Die Galerie Eva Presenhuber freut sich, mit Psyche of fae O die zweite Einzelausstellung der in London lebenden griechischen Künstlerin Sofia Mitsola zu präsentieren.

Das Boudoir ist wörtlich genommen ein Schmollzimmer, ein weiblicher Rückzugsort und Refugium des An- und Ausziehens sowie der Transformation. Marquis de Sade verwandelte es in ein libertäres Kabinett für seine Fantasien, Anaïs Nin in einen Schauplatz ihrer erotischen Erzählungen. Heute steht der Begriff vor allem für ein Genre der Fotografie, das das Posieren in Dessous als Akt der Selbstermächtigung kommerzialisiert. Bei Sofia Mitsola hingegen wird es zur atmosphärischen Kulisse ihrer Bilder und zum Dreh- und Angelpunkt einer Reflexion darüber, wie die (Akt-)Malerei mit ihren Myriaden kunstgeschichtlicher Referenzen noch einmal zeitgenössisch perspektiviert werden.

In ihren neuen Ölgemälden fusionieren Wiedergängerinnen von Klimts Bildpersonal – schon lange eine Quelle ihrer Inspiration – mit Vintage Porn zu einem Neo-Art-Déco, dominiert von porzellanweißer Haut und Kaskaden roten Haars. Überschlanke, wie zur Fläche eingeebnete nackte Körper heben sich leuchtend von einem goldenen oder rauchig-diffusen Hintergrund ab, manche dekadent umrahmt von Pelz. Sie schieben ihre gespreizten Beine Richtung Publikum oder posieren kokett mit Pferdeschweif. Ein Frauengesicht schält sich melancholisch aus einem diffusen schwarzen Farbraum heraus, ein anderes scheint mit seinem lasierend angelegten malerischen Umraum zu verschmelzen. Es sind flüchtige Erscheinungen, in einem langsamen fading begriffen, gleichwohl mit raschem Farbauftrag auf die Leinwand gebracht. Sie rufen intuitiv ihre Vorbilder ab, reduzieren deren kanonisierte Bildsprache jedoch auf Pose und Chiffren. Impressionistisch angehauchte Hintergründe wie aus den Bildern eines Bonnard oder monochrome Farbkulissen eliminieren denn auch jeden allzu offensichtlichen historischen Kontext zugunsten eines offenen Bildraums, in dem die gleichermaßen artifizielle wie affizierende Körperlichkeit Gestalt annimmt.

Diese ist sexualisiert, aber auch deformiert und erinnert an die abgeschnittenen Gliedmaßen der Aktzeichnungen Schieles oder die Torsionen der Puppen von Hans Bellmer. Große Augen und geschürzte Lippen verschwistern die Fin de Siècle Geschöpfe wiederum mit der 70er-Jahre Camp-Version der Kokotten, nähern sie aber auch der Gegenwart mit ihren Manga-inspirierten Instagram-Filtern an. Mitsolas Frauenwesen bestehen aus Rundungen und Linien, opaken Flächen und expressivem Pinselgestus, sind durch und durch Bild gewordene Fiktion und vielleicht gerade deshalb Projektionsflächen einer Betrachtung, die um die Abstumpfungserscheinungen einer von Sex saturierten medialen Gegenwart weiß. Sie sind nicht nach realem Vorbild modelliert, sondern piktorale Fantasien gleichsam auf Metaebene, die um den Voyeurismus wissen, den ihre kunsthistorischen Vorgängerinnen einst evoziert haben, und die Grenzüberschreitung, die heute meist keine mehr sind. Vor allem aber wissen sie um die latente Irritation, Geschöpfe einer Malerin zu sein, die sie mit souveräner Selbstverständlichkeit auf die Leinwand gebracht und von möglichen Ressentiments befreit hat.

Im Gegensatz zu der arkadischen Unbekümmertheit der Sirenen, die Mitsolas frühere Bilder bevölkern, herrscht hier jedoch eine Atmosphäre emotionaler Dissonanz. Psyche of fae O setzt als psychologisierende Innenschau einer unbekannten, zeit- wie ortlosen Protagonistin bewusst auf den Dualismus von Glanz und Düsternis. Freuds Theorie zu Eros und Thanatos blitzt auf in postkoitalen Frauengestalten irgendwo zwischen Schlaf und Apathie in einen Zustand des Verschwindens. Sie scheinen als Paare miteinander zu verschmelzen oder begegnen ihrem Zwilling wie eine Licht- und Schattengestalt. In La petite mort wird der einsame Höhepunkt – „Das Genießen ist der Weg zum Tod“ (Lacan) – gar zur Begegnung mit einem Gerippe.

Das stilisierte Boudoir, das Mitsola wie eine Bühne für jemand Abwesenden inszeniert, unterstreicht diese Transformation. Ein eigens für die Ausstellung komponierte Musik weht durch den Raum, auch sie ein Gegensatz von Melodie und Atonalität. Eingetaucht in suggestive Dunkelheit, präsentiert sich zentral ein Frisiertisch, eine „Psyche“, wie man in Österreich sagt, mit einem Repertoire jener Dinge, die die weltliche Metamorphose erst möglich machen. Der Spiegel als Instrument der Selbstreflexion und einer durch das Bild ausgelösten Verwandlung jedoch reflektiert allenfalls uns, die Zuschauenden. Das Möbel, das ihn trägt, ist aus Stahl, und auch die Utensilien darauf sind weniger plüschig als das Ambiente historisch verlangt. Man mag sie als feindsinnig empfinden, wie die Gegenstände in Marina Abramovics Performance Rhythm 01, die chirurgisch auf einem Tisch platziert sind, damit das Publikum alle möglichen Handlungen an der Künstlerin durchführen kann.

Diese Ausstattung – jedes Detail ein Puzzleteil in einem größeren Spiel und gleich mehrfach kodiert – setzt auf Gegensätze, wirkt hart oder weich, warm oder kalt. Und auch die theatrale Atmosphäre insgesamt erinnert an intime, in sich geschlossene Räume aufgestauten Gefühls, in denen Euphorie unmittelbar in Verzweiflung umschlagen kann. Mitsola verweist auf den horror vacui des Apartments aus Fassbinders Die bitteren tränen der Petra von Kant als Quelle der Inspiration oder die verschwenderische Ausstattung des Ballettfilms Hoffmanns Erzählungen. Die sezierend in Szene gesetzte Verbindung von visueller Opulenz und exaltiertem Sentiment, das Spiel von Liebe, Begehren, Unterwerfung und Untergang, scheint hier wie dort in jedem Teil des Dekors und jedem gemalten Affekt aufzuscheinen.

Und doch ist Fae O, deren Psyche in dieser Bildserie verhandelt zu werden scheint, mit ihren emotionalen Ausbrüchen und ihrer jouissance, letztlich vor allem ein sprachliches Geschöpf. Fae leitet sich vom griechischen Wort Φαΐω (hell leuchten) ab – Sofia Mitsola liebt die Etymologie. Fae O klingt denn auch wie ein Name, der selbst in seiner Unvollständigkeit Berühmtheit erlangen kann, wie Anna oder Jackie O. Und doch bleibt er eher eine phonetische Umschreibung, ein Anfangslaut wie in fancy, phantasm oder fantasy – etwas, das sich im Sprechen materialisiert, um gleich darauf wieder zu entschwinden.

(Text von Vanessa Joan Mülle)