Historikers kein geschützter Begriff, nennen kann sich prinzipiell jeder so, der sich mit der Bearbeitung der Vergangenheit auseinandersetzt. Wird hingegen eine ernsthafte wissenschaftliche Laufbahn oder eine Publikation angestrebt, ist eine Qualifikation in Form eines Hochschulstudiums nach wie vor unumgänglich.















