Seit Jahren wächst in Buchhandlungen der Platz, welchen bebilderte Literatur einnimmt. Ob es sich um Comics, Mangas oder Graphic Novels handelt, die bunten Werke machen sich bemerkbar. Für Kritiker mag es auf den ersten Blick so wirken, als hinge die Popularität des Genres mit dem Wunsch zusammen, weniger lesen zu müssen, aber hinter Graphic Novels verbirgt sich viel mehr als das. Graphic Novels stellen eine völlig andere Form der Geschichtenerzählung dar.
Das Zusammenspiel von Bildern und Worten in einem literarischen Werk bricht nicht nur das Gegenspiel von Wort und Bild auf, sondern ermöglicht neue Wege, Geschichten zu erzählen. Hiervon profitieren nicht nur neue Werke, auch Graphic Novels bekannter Literaturklassiker lassen diese auf neue Weise erstrahlen. Daher will dieser Beitrag eine Übersicht über das Genre, seine bekanntesten Werke und seine Bedeutung für den literarisch-künstlerischen Diskurs schaffen.
Die Macht der Bilder
Während Worte in der Lage sind, die Lesenden zum Träumen und Nachdenken zu bewegen, holen Bilder uns in die Realität zurück und zwingen uns zur direkten Auseinandersetzung mit dem Gezeigten. Ob es sich um Krieg, Naturkatastrophen oder Verbrechen handelt, spielt keine Rolle, Bilder verlangen unsere direkte Aufmerksamkeit und erlauben keine Distanz zum Gesehenen. Entsprechend werden Graphic Novels mehr und mehr entdeckt, um kritische Sachverhalte aufzubereiten und Aspekte zu thematisieren, bei welchen Worte allein versagen würden. Die Kombination aus Wort und Bild erlaubt tiefere Einblicke in das Erzählte und die einzigartige Bildsprache jeder Zeichnung ermöglicht einen noch viel intensiveren Austausch zwischen Leserschaft und Autor.
Abgrenzung zu Comics
Im Gegensatz zu Comics, welche in der Regel mehrere Bände umfassen und den kurzen Handlungsstrang einer größeren Geschichte in einem Band abhandeln, sind Graphic Novels umfangreicher, da die gesamte Geschichte in einem Buch abgehandelt wird. Die Graphic Novels können, im Gegensatz zu Comics, hunderte Seiten umfassen. Die Handlungsstränge sind komplexer und vielschichtiger und verfügen auch über einen gewissen literarischen Anspruch.
Diese größere Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik war auch ausschlaggebend für die Entwicklung des Graphic-Novel-Begriffs. Während sich Comics mit Superhelden, dem Teenager-Alltag oder Fantasy auseinandersetzen, vermögen Graphic Novels komplexe Themen wie gesellschaftliche, politische und religiöse Umstürze zu vermitteln.
Schlägt man jedoch ein Comic auf und vergleicht es mit einer beliebigen Seite eines Graphic Novels, werden schnell die Gemeinsamkeiten beider Genres deutlich. Gemeinsam haben sie die Darstellungsform von Panels mit Zeichnungen, Textblasen für die Konversation sowie Kästchen für die erzählerischen Elemente. Innerhalb der Panels, der kleinsten Bildeinheit, ist der Kreativität der Zeichner keine Grenzen gesetzt. Auch die Größe eines Panels variiert stark und erlaubt es, bedeutsamere Augenblicke deutlicher in Szene zu setzen. Optisch unterscheidet sich eine Seite in einem Comic somit nicht von jener eines Graphic Novels, erst der Inhalt und die Handlung erlauben die Unterscheidung.
Merkmale
Ein Graphic Novel ist, wie der Name bereits andeutet, ein klassisches, in sich abgeschlossenes Buch. Auf dem Cover des Buches sind in der Regel mehrere Autoren angegeben, zum einen der oder die Zeichner sowie zum anderen der oder die Autoren. In seltenen Fällen sind Autor und Zeichner die gleiche Person, zumeist sind Graphic Novels hingegen kollaborative Werke, bei welchen die Vision des Autors von einem begabten Zeichner umgesetzt wird. Diese Zusammenarbeit lässt es zu, Szenen und Handlungsstränge bis ins kleinste Detail auszuarbeiten, um sie dann in wenigen Panels eindrücklich darzustellen.
Berühmte/bedeutende Beispiele
Graphic Novels als literarisches Genre gibt es seit Jahrzehnten, sodass man bei einigen Werken inzwischen getrost von Klassikern des Genres sprechen kann. Regelmäßig aktualisiert finden sich Listen in Zeitungen und Zeitschriften mit den besten Graphic Novels aller Zeiten, den besten Graphic Novels des Jahres oder den zehn Graphic Novels, die jeder gelesen haben muss. In den folgenden Absätzen werden jene Werke vorgestellt, die auf kaum einer der Best-of-Listen des Genres fehlen dürften, da es sich um drei Graphic Novels handelt, welche das Genre nachhaltig verändert haben.
Maus – Die Geschichte eines Überlebenden
Schlicht und dennoch eindrücklich schildert Art Spiegelman die Geschichte seines Vaters, welcher einst den Holocaust überlebt hatte und nach wie vor unter den Erinnerungen daran leidet. Thematisiert wird neben der Vergangenheit auch das komplizierte Verhältnis zwischen Vater und Sohn als Generationenkonflikt. Ähnlich wie bei einer Fabel werden verschiedene Personengruppen als Tiere dargestellt, welchen bestimmten Eigenschaften und Charakteristika zugesprochen werden, so werden die Deutschen als Katzen, die Juden hingegen als Mäuse dargestellt. Dieser scheinbare Abstand durch den Einsatz von Tieren offenbart jedoch nur umso deutlicher, wie schwer es ist, dem eigenen Schicksal als Maus, Frosch oder Fisch zu entkommen; die Täter-Opfer-Dynamik offenbart sich hierdurch auf besonders dramatische Art und Weise.
Für viele Fans der Graphic Novels gilt „Maus“ als Neuerfindung des Genres, Spiegelmans Bruch mit gängigen Darstellungsformen sorgte sogar dafür, dass es teilweise verboten wurde. Obwohl „Maus“ heute als Graphic Novel gilt, erschien es als Erstausgabe zunächst in mehreren Teilen im eigenen Magazin des Autors, was eher dem bekannten Comic-Format entspricht.
From Hell
Nichts für schwache Nerven sind die Werke des wohl bekanntesten Autors der Sparte Graphic Novels; Alan Moores Talent für die Verknüpfung unschöner Tatsachen mit Wort und Bild begeistert seine Leser seit Jahrzehnten. Keine Ausnahme bildet da „From Hell“, das wohl bekannteste Werk des Autors. Ein Jahrzehnt der Recherche widmete Moore der detailgetreuen Aufarbeitung des Serienmörders Jack the Ripper. Mehrere hundert Seiten umfasst das Werk, plus einen umfangreichen Anhang, in welchem das Vorgehen bei der Recherche sowie weiterführende Informationen mitgeliefert werden. „From Hell“ ist mehr als nur ein Buch mit Bildern; es ist ein entscheidender Beweis dafür, was das Genre Graphic Novel zu leisten vermag und welchen Einfluss eine bebilderte Nacherzählung auf die Leserschaft haben kann. Die nüchternen, in schwarz-weiß gehaltenen Panels von blutverschmierten Händen und geheimnisvollen Männern in langen Mänteln erwecken das viktorianische England, insbesondere den Stadtteil Whitechapel, mit all seiner Kriminalität und Armut zum Leben, wie es keine andere Kunstform könnte.
Allein deshalb musste die Verfilmung mit echten Schauspielern auf großer Leinwand hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben; es ist schlicht unmöglich, im Film einen ähnlichen Effekt hervorzurufen wie jenen beim atemlosen Umblättern einer Seite.
Persepolis
Ähnlich dramatisch, aber denkbar anders nähert sich Marjane Satrapi in „Persepolis“ ihren eigenen Kindheitserinnerungen. Aus der Sicht der Autorin erleben wir den religiösen Umsturz im Iran durch die Augen eines Kindes, die strengen Vorschriften und den bedrückenden Alltag aus der Sicht eines rebellischen Teenagers.
Der Zeichenstil ist im klassischen Comic-Stil gehalten und denkbar reduziert und minimalistisch. Die Gewalt des Gesehenen enthüllt sich erst schrittweise und besonders eindrücklich ist das Grauen, wo es nur angedeutet wird. Gerade die kindlichen Zeichnungen kontrastieren stark mit der zunehmenden Normalisierung von Gewalt und Krieg und hallen daher besonders lange nach. Die eigene Autobiografie nicht nur zu schreiben, sondern auch zu illustrieren, zeugt vom Ausnahmetalent Satrapis und macht aus „Persepolis“ eine der lesenswertesten Graphic Novels, auch noch mehr als zwanzig Jahre nach deren Veröffentlichung.
Völlig zu Recht wurde „Persepolis“ auch verfilmt, wobei der Zeichenstil weitgehend beibehalten wurde, wodurch das Werk einem noch breiteren Publikum zugänglich gemacht werden konnte. Entstanden ist die Graphic Novel auf den Wunsch der Autorin, Marjane Satrapi, hin, die Geschichte ihres Heimatortes festzuhalten und gegen alle Klischees und Vorurteile anzuschreiben.
Umarbeitung literarischer Klassiker zu Graphic Novels
Auch Klassiker der Weltliteratur lassen sich in neuer Form entdecken. Das Interesse danach, bekannte Werke in neuem Gewand zu präsentieren, scheint zu wachsen, und gerade für die Zeichner der Graphic Novels gibt es alle Möglichkeiten, eine neue Vision des Werkes zu inszenieren. Fans von Literaturklassikern können so beispielsweise „Moby Dick“ neu erfahren, die grafische Aufarbeitung der Geschichte des Ismael dürfte sowohl alte, als auch neue Fans des Werks begeistern. Die düstere Darstellung von Christophe Chabouté der zeitlosen Geschichte des Kapitäns Ahab und seiner Nemesis ist ein eindrücklicher Beweis für das noch weitgehend unausgeschöpfte Potential der Graphic Novels auf dem Gebiet der Literaturklassiker.
Sogar für Kinder sind manche der Adaptionen geeignet, so erschien vor kurzem eine neue Ausgabe von „Der Hobbit“ und ermöglicht dadurch eine Wiederentdeckung der altbekannten Geschichte von J.R.R. Tolkien. Die vorgestellten drei bekanntesten Werke sind hingegen, trotz ihrer Bilder und Textblasen, für Kinder nicht geeignet.
Die Umarbeitung literarischer Werke zu Graphic Novels hat entsprechend nichts mit dem Wunsch der Leserschaft zu tun, weniger zu lesen und mehr zu sehen, sondern ist Teil eines komplexen Diskurses darüber, wie sich vermeintlich Bekanntes neu inszenieren lässt. Durch den Einfluss der Bilder gehen die Worte nicht verloren, vielmehr erfahren sie Unterstützung durch detailverliebte Zeichnungen von Personen und Ereignissen.
Fazit
Graphic Novels begeistern und verstören und erlauben es ihrer Leserschaft, vermeintlich bekannte Pfade zu verlassen und sich auf eine völlig neue literarisch-künstlerische Reise zu begeben. Bekannte Werke behandeln nicht selten dramatische Ereignisse und erlauben durch die grafische Darstellung eine Vielzahl an Perspektiven und Blickwinkeln, vom kleinen Kind, über den ernüchterten Detektiv bis hin zum Schwerverbrecher.
Die Werke sind meistens die Zusammenarbeit eines Autors mit einem oder mehreren Zeichnern und vereinen das Beste aus den Bereichen Literatur und Kunst. Damit sind sie sowohl für Fans von Literatur, als auch für Fans der bildlichen Kunst geeignet. Graphic Novels sind sehr viel mehr als vermeintliche Lesefaulheit oder der Wunsch nach leichter Unterhaltung; sie sind ein eigenes, aussagekräftiges Genre, welches eindrucksvoll die Macht der Bilder mit einer literarisch-künstlerischen Vision verbindet.
Captions Cover Graphic Novels als literarisches Genre gibt es seit Jahrzehnten, sodass man bei einigen Werken inzwischen getrost von Klassikern des Genres sprechen kann Bild-1. Alan Moore, Autor von „From Hell“ Bild-2.Graphic Novels begeistern und verstören und erlauben es ihrer Leserschaft, vermeintlich bekannte Pfade zu verlassen und sich auf eine völlig neue literarisch-künstlerische Reise zu begeben Bild-3. Marjane Satrapi, Grafikautorin von „Persepolis“ Bild-4.Ein Graphic Novel ist, wie der Name bereits andeutet, ein klassisches, in sich abgeschlossenes Buch Bild-5.Christophe Chabouté, Autor der graphischen Aufarbeitung von „Moby Dick“ Bild-6.Ob es sich um Comics, Mangas oder Graphic Novels handelt, die bunten Werke machen sich bemerkbar















