Die Geschichte des Jungen Oliver Twist berührt Leser seit Jahrhunderten. 1838 erstmals erschienen, erzählt der Roman die Geschichte eines armen Jungen, welcher in einem der berüchtigten britischen Arbeitshäuser zur Welt kommt und schließlich einer Gruppe jugendlicher Taschendiebe in die Hände fällt.

Für Oliver Twist war es die Güte von einigen wohlhabenden Menschen, welche ihm zur Rettung gekommen sind, für zahlreiche unbekannte reale Kinder dürfte die Lage hingegen weniger glimpflich ausgegangen sein. Genau hierfür wollten im viktorianischen England eine größere Anzahl an Romanen ein Verständnis schaffen und auf die großen Gefahren aufmerksam machen, die mit Kinderarmut einhergingen. Obwohl Oliver Twist das bekannteste Werk in diesem Kontext sein dürfte, hatte der Junge zahlreiche fiktive Leidensgenossen, deren Namen und Geschichten es nicht in den Literaturkanon des 21. Jahrhunderts geschafft haben. Helen Fleetwood, Mary Barton, Sybil und Michael Armstrong sind nur vier weitere Beispiele für in der Forschung als Social Novels bezeichnete Werke; Romane also, welche es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Ärmsten der Gesellschaft ein Gesicht und eine Bühne zu geben. Oliver Twist lässt sich entsprechend in eine größere Bewegung einordnen.

Dieser Artikel möchte ein Verständnis für die Situation im viktorianischen England schaffen, bedeutende Aspekte von Kinderarmut und Kinderarbeit beleuchten sowie darstellen, wo und wie die Social Novels ansetzten, um ein Bewusstsein für die drastische Lage zu schaffen. Gleichzeitig werden Parallelen zur heutigen Lage hinsichtlich Kinderarmut gezogen.

Die Lage im viktorianischen England

Die Social Novels lassen sich in einem groben Erscheinungszeitraum von 1837 bis etwa 1886 ansiedeln und erschienen damit in einer Zeit, welche reich an gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen war. Neben dem Great Reform Act von 1832 und dem Poor Law Act von 1834 prägte die 1830er Jahre auch die Thronbesteigung von Queen Victoria. Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein um die oftmals desaströsen Lebensumstände der Arbeiterklasse, welcher trotz des Reform Actes weiterhin das Wahlrecht vorenthalten wurde. Aus der zunehmenden Unzufriedenheit entwickelte sich die Arbeiterbewegung der Chartisten, welche, neben dem Wahlrecht, vor allem für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen eintrat.

Auch der bürgerlichen Bevölkerung wurde zunehmend vor Augen geführt, wie die Ärmsten der Gesellschaft gezwungen waren, ihren Lebensalltag zu bestreiten. Einen wichtigen Beitrag hierfür leistete Edwin Chadwick mit seiner 1842 erschienenen Schrift „Report from the Poor Law Commissioners on an Inquiry into the Sanitary Conditions of the Labouring Population of Great Britain.” Die Unterbringung von Armen in den Arbeitshäusern, die zermürbende Arbeit in den Textilfabriken und die verstörend kleinen Wohnungen für Großfamilien in Großstädten wie London wurden akute Themen, mit welchen sich die bürgerlichen Schichten zunehmend auseinandersetzen mussten, aber teilweise auch ausdrücklich auseinandersetzen wollten.

Kinderarbeit und Kinderarmut

Kinderarbeit gehörte im viktorianischen England zum Alltag. Kindern konnte ein deutlich geringeres Gehalt gezahlt werden als erwachsenen Arbeitern, zudem konnten sie besonders in kleinen und engen Räumlichkeiten und Maschinen arbeiten, die Erwachsenen nicht zugänglich waren. In den Großstädten Englands war die Lage der Kinderarbeiter besonders drastisch. Die langen Schichten in den Textilfabriken sowie das ständige Einatmen von Textilfasern sorgten häufig für schwere Atemwegserkrankungen, hinzu kam das erhebliche Verletzungsrisiko.

Im Roman „Helen Fleetwood“ von Charlotte Elizabeth Tonna lässt die Autorin eines der Kinder von seinem Arbeitsalltag erzählen: „Everything is done by machinery; you see, they are great things, ever so high and big, all going about, some on wheels running up and down the room, and some with great rollers turning about as fast as the steam can drive them; so you must step back, and run forward, and duck, and turn, and move as they do, or off goes a finger or an arm, or else you get a knock on the head, to remember all your lives. As to sitting down, there´s no such thing.”

Für die Kinder waren die schnell arbeitenden Maschinen eine fast ebenso große Gefahr wie die strengen Aufseher, welche die Kinder auch krank und übermüdet arbeiten ließen. In „Helen Fleetwood“ kommt es entsprechend zu einem schweren Unfall des Mädchens Sarah, welche in einem der gefährlichsten Teile der Fabrik eingesetzt wird und dort ihren Arm verliert. Trotz aller Risiken und Gefahren trug die Kinderarbeit nicht erheblich zum Erwerb der Familie bei, der Lebensstandard der typischen Arbeiterfamilie blieb, trotz Beschäftigung aller Kinder in Fabriken, sehr niedrig, nur wenige Familien konnten der Armut durch Arbeit entkommen.

Soziale Bewegungen und Wohlfahrt

Eine berechtigte Kritik an den Social Novels ist, dass diese nicht von den Mitgliedern der Arbeiterklasse geschrieben wurden, sondern von der bürgerlichen Mittelschicht. Es wurde also in gewisser Weise auf die betroffenen Personen heruntergeschrieben, was die Werke manchmal wirken lässt, als müssten die Arbeiter über ihre eigene Lage belehrt werden. Zudem trug die strenge Trennung der sozialen Klassen dazu bei, dass die Auseinandersetzung mit der Arbeiterklasse in der Regel nur im Rahmen von Romanen oder Studien stattfand, die durchschnittliche Person der Bürgerschicht hatte minimalen Kontakt mit der Arbeiterklasse. Eine grausame Ironie ist auch, dass Kinder wie Oliver Twist niemals die Zeit und Ruhe gehabt hätten, von den Abenteuern des Waisenjungen zu lesen, ihre Kindheit und Jugend wären damit verbracht worden, das Gehalt der Eltern aufzubessern, für Literatur und Müßiggang blieb entsprechend kaum Zeit.

Dennoch lassen sich die Social Novels in den größeren Kontext der bürgerlichen Wohlfahrtsbewegung einordnen, welche bestrebt war, die Situation der Arbeitsklasse durch Öffentlichkeit und soziale Reformen zu verbessern. Hintergrund für dieses Engagement waren häufig religiöse Vorstellungen von Wohlfahrt und christlicher Nächstenliebe. Sozialreformer nutzten die Werke auch, um ihre wissenschaftlichen Studien und Forschungen fiktionalisiert zu veröffentlichen. Bei der Beschreibung der Fabriken und beengten Wohnungen handelt es sich entsprechend häufig um Erfahrungen aus erster Hand, was manche der Social Novels auch für die historische Forschung bedeutsam werden lässt.

Schlaglichter: Wegschauen verhindern

Daher machten es Helden wie Oliver Twist und Helen Fleetwood möglich, ein Schlaglicht auf die Ärmsten und Jüngsten der viktorianischen Gesellschaft zu werfen und damit ein Wegschauen der Gesellschaft zu verhindern. Das Mitfühlen wurde erleichtert, indem der anonymen Masse von Kindern Gesichter und Namen gegeben wurden. Literarisch aufbereitet dürften die Berichterstattungen über hungernde Waisenkinder ein noch größeres Publikum erreicht haben als die nüchternen Publikationen der Sozialforschung.

Oliver Twist

Oliver Twist endet mit der Adoption Olivers durch Mr. Brownlow. Auf den letzten Seiten beschreibt Charles Dickens ausführlich, wie die gutherzigen Protagonisten ein unbescholtenes Leben führen, während ihre Gegenspieler ein mehr oder weniger ruhmloses Ende finden. Die Intentionen hinter Oliver Twist lassen sich in der Sozialkritik des Autors finden. Oliver Twist erschien als Serie in mehreren Ausgaben, die frühesten Kapitel lassen sich direkt als Anschuldigung gegen den Poor Law Act von 1834 verstehen, welcher die Arbeitshäuser als Kern der neuen Armenfürsorge vorstellte und es den armen Bevölkerungsteilen allgemein erschwerte, Hilfe und Auswege aus ihrer Lage zu finden. Geholfen wurde nur jenen Personen, welche bereit waren, die haarsträubenden Bedingungen und die harten Arbeitsbedingungen in den Arbeitshäusern auf sich zu nehmen.

Obwohl Charles Dickens aus einer bürgerlich geprägten Familie stammte, lernte auch er die Schattenseiten des Lebens früh kennen. Sein Vater wurde im Februar 1824 aufgrund seiner hohen Schulden verhaftet und er selbst wurde mit zwölf Jahren zum Arbeiten in die Fabrik geschickt. Entsprechend deutliche Worte fand er für den Umgang mit dem Waisenjungen Oliver Twist.

Arbeitsrecht und langfristige Veränderungen

Sobald das Thema Kinderarbeit mehr und mehr Aufmerksamkeit erhielt, ließen auch erste Reformen und Erlasse nicht mehr lange auf sich warten. So wurde 1842 die Kinderarbeit in Bergwerken verboten, andere Erlasse regelten das Mindestalter der Kinder und die maximale Stundenzahl, welche diese pro Tag arbeiten durften. Weitere Gesetze regulierten ab den 1840er Jahren bedeutende Aspekte der Kinderarbeit und schufen die Grundlage für die spätere Abschaffung der Kinderarbeit. Mit der Einführung der Schulpflicht in den 1880er Jahren und der schrittweisen Verbesserung der Bildung wurden weitere wichtige Grundsteine für eine Verbesserung der Lage der Kinder geschaffen.

Kinderarmut heute: eine unsichtbare Gefahr? Parallelen und Aktualität

Im Gegensatz zur Kinderarbeit ist Kinderarmut leider nach wie vor ein großes Problem, welchem viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. So ist in Deutschland jedes siebte Kind armutsgefährdet. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sind vierundzwanzig Prozent der Kinder und Jugendlichen von sozialer Ausgrenzung und Armut bedroht. Obwohl bereits viel unternommen wird, um der Kinderarmut heutzutage zu begegnen, fehlt es vielerorts noch an einem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein für die Thematik, nicht zuletzt, weil das Thema aktuell nur wenig Raum in der Literatur zu finden scheint. Entsprechend wäre es vielleicht sogar sinnvoll, bestimmte Aspekte der Social Novels wiederzubeleben und, in literarischer Form, Schlaglichter auf aktuelle gesellschaftliche Problematiken zu lenken.

Fazit

Bald wird die berühmte Geschichte von Oliver Twist zweihundert Jahre alt. Der Waisenjunge stand stellvertretend für eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen, die im viktorianischen England in Armut aufwuchsen und sich ihren eigenen Weg suchen mussten. Zwischen Kriminalität und der zermürbenden Arbeit in den Fabriken mussten sich zahlreiche Kinder ihren eigenen Weg bahnen. Neben Charles Dickens machten auch andere Autorinnen und Autoren der bürgerlichen Mittelschicht auf die Lage der Kinderarbeit und Kinderarmut aufmerksam.

Die in der Forschung als Social Novels bezeichneten Romane schufen ein Bewusstsein für die Lage von Personen, die am Rand der Gesellschaft lebten und daher leicht ignoriert werden konnten. Die Autorinnen und Autoren zwangen ihre Leserschaft zum Hinsehen und erlaubten es den bürgerlichen Schichten, einen Blick in den langen Fabrikalltag und die ärmlichen Behausungen der Kinder zu werfen und ermöglichten so ein Mitfühlen mit der bis dahin nahezu anonymen Masse an Kindern und Jugendlichen.

Während sich im Bereich der Kinderarbeit seit den Zeiten von Oliver Twist und Helen Fleetwood einiges getan hat, veranschaulichen aktuelle Zahlen, dass es im Bereich Kinderarmut noch einiges zu tun gibt. Obwohl es nicht zwangsläufig in Form von Social Novels geschehen muss, sollte überlegt werden, wie sich das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein hierfür verbessern lässt.